Kapıkaya ist eine antike Stätte beim Dorf Güneyce in der Südwest-Türkei im Landkreis Isparta der gleichnamigen Provinz in den Ausläufern des Davraz Dağı. Der Ort ist nicht zu verwechseln mit Kapıkaya (Kapıkaya Canyon/Kapıkaya-Schlucht des Çakıt Çayı) bei Karaisalı oder dem Ort Kapıkaya bei Kozan (beide in der Provinz Adana).
Zur geographischen Lage links|mini|Blick nach Süden vom Kapıkaya-Pass in die Senkenlandschaft des Çukurçay und Aşağı Gökdere. Die Ruinen der antiken Siedlung mit städtischem Charakter, deren Name bislang unbekannt ist und deshalb unter der regionalen Bezeichnung „Kapıkaya“ (Torfelsen) geführt wird, liegen ca. 20 km südöstlich von Isparta in den südlichen Ausläufern des Davraz Dağı (2637 m) laut Guy Labarre auf einer Höhe zwischen 1200 m und 1350 m in der antiken Region Pisidien.mit den geographischen Koordinaten 37°39'09.31" Nord und 30°45'24.32" Ost. Nach Hochrechnung der Werte aus einem Detailplan der östlichen Siedlungsteile erstreckt sich das bebaute Stadtgebiet allerdings weitgehend in einer Höhe zwischen 1390 m (Kirche im Norden), 1350 m (Agora) und 1340 m (südliche Vormauern). Dieser Platz etwa 2 km (8 km a. d. Straße) südwestlich des Dorfes Güneyce auf einer in der Antike benutzten Passhöhe ist von unzugänglichen und schroffen Bergen umgeben. Er wird strategisch günstig eingerahmt zwischen den Gipfeln des Keçikayası Tepesi (1543 m) im Westen und Kapıkaya Tepesi (1739 m) im Osten in einer südwärts ausgerichteten geographischen Position, die die Täler des Aksu Çayı (antik: Kestros/Cestros) und einiger seiner Nebenflüsse zum Mittelmeer hin dominiert. Der Durchgang zwischen diesen beiden Gipfeln bildet eine natürliche Öffnung, die der Stätte ihren Namen gab: „Kapıkaya“ (Torfelsen). Am südlichen Fuße der Stätte fließt der Çukurçay von Nordosten nach Südwesten und im Westen der Isparta Çay, beides Nebenflüsse des Aksu Çayı. Die Stätte hieß früher Kapılıtaş (Stein mit Tor), als sie am 6. Mai 1842 vom deutschen klassischen Philologen und Gymnasiallehrer Julius August Schönborn als erstem Europäer erforscht wurde.
Forschungsgeschichte
Der leidenschaftliche Asienforscher August Schönborn lieferte Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Beschreibungen des Ortes Kapıkaya. Er identifizierte den Ort mit Sandalion, das laut Strabon jedoch zwischen Sagalassos und Kremna lag. Er berichtete von Nischengräbern in Felswänden, von Mauern aus großen Quadern und von 8 zusammengefallenen Gebäuderuinen. Etwas genauer erwähnte er einen Bau, den er als Stadion ansah. Es sollte über 140 Jahre vergehen, bis die nächsten Forscher Kapıkaya besuchten. Der erste war der Österreicher Norbert Mersich, der 1985 nach Kapıkaya kam. Er konzentrierte sich dabei vor allem auf die frühchristlichen Überreste. Er entdeckte ein Baptisterium und die Mauern einer Kirche (Apsis und einen Teil des Narthex), deren übrige Mauern aus hellenistischer Zeit stammten. Er erwähnte auch die Existenz zweier weiterer Kirchen in der Nachbarschaft. 1994 führte unter der Leitung von Marc Waelkens das archäologische Team aus Sagalassos (bei Ağlasun) in Kapıkaya Forschungen durch. Waelkens zeichnete ein etwas schärferes Bild der Stätte. Dabei benannte er mehrere Kirchen und ein Baptisterium. Er korrigierte die Interpretation Schönborns und erkannte das Forum/Agora von Kapıkaya. Die Beschreibung konzentrierte sich hauptsächlich auf die Überreste der örtlichen Hauptgebäude, ging aber auch kurz auf die Befestigung, die Nekropole und die Arkosolien ein. Vier davon wurden 2007 von der türkischen Archäologin Neslihan Yılmaz veröffentlicht, die Studie blieb jedoch unvollständig.
In den 1990er Jahren wurde die Stätte vom britischen Althistoriker Stephen Mitchell vorläufig als Typallia identifiziert. Außer dem Namen Typallia verwendete Mitchell auch die Schreibweise Typallion. Diese Namenszuweisung wurde allerdings durch die Forschungsergebnisse vom türkischen Althistoriker Bülent İplikçioğlu widerlegt, der Typallia an einem anderen Ort nachwies. Typallia konnte sicher am Asarlık Tepe am Südrand des Sivri Dağı (Teil der Beydağları) bei Çitdibi (Konyaaltı / Antalya) lokalisiert werden, sodass die Frage der Identität von Kapıkaya weiter offen blieb. Veli Köse, türkischer klassischer Archäologe des Surveyteams von Waelkens (s. o.), veröffentlichte 2005 erstmals zwei entdeckte Waffenreliefs der Markthalle in Kapıkaya. Wieder vergingen fast 10 Jahre, bis die nächste Forschergruppe nach Kapıkaya kam. Es waren die Historiker Guy Labarre und Mehmet Özsait sowie die Archäologen Nesrin Özsait und İlhan Güceren, die 2012 in Kapıkaya und zwei weiteren pisidischen Orten arbeiteten. 2012 setzte der türkische Althistoriker Mehmet Özsait die Untersuchungen fort, um fehlende Teile der Arbeiten zu vervollständigen und einen Plan der archäologischen Stätte zu erarbeiten. Erste umfänglichere wissenschaftliche Felduntersuchungen zu Kapıkaya begannen erst 2014 im Rahmen des Nord-Pisidien-Surveys, der von Fikret Özcan initiiert wurde, einem Archäologen der Süleyman Demirel Üniversität in Isparta. Unter ihm erfolgten seit Sommer (Juli – August) 2018 Untersuchungen in antiken Siedlungen in Isparta und Umgebung u. a in Kapıkaya bei Güneyce. Dabei wurde ein Stadtplan von Kapıkaya erstellt sowie neu entdeckte Bauwerke dokumentiert und Forschungen zur Identifizierung antiker Siedlungsstrukturen und Straßennetze betrieben.
Geotektonisch-stratigraphisches Umfeld von Kapıkaya
Kapıkaya liegt etwa 10 km westlich der Kovada-Senke und damit geotektonisch im inneren Teil der Kurve von Isparta in einem geologischen Umfeld, das geprägt ist von einer großen Vielfalt an magmatischen und sedimentären Gesteinen, entstanden zwischen Paläozoikum und Quartär. Während dieser langen Periode war es dort zu Überschiebungen und Brüchen gekommen, die hauptsächlich durch tektonische Kompressionsregime entstanden, zu denen neben der Aksu-Überschiebung, der Akdağ- und Erenler-Tepe-Überschiebungen sowie der Kışlaköy-Überschiebung (Yavuz-Überschiebung) auch die Kapıkaya-Überschiebung bzw. die Kapıkaya-Verwerfung zählen. Während des Mesozoikums, als dort noch der Tethys-Ozean existierte, wurden in den neritischen Regionen dieses Ozeans neben tertiären Kalksteinen ausgedehnte Karbonat-Plattformen abgelagert, deren Sedimentation vom Beginn des Mesozoikums bis ins frühe Miozän anhielt.
Der Platz von Kapıkaya liegt nahezu unmittelbar westlich des inneren Scheitelpunktes der Kurve von İsparta, wo wenige Kilometer östlich die Nord-Süd hinziehende Aksu-Verwerfung der Antalya-Überschiebungsdecken und die Westsüdwest-Ostnordost verlaufende Kapıkaya-Störung der Lykischen Decken aufeinanderstoßen und für ein äußerst bewegtes Gebirgsrelief sorgen. Die Kapıkaya-Verwerfung ist eine etwa 15 km lange Überschiebung, die den nördlichen Rand des Aksu-Beckens markiert, im Gelände deutlich durch steile Abbrüche sichtbar ist und deren Scheitel einem Überrest der jurassisch-kreidezeitlichen Lykischen Decken bildet. Der abrupte Bruch in der Topographie liefert morphologische Hinweise auf die Existenz dieser Verwerfung, deren westliche Fortsetzung sich südöstlich von Hisar (Stadtteil von Isparta) und ostwärts bis zum Ort Güneyce (Isparta) verfolgen lässt, wo sie dann südlich von Güneyce von der nahezu nordsüdlich verlaufenden Verwerfung der Aksu-Störung als plötzlicher Bruch in der Topographie gekennzeichnet ist. Das Alter der Aktivität der Kapıkaya-Verwerfung wird auf das späte Langhium / frühe Serravallium (Miozäns/Neogen) datiert. Diese Kapıkaya-Überschiebung ist ein tektonischer Kontakt, der durch die Aufschiebung triasischer Kalksteine über die pelagischen (Offenwasser) Sedimente der Ispartaçay-Formation in der Kapıkaya-Region entstand. Der französische Geologe André Poisson betrachtete die triasischen Kalksteine der Kapıkaya-Erhebung als allochthone Massen innerhalb der Lykischen Decken. links|mini|300x300px|Der NO-SW verlaufende Profilschnitt zwischen Bozburun Dağı und der Region des Aşağı Gökdere-Tales (Südwest-Türkei) zeigt schematisch die großräumige geologische Stratigraphie im Umfeld der antiken Siedlung Kapıkaya bei Isparta. Die dortige großräumige geologische Stratigraphie beginnt zu unterst mit dem Davras-Kalkstein (des Davraz Dağı) gefolgt von der Çandır-Formation, einer Ophiolitischen Einheit, der Sütçüler-Formation und dem Kapıkaya-Kalkstein, alle mesozoischen Ursprungs, während die Güneyce-Formation und die Aksu-Çayı-Formation tertiäre Einheiten sind. Der Davras-Kalkstein, der die relative Basis bildet, wird lokal diskordant von jüngeren lakustrinen Formationen überlagert: Die Çandır-Formation überlagert mit verwitterter klastischer Radiolaritfazies den Davras-Kalkstein in einem nicht-stratigraphischen Kontakt südwestlich des Kovada-Sees. Die ophiolithische Einheit wird durch Peridotit, Serpentinit und Gabbros repräsentiert. in den Kontaktzonen zwischen der Sütçüler-Formation und der darunterliegenden Çandır-Formation dominieren Peridotite, meist vollständig oder teilweise serpentinisiert. Obwohl die untere Kontaktzone zwischen dem Kapıkaya-Kalkstein und der Güneyce-Formation aufgrund der steilen Klippen und des Schutts nicht immer deutlich erkennbar ist, liegt sie topographisch über der Güneyce-Formation. Es handelt sich um weiße, cremefarbene und hellbeige, massive, hochkristallisierte und fein strukturierte verkarstete Kalksteine, die sehr arm an Mikrofossilien sind und von mächtigen Konglomeraten des Tortoniums (Miozän) überlagert sind. Mit Ausnahme des allochthonen Kapıkaya-Kalksteins werden alle mesozoischen Schichten von der untermiozänen Güneyce-Formation und später von der obermiozänen (tortonischen) Aksu-Çayı-Formation überlagert, die einschließlich des Kapıkaya-Kalksteins eine Mächtigkeit von über 1500 m erreicht.
Zur Geschichte Kapıkayas In der Region Nordpisidiens, in deren südlichen Partien auch Kapıkaya liegt, gab es mit nur wenigen Ausnahmen bis zur hellenistischen Zeit keine Urbanisierung. Das änderte sich erst nach dem Tod Alexanders des Großen, als die Gebiete zu einem Streitobjekt in den Auseinandersetzungen zwischen seinen Nachfolgern (Diadochen: Seleukiden und Attaliden) wurden. Dass die dortigen Bewohner, die zuvor in Stämmen in der Bergregion gelebt hatten, nun aus Gründen der Sicherheit oder aufgrund königlicher Siedlungspolitik in größeren, städtischen Orten zusammenzuleben begannen, kann als Beginn einer Zeit betrachtet werden, die sie nie zuvor erlebt hatten und an die sie sich wahrscheinlich nur schwer anpassen konnten. Auffällig und im Vergleich zu anderen Regionen Anatoliens einzigartig ist hier die Verwendung von minimalen oder gar keinen Klammern in Bausteinen, die Nutzung von polygonalen Steinen in Mauern und der Kragsteintechnik. Und die häufige Anwendung von Schild-, Schwert- und Speerverzierungen an Sarkophagen, Ostotheken und öffentlichen Plätzen ist ein besonderes Merkmal. Während das gebirgige Gelände Zugang und Transport zwar erschwerte, bot es den Bewohnern der Region andererseits während der hellenistischen Periode auch einen Sicherheitsvorteil. Pisidische Städte, insbesondere solche wie Kapıkaya und Festungen wie das benachbarte Sandalion, waren für Feinde äußerst schwer einzunehmen. Zusätzlich zu den bestehenden Stadtmauern und Akropolen in der Nähe der Siedlung besaßen einige Städte, wie Kapıkaya, eine zweite Akropolis oder einen vergleichbaren Zufluchtsort, wohin sie sich im Falle einer Invasion zurückziehen konnten. Solche Orte müssen großen Wert auf Sicherheit gelegt haben, da sie auch Wehrtürme, Wachtürme und Festungen innerhalb ihrer Städte errichteten. mini|Stufenförmig umrahmter Platz als Versammlungsort für die Ekklesia in Kapıkaya. links|mini|Südliches Ruinengelände in Kapıkaya.