mini|Arnstein Arneberg (1882–1961), Foto 1919 Arnstein Rynning Arneberg (* 6. Juli 1882 in Fredrikshald (heute Halden); † 9. Juni 1961 Svennes, Biri (heute Gjøvik)) war ein norwegischer Architekt. Seine zahlreichen öffentlichen und privaten Bauten, darunter das gemeinsam mit Magnus Poulsson entworfene Rathaus von Oslo, prägten die norwegische Architektur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Schon als junger Architekt entwickelte er aus der Architektur der alten norwegischen Bauernhöfe seinen eigenen Stil, der die nationalromantischen Formen des 19. Jahrhunderts überwand. Später lehnte er sich an Renaissance und Barock an: Einflüsse seiner Studienzeit in Stockholm. Arnebergs Markenzeichen wurden die zahlreichen großbürgerlichen Villen, die er in und um Oslo errichtete; wobei die Villa Elsero als sein Meisterwerk gilt. Bei der Renovierung und dem Neubau von Kirchen ist seine Arbeit mit jener der bildenden Künstler eng verzahnt. Er verwendete strenge Ornamente (teilweise aus der Gotik entlehnt) und exquisite Materialien, so z. B. bei dem von ihm gestalteten Saal des UN-Sicherheitsrates in New York.
Leben und Werk Familie Arnstein Arneberg war der Sohn des Fabriksbesitzers Mauritz Otto Edvard Arneberg (1845–1913) und der Hermine Nicoline Mathilde Rynning (1858–1944). 1891 leitete der Vater eine Getreidemühle in Lysaker in Bærum (Akershus). Wie Arnstein, wurden auch seine älteren Schwestern Borghild (* 1874) und Margit (* 1879) im heute Halden genannten Fredrikshald geboren.
Der jüngere Bruder Eilif (* 1891 in Bærum; † 1951) durchlief an der Technischen Hochschule in Stockholm die Ausbildung zum Architekten, die er beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs abbrechen musste. Er führte zusammen mit seinem Bruder Arnstein einige architektonische Aufträge aus und entwarf (unbedeutende) Villen und Kinos. In erster Linie betrieb er den kleinen Bauernhof Vang in Bærum, ebenfalls mit Arnstein als Miteigentümer.
Arnstein Arneberg gründete zwei Familien. Am 4. Juni 1910 heiratete er die Masseuse Aagot Kielland Skavlan (* 20. Mai 1888 in Kristiania (Oslo); † 2. Januar 1960), die Tochter des Professors Olaf Skavlan (1838–1891) und der Dagmar Kielland (1855–1931). Die Kinder aus dieser Ehe wurden in Kristiania geboren, nämlich die Töchter Gro (* 1911) und Lisbet (* 1917) sowie der Sohn Ebbe (* 1912). Während der Volkszählung 1920 lebte die Familie wieder in Lysaker (im Ortsteil Fornebo) und beschäftigte das schwedische Dienstmädchen Gerda Nilsson und die deutsche Kinderfrau Magda Siemen. Drei Jahre später, 1923, wurde die Ehe geschieden.
Die Tochter Gro Aagot Skavlan (* 30. Juni 1911; † 4. Februar 1964) wurde als Keramikerin durch ihren persönlichen Stil bekannt. Seit 1933 betrieb sie in Lysaker ihre eigene Werkstatt. Ihr Steingut, das mit einer hellen (manchmal auch dunklen) Zinnglasur überzogen war, verzierte sie mit einem Ornament aus stilisierten Blättern und Blumen, „die in bestimmten Feldern und Bändern angeordnet waren, meist so, dass die gesamte Oberfläche bedeckt war.“
mini|Den norske Sjømannskirke, Rotterdam, 1914. 1924 erbaute sich Arneberg mit Evenstad sein eigenes Wohnhaus in Kristiania in der Madserud allé 38 im Frognerpark. Die nahe gelegene Straße Arnstein Arnebergs vei (früher ein Teil von Jonsrudveien) trägt diesen Namen seit 1998. Drei Villen in dieser Gegend wurden von Arneberg entworfen, darunter Elsero (Nr. 3), und Joakim Lehmkuhl (später Ragnar Stoud Platou, Nr. 14). Auch in Bærum (Fornebu) gibt es seit 1986 eine Arnstein Arnebergs vei.
Am 30. Juni 1925 heiratete Arnstein Arneberg erneut, nämlich Eva Elisabeth Reimers (* 20. Mai 1901 in Østre Bærum; † 16. Februar 1987), Tochter des høyesterettsadvokat (Anwalt am Obersten Gerichtshof) Herman Foss Reimers (1874–1961) und der Ragnhild (Lally) Astrup (1878–1919). In dieser Ehe wurde 1929 die Tochter Birthe geboren.
Arnstein Arneberg wurde am 14. Juni 1961 in der Neuen Kapelle des Vestre Krematoriums in Oslo verabschiedet und im Familiengrab auf dem Haslum-Friedhof in Bærum beigesetzt.
Studium Arnebergs Architekturausbildung war vielschichtig und zog sich über acht Jahre. 1899–1902 wurde er an Den kongelige tegneskole (Königliche Zeichenschule) von Herman M. Schirmer unterrichtet. Professor Schirmer unternahm mit seinen Studenten Studienreisen in die Täler Norwegens und vermittelte ihnen damit profunde Kenntnisse über alte Holzbautechniken. „Dies stand in scharfem Kontrast zur bisherigen Architekturausbildung, die ganz von deutschen Vorbildern geprägt war. In diesem Sinne riet Schirmer seinen Studenten auch, sich für das abschließende Architekturstudium in Schweden zu bewerben.“
Arnstein Arneberg absolvierte dieses Studium 1904–1906 an der Kungliga Tekniska Högskolan bei den Professoren Isak Gustaf Clason und Erik Lallerstedt. In Stockholm gehörte er zu einer Gruppe norwegischer Kommilitonen, die später einflussreiche Architekten werden sollten, darunter Magnus Poulsson, Andreas Bjercke und Georg Eliassen. In ihrem Studentenwohnheim Grøttum formulierte die Gruppe ihr zukünftiges Programm: Å utvikle en selvstendig norsk arkitektur tuftet på tradisjonell norsk byggekunst. (Eine selbständige norwegische Architektur zu entwickeln, die auf der traditionellen norwegischen Baukunst basiert.)
Vor, neben und nach seinem Studium lernte Arneberg als Assistent von Architekten in Kristiania und Stockholm (Alfred Chr. Dahl, Ole Sverre, Gustaf Lindgren, Erik Lallerstedt) die Praxis seines zukünftigen Berufs kennen. Und er erwarb sich handwerkliche Fähigkeiten als Maurer und Schmied.
Da er in Lysaker aufwuchs, kam er schon früh in engen Kontakt mit dem sogenannten Lysakerkretsen (Lysakerkreis) um Erik Werenskiold und Gerhard Munthe. „Der Einfluss dieses Kreises ist in seinen frühesten Werken deutlich zu erkennen.“
Tagesanbruch mini|Telegrafengebäude, Tollbugata 24, Oslo, 1916–1924. 1907 kehrte Arneberg als fertiger Architekt nach Kristiania zurück und schloss eine Partnerschaft mit Ole Sverre (bei dem er bereits während des Studiums als Assistent gearbeitet hatte). Arneberg und Sverre beteiligten sich am Wettbewerb für die königliche Villa (Kongsseteren) am Voksenkollen und gewannen den 2. Preis mit einem Entwurf, der in der norwegischen Tradition stand, aber an ältere Stile in ihr anknüpfte. Das Projekt Daggry (Tagesanbruch) wandte sich von dem Drachen- und dem Schweizerstil ab, verwarf die von Stabkirchen und Speichergebäuden stammenden Dekorationen und wählte eine „einfache Grundrissform, lange durchgehende Dachflächen und ruhige Giebel. Dieser Entwurf trug dazu bei, eine neue Richtung in der norwegischen Architektur einzuschlagen, die als Sorenskriverstil bekannt wurde.“ Die Elemente des Entwurfs stammten von den schweren, geschlossenen Bauernhöfen in Gudbrandsdalen und anderen großen alten Höfen im Flachland Ostnorwegens.
Der Entwurf, von beiden Partnern eingereicht, aber in Wirklichkeit ausschließlich von Arneberg stammend, „wurde von den Zeitgenossen als moralischer Sieger des Wettbewerbs angesehen.“ „Er gilt seitdem als Innovation in der nationalen Architektur Norwegens.“ Der „Durchbruch in der norwegischen Architektur […] in völliger individueller Unabhängigkeit von den historischen Vorbildern“ machte den Drachenstil als die das 19. Jahrhundert dominierende Ausdrucksform der Nationalromantik obsolet.
Bauten im neuen Stil 1908 trennte sich Arneberg von seinem Partner und gründete sein eigenes Architekturbüro. Sein erstes eigenständiges Bauprojekt und das erste im Stil des Tagesanbruchs verwirklichte, die Eidsvold Folkehøiskole, ist stark von der Ästhetik des Lysakerkretsen geprägt. Die Räume sind gestaltet „in kräftigem Blau, Grün und Hellrot. Hier kann man auch die Inspiration durch Munthes eigenes Haus Leveld in Lysaker und damit eine Verbindung zu dem schwedischen Künstler Carl Larsson erkennen.“
Nachdem Arneberg 1912 den ersten Preis des Wettbewerbs für die Bahnhofsgebäude zwischen Otta und Dombås der Dovrebanen gewonnen hatte, konnte er seinen für die Königsvilla entwickelten Stil erstmals auch umsetzen. Übrigens hatten die NSB als Ausschreiber selbst verlangt, dass die Bahnhöfe die traditionellen Bauernhäuser des Gudbrandsdalen-Tals widerspiegeln sollten.
Zusammenarbeit mit Magnus Poulsson mini|Rathaus von Oslo, 1916–1950. Foto vor 1957. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen hat Arnstein Arneberg einige seiner bedeutendsten Werke entworfen. Die norwegische Seemannskirche (Den norske Sjømannskirke) in Rotterdam von 1914, ein Werk der traditionellen norwegischen Holzbaukunst, war Arnebergs erster Kirchenbau. 1916–1924 entwarfen die beiden das Telegrafengebäude (Telegrafbygningen) in der Tollbugata 24 in Oslo.
Arneberg und Poulsson gewannen 1916 mit dem Entwurf Vaar i Norge (Frühling in Norwegen) den Wettbewerb für den Neubau des Rathauses von Oslo. „Dies leitete einen ungewöhnlich anspruchsvollen Entwurfsprozess ein, der einen erneuten Wettbewerb und eine Reihe von Projekten in verschiedenen Stilen umfasste, bis 1931 eine Einigung über das Gebäude erzielt wurde.“ Die ersten Entwürfe – 1918 hatte es einen erneuten, ebenfalls von Arneberg und Poulsson gewonnenen Wettbewerb gegeben – orientierten sich noch am neobarocken Stil des von Ragnar Östberg errichteten Stockholmer Rathauses.
Der wesentlich geänderte Entwurf von 1931 wurde dann „während des Baus weitgehend befolgt“. Die Grundlage ist ein langgestreckter Quader, der die Versammlungsräume und Restaurants beherbergt. Darauf stehen zwei mächtige kubische Türme, in denen die Büros untergebracht sind. Die Außenflächen „sind mit A.s unverwechselbaren Ornamenten sowie mit weiteren Verzierungen in Form von Skulpturen und Mosaiken geschmückt“. Das Rathaus, dessen Bau durch den Krieg unterbrochen wurde, konnte erst 1950 eingeweiht werden.
Das monumental wirkende Gebäude prägt das Stadtbild von Oslo markant, vor allem wenn man sich der Stadt über den Seeweg nähert. Das Rathaus (und auch das Telegrafengebäude) zeichnen sich „durch ein enges Zusammenspiel von Architektur und Dekoration und einen hervorragenden Umgang mit den Materialien aus.“ Die „reich dekorierte Prachtarchitektur in der Verbindung von Bildhauerei, historisierender harter Ornamentik (geprägt von der Gotik) und kubisch strengen Gebäudeformen“ wird dem Funktionalismus zugerechnet. Ein zeitgenössischer Kommentar stellte fest, dass die „Zusammenarbeit der Künste“ zum ersten Mal seit der Renaissance wieder einen monumentalen Bau geprägt hatte.
Im Zusammenhang mit dem Bau des Rathauses wurde das umliegende Stadtviertel Pipervika, ursprünglich ein ärmlicher Vorort Oslos, abgerissen und neu bebaut. Arnstein Arneberg war Leiter der dafür zuständigen Regulierungsbehörde.
Eine Grabkirche für Wikingerschiffe mini|Vikingskipshuset auf Bygdøy, Oslo, 1926. Einen Wettbewerb für die Neugestaltung des Nationalmuseums in Bygdøy hatte er schon 1914 gewonnen, aber erst 1929 durfte Arneberg mit dem Vikingskipshuset (Wikingerschiffsmuseum) die erste Bauphase realisieren. Plan und Formbehandlung sind „eher praktisch und funktionell“ ohne Anklänge an Neobarock oder Neoklassik; das Gebäude passt sich seinem Inhalt an: „With its square central tower, from which four rectangular wings with steeply pitched roofs project, the Vikingskipshus in Oslo (first wing 1926; tower and two more wings 1929; final wing 1954; all by Arneberg), looks like a church. Arneberg wanted to build a ‚burial church‘ for the important excavation finds in the museum.“
Restaurierungen Arneberg hatte auch ein „unbestreitbares Interesse am Schutz alter Denkmäler“ und war mit Harry Fett befreundet, der als Riksantikvaren oberster Denkmalschützer Norwegens war. Er hat eine große Anzahl von Kulturdenkmälern restauriert und umgebaut. Das größte Projekt, das ihn dreißig Jahre lang beschäftigte (1929–1962), war die Festung Akershus. Er restaurierte den Ostflügel, stattete das Innere von Schloss und Kirche aus und erneuerte 1948 die königliche Grabkapelle. Hier folgte er dem Prinzip der originalgetreuen Instandsetzung.