mini|Das Telldenkmal (2022) Das Telldenkmal in Lugano ist eine 1856 von Vincenzo Vela geschaffene Sandsteinstatue, die den Schweizer Nationalhelden Wilhelm Tell darstellt. Es steht seit 1914 an der nach ihm benannten Rivetta Guglielmo Tell.

Geschichte mini|Das Denkmal an seinem alten Standort, der damaligen Piazza Guglielmo Tell mit Seepromenade, um 1906, Ansicht gegen Nordosten Im April 1855 eröffneten die Gebrüder Filippo und Giacomo Ciani in Lugano das «Hôtel du Parc», das sie anstelle des Klosters der Kirche Santa Maria degli Angeli erbaut hatten. Insbesondere Giacomo war eng mit Vincenzo Vela befreundet und bat den 35-jährigen Künstler, eine Statue für den Platz vor der Hauptfassade des Hotels zu schaffen.Floriana Vismara-Bernasconi: Il monumento a Guglielmo Tell di Vincenzo Vela. 1984, S. 75. Die Tellstatue wurde am Morgen des 2. September 1856 direkt neben dem Luganersee platziert.Kunstnotiz aus Tessin. In: Der Bund. Band 7, Nr. 246, 5. September 1856, S. 984 (online).

In der Nacht vom 20. auf den 21. April 1887 verstümmelten Unbekannte die Statue.Tessin. In: L’Impartial. Nr. 1947, 24. April 1887, S. 3 (online). Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Statue stark zerfallen und geschwärzt.Tessin. In: Neue Zürcher Nachrichten. Abendblatt. Band 10, Nr. 4, 5. Januar 1914, S. 2 (online). Ausserdem fehlte ihr die Armbrust.

Infolge der Erweiterung der Seepromenade musste die Statue schliesslich verlegt werden. Am 29. November 1913 entschied der Stadtrat, sie vor das Teatro Kursaal (heute Casinò Lugano) zu stellen.Floriana Vismara-Bernasconi: Il monumento a Guglielmo Tell di Vincenzo Vela. 1984, S. 76. Dabei entspann sich eine heftige Debatte, ob sie auch künftig in Richtung der Schweiz oder neu nach Italien blicken sollte. Für ersteres sprach der «patriotische Geist» des Kunstwerks, für letzteres seine drohende Gebärde, die gegenüber der Schweiz wenig sinnvoll und in Bezug auf Italien umso wünschenswerter erschien. Der Stadtrat von Lugano gab die Frage an die «Gesellschaft der Maler und Bildhauer» weiter.Eidgenossenschaft. In: Thurgauer Zeitung. Erstes Blatt. Nr. 8, 10. Januar 1914, S. 1 f. (online). Anfang Januar wurde bestimmt, die Statue weiterhin nach Norden auszurichten, weil dies Vela selbst so gewollt habe. Vor ihrer Dislozierung wurde sie gründlich restauriert. Am 9. Januar 1914 stand sie am neuen Platz.

Am 18. Juni 1922 legten italienische Vereine aus Varese, darunter Faschisten, die sich zur Enthüllung des Gefallenendenkmals in Mendrisio begaben, einen Kranz vor dem Telldenkmal nieder. Der Kranz wurde in der folgenden Nacht von Unbekannten entfernt und in den See geworfen, woraufhin die Vereine ein Protesttelegramm an den Aussenminister Carlo Schanzer in Rom schickten. Dessen Untersekretär Fulco Tosti di Valminuta versprach, sich «zur Wahrung des guten Rufes Italiens» persönlich um die Angelegenheit zu kümmern.Eine sabotierte Wilhelm Tell-Ehrung in Lugano. In: Neue Zürcher Nachrichten. 2. Blatt. Band 18, Nr. 169, 23. Juni 1922, S. 2 (online).Zum Zwischenfall in Lugano. In: Der Bund. Zweites Blatt. Band 73, Nr. 269, 28. Juni 1922, S. 1 (online).

Beschreibung Das Denkmal ist insgesamt 4,59 Meter hoch und steht an der Rivetta Tell, direkt neben dem See. Als Postament dient ein aus Servinokonglomerat gefügter Brunnen. Das lebensgrosse Standbild darauf zeigt Wilhelm Tell, wie er drohend seine Rechte emporstreckt, in der er einen Pfeil hält. Er trägt einen Vollbart und einen mit einer Hahnenfeder geschmückten Schlapphut. An seinem Rücken hängt der Köcher, in seiner Linken hält er die Armbrust. Er trägt eine knielange, gegürtete Tunika, wie sie zur Entstehungszeit auch die Hirten der Tessiner Täler trugen. Über seinen linken Arm ist ein Umhang drapiert, der hinter ihm zu Boden fällt.

Die Statue ist von jeher so platziert, dass sie nach Norden in Richtung der Schweiz blickt und Italien den Rücken kehrt.

Deutung Velas Tellstatue bezieht sich sicherlich auf Friedrich Schillers Drama, allerdings ist unklar, auf welche Szene. Es bieten sich zwei Möglichkeiten:

Die Statue zeigt Tell, nachdem er den Tyrannen Hermann Gessler in der Hohlen Gasse erschossen hat und dem Sterbenden stolz zuruft: «Du kennst den Schützen, suche keinen andern! / Frei sind die Hütten, sicher ist die Unschuld / Vor dir, du wirst dem Lande nicht mehr schaden.»Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. 4. Akt, 3. Szene (online). Die Statue zeigt Tell nach dem Apfelschuss drohend mit dem zweiten Pfeil, den er für Gessler aufbewahrt hat, falls er seinen Sohn tödlich getroffen hätte («Mit diesem zweiten Pfeil durchschoss ich – Euch, / Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte, / Und Eurer – wahrlich! hätt ich nicht gefehlt»Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. 3. Akt, 3. Szene (online).). Gegen diese Annahme spricht die Tatsache, dass Velas Tell ursprünglich zwei Pfeile in der Hand hielt.

Floriana Vismara-Bernasconi setzte das Werk in den Kontext der Romantik und dessen kompromisslosen Streben nach Freiheit, das die nationale Autonomie miteinschloss. Vela sei noch stark von den 1848er-Ereignissen geprägt gewesen, die in der Schweiz nach dem Sonderbundskrieg zum Erlass der ersten Bundesverfassung geführt, in Italien hingegen nach dem Ersten Unabhängigkeitskrieg in einer Niederlage gegen die Habsburgermonarchie gemündet haben. Tell sei für Vela ein ethisch-ideologisches Modell gewesen.Floriana Vismara-Bernasconi: Il monumento a Guglielmo Tell di Vincenzo Vela. 1984, S. 74. Vela habe die Figur ganz auf den Mythos reduziert und deswegen auf alle sonst üblichen Attribute wie den Apfel oder seinen Sohn Walter verzichtet. In dieser idealen Gestalt werde Tell zu einer Personifikation des Schweizer Nationalgefühls der Tessiner.

Rezeption Die Tellstatue gilt gemeinhin als eher schwaches Jugendwerk Velas. Anlässlich der Versetzung der Statue 1914 schrieb die Thurgauer Zeitung etwa:

Gleichwohl fanden sich von Anfang an auch bewundernde Stimmen. Gleich bei seiner ersten Platzierung 1856 war etwa im Bund zu lesen:

Siehe auch

Liste von Denkmälern im Kanton Tessin

Literatur Kunstnotiz aus Tessin. In: Der Bund. Band 7, Nr. 246, 5. September 1856, S. 984 (online). Floriana Vismara-Bernasconi: Il monumento a Guglielmo Tell di Vincenzo Vela. In: Unsere Kunstdenkmäler. Band 35, Heft 1, 1984, S. 74–78, (PDF; 2,9 MB).

Weblinks

Guglielmo Tell auf Lugano Cultura Il Guglielmo Tell di Vincenzo Vela a Lugano auf Vincenzo Vicari Rivetta Tell auf Lugano Region

Einzelnachweise

Kategorie:Denkmal in Lugano Kategorie:Bauwerk in Lugano Kategorie:Skulptur (1856) Kategorie:Nationales Symbol (Schweiz) Kategorie:Wilhelm Tell Kategorie:Denkmal einer fiktiven Person