Der Edelmann mit der Hand auf der Brust (), seltener Ritter beim Ablegen eines Eides, ist ein um 1580 entstandenes Ölgemälde des spanisch–griechischen Malers El Greco. Die Identität des Dargestellten ist nicht eindeutig geklärt. Es gilt als eines der zentralen Gemälde der spanischen Kunstgeschichte und wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil der nationalen Identität des Landes.
Bildbeschreibung Beim Edelmann mit der Hand auf der Brust handelt es sich um ein dunkles Gemälde im Hochformat. Vor einem grau melierten Hintergrund steht ein Mann in edler Hofkleidung der 1570er. Er blickt den Betrachter direkt an. Sein Inkarnat ist leicht gelblich. Eine Halskrause zeichnet sich prominent unter seinem kurzen Vollbart ab. Seine Oberbekleidung ist schwarz und ohne dekorative Elemente. Zwischen den einzelnen Stoffbahnen seines Gewandes ragt ein kleiner Teil eines Medaillons hervor. Seine linke Hand liegt flach auf seiner Brust und seine Manschette ist in demselben Stil wie seine Halskrause gehalten. Sein linker Arm hängt herab und hält vermutlich das Schwert, dessen goldener Griff bis zur linken Achsel ragt. Der untere Bildrand verläuft auf Höhe der Magengegend.
Das Gemälde ist am rechten Bildrand auf Griechisch mit ΔΟΜHΝΙΚΟΣ ΘΕΟΤΟΚOΠΟYΛΟΣ EΠΟIΕΙ (Domínikos Theotokópoulos e'poíei), dem bürgerlichen Namen El Grecos, signiert. Dies gibt den deutlichsten Hinweis, dass es sich um ein frühes Werk in seiner spanischen Phase handelt, da er später mit dem lateinischen Alphabet signierte. Vor der Restaurierung 1996 war die Signatur kaum lesbar und das Werk erheblich dunkler, weshalb es als gutes Beispiel für Chiaroscuro-Malerei galt.
Zum Gesundheitszustand des Edelmannes gab es mehrfach Spekulationen. Da sein linkes Auge niedriger als sein rechtes liegt und die linke Pupille eine Verzerrung aufweist, könnte ein Horner-Syndrom als Folge einer früheren Kopfverletzung vorliegen. Außerdem ist seine linke Schulter auffallend niedriger als seine Rechte, möglicherweise weil sein linker Arm fehlt und nur durch die Kleidung suggeriert wird.Luis Gerardo Domínguez Carrillo: El caballero de la mano en el pecho del Greco: observaciones clínicas. in: Acta Médica, Band 19, Heft 4 (2021).
Der Dargestellte Es ist nicht sicher überliefert, wer der Dargestellte Mann ist. Eine dem Edelmann ähnliche Figur findet sich im wenig später entstandenen Gemälde Begräbnis des Grafen von Orgaz, ebenfalls von El Greco. Die heute übliche Bezeichnung Der Edelmann mit der Hand auf der Brust geht vermutlich auf den Schriftsteller Pío Baroja zurück, der sie Ende des 19. Jahrhunderts verwendete.Rafael Alarcón Sierra: Metamorfosis de lo moderno: el Greco en la poesía de entresiglos. in: Creneida, Band 3 (2015), , S. 22–62. Die unbekannte Identität begünstigte die heutige Bekanntheit des Gemäldes, da eine Vielzahl von Gedichten das Leben der Person zu beleuchten versuchten. Im Gedicht El inquisidor von Antonio de Zayas aus dem Jahr 1902 handelt es sich bei dem Edelmann um einen Inquisitor. Der Text beinhaltet eine vergleichsweise große Beschreibung und stellt möglicherweise das erste Gedicht über das Porträt dar, allerdings passen einige Details nicht. Möglicherweise handelte es sich um eine Verwechslung des Gemäldes von de Zayas oder er beschrieb das Gemälde aus seiner Erinnerung.
Nach der heute am wahrscheinlichsten geltenden Theorie handelt es sich um ein Porträt von Don Juan Silva y Ribera, dem dritten Marquis von Montemayor.Harold E. Wethey: El Greco and his school. Princeton 1962. Dieser war von Philipp II. zum Verwalter des Alcázar von Toledo und zum obersten Notar des Landes ernannt worden. Die Kunsthistorikerin Livia Stoenescu vertritt hingegen die These, es habe sich um den vierten Graf von Portalegre, Don Juan de Silva y Silveira, gehandelt.Livia Stoenescu: Creative and Imaginative Powers in the Pictoral Art of El Greco. Turnhout 2016. Eine These des frühen 20. Jahrhunderts, wonach es sich um Miguel de Cervantes gehandelt haben könnte, wird mittlerweile nicht mehr vertreten.
Interpretation Die Verwendung eines Schwertes, besonders eines so reich verzierten, entspricht nicht El Grecos üblicher Komposition bei Porträts, ist allerdings in vielen seiner religiösen Werken zu finden. Daher wird die Hand auf der Brust des Mannes häufig als Konflikt zwischen dem irdischen Sein und einer höheren, spirituellen Berufung interpretiert. In diesem Zuge wird der Edelmann oft als ein idealisierter Verteidiger des Christentums gelesen, der mit Würde und nobler Aufopferung den Eid ablegt, in den Kampf zu ziehen. In der Folge entwickelte sich das Gemälde zu einem identitätsstiftendes Werk für Spanien und El Greco sowie seine Heimatstadt Toledo zu einem symbolischen Element in nationalistischer Poesie. Diese Interpretation entstand zu einer Zeit, in der Spanien als Folge der Niederlage im Spanisch-Amerikanischen Krieg die letzten Kolonien verloren hatten und durch interne Machtkämpfe gespalten wurde. Verschiedene Kreise der Bevölkerung suchten nach einer neuen spanischen Identität und fanden sie teilweise in der idealisierten Malerei El Grecos. Nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges wurden von den Falangisten Flugblätter mit dem Bild des Edelmannes verteilt und zum Symbol gegen die Zweite Spanische Republik erhoben.José Álvarez Lopera: El Greco. Identity and Transformation. Crete. Italy. Spain. Milano 1999.
Neuere Interpretationen sehen in der Geste das Ablegen eines Treueids gegenüber dem spanischen König. Dies würde die These eines adeligen Dargestellten unterstützen.
Rezeption Bei der Eröffnung des El-Greco-Saales des Prado im Jahr 1920 nahm das Gemälde den zentralen Platz einer Reihe von sieben Porträts ein.Patricia García-Montón González: «Una magnífica lección de pintura española». El Greco en el Prado de Beruete. in: Anales del Instituto de Estudios Madrileños, Band 54. Madrid 2014. Auf diese Weise wurde ihm eine maßgebliche Rolle beim Versuch, einen dezidiert spanischen-nationalen Kunstkanon zu schaffen, zugesprochen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählten Werke von El Greco zu den am häufigsten kopierten Gemälden des Prado und der Edelmann mit der Hand auf der Brust wurde zum meistkopierten des Malers. Besonders bei spanischen Intellektuellen war das Gemälde eine beliebte Dekoration. Entsprechend fand das Porträt auch in der Literatur Anklang und wurde beispielsweise von Fernando Iglesias Figueroa und Manuel Machado besprochen. Seine Bekanntheit in Spanien war zu dieser Zeit mit der Mona Lisa oder der Geburt der Venus vergleichbar. Außerhalb von Spanien fand das Gemälde unter anderem Erwähnung in Thomas Manns Roman Doktor Faustus, wo der Philologe Zeitblom Richard Wagner mit dem Werk vergleicht.Jennifer Gillespie Rhodes: The Wagnerian Novel: Iterations of the Gesamtkunstwerk in Prose. New York 2017. Zu Beginn der 1960er Jahre wurde eine Briefmarke mit dem Motiv des Gemäldes von der spanischen Post herausgegeben. 2015 wurde der Edelmann eines der ersten Gemälde des Prado, welches für Menschen mit Sehbeeinträchtigung als 3D-Anfertigung erfühlbar wurde.
Auch Künstler der Moderne nahmen auf El Grecos Werk Bezug. Pablo Picasso kopierte einige Werke El Grecos in seiner Studienzeit und gab bei seinem Freund Ramon Pichot i Gironès ein Porträt von sich als Edelmann in Auftrag. 1994 erschien Jorge Zontal, Mitglied des Kollektivs General Idea, unmittelbar vor seinem Tod auf seiner Geburtstagsfeier verkleidet als der Edelmann, womöglich in Anspielung auf die spirituelle Lesart des Gemäldes.Sarah E. K. Smith: General Idea. Life & Work. Toronto 2016.
Provenienz Das Gemälde wurde als eines von sechs Gemälden El Grecos von der Witwe des Herzog de Arco an die königliche Sammlung gespendet.Leticia Ruiz: El caballero de la mano en el pecho In: El retrato del Renacimiento, Madrid 2008, ISBN 978-8495241566, S. 326–327. Seit 1920 befindet es sich nahezu ununterbrochen in der Dauerausstellung des Prado. 2014 kehrte es anlässlich des 400. Todestages El Grecos für eine Sonderausstellung in seine Heimatstadt Toledo zurück.
Das Gemälde wurde im 17. und 19. Jahrhundert mehrfach übermalt. Diese Übermalungen, zusammen mit oxidierten Firnschichten und Schmutz, hatten den berühmten Ritter in eine gespenstische Ikone verwandelt – ganz im Sinne der Romantik. Im Jahr 1996 fanden Restaurierungsarbeiten statt, bei denen sich herausstellte, dass der Hintergrund wesentlich heller war als bislang angenommen.
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Einzelnachweise
Kategorie:El Greco Kategorie:Gemälde (16. Jahrhundert) Kategorie:Werk der Porträtmalerei Kategorie:Gemälde des Museo del Prado