Schreibende Frauen im Mittelalter sind aus verschiedenen Regionen und Epochen des Mittelalters belegt. In klösterlichen Skriptorien kopierten Nonnen liturgische, theologische und erbauliche Texte und versahen sie gelegentlich mit Anmerkungen und Bildern. Neben dieser Tätigkeit als Schreiberinnen entstanden auch eigenständige Werke von Frauen, etwa Autobiografien, mystische und theologische Schriften, medizinische Texte und Lyrik. Trotz der untergeordneten Rolle der Frau in der vorwiegend patriarchal geprägten Gesellschaft wurden solche Texte innerhalb und außerhalb der Klöster gelesen, abgeschrieben und teilweise bis in die Gegenwart rezipiert.

Historischer Kontext Die Gesellschaftsstruktur des Mittelalters war stark patriarchal strukturiert. Durch die Sonderstellung der christlichen Kirche waren Klöster oft der einzige Weg für Frauen, an Bildung zu gelangen. Bildung war ansonsten hauptsächlich der adeligen Bevölkerung vorbehalten. Wenn Frauen Bildung erhalten konnten und Texte vervielfältigt oder veröffentlicht haben, wurden diese oft kritisch betrachtet. Gerade wegen Meinungen, die den patriarchalen Gesellschaftsstrukturen widersprachen, wurden Frauen von der Kirche verfolgt.

Frauen verfassten im Mittelalter schon politische Texte, die die Kirche und die Geschlechterrollen in der Gesellschaft kritisierten und verlangten manchmal die Gleichstellung der Geschlechter. Die Texte können zum Teil als eine frühe Form des Feminismus verstanden werden. Durch die Veröffentlichung von medizinischen und autobiografischen Texten oder Lyrik konnten Frauen eine interessierte Leserschaft erreichen. Die Nachfrage nach Andachtsbüchern brachte Skriptorien Aufträge von Geistlichen oder dem Adel ein.

Texte von Frauen hatten sowohl im Mittelalter als auch später einen Einfluss auf die Gesellschaft. Sie wurden gelesen und waren die Grundlage für weitere Texte, Kunstwerke und Forschung. Texte nahmen aufeinander Bezug, spätmittelalterliche Klosterforschung erwähnt mitunter Manuskripte von früheren Nonnen. Zwei der prominentesten mittelalterlichen Autorinnen haben zum Beispiel einen Platz in Judy Chicagos “The Dinner Party”. mini|Elsbeth Stagel als Schreiberin eines Manuskripts im Kloster Töss (14. Jh.) Schreiberinnen in den Klöstern Schreibstuben waren im Mittelalter auch für Frauenklöster unverzichtbar. Im Spätmittelalter waren Manuskripte für die Kirche und den Adel von hoher Bedeutung. Sie wurden bei Klöstern in Auftrag gegeben. Neben dem Abschreiben und Übersetzen der Texte wurden Initialen, Bilder oder Verzierungen hinzugefügt. Über die den Texten hinzugefügte Kolophone kann bei manchen Texten mit Sicherheit festgestellt werden, dass diese von Frauen verfasst wurden. In den Kolophonen wurde manchmal der Name und die Stellung der Verfasserinnen notiert. In von Frauen erfassten Manuskripten und Kolophonen wird zudem teilweise weibliche Form des Wortes Schreiberin oder Nonne genutzt. Bei einem großen Teil der mittelalterlichen Texte kann das Geschlecht der Autoren allerdings nicht endgültig festgestellt werden. Weil schreibende Frauen im Mittelalter die Ausnahme bildeten, kann aus heutiger Perspektive oft keine eindeutige Aussage über das Geschlecht der Verfasser getroffen werden.

Zu den Aufgaben der Schreibenden gehörten im Mittelalter und darüber hinaus auch wirtschaftliche und organisatorische Pflichten in der Ökonomie der Klöster. Mit externen Schreibaufträgen konnten sie gelegentlich für ihre Klöster Einkünfte generieren. Außerdem verfassten Nonnen Andachtsbücher für den eigenen Gebrauch und im Auftrag anderer Geistlicher oder des Adels.

Nonnen schrieben religiöse und mystische Erfahrungen nieder, die sie selbst oder ihre Mitschwestern erlebt haben. Ein zentrales Ziel ist die Unio mystica, die Vereinigung der eigenen Seele mit Jesus, die mit der Hingabe als Braut verglichen wurde. Die Texte wurden sowohl in den eigenen Klöstern vorgelesen als auch an andere Klöster verbreitet. Aus heutiger Sicht lässt sich nicht mehr nachvollziehen, ob die Nonnen diese Erfahrungen wirklich gemacht haben oder es sich eher um belehrende Erzählungen handelt.

Forschungslage Im Bereich der weiblichen Schreiberinnen im Mittelalter steht die Forschung noch an ihrem Anfang. Sie bezog sich in der Vergangenheit hauptsächlich auf einzelne Frauen oder Klöster. Durch diese vereinzelte Forschung galten weibliche Schreiberinnen lange als Einzelfälle. Verschiedene Untersuchungen der letzten 5 bis 10 Jahre haben diese Annahme in Frage gestellt. Sowohl quantitative Analysen, die versuchen, den Prozentsatz weiblicher Autorschaft zu ermitteln, als auch Untersuchung archäologischer Funde legen nahe, dass weibliche Schreiberinnen weiter verbreitet waren, als bisher angenommen wurde.

Eine englische Studie, die 2019 in der Zeitschrift Science erschien, hat im Zahnbelag der Backenzähne einer Leiche aus dem 11. oder frühen 12. Jahrhundert blaue Farbpigmente gefunden und untersucht. Die Leiche wurde in der Nähe des bis auf die Grundmauern zerstörten Teil des Dalheimer Klosters gefunden, in dem zwischen 800 n. Chr. und dem 14. Jahrhundert Nonnen gelebt haben.

Das Pigment wurde vom Zahnschmelz isoliert, in seiner Größe und chemischen Zusammensetzung mit Lapislazuli-Pigmenten verglichen und konnte als Lapislazuli identifiziert werden. Das Pigment war im Mittelalter teuer und war wegen seiner Seltenheit hauptsächlich den besten Skriptorien vorbehalten. In der Studie werden mehrere Erklärungsansätze angegeben, wie das Pigment in den Mund der Nonne gelangen konnte. Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass das teure Pigment beim Illuminieren oder Schreiben von Manuskripten oder bei der Herstellung von Farben in den Mund der Nonne gelangt ist. Da bisher über das Kloster nicht bekannt war, dass es über ein Skriptorium verfügte, wirft sich die Frage auf, in wie vielen anderen komplett zerstörten Frauenklöstern Manuskripte und Schreibaufträge verfasst wurden, von denen es keine Überreste mehr gibt.

Eine 2025 in Nature erschienene quantitative Studie hat sich als Ziel gesetzt, einen ersten Prozentsatz zu ermitteln, wie viele biblische Manuskripte im Mittelalter mindestens von Frauen verfasst wurden. Die Untersuchung basiert auf dem “Benedictine colophone catalogue”. Dieser umfasst 22.374 Anmerkungen auf Manuskripten und Manuskriptkatalogen. Aus den Anmerkungen können 1 % der anonymen und der namentlichen Kolophonen mit Sicherheit Frauen zugeordnet werden. Diese Zahl kann als absolutes Minimum verstanden werden. Es lässt sich vermuten, dass Frauen öfter ihre Identität verschleiert haben, insgesamt seltener Kolophonen geschrieben haben und ihre Texte seltener lange genug überlebt haben, um im “Bendictine colophone catalogue” aufgenommen worden zu sein. Außerdem wurden nur der Kolophonen-Katalog betrachtet, nicht die originalen Manuskripte. Übertragungsfehler aus der Vergangenheit sind deshalb ebenfalls nicht auszuschließen.

Mit in früheren Studien ermittelten Verlust-Schätzungen für mittelalterliche Manuskripte lässt sich annehmen, dass sich die 1,1 % der Frauen zugeordneten Manuskripte auf eine Gesamtzahl von 110000 Texten belaufen, von denen 8000 noch erhalten sind. Diese Zahl von Manuskripten kann nicht alleine mit den bisher bekannten schreibenden Frauenklöstern erklärt werden.

Die Forschung legt also nahe, dass es mehr Frauenklöster gab, in denen Manuskripte verfasst wurden, als bisher angenommen. Wenn auch nicht häufig, waren weibliche Schreiberinnen vermutlich nicht so selten wie bisher angenommen.

Autorinnen Dieses Kapitel befasst sich mit bekannten Frauen, die im Mittelalter als Autorinnen, Philosophinnen, Mystikerinnen und Heilerinnen besonders hervorstachen und deren Werke bis heute nachwirken. Trotz gesellschaftlicher und kirchlicher Einschränkungen gelang es ihnen, eigenständige Positionen zu entwickeln und schriftlich festzuhalten, beispielsweise in den Bereichen Geschichte, Theologie, Medizin, Ethik oder (politische) Philosophie.

Baudonivia (um 600) Baudonivia lebte im 6. und 7. Jahrhundert und war Priorin der Abtei Ste-Croix in Poitiers, dem ersten Frauenkloster in Europa. Als Hagiographin verfasste sie die Vita der Königin Radegunde von Thüringen.Jean-Pierre Poirier: Histoire des femmes de science en France. Du Moyen-Âge à la Révolution. Paris, Pygmalion, 2002.

Hrotsvit (um 935–973) Hrotsvit war Kanonisse des Stiftes Gandersheim. Sie gilt als erste deutsche Dichterin; sie verfasste geistliche Schriften, historische Dichtungen und die ersten Dramen seit der Antike.

Ava (um 1060–1127) Ava war eine der ersten namentlich bekannten deutschsprachigen Dichterinnen. Ihre religiösen Werke wurden im 12. Jahrhundert vielfach abgeschrieben.

Trota von Salerno (12. Jh.) Trota von Salerno war eine Ärztin und Autorin im süditalienischen Salerno, die im frühen 12. Jahrhundert wirkte. Über ihr Leben gibt es keine gesicherten Informationen, erhalten sind eine Practica und vor allem die gynäkologische Schrift De curis mulierum, die als zentrales Stück des Trotula-Ensembles (um 1200) große Verbreitung fand und bis ins 16. Jahrhundert genutzt wurde.

Hildegard von Bingen (1098–1179) Hildegard von Bingen gehört zu den einflussreichsten Autorinnen des Mittelalters. Sie gründete um 1150 das Kloster Rupertsberg bei Bingen. Zu ihren Hauptwerken zählen die drei visionären Werke Scivias, Liber vitae meritorum, Liber divinorum operum, die naturkundlich-medizinischen Schriften Physica und Causae et curae, 77 als Symphoniae gesammelte Lieder und das Singspiel Ordo virtutum sowie eine redaktionell bearbeitete Briefsammlung.

Herrad von Landsberg (um 1125/30–1195) Herrad von Landsberg war eine Äbtissin und Schriftstellerin. Um 1180 verfasste sie den Hortus Deliciarum („Garten der Köstlichkeiten“), die erste nachweislich von einer Frau abgefasste Enzyklopädie. Die Sammlung für den klösterlichen Unterricht enthält theologisches und profanes Wissen.

Marie de France (um 1135–1200) Marie de France ist die erste bekannte Autorin der französischen Literatur. Maries bekanntestes und originellstes Werk sind die Lais, eine Sammlung von zwölf Versnovellen, die jeweils zwischen ca. 100 und ca. 1000 paarweise reimende Achtsilbler umfassen und offenbar über einen längeren Zeitraum um 1170 entstanden sind.

Marguerita d’Oingt († 1310) Marguerita d’Oingt war eine französische Ordensfrau, Mystikerin und Schriftstellerin auf Lateinisch und Frankoprovenzalisch. Eine Skulptur in der ehemaligen Burgkapelle von Oingt zeigt wahrscheinlich ihr Porträt. Sie zählt zusammen mit Marie de France (1160–1210) und Christine de Pizan (1364–1430) zu den frühesten heute bekannten Schriftstellerinnen Frankreichs. Zwei ihrer Werke sind die ältesten bekannten Texte der frankoprovenzalischen Literatur.Marguerite d'Oingt. Expériences mystiques et récits édifiants Textes rédigés en francoprovençal et en latin par une moniale du XIIIe siècle. Dreisprachige Ausgabe, Frankoprovenzalisch und Lateinisch mit französischer Übersetzung. Lyon 2012.

Marguerite Porete (um 1250/60–1310) Marguerite Porete war eine französischsprachige Mystikerin und Begine aus dem Hennegau. Sie verfasste den mystischen Traktat Le mirouer des simples ames (deutsch etwa „Spiegel der einfachen Seelen“). Das Buch erregte in kirchlichen Kreisen Anstoß und wurde um 1306 in Valenciennes öffentlich verbrannt. Porete weigerte sich, ihr Werk aus dem Umlauf zu nehmen oder ihre Positionen zu widerrufen. Nach einem Inquisitionsprozess wurde sie am 1. Juni 1310 auf dem Place de Grève in Paris bei lebendigem Leibe verbrannt.

Christine de Pizan (1364–1429)