Leme (portugiesisch ‚Ruder‘) ist ein kleiner Stadtteil (bairro) von Rio de Janeiro.

Lage Innerhalb der Großstadt Rio de Janeiro liegt Leme in der Unterpräfektur Zona Sul und in der Verwaltungseinheit Copacabana, umgeben von den Stadtteilen Botafogo, Copacabana und Urca, direkt zwischen dem offenen Atlantik im Süden und tropisch bewaldeten Granitfelsen, die den Stadtteil im Norden und Osten einrahmen. Diese Felsen sind der 238 Meter hohe Morro da Babilônia im Norden, dessen Hang teilweise von Favelas besiedelt ist, der 127 Meter hohe Morro do Urubú sowie der Morro do Leme im Osten, dessen etwa 124 Meter hohes Kap mit dem Fort Duque de Caxias bebaut ist. Da den Stadtteil die Felsen im Norden und Osten und das Meer ihn im Süden begrenzen und da der Verkehr somit nur aus westlicher Richtung einfährt und in derselben Richtung wieder ausfährt, entsteht eine verkehrsberuhigte Lage, die Leme zu einer Art Sackgassendorf macht. Der lagebedingt verringerte Durchgangsverkehr begünstigt das Wohnen und Flanieren. Als städtebauliche Zäsur und Grenze im Westen zum Stadtteil Copacabana wird die breite und stark frequentierte Avenida Princesa Isabel wahrgenommen. Die im Meer vor dem Eingang zur Guanabara-Bucht liegende, unbesiedelte Ilha de Cotunduba gehört verwaltungstechnisch zu Leme. In seiner Gänze ist Leme Bestandteil der 2012 eingetragenen UNESCO-Welterbestätte „Rio de Janeiro: Carioca-Landschaften zwischen Bergen und Meer“.Rio de Janeiro: Carioca Landscapes between the Mountain and the Sea, Webseite im Portal whc.unesco.org, abgerufen am 10. Juni 2026 mini|Strand und Stadtansicht in Leme, Blick auf den Strand und die Straßenfront entlang der Avenida Atlântica, gesehen von einem Standpunkt an der Mureta do Leme bzw. am Caminho dos Pescadores Ted Boy Marino mini|Luftbild mit Ansicht des Morro do Leme, dahinter die Ilha de Cotunduba mini|Luftbild mit Ansicht des Corcovado im Hintergrund mini|Blick auf die Favela Babilônia am Hang des Morro da Babilônia

Öffentlicher Raum Leme verfügt entlang der mit Hochhäusern bebauten Prachtstraße Avenida Atlântica über einen rund 800 Meter langen, etwa 150 Meter breiten Sandstrand, genannt Praia do Leme, der mit dem kilometerlangen Strand der Copacabana eine landschaftliche Einheit bildet. Spektakulär ist der Stadt- und Naturraum entlang der Strandpromenade Calçadão do Leme e de Copacabana.Hinter dem Felsen Arpoador setzt sich der Calçadão über die Stadtteile Ipanema und Leblon in einem anderen Muster fort. Der Raum ist bekannt für seine kosmopolitische Urbanität. Das gesamte Setting aus Strand, Promenade, hoher moderner Bebauung und darüber aufragenden Felsen, von denen der hinter dem Morro da Babilônia und dem Morro do Urubú aufsteigende Zuckerhut als Wahrzeichen der Stadt der berühmteste ist, bildet die international bekannte Vedute und Waterfront Rio de Janeiros.Elizabeth Macdonald: Urban Waterfront Promenades. Routledge, New York 2018, ISBN 978-1-138-82421-8, S. 29–34 (Google Books) Auch die Felsformation Morro Dois Irmãos, auf die der Calçadão do Leme in südlicher Richtung als Point de vue fluchtet, ist sehr bekannt. Im Norden, wo die Avenida Atlântica an der Praça Júlio de Noronha endet, stoßen Sandstrand und Strandpromenade vor den Fuß des Morro do Leme, einer Felsformation, in die der Caminho dos Pescadores Ted Boy Marino als Fußweg und Anglersteg eingekerbt ist. Ein Mäuerchen namens Mureta do Leme trennt den befestigten Bereich vom Sandstrand und bildet eine beliebte Sitzgelegenheit mit Aussicht auf Stadtlandschaft und Strandleben. Die verkehrliche Binnenerschließung des eher von gehobenen Einkommensschichten bewohnten und von Touristen belebten Stadtviertels bildet die Rua Gustavo Sampaio, eine nach dem brasilianischen Oberleutnant Gustavo Sampaio benannte Wohn- und Geschäftsstraße, die von Bäumen und hoher Bebauung gesäumt ist.

Namensherkunft Zur Etymologie des Ortsnamens gibt es verschiedene Theorien. Die erste leitet den Namen von der Form des Morro do Leme ab, die einem Steuerruder ähneln soll. Die zweite Annahme geht davon aus, dass Pedro Leme, ein im 16. Jahrhundert nach Brasilien ausgewanderter Madeiraner, der Namensgeber sei. Als wahrscheinlich gilt, dass ein bäuerliches Anwesen des 18. Jahrhunderts mit der Bezeichnung „Chácara de Francisco Pereira Leme“ bzw. „Chácara do Leme“ den Namen gab.Ricardo Nunes Borga: O Leme Pela Fotografia. Passado e Presente. Eigenverlag, Rio de Janeiro 2019, S. 9 (Google Books)

Geschichte mini|Ursprüngliche Küste im Bereich von Leme und Copacabana, Fotografie von Marc Ferrez, 1880 mini|Neue Straße, heute Avenida Princesa Isabel, und Túnel Novo, 1907 mini|Rua Gustavo Sampaio, 1907 mini|Blick auf die im Bau befindliche Avenida Atlântica und die gerade fertiggestellte Kaserne in Leme, 1919, im Hintergrund die Senke zwischen Morro do Urubu und Morro do Leme mini|Leme (im Vordergrund) und Copacabana, in der Bildmitte das Grandhotel Copacabana Palace und die Pedras de Inhangá, welche bis zu ihrer partiellen Abtragung und Überbauung die Bereiche Leme und Copacabana naturräumlich trennten, 1920er Jahre mini|Strandpromenade Calçadão an der 1906 erbauten Avenida Atlântica in Leme bei einem Hochwasser, 1921 – Die Strandpromenade ist auf den Morro Dois Irmãos als Fluchtpunkt ausgerichtet. In Leme bestand bis in das 19. Jahrhundert das Gut Leme. Auf diesem Gut gründete der portugiesische Kapitän Manuel Antunes Suzano (* 1680; † vor 1754) im Jahr 1751 die Kapelle Nossa Senhora da Conceição.Cláudia Braga Gaspar: Orla Carioca. História e cultura. Metalivros, 2004, ISBN 978-8-585-37154-8, S. 1785 Das Gutshaus lag am Fuß der heutigen Favela Chapéu Mangueira und existierte bis in die 1930er Jahre. Mitte des 19. Jahrhunderts verkaufte die Familie Suzano einen Großteil des Grundbesitzes der Farm an den Bankier und Unternehmer João Martins Cornélio dos Santos (1827–1894). Von diesem und der Familie Suzano erwarb die Gesellschaft „Empreza de Construcções Civís“ des aus Budapest gebürtigen ungarndeutschen Unternehmers Alexander (Alexandre) Wagner (1833–1897) und seiner Schwiegersöhne Otto Simon (1851–1927)Otto Simon. In: Copacabana. O novo Rio. 2. Jahrgang, Ausgabe Nr. 32 vom 18. Oktober 1908 (PDF) und Theodoro Duvivier (1848–1924) am 7. März 1873 alle Grundstücke zwischen dem Morro do Leme und den Pedras de Inhangá in Copacabana. Die rasante städtebauliche Entwicklung des Gebiets zu einem Küstenbadeort nach einem ersten Plan, den sie 1874 vorgelegt hatten,Elizabeth Dedouzart Cardoso, Lilian Fester Vaz, Maria Paula Albernaz, Mario Aizen, Roberto Moses Pechman: Capacobana. História dos Bairros. Memória urbana. João Fortes Enghenaria, Rio de Janeiro 1986 setzte erst 1892 ein.O comendador e Copacabana, Webseite im Portal brevescafe.net (1996–2013), abgerufen am 21. Mai 2026 In diesem Jahr stellte die Verkehrsgesellschaft Companhia Ferro-Carril do Jardim Botânico im Rahmen einer ihr erteilten Konzession vom Stadtteil Botafogo aus einen ersten Tunnel fertig, den Túnel Alaor Prato oder Túnel Velho. Dieses Bauwerk durchstieß den Bergrücken, welcher die zentralen Teile der Stadt vom offenen Meer trennte, und eröffnete die Vermarktung der Flächen als Bauland. Ein 1894 geschaffener Plan, der Straßen auswies, ordnete die Bebauung. Bald folgte die Inbetriebnahme einer ersten Straßenbahnlinie, die 1901 elektrifiziert und 1903 bis Leme verlängert wurde. Von 1904 bis 1906 wurde weiter nördlich in der Achse der heutigen Avenida Princesa Isabel ein zweiter Tunnel, der Túnel Novo oder Túnel Carioca, heute Túnel Engenheiro Coelho Cintra, einschließlich einer weiteren elektrifizierten Straßenbahnlinie gebaut, so dass die Erschließung nunmehr modernsten urbanen Verkehrsanforderungen genügte.In den 1940er Jahren wurde dieser Tunnel erweitert und parallel der Túnel Engenheiro Marques Porto als zweite Tunnelröhre gebaut.

Der Bebauungsplan von 1894 und die Verkehrserschließung lösten einen Bauboom und einen beträchtlichen Anstieg der Einwohnerzahl aus. Bürger der Ober- und Mittelklasse, die zuvor im Stadtzentrum gelebt hatten, zogen damals in die bevorzugten südlichen Stadtteile, so auch nach Leme.Nubia Beray Armond, João Lima Sant’Anna Neto: The Urban Climate System and the Impacts of Flooding on Rio de Janeiro, Barzil. In: Cristián Henríquez, Hugo Romero (Hrsg.): Urban Climates in Latin America. Springer, Cham 2019, ISBN 978-3-319-97012-7, S. 260 (Google Books) Gefördert wurde dieser Prozess durch Stadtflucht, eine Auswirkung der Industrialisierung, die die Lebensbedingungen im Stadtzentrum Rio de Janeiros verändert hatte. Eklektizistische Villen, Land- und Ferienhäuser prägten die erste Phase dieser Suburbanisierung am Meer und schufen die Grundlage für eine Kolonie, die in den 1920er Jahren für ihre mondäne Seebad-Atmosphäre bekannt war. 1925 fand die Zeitung Revista da Semana, dass die Stadtteile Copacabana und Leme mit Botafogo um den Rang als elegantestes Viertel Rios wetteiferten.Bert Jude Barickman: From Sea-Bathing to Beach-Going. A Social History of the Beach in Rio de Janeiro, Brazil. University of New Mexico Press, Albuquerque/New Mexico 2022, ISBN 978-0-8263-6363-3, S. 110 (Google Books) 1928 entstanden die ersten modernen WohnhochhäuserOrde Morton: Rio. The Story of the Marvelous City. Friesen Press, Victoria/British Columbia 2015, ISBN 978-1-4602-5457-8, S. 161 ff. (Google Books)Teresa A. Meade: „Civilizing“ Rio. Reform and Resistance in a Brazilian City, 1889–1930. The Pennsylvania State University Press, University Park/Pennsylvania 1997, ISBN 0-271-01607-8, S. 80 (Google Books) und veränderten das Ortsbild. Die verstärkte wirtschaftliche Konjunktur seit den 1920er Jahren, angefacht durch allmählich aufkommenden Massentourismus, und technische Entwicklungen, wie die des Aufzugs und des Stahlbetonbaus, sowie der wenig reglementierte Städtebau ermöglichten auf der Grundlage der Bodenspekulation den Bau von Hochhäusern auf kleinen Parzellen in hoher städtebaulicher Dichte. Bis in die 1960er und 1970er Jahre, in denen besonders Bauten im Internationalen Stil hinzukamen und so das heute vorherrschende Stadtbild entstand, erwarben Leme und Copacabana den Ruf, eine in geschlossener Bauweise, Bebauungsdichte und -höhe nordamerikanischen Downtowns ähnelnde, „vertikal“ gebaute Vorstadt zu sein,Tom Angotti: Urban Latin America: Periphery, Informality, and Inequality. In: Tom Angotti: Urban Latin America. Inequalities and Neoliberal Reforms. Rowman & Littlefield, Lanham/Maryland 2017, ISBN 978-1-4422-7448-8, S. 11 (Google Books) was zeitgenössische Modernisten wie Lúcio Costa als städtebauliche Verfehlung kritisierten.Lawrence A. Herzog: Barra da Tijuca: The Political Economy of a Global Suburb in Rio de Janneiro, Brazil. In: Tom Angotti: Urban Latin America. Inequalities and Neoliberal Reforms. Rowman & Littlefield, Lanham/Maryland 2017, ISBN 978-1-4422-7448-8, S. 176 (Google Books) Gebäudenamen wie Edifício New York oder Edifício Manhattan spiegeln die Urbanität und das Lebensgefühl dieser städtebaulichen Entwicklung. Lokalpatriotischen Stolz darauf machte die Sängerin Carmen Miranda Ende der 1930er Jahre populär, indem sie in ihrem Marschlied Paris, das zur Fußball-Weltmeisterschaft 1938 von Alberto Ribeiro und Alcyr Pires Vermelho (1906–1994) komponiert worden war, sang: „Paris, Paris, je t’aime, mas eu gosto mais do Leme“ (‚Paris, Paris, je t’aime, aber besser gefällt’s mir in Leme‘). Als in den 1950er und 1960er Jahren in Rio de Janeiro das neue Musikgenre der Bossa Nova aufkam, bildete Leme zusammen mit dem benachbarten Bereich um die Praça do Lido in Copacabana einen Schwerpunkt der Musik-Szene von Rio de Janeiro, in dem sich 80 Prozent Carioca-Nachtclubs konzentrierten.Ruy Castro: Fisherman, his art, his life. Casa da Palavra, Santo André 2006, ISBN 978-8-5773-4026-2, S. 148