Der Abri du Maras ([]) ist ein Felsüberhang mit einer archäologischen Fundstelle in der Nähe der südfranzösischen Kleinstadt Saint-Martin-d’Ardèche im Département Ardèche.
Der Abri ist bekannt für seine tiefe und gut datierte Schichtenfolge, die eine wiederholte menschliche Begehung während des Mittelpaläolithikums und Initialen Jungpaläolithikums dokumentiert. Langjährige Forschungen lieferten ein umfangreiches lithisches Inventar des Moustérien und Néronien sowie Erkenntnisse zu den verfolgten Subsistenzstrategien.
Organische Anhaftungen an einem Steinwerkzeug erbrachten im Jahr 2020 den Nachweis, dass bereits Neandertaler in der Lage waren, Fäden bzw. Schnüre aus Pflanzenfasern herzustellen.
Geographische Lage und Topographie Der Abri du Maras befindet sich auf der rechten Seite des mittleren Rhonetals in einem kleinen Trockental am Ausgang der Gorges de l’Ardèche. Er liegt auf dem Gemeindegebiet von Saint-Martin-d’Ardèche, 70 m über dem Fluss Ardèche. Er ist nach Südosten gerichtet, seine Breite beträgt heute noch rund 12 m, bei einer Höhe von 2 m und 3 m Tiefe. Die Lage zwischen den Flusstälern von Rhone und Ardèche sowie den höher gelegenen Jagdgebieten des Zentralmassivs erwies sich in prähistorischer Zeit sicher als strategisch günstig. Etwa 19 m weit erstreckt sich vor der Felswand eine rund 3 m mächtige Sedimentabfolge. Einzelne Schichten sind von großen Kalksteinblöcken und -platten überprägt, die von einer einstigen Höhle und einem späteren großen Felsüberhang zeugen. Erste menschlichen Besiedlungen konnten für das Ende der Marinen Isotopenstufe 7 (MIS7) vor rund 250.000 Jahren nachgewiesen werden. Erosion und tektonische Aktivitäten führten zum Zerfall der Höhle, bis schließlich vor ungefähr 90.000 Jahren auch das verbliebene Felsdach einstürzte. Dessen Trümmer bilden einen Marker zwischen den Schichten des älteren und jüngeren Mittelpaläolithikums.
Forschung Forschungsgeschichte mini|Grabungsquadrate und stratigraphische Abfolge mit Altersangaben Laut Jean Combier (1926–2020) geht die Entdeckung des Abri du Maras wahrscheinlich auf den Lehrer Léopold Chiron zurück. Seine 1894 veröffentlichte Beschreibung eines nicht namentlich genannten Felsüberhangs im Massiv Ranc-de-Banaste (le Rocher-des-Paniers) stimmt mit der Topographie des Abri du Maras überein. Das lithische Inventar beschrieb Chiron als „... fast ein ganzer Korb voller Feuersteinsplitter“. In den Resten seiner Sammlungen war das Material später nicht mehr auffindbar.
1946 – 1950 René Gilles führt erste systematische Ausgrabungen im Ostsektor des Abris durch. Seine Forschungen beschränkten sich auf den heute noch überdachten Bereich (bis 3,5 m vor der Felswand), den er bis auf den anstehenden Fels ausgrub. Auf einer Fläche von 17 m² sammelte er 227 Knochenfragmente und 2808 Steinartefakte, die eine Mischung aus mittel- und jungpaläolithischen Werkzeugen repräsentieren und einen der bislang größten Fundkomplexe des Néronien umfassen. 1958, 1963 Unter der Leitung von Jean Combier konzentrieren sich umfangreiche Grabungsarbeiten zunächst auf das Zentrum der Fundstelle und 1963 auf einen bis in den Hang hinein angelegten Schnitt. Combier erkannte darin eine Abfolge von 18 geologischen (a – r) und 8 archäologischen (1 – 8) Schichten. Er dokumentierte zwei Ensemble supérieur (Schichten 2 und 3, gezähntes Moustérien, sowie 4 und 5, Moustérien Typ Ferrassie), und, kleinräumig bis auf das Grundgestein ergraben, ein Ensemble inférieur (Schichten 6–8, Moustérien Typ Ferrassie).
1981 Evelyne Debard entnimmt dem von Combier angelegten Profil Sedimentproben und erarbeitet eine ausführliche Klimarekonstruktion. 1993 Marie-Hélène Moncel führt eine erste Probegrabung im Quadrat C5 durch. Seit 2006 leitet Marie-Hélène Moncel multidisziplinäre Grabungskampagnen, in denen sie die Grabungsfläche vor den Abri verlegt und auf über 90 m² erweitert hat. Die aus zwei neuen Tiefschnitten gewonnenen Erkenntnisse machten eine Neudefinition der Stratigraphie erforderlich. Altersbestimmungen erfolgten durch OSL-, IRSL-, ESR- und C14-Datierung.
Stratigraphie mini|Das östliche Profil und die Fundverteilung in den Schichten 6 bis 4.1 Die Ablagerungen vor dem Abri bilden eine der vollständigsten und chronologisch tiefsten paläolithischen Schichtenfolgen in der Ardèche- / Rhone-Region. Sie ist eine wichtige chronostratigraphische Referenz für das Verständnis des Moustérien.
Schicht 6 (MIS 7) liegt dem Fels auf und datiert mit einem Alter zwischen 240.000 und 215.000 Jahren in das frühe Mittelpaläolithikum. Sie wurde abgelagert, als die Fundstelle noch im Eingangsbereich einer Höhle lag. Die wenigen Steinartefakte zeigen eine frühe Form der Levalloistechnik und des diskoiden Abschlags. Als Rohmaterial kam überwiegend Feuerstein zum Einsatz, der aus Aufschlüssen stammt, die 1 bis 3 Tagesmärsche entfernt liegen. Viele Tierreste weisen Schnittspuren und Schlagmarken auf, wurden also von Präneandertalern an die Fundstelle gebracht, nicht durch Raubtiere. Bevorzugte Jagdbeute waren Hirsche. Schichten 5 / 5 oben (MIS 5a oder 5d) fallen in das späte Mittelpaläolithikum und wurden zwischen 110.000 und 90.000 Jahren vor heute gebildet. Diese Niveaus sind durch die Trümmer des Dacheinsturzes von den jüngeren Schichten getrennt. Es sind zahlreiche Steingeräte enthalten, darunter große Schaber mit markanter Schuppenretusche und Abschläge einer diffusen Rhone-Quina-Fazies. Pollenanalysen deuten darauf hin, dass der Unterstand vorwiegend in den Sommermonaten aufgesucht wurde. Ren- und Pferdereste lassen auf kühlere klimatische Bedingungen schließen. 2018 wurde an der Grenze der Schichten 5 oben und 4.2 das Fragment eines menschlichen Oberarmknochens geborgen. Schicht 4 (MIS 3) umfasst die 52.000 bis 41.000 Jahre alte Schicht 4.2 und die durch einen Hiatus getrennte Schicht 4.1 (46.000 bis 40.000 Jahre). Beide Schichten repräsentieren Besiedlungsphasen in zunehmend kälterem, trockenem Paläoklima, wobei Rentiere die vorherrschende Tierart darstellen. Mit mehr als 4.000 Steinartefakten > 15 mm und zahlreichen Ascheablagerungen sind die Schichten äußerst fundreich. Schichten 3, 2, 1 (MIS 3) sind grobkörnig und enthalten große Kalksteinblöcke. In diesen Schichten wurden nur vereinzelte Artefakte gefunden.
Funde mini|Der Levallois-Abschlag mit dem anhaftenden Schnurfragment Schnurfragment: Im Jahr 2020 wurde in Schicht 4.2 ein 60 mm langer Levallois-Abschlag (Artefakt G8 128) geborgen, an dessen Unterseite das Fragment einer Schnur aus Pflanzenfasern anhaftete. Der Abschlag wurde in situ geborgen, wobei die gezwirnten Fasern an seiner Unterseite in eine Brekzie eingebettet waren. Dies belegt, dass der Zwirn vor oder zumindest zeitgleich mit der Ablagerung des Abschlags vorhanden war und somit aus dem Mittelpaläolithikum stammt. Untersuchungen ergaben, dass drei aus dem Bast von Nacktsamern (wahrscheinlich Kiefern) gefertigte Fasern durch S-Drehung und anschließender Z-Drehung zu einem dreifädigen Strang verzwirnt wurden. Der Zwirn ist 6,2 mm lang, 0,5 mm breit und seine Morphologie ähnelt den Fäden aus moderner Herstellung. Der Fund gilt mit einem Alter von ca. 52.000 bis 41.000 Jahren als der bisher älteste direkte Nachweis von Faserverarbeitung in Europa und wird zeitlich dem Neandertaler zugeordnet. Er belegt ein komplexes kognitives Verständnis und handwerkliches Geschick, das für die Gewinnung von Bastfasern und die Herstellung von z. B. Schnüren, Seilen, Netzen oder Textilien erforderlich ist.
Die Funde der älteren Grabungen sind in der Cité de la Préhistoire in Orgnac-l’Aven archiviert, ausgewählte Stücke befinden sich in der Dauerausstellung.
Siehe auch Orgnac 3 Grotte Mandrin Grotte du Figuier
Literatur Marie-Hélène Moncel, Erwan Vaissié, Juan Marin et al.: Early Middle Palaeolithic Occupations Dated to MIS 7 at the Abri du Maras (Ardèche, Southeast France). In: Journal of Paleolithic Archaeology, volume 8, article number 21, 2025, https://doi.org/10.1007/s41982-025-00221-6 Hardy, B.L., Moncel, MH., Kerfant, C. et al.: Direct evidence of Neanderthal fibre technology and its cognitive and behavioral implications. In: Scientific Reports volume 10, Article number: 4889 (2020), https://doi.org/10.1038/s41598-020-61839-w Jean Combier: Le Paléolithique de l’Ardèche dans son cadre Paléoclimatique In: Publications de l’Institut de Préhistoire de l’Université de Bordeaux / Mémoire, No 4 Bordeaux 1967, S. 140–182, 220–231, 300–311, 364–373.
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Einzelnachweise
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