Catullus 16 (auch Carmen 16 oder nach dem Incipit ) ist ein Gedicht des römischen Dichters Catull aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, welches aufgrund seiner obszönen Sprache einen starken Nachhall erfuhr und immer wieder Gegenstand von Zensur wurde. Inhaltlich behandelt es das Verhältnis zwischen Dichter und Werk.

Analyse und Interpretation Inhalt Das im phaläkischen Vers geschriebene Gedicht behandelt das Spannungsverhältnis zwischen Dichter und seinem Werk: Zwei Männer, Marcus Furius Bibaculus und Marcus Aurelius Cotta Maximus Messallinus, läsen nach Angabe des lyrischen Ichs die Verse Catulls als verweichlicht und übertrügen das auf den Dichter selbst. Dagegen wehrt sich das lyrische Ich mittels einer äußerst obszönen Sprache und durch Androhung von sexueller Gewalt, um seine Männlichkeit zu demonstrieren.

Neben diesem Gedicht tauchen die beiden angesprochenen Männer noch in Catullus 11, 15, 21, 23, 24 und 26 auf. In dem ersten Gedicht werden die beiden als (etwa „Freunde Catulls“) bezeichnet.

Das Gedicht erzielt einen paradoxen Effekt, da der Dichter darin einerseits betont, er müsse keusch und fromm sein, andererseits den Adressaten im ersten und letzten Vers schwere sexuelle Misshandlungen androht.Donald Lateiner: Obscenity in Catullus. In: Ramus 6, Heft 1 (1977), S. 15–32, hier S. 15.

Vers Lateinischer Text Übersetzung 1 Pēdīcābō ego vōs et irrumābō Ich werde euren Arsch und Mund ficken, 2 Aurēlī pathice et cinaede Fūrī, unzüchtiger, passiver Aurelius und Kinäde Furius, 3 quī mē ex versiculīs meīs putāstisdie wegen meiner kleinen Verse glaubten, 4 quod sunt molliculī, parum pudīcum. weil sie weichlich sind, mir mangele es an Scham. 5 Nam castum esse decet pium poētam Denn es ziemt sich einem inspirierten Dichter selbst, rein zu sein, 6 ipsum, versiculōs nihil necesse est doch das muss nicht für seine Gedichte gelten. 7 quī tum dēnique habent salem ac lepōrem Diese haben schließlich dann Würze und gefälligen Scherz, 8 Sī sint molliculī ac parum pudīcī wenn sie weichlich und schamlos sind 9 et quod prūriat incitāre possint und können, was lüstern ist, erregen. 10 nōn dīcō puerīs sed hīs pilōsīs Damit meine ich nicht Knaben erregen, sondern behaarte, steife Männer, 11 quī dūrōs nequeunt movēre lumbōs. die keinen mehr hochkriegen. 12 Vōs quod mīlia multa bāsiōrum Weil ihr von meinen tausend Küssen laset, 13 lēgistis male mē marem putātis? glaubt ihr, ich sei weniger Mann? 14 Pēdīcābō ego vōs et irrumābō. Ich werde euren Arsch und Mund ficken.

Übersetzungsschwierigkeiten Catulls Gedicht ist aufgrund der kulturellen Differenzen und der veränderten Vorstellungen von Sexualität und Männlichkeit oftmals schwer zu übersetzen (insofern es überhaupt übersetzt wurde). Exemplarisch soll das an den ersten beiden Versen erläutert werden.

Das Wort (Infinitiv ; wohl von „dem Kind zugehörig“) bezeichnet eine anale Penetration, die an einem Kind (meistens einem Knaben) vorgenommen wurde (siehe Päderastie); (Infinitiv ; von und „Titte“) bezeichnete ursprünglich „saugen“, nahm aber später die Bedeutung von oraler Penetration an (siehe Fellatio); (von altgriechisch „sich leidend/erduldend verhaltend“) ist das Ziel einer . Mit einem Kinäden ist ein effeminierter homosexueller Mann gemeint.

Sowohl / als auch / können als Invektiven verwendet werden. Michael von Albrecht hebt hervor, dass es sich bei der Drohung um eine Hyperbel handele; die habe eine strafende und die eine demütigende Assoziation. Mary Beard liest in den Versen Ironie heraus: Catull hebe in dem ganzen Gedicht hervor, man könne vom verweichlichten Versen nicht auf den Dichter schließen. Umgekehrt könne auch diese Drohung seine Männlichkeit nicht stärken.

Verschiedene Übersetzer haben diese beiden ersten Verse wie folgt übersetzt:

Übersetzer Text Michael von Albrecht EUCH VÖGELN, euch werd ich Bürzel und Schnabel stopfen, Strichvogel Aurelius und Betthüpfer Furius Fritz Graßhoff Ich stoße euch zu Grus und Mus, ihr fiesen Hunde, Aurelius und Furius, Halunken ihr, mit Mist am Spunde!Fritz Graßhoff (1913-1997), Die klassische Halunkenpostille, München 1967 (Erstausgabe 1964), S. 44f. Rudolf Helm Will’s euch vorne und hinten schon besorgen, Wüstling Furius und Aurel, du Lüstling Niklas Holzberg Ich werde euch in den Arsch ficken und in den Mund, dich, Schwuchtel Aurelius, und dich, Tunte Furius Otto Weinreich Hinten werd ich und oben euch verstöpseln, dich, Lustknabe Aurel, dich, Lüstling Furius

Deutung Carmen 16 wird als poetologische Selbstaussage Catulls darüber gedeutet, wie seine Gedichte gelesen werden sollen, nämlich nicht als autobiographisches Zeugnisse. In V. 7 erklärt Catull, worum es ihm in seinen Gedichten vielmehr geht, nämlich sal und lepos, also Witz mit einer gewissen Schärfe (wofür die Metapher Salz steht) sowie Charme bzw. Anmut.Bruce Gibson: Catullan Themes. In Ian Du Quesnay, Tony Woodman (Hrsg.): The Cambridge Companion to Catullus. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2021, ISBN 978-1-107-19356-7, S. 89–115, hier S. 112 ff. Dass Catull dabei Drohungen mit sexueller Misshandlung anwendet, zeigt nach der amerikanischen Altphilologin K. Sara Myers, dass im Rom der klassischen Zeit ästhetische und moralische Urteile oft zusammenfielen.K. Sara Myers: Gender and Sexuality. In: Ian Du Quesnay, Tony Woodman (Hrsg.): The Cambridge Companion to Catullus. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2021, S. 70–89, hier S. 76.

Der Altphilologe Niklas Holzberg deutet Catulls erotische Gedichte als absichtliche Übernahme einer unmännlichen, weichlichen Persona, einer komischen Figur, mit der er seine zeitgenössischen Leser, die in einer „phallokratischen Grundordnung“ sozialisiert worden seien, zum Lachen habe bringen wollen. In dieser Rolle habe er die beiden Kussgedichte carmen 5 und carmen 7 geschrieben, auf die er in V. 7 anspielt, doch das Spiel mit einer Rolle, die seinem wahren Selbst gar nicht entspreche, decke er in carmen 16 auf.Niklas Holzberg: Catull. Der Dichter und sein erotisches Werk. C.H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-48531-6, S. 26–28.

Rezeption Besonders die Verse 5 und 6, dass man den Dichter von seinem Werk trennen müsse, erfuhren einen stärkeren Nachhall in der Antike. Ovid verteidigte sich in seinen Tristien (II 353–4) mit demselben Argument, ohne Catull jedoch zu erwähnen. Plinius der Jüngere zitierte diese Verse explizit und bezeichnete sie als „das wahreste Gesetz“ (), IV 14. auch Martial bezieht sich explizit auf seine Verse in seinen Epigrammen,Epigramme I. 36.10–11. ebenso Apuleius.Apuleius, 11,3.

Aufgrund der obszönen Sprache ist das Gedicht immer wieder im Original oder in der Übersetzung zensiert worden. Francis Warre-Cornish, der für die Catull-Ausgabe der Loeb Classical Library verantwortlich war, zensierte den ersten Vers, lässt das Gedicht ab Vers 6 abbrechen und bezeichnete es als nur „fragmentarisch“ überliefert. Für einige Zeitgenossen des viktorianischen Zeitalters schien es unvorstellbar zu sein, dass Catull solche Verse schrieb, und sie hielten sie für spätere Interpolation. Dem folgend haben einige andere Ausgaben ebenfalls die letzten acht Verse ausgelassen.

Laut dem US-amerikanischen Altphilologen Donald Lateiner ist das Gedicht der früheste nachweisbare Protest gegen die „biographical fallacy“, also gegen die irrige Identifizierung des Dichters mit dem lyrischen Ich.Donald Lateiner: Obscenity in Catullus. In: Ramus 6, Heft 1 (1977), S. 15–32, hier S. 16.

Weblinks

Anmerkungen

Kategorie:Gedicht Kategorie:Literarisches Werk der Antike Kategorie:Literatur (Latein) Kategorie:Literatur (1. Jahrhundert v. Chr.)