Die Verschwörung des Fiesco zu Genua ist das zweite vollendete Drama Friedrich Schillers. Er begann es nach der Premiere von Die Räuber 1782 und widmete es seinem Lehrer Jakob Friedrich von Abel. Das im Untertitel „Ein Republikanisches Trauerspiel“ genannte Stück, das sich an die historische Verschwörung des Giovanni Luigi de Fieschi gegen Andrea Doria in Genua des Frühjahrs 1547 anlehnt, wurde 1783 am kurkölnischen Bonner Hoftheater uraufgeführt.

mini|links|Die Verschwörung des Fiesko zu Genua. Ein Republikanisches Trauerspiel. Frankfurt und Leipzig, 1783 (Nachdruck im Jahr der Erstausgabe)

Entstehung Als Schiller am 22. September 1782 aus Stuttgart nach Mannheim floh, trug er in seinem Reisegepäck das fast fertige Manuskript eines Stückes, dem er nach eigener Aussage eine Vollendung zu geben trachtete, wie man sie auf deutschen Bühnen noch nicht gesehen habe. Ein Stück, das von keinem der Fehler entstellt sein sollte, die seinem ersten Stück noch anhafteten. Mit der Verschwörung des Fiesco, die er vor der Veröffentlichung keinen Geringeren als Gotthold Ephraim Lessing, Wieland und Goethe vorlegen wollte, was er dann doch unterließ, würde er, davon war der junge Schiller überzeugt, seinen Ruf als dramatischer Schriftsteller wahrhaft begründen.

Am 27. September verlas der Autor sein Stück im Hause des Regisseurs Wilhelm Christian Meyer vor den Schauspielern des Mannheimer Theaters. Schillers Fluchtgefährte Andreas Streicher berichtete von diesem Nachmittag. Die Reaktion der Zuhörer war niederschmetternd. Spätestens am Ende des zweiten der fünf Akte hatte sich die Gesellschaft bis auf Meyer und Iffland verlaufen. Beim Aufbruch fragte der Regisseur Streicher, ob dieser sich sicher sei, dass es wirklich Schiller war, der die Räuber geschrieben habe: „Weil der Fiesko das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.“

Streicher gab ihm das Manuskript. Meyer las es in der Nacht und revidierte seine Meinung des Vortages vollkommen. Was das Stück so übel auf ihn habe wirken lassen, sei nur die schwäbische Aussprache des Autors gewesen und die „verwünschte Art, wie er alles deklamiert“ – eine Gabe, auf die Schiller selbst viel gab. „Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Tür zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist.“ Das Drama selbst allerdings hatte Meyer überzeugt. „Fiesko“, meinte er, „ist ein Meisterstück und weit besser gearbeitet als die Räuber!“

Schillers Verständnis von historischer Wahrhaftigkeit auf der Bühne Schiller hatte sich während der Arbeit an seinem Fiesko in historische Darstellungen, Handelsstatistiken und Dokumente der Alltagskultur der Zeit vertieft, um der historischen Wahrheit der Verschwörung von 1547 nahezukommen, die ihn schon zur Zeit der Niederschrift seiner dritten Dissertation interessierte; anscheinend aus ähnlichen Gründen wie Sallust, dessen Wort aus der Verschwörung des Catilina er seinem Stück als Motto voranstellt: Nam id facinus inprimis ego memorabile existimo sceleris atque periculi novitate. (Denn diese Tat halte ich, vor allem wegen der Neuheit/Neuartigkeit des Verbrechens und seiner Gefährlichkeit für denkwürdig.)

Anders als der Historiker Sallust jedoch beschäftigte sich Schiller nicht mit den historischen Geschehnissen, um sie in ebendieser Weise dem Publikum nahezubringen, sondern um seinen dramatischen Charakterexperimenten einen historisch wahrscheinlichen Hintergrund zu geben. Der Theatereffekt der Wahrscheinlichkeit war ihm wichtiger als die historische Wahrhaftigkeit. In der Nachrede der Bühnenfassung macht Schiller diese Ansicht deutlich, der es auch geschuldet ist, dass er die Verschwörung wie auch den Tod des Fiesko sehr frei auslegt:

Die Handlung mini|links|Fiesco aus der Schiller-Galerie; Stahlstich von Lämmel nach Pecht, um 1859 mini|Andreas Doria aus der Schiller-Galerie; Stich von Jaquemot nach Pecht

Genua 1547. Die Handelsmetropole hat 19 Jahre zuvor durch Andrea Doria ihre Unabhängigkeit von Frankreich und einen neuen Fürsten erhalten. Doch der Doge Doria ist nun ein Greis von 80 Jahren. Es steht zu befürchten, dass alsbald sein Neffe Gianettino Doria sein Nachfolger wird. Doch unter den Nobili Genuas regt sich Widerstand gegen die Herrschaft Dorias und vor allem gegen seinen tyrannischen Neffen. Um den eisenharten Republikaner Verrina haben sich ein paar Missvergnügte geschart, die zumeist eigensüchtige Ziele verfolgen. Sacco schließt sich der Verschwörung an, weil er glaubt durch einen Aufstand seine Schulden loszuwerden, Calcagno will Fiescos Frau Leonore erobern, Bourgognino möchte endlich seine Braut Bertha, die Tochter Verrinas, heimführen. Ihre Verführung und Vergewaltigung durch Gianettino Doria gibt schließlich den unmittelbaren Anlass zur Verschwörung. Der junge Fiesco, Graf von Lavagna, seinerseits verhält sich so, dass für die Verschwörer ungewiss bleibt, ob er zu ihnen gehört. Er umwirbt die verrufene Schwester des intriganten Gianettino und führt sich überhaupt als prinzipienloser Lebemann ohne jeden politischen Ehrgeiz auf. Selbst Leonore, Fiescos Gattin, weiß nicht, woran sie bei ihrem Mann ist. Allein Verrina misstraut dem Verhalten des Grafen. Er vermutet hinter der Maske des Genussmenschen den Verschwörer, fürchtet Fiesco deshalb und beschließt ihn aus dem Weg zu räumen, sobald die Verschwörung vorüber und Genua befreit ist. Auch Gianettino Doria sieht in Fiesco eine Gefahr und will ihn durch den Mohren Muley Hassan beseitigen lassen. Der Mordanschlag wird jedoch von dem Mohren verraten und Fiesco bekommt mit ihm den Mann zur Hand, mit dessen Hilfe er seine Gegenintrige ins Werk setzen kann. Nun offenbart er den anderen Nobili seine eigenen heimlichen Umsturzvorbereitungen, weiht sie aber nicht in alle Geheimnisse ein. Sofort wird er als Haupt der Verschwörung anerkannt. Nur Verrina bleibt misstrauisch. Er befürchtet, dass Fiesco nicht die Republik, sondern die Herzogswürde anstrebt. In einer vertraulichen Szene im Wald offenbart er seine Bedenken seinem baldigen Schwiegersohn Bourgognino; für ihn steht fest: „Wenn Genua frei ist, stirbt Fiesco.“

Schiller spinnt in seinem Trauerspiel also eine dreifache Verschwörung: Gianettino bereitet einen Putsch vor, der Andrea Doria entmachten und die verbliebenen Republikaner ausnahmslos vernichten soll. Die Verschwörer um Fiesco betreiben den Sturz der Dorias und Verrina, besorgt um die Republik, plant für den Fall des Erfolgs der Verschwörung die Ermordung Fiescos.

Und Verrinas Sorge ist nicht ganz unbegründet, denn Fiesco ist sich selbst über seine Zukunft und die Genuas im Unklaren: „Welch ein Aufruhr in meiner Brust! Welche heimtückische Flucht der Gedanken […] Republikaner Fiesco? Herzog Fiesco? […]“ Nach einer nachdenkenden Pause, fest: „Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich.“ Entschlossen: „Geh unter Tyrann! Sei frei, Genua, und ich“ – sanft geschmolzen – „dein glücklichster Bürger!“ Nur sein glücklichster Bürger? Einen Auftritt später ist Fiesco unsicherer denn je: „Dass ich der größte Mann bin im ganzen Genua? und die kleinen Seelen sollten sich nicht unter die große versammeln?“

mini|Leonore aus der Schiller-Galerie; Stich von Conrad Geyer nach Friedrich Pecht Er ist entschlossen. Die Verschwörung nimmt ihren Lauf. Unter dem Vorwand der Ausrüstung einiger Galeeren für einen Zug gegen die Türken sammelt Fiesco mehrere Hundert Söldner um sich und schmuggelt sie in die Stadt. Unter seiner Führung besetzen die Verschwornen das Tor von St. Thomas, überrumpeln den Hafen und bemächtigen sich der Galeeren und der Hauptplätze der Stadt. Der junge Bourgognino rächt sich an Gianettino Doria für die Schändung seiner Braut, indem er ihn, wie er es geschworen, ersticht. Andrea Doria flüchtet. Die Stadt scheint ganz in Fiescos Hand, doch die Verwirrung ist immer noch groß. Leonore hat sich mit ihrer Dienerin Arabella, entgegen dem Verbot ihres Ehemannes, in Männerkleidung in die Stadt begeben. Stolz und heroisch verfolgt sie das Geschehen. Sie findet den toten Gianettino und wirft sich in wilder Schwärmerei dessen Purpurumhang um. Fiesco, der sie durch die Straßen eilen sieht, hält sie für einen Doria und streckt sie nieder. Die Erkenntnis, dass er seine geliebte Frau, mit der er seine Herrlichkeit teilen wollte, ermordet hat, stürzt ihn in tiefe Verzweiflung. Doch er fasst sich schnell. „Die Vorsehung, versteh ich ihren Wink, schlug mir diese Wunde nur, mein Herz für die nahe Größe zu prüfen? […] Genua erwarte mich, saget ihr? – Ich will Genua einen Fürsten schenken, wie ihn noch kein Europäer sah – Kommt! – dieser unglücklichen Fürstin will ich eine Totenfeier halten, dass das Leben seine Anbeter verlieren und die Verwesung wie eine Braut glänzen soll – Izt folgt eurem Herzog.“

Tatsächlich ist Genua bereit, Fiesco jubelnd als neuen Herzog anzuerkennen. Allein Verrina folgt seinem Schwur. Unter einem Vorwand lockt er Fiesco ans Meer, wo er ihn erst wehmütig, dann kniefällig bittet, den Purpur wieder abzulegen. Fiesco bleibt hart. Darauf stößt Verrina den Fürsten ins Meer. Der schwere Purpurumhang zieht ihn in die Tiefe. Verschworene kommen kurz darauf mit der Nachricht ans Ufer, Andrea Doria sei zurückgekehrt. Sie fragen nach dem Verbleib Fiescos. „Ertrunken“, antwortet Verrina, „Ertränkt, wenn das hübscher lautet – Ich geh zum Andreas.“ Alle bleiben in starren Gruppen stehen, während der Vorhang fällt.

Soweit zur Buchfassung. In der Bühnenfassung findet sich ein anderes, jedoch nicht weniger wahrscheinliches Ende. Hier erobert Fiesco die Macht über Genua, um sie in die Hände der Republik zurückzugeben. Mit den Worten „Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich“ zerbricht er hier das Zepter der Alleinherrschaft und ruft die Freiheit Genuas aus. Fiesco und Verrina fallen sich weinend in die Arme.

Fiesco und das Abenteuer der Freiheit

„Wahre Größe des Gemüts“, schrieb Schiller 1788 im elften seiner zwölf Briefe zum Don Karlos, „führt oft nicht weniger zu Verletzungen fremder Freiheit als der Egoismus und die Herrschsucht, weil sie um der Handlung, nicht um des einzelnen Subjekts willen handelt.“

Die Größe des Charakters war für Schiller, den Bewunderer der antiken Biographien Plutarchs, stets etwas Anziehendes. Dies galt auch für die Figur des Grafen von Fiesque. Die historische Überlieferung beschreibt ihn als stark, schön, fintenreich, geliebt von den Frauen, von stolzem Adelsgeschlecht und unbändigem politischen Ehrgeiz. Doch es ist unklar, ob er die Republik von der Fürstenherrschaft befreien oder eine eigene errichten wollte. Als Renaissance-Natur steht er jenseits von Gut und Böse. Die charakterliche Größe machte ihn für Schiller zum Helden, gleichviel, ob sie tugendhaft oder verbrecherisch war.

Im Nachwort der Mannheimer Bühnenfassung schreibt er: