Die Abteilung Fremde Heere West (FHW) war eine Abteilung des Oberkommandos des Heeres (OKH) der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, die 1938–1945 existierte. Die Aufgabe der Abteilung war es, die verfügbaren Informationen über feindliche Heere in ihrem Beobachtungsbereich auszuwerten und auf der Basis dieser Auswertungen weiterführende Feindlageanalysen und Prognosen über die operativen Planungen der alliierten Nationen anzufertigen.

Während sich die Schwesterabteilung Fremde Heere Ost (FHO) ab 1941 auf die Ostfront konzentrierte, fielen alle anderen Kriegsschauplätze der Wehrmacht in den Zuständigkeitsbereich der FHW. Die Abteilung bearbeitete den Westfeldzug (1940), den Afrikafeldzug (1941–1943), den Italienfeldzug (1943–1945) und die Westfront (1944–1945). Außerdem war die FHW für den Balkanfeldzug (1941) und den folgenden Partisanenkrieg (1941–1945) zuständig. Nach den deutschen Siegen in Westeuropa des Jahres 1940 war bis 1944 die Prognose alliierter Landungsoperationen in West- und Südeuropa eine wichtige Aufgabe der Abteilung, wobei es jedoch den Nachrichtendiensten der Alliierten immer wieder gelang, die FHW in die Irre zu führen. Die gegnerischen Armeen, auf die sich die Abteilung hauptsächlich konzentrierte, waren das britische Heer, die US-Armee, die Armeen des British Commonwealth sowie die Freien Franzosen. Die Abteilung stellte auch Druckerzeugnisse bereit, um die Kriegführung an den ihr zugeteilten Kriegsschauplätzen durch Taschenkarten für die Wehrmacht oder durch auf die alliierten Truppen ausgerichteten Soldaten zu unterstützen.

Vorgeschichte

Die Abteilung Fremde Heere war in den Zeiträumen 1917–1919 sowie 1931–1938 innerhalb des Großen Generalstabs bzw. innerhalb des Truppenamts im Reichswehrministerium für die Analyse, Datenauswertung und Operationsprognose feindlicher und neutraler Armeen bzw. Staaten zuständig. Im Zeitraum 1919–1931 gab es eine Abteilung Fremde Heere unter diesem Namen offiziell nicht, doch existierte innerhalb des Truppenamts unter den Tarnnamen „Statistische Abteilung“ bzw. „Heeresstatistische Abteilung“ sowie der internen Bezeichnung „Abteilung T 3“ eine Abteilung mit dem Auftrag zur Herstellung von Lagebildern und Absichtsprognosen von Drittstaaten weiter. Im Jahr 1930 wurde die Abteilung intern in drei Ländergruppen unterteilt, welche die Namen „Ost“, „Süd“ und „West“ trugen.

Ländergruppe West, 1930–1938 Im Zeitraum 1930–1938 existierte die Ländergruppe West innerhalb der Abteilung Fremde West. Die Ländergruppe wurde zwischenzeitlich von Hans Speidel geleitet. Letzter „Chef West“ vor der Spaltung der Abteilung war Ulrich Liß, der letztlich von Generalstabschef Franz Halder auch für die Abteilungsleitung nach der Spaltung der Abteilung in FHO und FHW ausgewählt wurde.

Spaltung der Abteilung Fremde Heere, 1938

Im Jahr 1938 wurde die Abteilung Fremde Heere, die schon vorher intern in Unterabteilungen „West“ und „Ost“ separiert gewesen war, offiziell gespalten. Aus der Spaltung gingen die jetzt eigenständigen, separaten und jeweils vollwertigen Abteilungen Fremde Heere Ost sowie Fremde Heere West hervor, die jeweils als 12. und als 3. Generalstabsabteilung Teil des OKH wurden. Der vorherige Leiter der geeinten Abteilung Fremde Heere, Kurt von Tippelskirch, wurde stattdessen auf den Dienstposten Oberquartiermeister IV versetzt, der u. a. für die Koordinierung zwischen FHO und FHW zuständig war.

Aufbau und Struktur Neuaufstellung mini|hochkant|Alexis Freiherr von Roenne leitete zwischen März 1943 und Juli 1944 die Abteilung Fremde Heere West, bevor er wegen seiner Verstrickung in das Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet und hingerichtet wurde.

Ab der Zweiteilung der Abteilung Fremde Heere im Herbst 1938 stand die FHW unter der Aufsicht von Ulrich Liß, der vorher schon „Chef West“ der Abteilung Fremde Heere gewesen war. Liß bekleidete diese Dienststellung von 1938 bis zum 1. März 1943. Die Abteilung bestand zunächst aus 21 Offizieren.

Der Name Fremde Heere West blieb während des Krieges unverändert, jedoch gab es keine zentrale Abkürzung für die Institution, die in internen Dokumenten verschiedentlich als „FHW“, „Fr. H. West“, „Fr. Heere West“ und mit weiteren Abkürzungen bezeichnet wurde.

Oberquartiermeister IV Kurt von Tippelskirch, der letzte Leiter der gemeinsamen Abteilung Fremde Heere vor der Spaltung im Jahr 1938, war anschließend Oberquartiermeister IV geworden, um nicht zuletzt zwischen den Abteilungen FHO und FHW zu koordinieren. Der Oberquartiermeister IV war hierbei dem Heeresgeneralstabschef Franz Halder direkt unterstellt. Neben den Koordinierungsaufgaben für FHO und FHW war Tippelskirch darüber hinaus auch Vorgesetzter der Attachéabteilung und hatte damit militärdiplomatische Aufgaben wahrzunehmen. Ab Kriegsbeginn (September 1939) erstattete Tippelskirch in den täglichen Lagebesprechungen des Generalstabs des Heeres mündlich Bericht über die Arbeit der Abteilungen FHO und FHW an Franz Halder. Darüber hinaus legte er unregelmäßig schriftliche Berichte über die Arbeit der beiden Abteilungen vor. Da Tippelskirch jedoch den persönlichen Wunsch auf die Übernahme eines Kommandos entwickelte, wurde er zum Jahreswechsel 1940/41 als Oberquartiermeister IV abgelöst.

Tippelskirch wurde am 5. Januar 1941 durch Gerhard Matzky ersetzt, der diesen Posten bis November 1942 ausfüllte. Nachdem Franz Halder seinen Dienstposten als Generalstabschef verloren hatte, war Matzkys Verhältnis mit Halders Nachfolger Kurt Zeitzler schlecht. Da die Vorträge des Oberquartiermeisters IV von Zeitzler und auch von Adolf Hitler nicht mehr für notwendig erachtet wurden, wurde der Dienstposten des Oberquartiermeisters IV im November 1942 restlos gestrichen und einige der Aufgaben an den Chef der Attachéabteilung Horst von Mellenthin übertragen. Da zu den übertragenen Aufgaben jedoch nicht der Feindlagevortrag beim Generalstabschef und auch keine Koordinierung zwischen FHO und FHW gehörten, stellte dies die endgültige Trennung der beiden Abteilungen dar.

Strukturveränderungen Nach Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges (Sommer 1941) nahm die Aufmerksamkeit der NS-Führung für alle Kriegsbereiche außerhalb der Ostfront stark ab, was etwa bei Oberquartiermeister IV Gerhard Matzky für persönliche Frustrationen sorgte. Außerdem kam es zwischen den Generalstabsabteilungen der Abteilung Fremde Heere und den Oberkommandos der militärischen Führung aufgrund der Neustrukturierung nach dem Angriff auf die Sowjetunion zu widersprüchlichen Überschneidungen: obwohl das Oberkommando des Heeres (OKH) sich ab Sommer 1941 hauptsächlich auf die Ostfront konzentrierte und die Koordinierungsaufgaben für alle anderen Fronten dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) überließ, blieb die FHW im Bereich des OKH. Zwar wurde FHW angewiesen, dem OKW zuzuarbeiten, doch hatten die OKW-Offiziere keine unmittelbare Befehlsgewalt über den Geschäftsbereich des OKH. Trotz diesen offensichtlichen Widerspruchs blieb die FHW jedoch weiterhin die 3. Generalstabsabteilung des OKH und wurde nicht dem OKW zugeordnet. Deshalb befand sich das Hauptquartier der FHW auch beim OKH, das ab Sommer 1941 von einem Gelände in der Nähe von Angerburg aus den Krieg an der Ostfront leitete.

Am 1. März 1943 übernahm Alexis von Roenne die Führung der Abteilung FHW von Liß. Roenne hatte vorher in der Abteilung Fremde Heere Ost das „Referat II Z“ geleitet.

Aufgrund der zunächst erfolgten Aufteilung der Zuständigkeitsbereiche zwischen FHW und FHO lag die Bearbeitung von Staaten wie Italien mit seinem Einfluss auf der Balkanhalbinsel zunächst im Ressort der Schwesterabteilung Fremde Heere Ost. Selbst die Vereinigten Staaten blieben Oktober 1942 im Zuständigkeitsbereich von FHO, bevor die USA in die Zuständigkeit der FHW transferiert wurden. Dadurch war FHW bis Ende 1942 fast ausschließlich auf Westeuropa ausgerichtet. Die bisherige „Gruppe III“ der FHO, die für die USA und den Pazifikraum zuständig gewesen war, wurde im Oktober 1942 zur „Gruppe V“ von FHW; Quartier der Gruppe V war bis kurz vor Kriegsende Zossen. Neben den USA wurden auch andere Staaten Nord- und Südamerikas, etwa das seit 1942 am Krieg beteiligte Brasilien, dem Zuständigkeitsbereich der neuen Gruppe V zugeordnet.

Nachdem Alexis von Roenne wegen seiner Mitwisserschaft am Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet und später hingerichtet wurde, wurde Wilhelm Bürklin sein Nachfolger.

Operationsgeschichte Kriegsvorbereitungen (1938–1939) In der Analyse der Stärken und Schwächen der möglichen Kriegsgegner im Westen waren besonders die Französischen Streitkräfte ein Hauptaugenmerk der FHW. Die Abteilung sammelte verfügbare Daten über die französischen Verteidigungsstellungen im Grenzgebiet (Maginot-Linie), bewertete die einzelnen Festungen, analysierte die Möglichkeiten französischer Gegenangriffe (die der Abteilung aus der Maginot-Linie heraus als unwahrscheinlich galten) und wies auf die Möglichkeit hin, die Abwehrlinie durch einen Vorstoß durch die Ardennen zu umgehen.

Ähnlich wie im Fall der Septemberverschwörung des Jahres 1938 im Umfeld des Abwehroffiziers Hans Oster gab es innerhalb der FHW im Sommer 1939 ebenfalls einige Offiziere, die einen Krieg gegen die Westmächte für nicht gewinnbar hielten und deshalb entweder die NS-Regierung destabilisieren oder sie zumindest vom Kriegskurs abbringen wollten. Gerhard Graf von Schwerin, der innerhalb der FHW die Gruppe „USA/England“ leitete, besuchte im Juni 1939 das Foreign Office und forderte eine Reihe von Schritten (Verlegung von Jagdgeschwadern nach Frankreich, Bündnis mit der Sowjetunion, Ministerposten für Winston Churchill), welche die Chamberlain-Regierung unternehmen sollte, um Deutschland den britischen Beistand für Polen zu demonstrieren und damit einen deutschen Angriff auf Polen weniger wahrscheinlich zu machen.

Als im Frühjahr 1940 innerhalb der Wehrmachtsführung Streit über die beste Vorgehensweise gegen Frankreich herrschte, verbürgte sich FHW-Chef Liß für ein Vorgehen, welches die französische Armee nach Belgien locken und dann durch einen deutschen Vorstoß entlang der französischen Grenze zum Ärmelkanal einkreisen sollte (Sichelschnittplan). Nach Liß' Einschätzungen würde sich die Bürokratie und die Ausrüstung der französischen Armee als zu schwerfällig erweisen, um schnelle Gegenmaßnahmen zu treffen. Besonders negativ bewertete die FHW die Aufhängung der französischen Panzerverbände innerhalb der Infanteriedivisionen und die Mängel der französischen Flugabwehr.

Westfeldzug (1940)

Die Abteilung Fremde Heere West unterstützte bei der Vorbereitung des Westfeldzugs. Nach dem Mechelen-Zwischenfall (10. Januar 1940), in welchem der Absturz zweier deutscher Offiziere mit Geheimpapieren über dem neutralen Belgien eine große Truppenbewegung der britischen und französischen Armeen in Nordfrankreich ausgelöst hatte, hatte die deutsche Feindaufklärung Kenntnis der westalliierten Abwehrpläne in den Beneluxstaaten.

Die grobe Gliederung der alliierten Armeen war den deutschen Feindaufklärung jetzt ebenso bekannt wie die Tatsache, dass die Alliierten die Dyle-Linie als Hauptverteidigungslinie gegen die Deutschen nutzen wollten. An den Kriegsspielen für den Westfeldzug nahm auch FHW-Chef Liß teil und spielte sogar den Part des französischen Oberbefehlshabers Maurice Gamelin. Liß war der Meinung, dass die Alliierten ihren Schwerpunkt in den Beneluxstaaten platzieren und die Ardennen nur schwach verteidigen würden. Damit schloss er sich den Einschätzungen von Erich von Manstein und Adolf Hitler an. Der US-amerikanische Historiker Ernest R. May kommentierte Liß' Beitrag zur Konzeption des deutschen Angriffs in Westeuropa mit der Bemerkung: „Soweit ich weiß, hatte kein anderer Geheimdienstanalyst der Weltgeschichte jemals einen vergleichbaren Einfluss auf ein Ereignis.“