Die britisch-italienischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen dem Vereinigtes Königreich von Großbritannien und Nordirland und der Republik Italien. Handel, Migration und kultureller Austausch zwischen der Apenninhalbinsel und den Britischen Inseln lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen und setzten sich im Mittelalter und der Neuzeit fort. Die Briten unterstützen die Einigung Italiens und das Vereinigte Königreich und das Königreich Italien unterhielten danach freundschaftliche Beziehungen. Während des Ersten Weltkriegs trat Italien nach dem Abschluss des Londoner Vertrags 1915 aufseiten der Triple Entente in den Krieg ein. In der Zwischenkriegszeit sorgte die Tatsache, dass Italien nicht alle während des Krieges versprochenen Gebiete erhielt, für einen Konflikt mit den anderen Siegermächten und beförderte den italienischen Irredentismus, der einer der Gründe für die Machtübernahme der Faschisten wurde. Gegenüber Italiens Diktator Mussolini verfolgte London zuerst eine Appeasement-Politik, bevor beide Länder während des Zweiten Weltkriegs zu Kriegsgegnern wurden. Die Briten besiegten zuerst die italienischen Kräfte in Nordafrika und spielten ab 1943 eine wichtige Rolle bei der Befreiung Italiens vom Faschismus. Nach dem Ende des Krieges wurden beide Länder Mitglieder der NATO und kooperierten eng im Rahmen der europäischen Einigung. Im 21. Jahrhundert bestehen enge wirtschaftliche und kulturelle sowie freundschaftliche politische Beziehungen zwischen beiden, die sich auch nach dem Brexit vorsetzten.
Geschichte
Frühe Kontakte mini|Römisches Reich unter Kaiser Trajan im 2. Jahrhundert Kontakte zwischen den britischen Inseln und Italien verstärkten sich mit der römischen Eroberung Britanniens im Jahr 43 n. Chr. Der Süden Großbritanniens wurde intensiv kolonisiert und die Römer gründeten Städte wie Londinium (heutiges London). Die römische Herrschaft dauerte bis ins 5. Jahrhundert an und hinterließ ein bleibendes Erbe wie z. B. in Form des Einflusses des Lateinischen auf die englische Sprache (mehr als ein Viertel aller englischen Worte sind lateinischen Ursprungs). Die Beziehungen zwischen italienischen Staaten und England begannen im frühen Mittelalter. Schon vor der Entstehung eines italienischen Nationalstaates bestanden diplomatische Kontakte, insbesondere zum Kirchenstaat. Während der Investiturstreitigkeiten im 12. Jahrhundert etwa standen englische Monarchen und Päpste in direktem Konflikt, was die außenpolitischen Verbindungen prägte. Denn die Könige Wilhelm II. sowie Johann Ohneland und ihre jeweiligen Erzbischöfe von Canterbury, Anselm und Langton gerieten in Streit miteinander. Die letztere Fehde endete mit der Aufhebung der Exkommunikation Johanns im Austausch für seinen Treueeid gegenüber dem Papst.
In der frühen Neuzeit unterhielten das Königreich England (später Vereinigtes Königreich) und mehrere italienische Staaten wie das Königreich Neapel und das Königreich Sardinien gegenseitige Gesandtschaften. Die kulturellen Verbindungen waren ebenfalls intensiv: Schon ab dem 17. Jahrhundert unternahmen viele britische Adelige Bildungsreisen nach Italien im Rahmen der sogenannten Grand Tours. Italienische Kunst, Architektur und römische Antike faszinierten Generationen von Briten und beeinflussten die britische Kultur nachhaltig. Im Gegenzug kamen italienische Kaufleute, Künstler und Gelehrte auch nach Großbritannien, sodass ein reger Kulturaustausch stattfand.
Britische Unterstützung der italienischen Einigung (19. Jahrhundert) mini|Darstellung des Besuchs von Giuseppe Garibaldis in London (1864) Mit der italienischen Einigungsbewegung (Risorgimento) Mitte des 19. Jahrhunderts vertieften sich die politischen Beziehungen. Großbritannien stand der Einigung Italiens überwiegend positiv gegenüber und leistete diplomatische Rückendeckung trotz des Widerstands anderer Großmächte. Tatsächlich war Großbritannien 1861 die erste Macht, welche das neugegründete Königreich Italien diplomatisch anerkannte. Britische Politiker wie Premierminister Lord Palmerston und Lord Russell begrüßten Italiens Streben nach nationaler Einheit. Großbritannien beobachtete die Entwicklung mit großem Interesse. Die britische Öffentlichkeit zeigte enorme Sympathien für die italienischen Freiheitskämpfer. Der Nationalheld Giuseppe Garibaldi wurde in England enthusiastisch gefeiert: Bei seinem Besuch in London 1864 versammelten sich riesige Menschenmengen und bereiteten ihm einen triumphalen Empfang. London fungierte zeitweise gar als Exil für italienische Patrioten, und britische Freiwillige schlossen sich den Truppen Garibaldis an.
Nach der staatlichen Einigung intensivierte sich der Austausch: Italien entsandte 1861 seinen ersten Botschafter nach London. Die früheren Beziehungen Großbritanniens zu den Vorgängerstaaten (etwa Piemont-Sardinien) gingen nahtlos in formelle bilaterale Kontakte mit dem Königreich Italien über. In den folgenden Jahrzehnten galt ein freundschaftliches Verhältnis zwischen beiden Ländern als selbstverständlich – man sprach vom „traditionellen anglo-italienischen Freundschaftsband“ in der Diplomatie des späten 19. Jahrhunderts. Dennoch blieben Spannungen nicht aus, etwa aufgrund der wechselnden Bündnispolitik: Italien trat 1882 dem Dreibund mit Deutschland und Österreich-Ungarn bei, suchte aber weiterhin die Verständigung mit Großbritannien. London zeigte Verständnis für Italiens koloniale Ambitionen am Horn von Afrika; gleichzeitig achtete man auf ein Gleichgewicht, um Konflikte mit Frankreich zu vermeiden. Insgesamt blieben die Beziehungen bis zum Jahrhundertende von grundsätzlicher Wohlwollen geprägt, wenngleich die außenpolitischen Interessen nicht immer deckungsgleich waren.
Bündnis im Ersten Weltkrieg mini|Italien im Londoner Vertrag von 1915 versprochenen Gebiete Im Vorfeld des Ersten Weltkriegs kam es zu einer Neuorientierung Italiens, die die Zusammenarbeit mit Großbritannien entscheidend vertiefte. Zwar war Italien seit 1882 formal mit den Mittelmächten verbündet, doch beim Kriegsausbruch 1914 blieb es zunächst neutral. Großbritannien war bemüht, Italien auf die Seite der Entente zu ziehen, nicht zuletzt wegen der strategischen Lage Italiens an der Alpen- und Adriafront. Intensive diplomatische Verhandlungen führten zum geheimen Londoner Vertrag vom 26. April 1915, in dem Großbritannien, Frankreich und Russland Italien im Falle eines Kriegseintritts umfangreiche territoriale Zugewinne zusagten. Diese Zusicherungen betrafen u. a. Südtirol, Triest und Teile Dalmatiens, um italienische Irredenta-Forderungen zu erfüllen. Nach der Unterzeichnung des Londoner Pakts erklärte Italien im Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg und schloss sich der Entente an.
Großbritannien begrüßte den neuen Bündnispartner und unterstützte Italien sowohl militärisch als auch finanziell – unter anderem durch ein Darlehen über 50 Millionen Pfund Sterling. Italienische Truppen kämpften fortan an der Seite Großbritanniens und Frankreichs. Insbesondere an der Alpenfront band Italien beträchtliche Kräfte Österreich-Ungarns, was die Westfront entlastete. Die Kooperation vertiefte sich weiter, als Italien 1916 auch dem Deutschen Reich den Krieg erklärte. Beide Länder gehörten am Ende des Krieges zu den Siegermächten von 1918. Jedoch war es während des Krieges (z. B. nach Bekanntwerden des Sykes-Picot-Abkommen) bereits zu Streitigkeiten zwischen den Verbündeten gekommen und auch die britischen Kriegskredite waren nicht annähernd ausreichend gewesen.
Zwischenkriegszeit mini|Von links nach rechts: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini und der italienische Außenminister Graf Ciano bei den Vorbereitungen zur Unterzeichnung des Münchner Abkommens (1936) Direkt nach Kriegsende traten offen Spannungen zutage: Auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 fühlte sich Italien durch die Entente – darunter Großbritannien – nicht vollumfänglich für seine Opfer entschädigt. Nicht alle in London 1915 versprochenen Gebiete wurden Italien zugesprochen (Stichwort „verstümmelter Sieg“), was in Italien große Verbitterung auslöste. Großbritannien wiederum zeigte begrenztes Verständnis für einige italienische Forderungen, etwa in Dalmatien und im Kolonialbereich, jedoch zeigte US-Präsidenten Woodrow Wilson eine ablehnende Haltung gegenüber Italiens Annexionsplänen. Trotz dieser Differenzen blieben Großbritannien und Italien formal Verbündete im neugeschaffenen Völkerbund.
In den 1920er Jahren normalisierten sich die Beziehungen zunächst. Großbritannien bemühte sich, Italien als wichtigen Pfeiler der europäischen Nachkriegsordnung und als Gegengewicht zu Frankreichs Einfluss in Südosteuropa einzubinden. Die Machtübernahme Benito Mussolinis 1922 wurde in London anfangs eher wohlwollend betrachtet, vor allem wegen Mussolinis striktem Antikommunismus. Tatsächlich hatte der britische Geheimdienst bereits während des Ersten Weltkriegs in Mussolini investiert: 1917 erhielt der damals 34-jährige Mussolini von MI5 finanzielle Unterstützung (100 Pfund pro Woche), um in seinem Zeitungsorgan eine probritische Haltung in Italien zu fördern und die Kriegsgegner zu schwächen. 1925 unterzeichneten beide Länder zusammen mit anderen Mächten das Locarno-Abkommen, und 1927 schlossen Großbritannien und Italien ein Freundschaftsabkommen, das die guten Beziehungen bekräftigte.Treaty of Friendship, Conciliation, and Arbitration
Allerdings trübten sich die Beziehungen in den späten 1920er Jahren zeitweise ein. Insbesondere die britische Labour-Regierung Ramsay MacDonalds (1924 sowie 1929–1935) distanzierte sich vom faschistischen Regime. MacDonald, ein Sozialist, lehnte persönliche Treffen mit Mussolini ab und sympathisierte mit dessen innenpolitischen Gegnern. Dennoch blieben diplomatische Kanäle offen. In den 1930er Jahren kam es zu einer Annäherung: Der italienische Botschafter in London, Dino Grandi, pflegte ab 1932 intensive Kontakte zur britischen Regierung. Großbritannien suchte die faschistische Führung zu beschwichtigen, um die europäische Ordnung zu stabilisieren. So waren London und Paris 1935 bereit, Italien großzügige Kolonialzugeständnisse in Abessinien (Äthiopien) zu machen – der Hoare-Laval-Pakt sah vor, Mussolini den Großteil Äthiopiens anzubieten, um den Italo-Äthiopischen Krieg zu beenden. Diese Appeasement-Politik scheiterte jedoch nach Bekanntwerden des geheimen Plans an lautstarkem Protest in der britischen Öffentlichkeit.
Großbritannien schwenkte daraufhin um und unterstützte die Sanktionen des Völkerbunds gegen Italien wegen dessen Angriff auf Äthiopien. Trotz der Friktionen blieb London bis 1936 bemüht, Italien nicht in Hitlers Lager abdriften zu lassen. Beide Länder kooperierten im Stresa-Front-Abkommen 1935, um der deutschen Aufrüstung entgegenzutreten. Doch nach Italiens Annäherung an das Deutsche Reich (Achse Berlin–Rom) kühlten die Beziehungen deutlich ab. Mussolinis Annexion Abessiniens und die Unterstützung Francos im Spanischen Bürgerkrieg verschlechterten das britisch-italienische Verhältnis weiter. Gleichwohl versuchte die britische Diplomatie bis zuletzt, Italien von einem Bündnis mit Hitler abzuhalten. Bei der Münchener Konferenz 1938 bezog man Italien aktiv mit ein – Mussolini trat dort als vermeintlicher Vermittler auf –, in der Hoffnung, einen großen Krieg zu verhindern.
Zweiter Weltkrieg mini|Britische Truppen bei der Landung in Sizilien (1943)