mini|Emblem des Lectorium Rosicrucianum (seit 2014 mit Punkt)
Das Lectorium Rosicrucianum (LR), auch Schule des Goldenen Rosenkreuzes, ist eine 1945 oder 1946 in den Niederlanden gegründete internationale Neue Religiöse Bewegung. Das Gründungsjahr wird in den Schriften des LR hingegen mit 1915, 1924, 1925 und 1935 unterschiedlich angegeben.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2004, S. 253, nebst Fußnote 10. Historisch belegbar ist nur die Ablösung einer niederländischen Mitgliedergruppe von der Rosicrucian Fellowship 1935, die sich Rozekruisers Genootschap nannte. Das Hauptquartier des, gemäß dem Theologen Harald Lamprecht, streng hierarchisch und ohne demokratische Elemente organisierten LR befindet sich in Haarlem. Die Leitung der Organisation hat allein ein 13-köpfiges internationales Gremium inne. Das LR vertritt die ideologischen Standpunkte der Fellowship mit umgekehrten Vorzeichen und geriert sich seit 1954 als dualistische Neo-Katharer-Gruppe.
Für die Lehre des LR sind die Bücher Jan van Rijckenborghs grundlegend. Sie enthält Elemente aus den Tübinger Rosenkreuzerschriften, dem Manichäismus, aus der Weltanschauung der mittelalterlichen Katharer und antiken, urchristlichen und gnostischen Lehren. Während die Rosicrucian Fellowship auf Individualisierung und Selbsterlösung abzielt, erklärt das LR die Überwindung des Ich-Bewusstseins in kollektivistischer Ausrichtung zum zentralen religiösen Ziel, was durch eine reglementierte und weitgehend asketische Lebenspraxis angestrebt wird. Das LR versteht sich als „kämpfende Kirche auf Erden“, die für verstorbene Mitglieder ein zweites Arbeitsfeld in einem feinstofflichen Lebensgebiet (Vakuum von Shamballa) unterhalte, wo der Transfigurationsprozess abgeschlossen werden könne. Ab den 1960er Jahren wurden im LR apokalyptische Endzeiterwartungen proklamiert, nach denen es der gewöhnlichen Menschheit ab Dezember 2001 nicht mehr möglich sei, sich dem LR anzuschließen, was ab 1995 relativiert wurde.
Neben den drei deutschen Verwaltungen in Calw, Bad Münder und Birnbach gibt es je eine deutschsprachige Verwaltung in Österreich und in der Schweiz. Weltweit soll es etwa 12.000 Mitglieder geben, davon rund 2.000 Mitglieder in Deutschland, 600 in der Schweiz und 100 in Österreich (Stand 2013).
Ursprünge Das LR hat sich aus der niederländischen Studiengruppe der Rosicrucian Fellowship von Max Heindel in einem schrittweisen Ablösungsprozess entwickelt.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2004, S. 250. mini|hochkant|Carl Louis Frederik Grasshoff alias Max Heindel (1865–1919)
Die Rosicrucian Fellowship Rudolf Steiner, der spätere Begründer der Anthroposophie, leitete ca. zwischen 1905 und 1909 die innere Rosenkreuzergemeinschaft des Ordo Templi Orientis (O.T.O.). Gegen Steiners Willen veröffentlichte sein deutschamerikanischer Schüler Carl Grasshoff unter dem Pseudonym Max Heindel Ausschnitte der geheim gehaltenen Rosenkreuzerlehren und gründete 1909 die Rosicrucian Fellowship in den U.S.A. Vor dem Ersten Weltkrieg ging aus der niederländischen Theosophischen Vereinigung eine Studiengruppe der Rosicrucian Fellowship hervor,Karl R. H. Frick: Die Rosenkreuzer als erdichtete und wirkliche Geheimgesellschaft. In: Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.): Geheimgesellschaften und der Mythos der Weltverschwörung. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 1987, ISBN 3-451-09569-6, (Herderbücherei 9569), (Initiative 69), S. 125–126. der sich 1924 die Brüder Wim und Jan Leene aus Haarlem anschlossen. In Amsterdam, Den Haag und Baarn entstanden weitere Zentren. Ab 1927 wurde die Monatszeitschrift „Het Rozekruis“ herausgegeben. Im Dezember 1929 musste die Begründerin und Leiterin des Amsterdamer Zentrums, Agatha van Warendorp, wegen einer Nierenbeckenentzündung ins Krankenhaus und die Leenes übernahmen die Vertretung. Nach ihrer Genesung verweigerten die Leenes die Rückgabe der Leitungsposition an Warendorp und das unterrichtete Hauptquartier der Rosicrucian Fellowship in Oceanside stimmte dem Führungswechsel zu. 1933 gaben die Leenes die von den Eltern übernommene Textilgroßhandlung aus Rentabilitätsgründen auf, um sich ganz der Fellowship-Arbeit widmen zu können. 1933 wurde die „Max Heindel-Stiftung“ gegründet, der die Leenes und der Leiter des Den Haager Zentrums vorsaßen, um die genutzten Immobilien erwerben zu können, darunter die Häuser in der Haarlemer Bakenessergracht, in der sich bis heute die Weltzentrale des LR befindet.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2004, S. 251.
Ablösung von der Rosicrucian Fellowship Im Januar 1935 begann sich die Haarlemer Gruppe von der Fellowship-Zentrale mit Verweis auf die eigene Stiftung abzunabeln. In einem Anschreiben an die Fellowship-Mitglieder vom 27. März 1935 behauptete man schließlich fälschlich die neue Weltzentrale der Rosicrucian Fellowship zu sein:
Die Weltzentrale in Oceanside stellte sich diesen Okkupationsbemühungen energisch entgegen und teilte den niederländischen Mitgliedern mit:
mini|hochkant|Jan Leene alias Jan van Rijckenborgh (1896–1968) mini|hochkant|Henny Stok-Huizer alias Catharose de Petri (1902–1990)
Schließlich wurden die Leene-Brüder aus der Rosicrucian Fellowship ausgeschlossen und noch im November 1935 habe Frau Heindel moniert, dass der niederländische Zweig Geld für einen eigenen Tempel sammle und die Heindel-Bücher ohne Genehmigung nachdrucken (siehe: Raubdrucke) lasse. Jan Leene benannte später auch inhaltliche Gründe für die Ablösung: in der Rosenkreuzer-Bewegung, die man 1925 vorgefunden habe, sei der Name Rosenkreuz nur Fassade gewesen. Überall seien nur Yoga-Methoden angewandt worden, die er nicht gut hieß und die Bewegung sei von negativen Okkultisten geprägt gewesen, die er als sehr krank und nicht entwicklungsfähig bezeichnete. 1935 erfolgte die Anerkennung der Satzung durch die niederländische Regierung, was für die ehemalige Haarlemer Zweigstelle rechtliche Selbstständigkeit bedeutete. Nach der organisatorischen Trennung behielt das Haarlemer Zentrum aber den alten Namen „Het Rozekruisers Genootschap“ (Rosenkreuzer-Genossenschaft) bei. Trotzdem riet Frau Heindel ihren verbliebenen Mitgliedern diese Namensgebung juristisch nicht anzufechten. Die „Rozekruisers Genootschap“ nannte sich ab 1936 gleichzeitig „Orden der Manichäer“ und ab 1941 auch „Jakob Böhme-Gesellschaft“. 1938 verstarb Wim Leene. Sein Bruder Jan Leene entwickelte sich zur Führungsgestalt der Bewegung. Von 1940 bis 1945 sei die äußere Schule von der deutschen Besatzungsmacht verboten worden. In dieser Zeit verfasste Leene mehrere Werke unter den Pseudonymen Jan van Rijckenborgh und John Twine.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2004, S. 252–254.
Der Gral als Symbol der Katharer mini|Eingang der Grotte Lombrives in Ornolac-Ussat-les-Bains, laut Gadal die Kathedrale der KatharerKarl Hammer-Kaatee: Satans Lied / druk 1: de jacht van de CIA op Jezus. Elmar Uitgeverij. 2006. S. 148. ISBN 978-90-8553-019-0.
In Frankreich verbreitete sich innerhalb der neokatharischen Bewegung von Antonin Gadal (1877–1962) und Déodat Roché (1877–1978) die Vorstellung, dass der Gral ein Symbol des katharischen Widerstandes gegen den Katholizismus war, eine Ansicht, die von der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung nicht geteilt wird. Diese im Neo-Katharer-Milieu imaginierten Gral-Legenden inspirierten in den 1930er Jahren die mysteriösen Aktivitäten von Otto Rahn (1904–1939), einem SS-Offizier, der in Südfrankreich Feldforschung betrieb, um dem von den Katharern angeblich verborgenen Gral auf die Spur zu kommen, ebenso wie die esoterische Spiritualität Jan Leenes und dessen nachmaligem LR, dem sich Gadal nach dem Zweiten Weltkrieg anschloss. Durch diese Autoren wurde der Gral in den gegenwärtigen esoterischen Bewegungen in drei verschiedenen Fortschreibungen verankert: Einer christlichen, einer neo-heidnischen und einer gnostischen Variante.Massimo Introvigne: Grail Traditions in Western Esotericism. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden/Boston 2005, Bd. 1, S. 436.mini|hochkant|Antonin Gadal (1871–1962)
Obwohl Gadal Schwierigkeiten hatte, andere davon zu überzeugen, glaubte er, dass die Katharer in den Höhlen in der Nähe seines Wohnortes Versammlungen abgehalten hatten, und engagierte sich dafür, dass sie für Touristen geöffnet wurden. Er rekonstruierte die katharische Religion auf seine Weise, stellte sich in seiner Phantasie Initiationszeremonien in den Höhlen vor, und kreierte daraus eine neue Religion, die er „Maneism“ nannte und deutlich vom Manichäismus unterschieden wissen wollte. Zudem betrachtete er die Katharer als die direkten Nachkommen eines französischen Zweiges des Gnostizismus.Tobias Churton: The Invisible History of the Rosicrucians: The World’s Most Mysterious Secret Society. Inner Traditions/Bear & Co 2009, ISBN 978-1-59477-255-9. S. 514. Zwischen den beiden Weltkriegen hatte Gadal von sich behauptet als Patriarch der „alten Katharer-Bruderschaft“ eingeweiht worden zu sein; daher sei er der Haupterbe (englisch: chief inheritor) der katharischen Tradition.Tobias Churton: Gnostic philosophy: From ancient Persia to modern times. Inner Traditions/Bear & Co, 2005. S. 395.
Weitere Einflüsse Jan und Wim Leene standen in jungen Jahren unter dem Einfluss des damals bekannten Reformtheologen Arnold Hendrik de Hartog (1869–1938). Sie wurden auch durch den Schriftsteller Joseph Anton SchneiderfrankenAntoine Faivre: Bô Yin Râ. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden 2006, ISBN 978-90-04-15231-1, S. 199., den Werken Jakob Böhmes und den Lehren des Philosophen Eduard von Hartmann (1842–1906) beeinflusst.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2004, S. 254. Von Eduard von Hartmann wurde das nachmalige LR-Schlagwort „Transfiguration“ in die Esoterik eingeführt, um den Persönlichkeitswechsel durch Hypnose zu beschreiben.Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens. Goldmann Verlag, München 1993, ISBN 3-442-12179-5, S. 628. Darüber hinaus bestehen Bezüge zur Theosophie von Helena Petrovna Blavatsky und zur Anthroposophie Rudolf Steiners. Die lange Zeit vom LR geleugnete Übernahme anthroposophischen Ideenguts wird heute nicht mehr bestritten.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884–1945. Band II. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-55452-4, S. 844.
Gründung und Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 wurde die „Rozekruisers Genootschap“ unter ihrem heutigen Namen, Lectorium Rosicrucianum, neu organisiert,Massimo Introvigne: Rijckenborgh, Jan van. In: Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.): Dictionary of Gnosis & Western Esotericism. Brill, Leiden/Boston 2005. S. 994.Peter B. Clarke: Encyclopedia of New Religious Movements. Routledge 2004. S. 338. anderen Angaben zufolge 1946.Harald Lamprecht: Neue Rosenkreuzer. Ein Handbuch. Göttingen 2004, S. 254. Ab 1946 wurden für die Gruppe zwei Namen gebräuchlich: Lectorium Rosicrucianum und Schule des Goldenen Rosenkreuzes. In Deutschland ist das Lectorium Rosicrucianum seit Mai 1955 im Vereinsregister des Amtsgerichts Hannover als gemeinnütziger Verein eingetragen. Ostern 1956 fand die erste deutsche Konferenz mit zirka 120 Teilnehmern statt.
In den Schriften des LR werden unterschiedliche Daten als Gründungsjahre angegeben: 17. Dezember 1915 („Der kommende Neue Mensch“, Haarlem 1954, S. 173), 1924 („Die Gnosis in aktueller Offenbarung“, Haarlem 1956, S. 18),