Nowaja gaseta () ist eine russische, dreimal wöchentlich erscheinende Zeitung, die seit 1993 in Moskau verlegt wird. Sie galt als eines der wenigen verbliebenen unabhängigen Medien in Russland. Am 28. März 2022 stellte die Zeitung im Zusammenhang mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 vorläufig ihr Erscheinen ein, um einem drohenden Publikationsverbot zuvorzukommen. Am 6. Mai 2022 erschien in Zusammenarbeit mit einem lettischen Verlag erstmals eine gedruckte Ausgabe der Nowaja gaseta. Europa, die von inzwischen ins Ausland geflohenen Redakteuren von Riga aus betrieben wird.
Fünf Journalisten der Nowaja gaseta wurden seit ihrem Bestehen bis 2021 ermordet, andere aufgrund ihrer Arbeit verletzt. Der Gründer der Zeitung Dmitri Muratow erhielt für seine unabhängige Berichterstattung den Friedensnobelpreis 2021.
Am 5. September 2022 wurde der Nowaja gaseta die Drucklizenz und am 15. September 2022 die Webseitenlizenz von einem Moskauer Gericht entzogen.
Geschichte mini|Dmitri Muratow (2012) Im April 1993 gründete Chefredakteur Dmitri Muratow zusammen mit Kollegen der ehemals sowjetischen Jugendzeitung und heutigen Boulevardzeitung Komsomolskaja Prawda eine der ersten unabhängigen russischen Tageszeitungen.Ulrich Heyden: In: Eurasisches Magazin, vom 30. Juni 2006 Das Geld für die ersten 20 IBM-Computer stellte Michail Gorbatschow aus seinem erhaltenen Friedensnobelpreis zur Verfügung. mosnews.com
In den 1990er Jahren konnte die Nowaja gaseta die Freilassung von 174 Kriegsgefangenen im Tschetschenienkrieg erwirken.
Aus der Tageszeitung ging 1999 die vorerst zweimal wöchentlich erscheinende Nowaja gaseta hervor.
Im Juni 2006 erwarben Michail GorbatschowGorbatschow ist Teilhaber bei der Nowaja Gaseta, Russland-Aktuell, 9. Juni 2006 und der Bankier und ehemalige Dumaabgeordnete Alexander Lebedew (zuletzt Partei Gerechtes Russland) gemeinsam 49 Prozent der Anteile an der Nowaja gaseta.Mitteilung des Radiosenders Echo Moskwy vom 7. Juni 2006 über Verkauf von Unternehmensanteilen an M. Gorbatschow und A. Lebedew (russisch)Claire Stephan: ARTE Info – Wahlen in Russland – 2007 Die durch den Verkauf des Anteils eingegangenen Mittel sollten zu einer Erweiterung der Zeitung genutzt werden. 2021 befanden sich 76 Prozent der Zeitung im Besitz der Redaktion selbst, 14 Prozent Alexander Lebedew und 10 Prozent Michail Gorbatschow.
Das unabhängige Projekt Novaya Gazeta Europe startete am 7. April 2022 seinen Twitter- und Youtube-Account. Produziert werden die Inhalte von den im Ausland weilenden bisherigen Journalisten der Nowaja gaseta, Chefredakteur ist der bisherige Politik-Redakteur Kirill Martynow. Aufgrund des faktischen Berufsverbots in Russland und aus Sicherheitsgründen gebe es keine organisatorischen oder personellen Überschneidungen mit der bestehenden Zeitung.Novaya Gazeta Launches European Edition in Bid to Dodge Kremlin Censorship. The Moscow Times, 7. April 2022. Am 20. April folgten auf der Homepage der Europa-Ausgabe die ersten Nachrichten, nachdem dort zuvor ein Countdown angezeigt worden war. Webseite novayagazeta.eu Die Redaktion befindet sich in Riga, der Hauptstadt Lettlands. In der Schweiz wurde der Förderverein Friends of Novaya Gazeta Europe gegründet.
Profil In der russischen Presselandschaft hebt sich die Nowaja gaseta durch Artikel über Korruption in Russland, organisierte Kriminalität, deren Verbindung zu russischen Amtsträgern sowie ihr Engagement für die Einhaltung der Menschenrechte und eine friedliche Lösung des Tschetschenienkonflikts hervor. Nach Meinung der Deutschen Welle ist die Nowaja gaseta über die Grenzen Russlands bekannt „für investigativen Journalismus unter schwierigsten Rahmenbedingungen“.Gesine Dornblüth: Eine Insel der Wahrheit und Unabhängigkeit im Meer von Konformismus und Lügen. Deutsche Welle, 10. Oktober 2006 (russisch) Im Jahre 2006 berichtete die Zeitung kritisch über den ihrer Ansicht nach von der russischen Regierung gezielt geschürten Hass auf Russen georgischer Abstammung.
Das Komitee zum Schutz von Journalisten hatte schon im Jahr 2007 die Nowaja gaseta als „einzige wirklich kritische Zeitung mit nationaler Reichweite“ in Russland bezeichnet.CPJ to Honor Five Journalists, CPJ International Press Freedom Awards, 2007 Im Arte-Themenabend unter dem Titel Putins Propaganda-Krieg wurde die Nowaja gaseta im Jahr 2015 als einzige freie Zeitung in Russland genannt; der Staat kontrolliere alle Medien außer je einem Medium der Gattungen Zeitung, Radio, Fernsehen, wobei der TV-Kanal Doschd durch die Aussperrung aus Kabelnetzen kaum mehr Verbreitung findet.https://info.arte.tv/de/film-putins-propagandakrieg-prag , Arte, 15. September 2015
Die Nowaja gaseta berichtete darüber, dass der damalige Ministerpräsident Putin in seiner Zeit als stellvertretender Bürgermeister von Sankt Petersburg humanitäre Gelder veruntreut habe. Sie behauptete ferner, der Inlandsgeheimdienst FSB habe die Terroranschläge in Moskau auf zwei Wohnhäuser im Jahre 1999 selbst als False-Flag-Operation durchgeführt, um die Tat islamistischen Terroristen anzulasten und einen Anlass für den Beginn des Zweiten Tschetschenienkrieges zu schaffen.
Redaktion Während 22 Jahren war Dmitri Muratow Chefredakteur, nachdem er 1995 während einer Reportagereise in Tschetschenien gewählt worden war.„Niemand geht irgendwo hin“, Nowaja gaseta, 14. November 2017 Er zählt zu jenen russischen Intellektuellen, die seit der Perestroika für Demokratie und Menschenrechte eintreten. Einige der rund 30 Mitarbeiter des Blattes sind sehr bekannte Journalisten:
Pawel Felgenhauer, international anerkannter Militärexperte auf henri-nannen-preis.de (eingesehen am 14. Januar 2009) Wjatscheslaw Ismailow, ehemaliger Armeeoffizier Julia Latynina, Schriftstellerin Roman Schlain, Reporter
Diese Redakteure waren früher die Aushängeschilder etablierter Tageszeitungen mit einer Auflage in Millionenhöhe. Seit dem Amtsantritt Putins im Frühjahr 2000 wurden aber Medien unter Druck gesetzt, weil sie durch kritische Distanz zur Regierung und eine kritische Berichterstattung über das Kriegsgeschehen in Tschetschenien aufgefallen waren. Einige der dort tätigen Journalisten kündigten und arbeiteten danach bei der Nowaja gaseta. Zudem stützt sich die Redaktion auch auf ein dichtes Netz von Korrespondenten in der Russischen Föderation und anderen Nachfolgestaaten der UdSSR. Diese bleiben aus Sicherheitsgründen manchmal anonym. Es wird vermutet, dass hohe Beamte der Präsidialadministration und Regierungsmitglieder mitunter die Nowaja gaseta mit Informationen versorgen.Elke Windisch: Sperrige Wahrheiten, Der Tagesspiegel, 14. Oktober 2006
Finanzierung, Auflage und Reichweite Bis 1999 erschien die Nowaja gaseta in der Russischen Föderation in einer Auflage von 400.000 Exemplaren. Seither ist die Auflage im eigenen Land gesunken, bis 2005 aber insgesamt auf 600.000 Exemplare (ohne Internet-Ausgabe) gestiegen. Nowaja gaseta, 24. Oktober 2005, Nr. 79 (russisch). Da die Nowaja kein Geld für ihre Artikel im Internet verlangt, setzt die Zeitung auf Leserspenden.
Stand 2005: 429.000 Exemplare (Regionalausgaben) in mehreren russischen Städten sowie in Kasachstan und Israel Nowaja gaseta, 24. Oktober 2005, Nr. 79 (russisch). Stand 2005: Unbekannte Anzahl Exemplare seit Oktober 2005 als Beilage der russischsprachigen Zeitung Lugantschane in der Ukraine Stand 2005: 54.000 Exemplare seit September 2005 der Monatsausgabe der Nowaja gaseta in Farbe Stand 2007: 171.000 Exemplare in der Russischen FöderationDossier zur „Zeitung der Zukunft“: Global News. In: taz, 15. September 2007. Stand 2007: 10.000 Exemplare seit dem 7. August 2007 der wöchentlichen russischsprachige Europaausgabe„Nowaja Gaseta“ mit Europa-Ausgabe. Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, 8. August 2007 Stand 2008: 70.000 Leser täglich seit 1996 von der Nowaja gaseta-Website Stand 2021: 90.000 Exemplare je Auflage bzw. 270.000 Exemplare pro Woche (drei Auflagen) und monatlich 17 Millionen Zugriffe auf die Website. Stand 2021 bringen die Printausgaben keine Einnahmen. Doch weil die Zeitung auch in russischen Gefängnissen gelesen wird und Häftlinge, vor allem politische Gefangene die Zeitung nicht lesen, wenn sie ins Internet gehen, wurde die Printausgabe Stand Dezember 2021 nicht eingestampft. Zwei Printausgaben werden der russischen Präsidialverwaltung zugeschickt.
Am 5. September 2022 entzog ein Gericht in Moskau der Nowaja gaseta die Drucklizenz. Der Entzug erfolgte auf Antrag der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor. Muratow bezeichnete den Lizenzentzug als „Scheinurteil auf politische Bestellung“. Er kündigte an, Berufung einzulegen.
Gewalt und Drohung gegen Nowaja-Gaseta-Journalisten Die Mitarbeiter der kleinen Redaktion wurden wiederholt Opfer von Gewalt durch unbekannte Täter. Acht Journalisten der Zeitung wurden seit Mai 2000 schwer verletzt oder umgebracht. In Nowyje Iswestija online (russisch)
Ermordete Nowaja-gaseta-Mitarbeiter: Igor Domnikow: Der Spezialist für Korruptionsfälle in der Ölindustrie wurde am 12. Mai 2000 von bislang unbekannten Tätern vor dem Eingang seines Wohnhauses mit einem Hammer niedergeschlagen und bewusstlos in einer Blutlache liegengelassen. Domnikow starb am 16. Juli, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Sowohl die Polizei als auch Domnikows Kollegen sind sich sicher, dass der Anschlag mit seiner beruflichen Tätigkeit im Zusammenhang steht. Juri Schtschekotschichin: Der stellvertretende Chefredakteur wurde während Recherchen über die Verbindung von Steuerbetrügern und dem Inlandsgeheimdienst FSB am 21. Juni 2003 in lebensbedrohlichem Zustand ins Moskauer Zentralkrankenhaus eingeliefert. In der Nacht des 3. Juli starb er. Die offizielle Todesursache war eine heftige allergische Reaktion – obwohl er nie an einer Allergie gelitten hatte. Die Ergebnisse der Autopsie wurden den Angehörigen nie mitgeteilt. mini|hochkant|Anna Politkowskaja (2005) Anna Politkowskaja: Die Journalistin hatte während des Tschetschenien-Krieges Verbrechen der russischen Armee und der mit ihr verbündeten paramilitärischen tschetschenischen Gruppen aufgedeckt. Am 7. Oktober 2006 wurde Politkowskaja vor ihrem Wohnhaus in Moskau mit mehreren Schüssen ermordet. Der unmaskierte Täter wurde von einer Überwachungskamera gefilmt und identifiziert, aber von der Polizei nie gefasst. Der Verlag setzte 25 Millionen Rubel (930.000 Dollar) für Hinweise auf die Mörder von Politkowskaja aus und versprach: „So lange es ‚Nowaja gaseta‘ gibt, werden ihre Killer nicht ruhig schlafen.“ Anastassija Baburowa: Die freie Mitarbeiterin wurde am 19. Januar 2009 nach dem Besuch einer Pressekonferenz zusammen mit dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow in Moskau auf offener Straße erschossen.Menschenrechtler in Moskau ermordet. SF Tagesschau, 19. Januar 2009. Natalja Estemirowa: Die Journalistin war für die Menschenrechtsorganisation Memorial in Tschetschenien tätig und schrieb auch gelegentlich Artikel für die Nowaja gaseta. Sie wurde am 15. Juli 2009 entführt und am selben Tag erschossen aufgefunden.
Verletzte Nowaja-Gaseta-Mitarbeiter: Oleg Lurje: Der Sonderkorrespondent der „Abteilung Aufklärung und Recherche“ und Autor zahlreicher Artikel über Korruption von hochgestellten Staatsdienern wurde am 16. Dezember 2000 von zwei Unbekannten zusammengeschlagen. Die Täter nahmen ihm weder Geld noch Wertsachen ab. Sergej Solowkin: Der Südrussland-Korrespondent wurde am 12. März 2002 in Sotschi am Schwarzen Meer vor seinem Haus überfallen. Der Täter gab zwei Schüsse ab, verfehlte ihn aber. Solowkin erwiderte das Feuer mit seiner eigenen Pistole, die er als ehemaliger Kriminalkommissar legal besaß. Nach dem Mordanschlag verließ Solowkin Russland und zog nach Deutschland.Juri Ginsburg: Wie der Journalist Sergej Solowkin im Kurort Sotschi seiner Hinrichtung entkam. In: Berliner Zeitung, 27. Juli 2002