mini|Die Vernichtung des Leviathan, Gravur von Gustave Doré (1865)
Leviathan (Betonung [leˈvi̯aːtan] oder [levi̯aˈtaːn], hebräisch לִוְיָתָן liwyatan „der sich Windende“) ist ein kosmisches Seeungeheuer aus der jüdischen Mythologie. Der Leviathan soll am Ende der Welt von Gott besiegt werden. In der arabischen Literatur taucht er als Bahamut auf, der die Welt – um ihr einen letzt vorstellbaren Halt zu bieten – auf seinem Rücken trägt. Vom Christentum wiederum wurde das Symbol des Leviathans als dämonische Instanz des Bösen übernommen, die dennoch im Auftrag des Guten (Gottes) agiert: Er verschlingt die Sünder am Tag des Jüngsten Gerichts. Eine ähnliche Vorstellung findet sich in der Gnosis. Dort umfasst er die Welt wie eine Sphäre und verleibt sich die Seelen jener ein, die den materiellen Verhältnissen zu sehr anhaften. So können diese Seelen den jenseits gelegenen Bereich der Fülle Gottes, von dem alles Gute ausströmt, nicht erreichen.
Bei Hobbes schließlich wird der Leviathan zu einer Metapher der staatlichen Allmacht, die sich dadurch aufrechterhält, dass sie Generation um Generation alle Kinder in ihrem Sinne formt. Diese Vorstellung einer sich von ihren stetig neugeformten Bürgern „nährenden“ Macht basiert auf einem Konzept der das kindliche Gedächtnis mechanizistisch prägenden Erziehung. Dieser liegt ein Gut-Böse-Dualismus zugrunde: ein hypothetisches Naturgesetz, demzufolge der Mensch dem Menschen ein Wolf sei und die zwecks Eindämmung der entsprechend erschreckenden Verhältnisse pädagogisch vermittelten Gesetze des Staates als Leviathan.
Vorbiblische Zeit mini|Babylons Weltkarte. Der Gürtel zeigt das die Erde umgebende „bittere“ Weltmeer Tiamat, die Dreiecke hohe Gebirge, darunter ein Berg in Urartu, auf dem die Arche des babylonischen Noahs wieder Land fand. Grundlage der Vorstellung vom Leviathan sind altmesopotamische Mythen. Im Kulturkreis Babylons wird die Salzwassergöttin Tiamat erwähnt. Teils drachengestaltig vorgestellt, war sie auch der „bittere Fluß“, das Salzwasserweltmeer, das das Festland auf der ältesten bekannten Weltkarte an dessen Rand rings umfließt. Gepaart mit dem kosmischen Süßwasserozean Apsu geriet Tiamat in schwere Kämpfe mit jüngeren Göttern; erst Babylons Gründergott Marduk habe sie endgültig überwunden. An den Rändern der getöteten Urgöttin errichtete er feste Wohnstätten für seine verbündeten Götter und erschuf die ersten, diesen ehrfürchtig Anbetung und Nahrungsopfer darbringenden, Menschen.
In der ugaritischen Mythologie gelang es dem Götterpaar Ba’al und Anath, das aufgrund einer uralten Zahlenmystik siebenköpfige Seeungeheuer Lotan zu besiegen; über variierende Erzählungen ist es gleichgesetzt mit dem Meeresgott Yam, einem Synonym des Fließens, allgemein aller Wasser.
Der Titel Baal bezeichnet meist den jeweils höchsten Gott der verschiedenen Lokalmythen Mesopotamiens,Ephraim Stern: Archaeology of the Land of the Bible. Band 2, New York 2001, ISBN 0-385-42450-7, S. 76. die über die Erzählung des Sturmgottes Adad bis nach Enlil zurückreichen. Analog der Luft als das den Körper animierende Lebenselement, welches man dieser Vorstellung gemäß mit dem Tode wieder „aushaucht“, gilt den sumerischen Mythen Enlil als machtvoller Geist, der die Erde inmitten des Apsus erschuf. Enlil heftete ihr oben eine Atemluftblase (Atmosphäre) an und wurde hernach zur führenden Instanz einer Organisation aus insgesamt drei männlichen Göttergruppen (Anunnaki). Spezialisiert auf verschiedene Gebiete verwandelten diese Gruppen die mesopotamische Steppe Eden in eine fruchtbare Kulturlandschaft. Dabei wurden sie von den 7 göttlichen Mutterleibern unter Führung der Erd-Urmutter Ninḫursanga, welche die wichtige Aufgabe der Reproduktion übernahm, begleitet.
In dieser während des Neolithikums entwickelten, ältesten bekannten, Hochkultur der Menschheit entstanden die Keime praktisch aller biblischen Urmythen: Nicht nur die Erschaffung des Garten Eden und eines ersten Menschenpaares stammen von dort her, sondern auch die Sintflut, welche Enlil entfesselte, indem er die im Himmel eingelassenen Schleusentore zum kosmischen Urozean öffnete. Grundlagen dieser im Athrahasis-Epos zusammengefassten Mythen sind eine zunehmende Überbevölkerung seitens der ursprünglich als Arbeitssklaven erschaffenen Menschen sowie weitere möglicherweise reale Katastrophen (z. B. Epidemien, Dürren, Megafluten infolge Abschmelzen glazialer Eispanzer). Die wenigen Überlebenden empfanden diese Ereignisse – wie mythisch Noahs Familie – als von erzürnten Göttern beabsichtigte Vernichtungsversuche.
Biblisch-talmudische Tradition
Herkunft Nach erschuf Gott den Leviathan im Urozean, um mit ihm „zu spielen“ (Einheitsübersetzung aus dem Hebräischen). Nach dem Kapitel Avoda Zara des babylonischen Talmuds pflegt Gott dies in den letzten drei Tagesstunden zu tun, nachdem er die Tora studiert, die Welt genährt und über sie gerichtet hat. Damit wird theologisch die Macht und Souveränität des biblischen Gottes veranschaulicht, für den das furchterregende Wesen der altmesopotamischen Mythologie quasi ein Spielzeug darstellt, das er nach Belieben, oft zur Bestrafung der aus seiner Sicht sündigen Menschen, einsetzen kann.
Nach anderen Übersetzungen spielt nicht Gott mit dem Leviathan, sondern dieser im Meer bzw. mit den Schiffen.
Jüdische Bibel Der Leviathan kommt in der Tora bei Hiob und im Buch der Psalmen als Fabeltier, als kosmischer Drache vor. Vor allem trägt er dort die Züge eines Krokodils, daneben aber wird seine Gestalt als die eines Wals oder einer Schlange beschrieben. Dementsprechend erwähnen ihn manche der Übersetzungen auch nur mit dem Namen eines dieser Tiere. Andere Interpretationen wiederum fassen ihn als allegorische Figur zur Darstellung der vernichtenden Kraft des Meeres auf, in welchem oder mit dem Gott spielen würde.
Als explizit kosmischer Ozean (die Bewegungen der Schlange gleichen einem wellenförmigen Fließen) auf ein anderes Element verweisend als das Landtier Behemoth und der die Lüfte durchstreifende Vogel Ziz, nimmt diese Auffassung Bezug auf den sagenhaften Augenblick kurz vor der Erschaffung von Himmel und Erde: und zwar auf das zu Beginn der Bibel beschriebene Schweben des Geistes Gottes auf den Wassern. Auch die weiteren Parallelen mit dem sumerischen Originalmythos sind frappant: Wie einst Enlil, so taucht nun der biblische Jehova in den (vermutlich) wie eine Kugel vorgestellten kosmischen Süßwasser-Ozean ein, zertrennt Anteile desselben nach Luft und Erde, erschafft oben die Lichter des Himmels und binnen 5 weiterer Tage alle Lebewesen, um sich am 7. Tage von seiner schweren, in jeder Hinsicht wohlgelungenen, Arbeit zu erholen.
Von einem Versagen oder gar einer Bosheit – wie dem Leviathan zugeschrieben – gibt es im Kapitel 1 der Genesis noch keine Spur: zum erstmaligen Erscheinen von beidem auf Erden müssen im Kapitel 2 zunächst Adam und Eva erschaffen und zusätzlich ein Verbot verhängt worden sein (das der Berührung des Baumes der Erkenntnis), gegen das von ihnen verstoßen werden kann. Als boshafter Verführer Evas tritt die Schlange auf, mythisch das listigste aller Tiere.
Der seinerseits mit den Schuppen der Schlange und einem vor Bosheit verhärteten Herzen ausgestattete Leviathan wird detailliert im Buch Hiob beschrieben: dort gilt seine unbesiegbare Stärke als Sinnbild einer Macht, gegen die sich Hiob in seiner Verzweiflung aufzulehnen beginnt:
mini|319x319px|Hobbes Leviathan. Sein Leib besteht aus Menschen, die dem Gesellschaftsvertrag zugestimmt haben.Interpretation aus Tobias Bevc: Politische Theorie. UVK, Konstanz 2007, S. 62, ISBN 978-3-8252-2908-5. Die Bibelstelle ist auf dem Titelblatt mit 41,24 angegeben.Zur Interpretation der Titelgestaltung vgl. auch: Reinhard Brandt: Das Titelblatt des Leviathan. In: Wolfgang Kersting (Hrsg.): Thomas Hobbes. Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates (= Klassiker Auslegen. Band 5). Berlin 2008, S. 25–45.
Als Hiob im Aufbegehren gegen das „Schicksal“, das ihm Gottes grausamer Wettstreit mit dem Satan um seine Seele auferlegt, den Tag seiner Geburt zu verfluchen wagt, erwähnt er den Leviathan als gefürchtetes Symbol der Gewalt, welche die Priester heraufbeschwören und beschwichtigen können. Nämlich ein ungeheuerlicher Drache, der immer frustriert und bedrohlich wird, falls ein Kind tot geboren wird, da er dann nichts zu fressen bekommt. So verfluchen die Priester den Unglückstag im Bemühen, das Ungeheuer mit Futter zu versorgen (Hiob 3,8).
Hier stellt der Leviathan einen monströsen Kinderfresser dar, die Priester wiederum eine Kaste von Männern, die diese Art Glauben pflegen und mittels religiöser Erziehung unter dem Volk verbreiten, um es im Sinne der von ihnen konzipierten Gesellschaftsordnung (Früh-Feudalismus) zu lenken.
Vernichtung durch Gott Da jegliches menschliche Mühen vor einem derartigen Ungeheuer zuschanden werden muss , bleibt es Gott selbst vorbehalten, am Ende der Zeit den Leviathan zu besiegen. Nach wird er „ihm den Kopf zermalmen“, nach diesen „mit seinem harten, großen, starken Schwert […] töten“, nach anderer Übersetzung auch erwürgen. Nach dem Traktat Moed Katan im babylonischen Talmud schließlich wird der Leviathan aus dem Meer geangelt wie ein gewöhnlicher Fisch.mini|Die Ungeheuer Behemoth (links), Leviathan (rechts) und Ziz (oben), Bibelillustration (Ulm 1238)
Nach einer üblicherweise zum Schawuot vorgetragenen Hymne namens Akdamut bzw. dem Talmud-Traktat Bava Bathra kommt es nach der Schlacht von Harmagedon am Ende der Zeiten zu einem Kampf zwischen den Ungeheuern Leviathan und Behemoth, bei dem dieser seinen Widersacher mit den Hörnern aufzuspießen versucht, während Leviathan mit seinen Flossen nach dem Landungeheuer schlägt.
Schließlich wird Gott der Herr beide Ungeheuer mit seinem mächtigen Schwert erschlagen und das Fleisch der beiden gemeinsam mit dem des Vogels Ziz den Rechtschaffenen zur Speise geben. Aus ihrer Haut indes wird er ihnen Zelte und Baldachine machen. Dementsprechend enthält das Sukkot-Gebet den Wunsch, dass man in einer mit der Haut des Leviathans bespannten Laubhütte zusammenkommen möge.
Apokryphen Aus diesen biblischen Traditionen schöpfen die Apokryphen das Motiv des Leviathans als weibliches Fabelwesen, das gemeinsam mit seinem männlichen Gegenstück Behemoth von Gott zur Züchtigung der Menschen gesandt wird (1. Hen 59,7 ff.). Während letzterer die Wüste beherrscht, ruht Leviathan auf dem Meeresgrund. Am Ende werden beider Opfer durch Gottes Gnade errettet (1. Hen 60,7).
In der Apokalypse des Abraham betrachtet Abraham in einer Vision die Welt und sieht sie auf dem Leviathan liegend. Mit dessen Vernichtung gehe dann auch die Welt zu Ende.
Christliches Mittelalter In christlicher Zeit und Kultur wird Leviathan mit dem Teufel in Verbindung gebracht, aber auch als Allegorie für Chaos und Unordnung, für Gottferne und Sündhaftigkeit der Menschen aufgefasst. Für Thomas von Aquin und den Jesuiten Peter Binsfeld repräsentiert er als Dämon des Neides eine der sieben Todsünden. In der angelsächsischen Kunst (ab etwa 800) wurde der Leviathan als Höllenschlund dargestellt; als tierisches Monster, welches der Satan am jüngsten Gericht mit den Verdammten füttert.Luther Link: The Devil: A Mask Without a Face. Reaktion Books, London 1995, ISBN 0-948462-67-1, S. 75–6 (englisch).
Gnosis und ähnliche Glaubensvorstellungen