Die Gelsenberg-Benzin AG, kurz Gelsenberg Benzin, war ein 1936 gegründetes Tochterunternehmen der Gelsenkirchener Bergwerks-AG mit Sitz in Gelsenkirchen-Horst. Die Gesellschaft stellte im Bergius-Pier-Verfahren während des Zweiten Weltkriegs synthetische Kraftstoffe aus Steinkohle her. 1948 erfolgte mit Wiederaufnahme der Produktion eine Umstellung auf die Verarbeitung von Erdöl. In der Folgezeit baute die Gesellschaft ihre Werksanlagen zur größten und modernsten Raffinerie Westdeutschlands aus. 1975 gelangte das Unternehmen unter das Dach der bundeseigenen Veba, die es 1978 zur Veba Oel AG umwandelte. 2002 übernahm die Deutsche BP AG die Veba Oel AG und gliederte die Raffinerie Horst in die BP Gelsenkirchen GmbH ein.

Schreibweise Die Schreibweise des Firmennamens ist in der Literatur unterschiedlich. Die Geschäftsbezeichnung gibt der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek als „wahrscheinlich“ Gelsenberg Benzin AG (ohne Bindestrich) oder Gelsenberg-Benzin (Gelsenkirchen) und Gelsenberg-Benzin-Aktiengesellschaft an.Datensatz Gelsenberg-Benzin Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, abgerufen am 22. Juli 2025. Im Reichsanzeiger sowie auf allen Aktien und Teilschuldverschreibungen der Gesellschaft ist als amtliche Firmierung Gelsenberg-Benzin AG aufgeführt. Auch alle Börsen- und Wirtschaftszeitungen sowie Fachjournalisten wie Franz Spausta oder Dietmar Petzina nutzten die offizielle Schreibweise.Statistisches Reichsamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik. Verlag für Sozialpolitik, Wirtschaft und Statistik, Paul Schmidt, 1937, Nr. 7, S. 276.Franz Spausta: Treibstoffe für Verbrennungsmotoren. Springer-Verlag, 1939, S. 44.

Umgangssprachlich, insbesondere im Ruhrgebiet, wurde die Bezeichnung Gelsenberg Benzin verwendet. Kein Kumpel sagte, er arbeite auf einer Zeche der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, sondern er arbeite „auf Gelsenberg“ – und Arbeitskräfte aus den Benzinwerken des Konzerns sagten zur Unterscheidung, sie „malochen auf Gelsenberg Benzin“. Unter anderem schaltete selbst das Unternehmen Anzeigen und Stellengesuche in verschiedenen Zeitungen als Gelsenberg Benzin AG, also ohne Bindestrich.Anzeigen und Zeitungsberichte Gelsenberg Benzin ANNO, abgerufen am 22. Juli 2025. In der Nachkriegszeit benutzten Autoren, Medien, Behörden und das Unternehmen ebenfalls verschiedene Schreibweisen.

Gründung Im Zuge der deutschen Autarkiebestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte auch der Ruhrbergbau in den 1920er-Jahren zahlreiche Verfahren der Kohleverflüssigung zur Betriebsreife. Eine herausragende Bedeutung besaß die Unabhängigkeit von Lieferungen aus dem Ausland durch die Produktion heimischer Ersatzstoffe. Angesichts nur geringer Erdölvorkommen in Deutschland galt das vor allem für Kraftstoffe. Diese sollten bereits in der Weimarer Republik bevorzugt aus Kohle erzeugt werden. Vor diesem Hintergrund begann 1926 die IG Farben in Mitteldeutschland mit der Produktion synthetischen Benzins aus Braunkohle, dem sogenannten Leuna-Benzin.Wolfgang Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff, 1933–1945. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Wirtschafts- und Rüstungspolitik. Musterschmidt-Verlag, 1964, S. 12f, 70f, 108.

Ab Mitte der 1930er-Jahre waren die Verfahren der Kohleverflüssigung großtechnisch ausgereift, so dass sich auch im Ruhrgebiet nahezu alle großen Montanunternehmen dem neuen und lukrativen Geschäftsfeld zuwandten. Am 7. Juli 1936 gelang der Hibernia AG, ein Konkurrenzunternehmen der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, im Hydrierwerk Scholven erstmalig die Herstellung von Benzin aus Steinkohlenteer, drei Wochen später dann aus Steinkohle. Nach dieser Pionierleistung gründete die Gelsenkirchener Bergwerks-AG am 18. Dezember 1936 mit Eintragung am 24. Dezember 1936 als Tochtergesellschaft die Gelsenberg-Benzin AG.

Formal handelte es sich jedoch um eine Gemeinschaftsgründung der:

Vereinigte Stahlwerke AG (VSt), Düsseldorf Gelsenkirchener Bergwerks-AG, Essen August-Thyssen-Hütte AG, Duisburg-Hamborn Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation, Bochum Hörder Bergwerks- und Hütten-Verein, Dortmund.

Zu beachten hierbei ist, dass die Gelsenkirchener Bergwerks-AG Hauptaktionär der VSt war und als Muttergesellschaft der Gelsenberg-Benzin AG fungierte. Zunächst verfügte die neue Gesellschaft über ein Aktienkapital in Höhe von 1 Million Reichsmark (RM), welches zum 1. Februar 1937 auf 50 Millionen RM erhöht wurde. Alle Aktien lagen bei den Gründungsmitgliedern. Zur Finanzierung des projektierten Hydrierwerks gab das Unternehmen zeitgleich eine 5%ige Obligationsanleihe über 55 Millionen RM heraus.Neues Wiener Tagblatt vom 4. Februar 1939, Seite 14: Gelsenberg-Benzin ANNO, abgerufen am 20. Juli 2025.

Eine weitere Anleihe mit einem Zinssatz von 4½% wurde ab dem 1. Juni 1940 emittiert. Das Emissionsvolumen belief sich auf zusätzlich 75 Millionen RM. Bei einer Laufzeit von 20 Jahren übernahm die Vereinigte Stahlwerke AG eine selbstschuldnerische Bürgschaft.Neues Wiener Tagblatt vom 2. Juni 1940, Seite 12: Eine neue Industrieanleihe – Gelsenberg-Benzin baut die Anlagen aus ANNO, abgerufen am 20. Juli 2025.

Gründungskontroversen In der Literatur wird diskutiert, inwieweit die Gründungen von Hydrier- und Synthesewerken auf staatlichen Zwang zurückzuführen sind. Dies gilt insbesondere für die Gelsenberg-Benzin AG, wobei die ältere Literatur hier den Zwangscharakter hervorhebt. Jüngere Forschungsergebnisse legen hingegen nahe, dass die Entscheidung zum Bau der Anlage auf freiwilliger Basis getroffen wurde, wenngleich sie der Staat durch die Gewährung von Wirtschaftlichkeitsgarantien beeinflusst hatte. Auch bei anderen Projekten gibt es keine hinreichenden Belege für Zwang. Vielmehr zeigen mehrere Beispiele, dass staatliche Forderungen ohne erkennbare negative Konsequenzen abgelehnt werden konnten.Marcel Boldorf, Jonas Scherner (Hrsg.): Handbuch Wirtschaft im Nationalsozialismus. De Gruyter, 2023, S. 206–207.

Unbestritten standen Autarkie und Aufrüstung im Zentrum der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik. Intensiv forschten Wirtschaftshistoriker, auf welchem Weg der Staat die gewünschten industriellen Kapazitäten errichtete. Studien zeigen, dass die Investitionstätigkeit in den betreffenden Branchen im Allgemeinen keineswegs auf staatlichem Zwang beruhte. Stattdessen erfolgten die Investitionen freiwillig aufgrund eines der privatwirtschaftlichen Rationalität entspringenden Profitinteresses. Dabei kalkulierten die Unternehmen mit ein, dass die spezifischen, durch die NS-Wirtschaftspolitik geschaffenen makroökonomischen Rahmenbedingungen – wie die staatlich induzierte Nachfrage, die Devisenbewirtschaftung oder der Krieg – nicht von Dauer sein würden.Jonas Scherner: Die Logik der Industriepolitik im Dritten Reich. Ausgabe 174. Teil 4. David Brown Book Company, 2008.

Zudem bestehen in der Forschung Zweifel darüber, ob die Herstellung des Kohlebenzins tatsächlich unwirtschaftlich gewesen sei, wie insbesondere in der Nachkriegszeit von verschiedenen Akteuren wiederholt betont wurde. Unverkennbar war und ist synthetisches Benzin ein potenzieller Wettbewerber für Erdöl. Für international tätige Ölkonzerne stellte bereits in den Jahren 1927/28 das Leuna-Benzin ein wirtschaftlich nicht abzuschätzendes Risiko dar.Rainer Karlsch, Raymond G. Stokes: Faktor Öl. Die Mineralölwirtschaft in Deutschland 1859–1974. Verlag C.H. Beck, 2003, S. 165 f., 274.

Im Schatten der „Sieben Schwestern“ stellten Lobbyisten in Fach- und Wirtschaftspublikationen das Hydrierbenzin und die Möglichkeiten der Erdölförderung in Deutschland als nicht konkurrenzfähig dar. So stützte sich beispielsweise die wirtschaftspolitische Fachzeitschrift Der Österreichische Volkswirt 1937 in umfangreichen Beiträgen zur Selbstversorgung Deutschlands mit Mineralölen rückhaltlos auf eine Ausarbeitung der Standard Oil of New Jersey, wonach die „Kosten der Gewinnung von Benzin aus Kohle durch Hydrierung sich um das Drei- bis Vierfache der Kosten des aus Rohöl in den Vereinigten Staaten gewonnenen Benzins bewegen.“ Die Studie wurde zuvor und nach dem Krieg mehrfach in Wirtschaftspublikationen zitiert. Der österreichische Volkswirt vom 6. Februar 1937, S 370: Selbstversorgung Deutschlands mit Mineralölen ANNO, abgerufen am 21. Juli 2025. Kernaussage sollte sein: „Obwohl Kohle preisgünstiger ist als Erdöl, ist es nicht wirtschaftlich rentabel, auf diese Weise Treibstoff herzustellen.“ Aber genau diese Aussage traf für die Betreiber von Hydrierwerken zu keinem Zeitpunkt zu. Schon 1928 erzielte die IG Farben mit dem Leuna-Benzin Erlöse in Höhe von 6 Millionen RM und ein Jahr später 14 Millionen RM.Werner Abelshauser: Die BASF. Eine Unternehmensgeschichte. C.H. Beck, 2002, S. 352, 238–242, 265, 284. Zu dieser Zeit wurden für die Produktion von 1 kg synthetischen Benzins 7 bis 8 kg Kohle benötigt.Oberdonau-Zeitung vom 14. März 1943, Seite 6, Von der Kohle zum Gummireifen. ANNO, abgerufen am 1. August 2023. Durch ständige Forschung und Weiterentwicklung des Verfahrens ließen sich spätestens ab 1938 erhebliche Fortschritte erzielen. So konnten beispielsweise aus 17.000 Tonnen Koks im Wert von 237.916 RM 4093 Tonnen synthetische Produkte mit einem Erlös von 3.962.638 RM gewonnen werden.Der Spiegel vom 22. Juni 1949: Aus strategischen Gründen Der Spiegel, abgerufen am 22. Juli 2025.

Grundsätzlich scheinen alle deutschen Unternehmen die Autarkietendenzen begrüßt zu haben, da sie dadurch ihre Position gegenüber der ausländischen Mineralölindustrie signifikant stärken konnten.Dietmar Bleidick: Aral. 125 Jahre Kraftstoffwirtschaft in Deutschland. Waxmann Verlag, 2024, S. 390.

Kriegsproduktion Als Standort für das zu errichtende Hydrierwerk bot sich ein 146 Hektar großes Gelände in Gelsenkirchen-Horst nordöstlich der unternehmenseigenen Zeche Nordstern 3/4 an, die seit 1925 stilllag und zur Versorgung des Werks wiedereröffnet wurde.Dietmar Bleidick: Aral. 125 Jahre Kraftstoffwirtschaft in Deutschland. Band 1: Von den Anfängen bis 1945. Band 2: Von 1945 bis zur Gegenwart. Waxmann Verlag, 2024, S. 407–408. Daher wurde insbesondere in der Anfangszeit die Anlage vereinzelt auch als Hydrierwerk Nordstern der Gelsenberg-Benzin AG bezeichnet.Reichsamt für Arbeitsvermittlung (Hrsg.): Reichs-Arbeitsblatt. Band 20. Ausgabe 2. C. Heymann, 1940, S. 178.

Der Bau begann im März 1937 und dauerte zwei Jahre. Während dieser Zeit wurde die ursprünglich geplante Produktionskapazität des Werks mehrmals erhöht. Auf der Baustelle waren von Juni 1937 bis Juni 1939 rund 7000 Arbeitskräfte tätig. Am 1. August 1939 nahm das Werk die Produktion mit einer Kapazität von 250.000 Tonnen Treibstoffen pro Jahr auf. Mit Inbetriebnahme hatten sich die Baukosten auf 293.113.000 RM summiert, was heute inflationsbereinigt der Kaufkraft von Euro entspricht. Bis Ende 1942 wurde die Leistung des Werks auf 340.000 Tonnen synthetisches Benzin und 100.000 Tonnen Treibgas (Butan, Propan) erweitert. Das Hydrierwerk der Gelsenberg-Benzin AG war damit das größte seiner Art im Ruhrgebiet und beschäftigte rund 5000 Festangestellte.Anthony N. Stranges: Petroleum from Coal. A Century of Synthesis. Brill, 2024, S. 123–124.