hochkant|mini|Flügel eines Elfenbeindiptychons mit der Inschrift SYMMACHORVM (Victoria and Albert Museum) Als Pagan revival („Wiederaufleben des Heidentums“) wird die These bezeichnet, dass die überwiegend heidnische stadtrömische Senatsaristokratie im ausgehenden 4. Jahrhundert das Wiederaufleben der traditionellen Kulte im spätantiken römischen Imperium aktiv gefördert habe. Dies sei literarisch, politisch, religiös (durch Instandsetzung von Tempeln usw.) und in letzter Konsequenz auch militärisch geschehen. Die äußerst blutige Schlacht am Frigidus (5./6. September 394) – verstanden als Entscheidungsschlacht zwischen Heidentum und Christentum – sei der letzte Widerstand (last stand) dieser Senatsaristokratie, die Eugenius unterstützte, gegen Theodosius I. als Förderer der katholischen Reichskirche gewesen.

Forschungsgeschichte In der älteren Forschung wurde vielfach ein dramatischer Kampf zwischen den alten Kulten des Römischen Reichs und dem Christentum angenommen, der in den Jahren 382 bis 394 in seine Endphase getreten sei. Ein stärkeres Interesse für das letztlich unterlegene Heidentum ist seit der Wende zum 19. Jahrhundert in der Forschung feststellbar. Johannes Geffcken wies die Vitalität des Heidentums in der nachkonstantinischen Zeit nach. In den 1920er Jahren „wurde nicht mehr eine ausgezehrte alte mit einer kraftvollen jungen Religion konfrontiert; vielmehr dachte man jetzt an einen Kampf, der zwischen Heiden und Christen als zwei gleichwertigen Gegnern ausgetragen worden sei.“Hartmut Leppin: Zum Wandel des spätantiken Heidentums. In: Millennium, Band 1 (2004), S. 59–81, hier S. 60.

Bei Andreas Alföldi bekam diese Forschungsposition 1943 zeitgeschichtliches Kolorit. Alföldi war sich des langen Widerstands des ungarischen Adels gegen die Habsburgermonarchie bewusst und stand unter dem Eindruck, dass sich unter faschistischen Regierungen ein Neuheidentum ausbreitete. Alföldis eigener Beitrag war die (heute nicht mehr vertreteneHartmut Leppin: Zum Wandel des spätantiken Heidentums. In: Millennium, Band 1 (2004), S. 59–81, hier S. 60 Anm. 3.) Interpretation paganer Motive auf den Kontorniaten-Medaillons als Propagandamittel der Senatsaristokratie. Bei Herbert Bloch erhielt die These des pagan revival 1945 ihre ausgearbeitete Form; breite Rezeption fand sie aber erst, als Arnaldo Momigliano einen Beitrag Blochs 1963 in den Sammelband The Conflict between Paganism and Christianity in the Fourth Century aufnahm, der auf einer einflussreichen Seminarserie am Warburg Institute 1958 beruhte.Zu diesem Einfluss Peter Brown: Back to the Future: pagans and Christians at the Warburg Institute in 1958. In: Peter Brown, Rita Lizzi Testa (Hrsg.): Pagans and Christians in the Roman Empire: The Breaking of a Dialogue (IVth–VIth Century AD). Proceedings of the International Conference at the Monastery of Bose (October 2008) (= Christianity and History. Band 9). Münster 2011, S. 17–24. Paradoxerweise beschrieben fast alle Beiträge in diesem Band die Koexistenz von Heidentum und Christentum, aber Momigliano war von Blochs Konfliktmodell so angesprochen, dass er den Titel des Bandes entsprechend wählte. Dass der Konflikt zwischen zwei Weltanschauungen zu einer Entscheidungsschlacht eskalierte, war vor dem Hintergrund des Kalten Krieges plausibel.Michele Renee Salzman, Marianne Sághy, Rita Lizzi Testa: Introduction. In: Dies., (Hrsg.): Pagans and Christians in Late Antique Rome, Cambridge u. a. 2015, S. 1; Rita Lizzi Testa: Concluding remarks. In: Michele Renee Salzman, Marianne Sághy, Rita Lizzi Testa: (Hrsg.): Pagans and Christians in Late Antique Rome, Cambridge u. a. 2015, S. 401–403.

Der These eines pagan revival trat Alan Cameron entschieden entgegen.Ian N. Wood: Europe in Late Antiquity (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 43). De Gruyter, Berlin / Boston 2025, S. 191: “The notion that there was a significant pagan revival in Theodosius’ reign, however, is firmly rebutted by Alan Cameron ...” Eine skeptische Neubewertung aller Argumente, die traditionell für das Bestehen einer kämpferischen Heidenpartei im späten 4. Jahrhundert angeführt wurden, setzte angeregt durch Cameron in den 1970er Jahren ein; das vorherrschende Konfliktmodell wurde durch ein Modell ersetzt, das die Anpassung und Assimilation der Heiden in der christlichen Gesellschaft in den Vordergrund stellte – Charles W. Hedrick nennt als Vertreter dieses „Revisionismus“ neben Cameron namentlich James J. O’Donnell und Peter Brown.Charles W. Hedrick: History and Silence: The Purge and Rehabilitation of Memory in Late Antiquity. University of Texas Press, Austin 2000, S. 47. Camerons materialreicher Darstellung The Last Pagans of Rome (2011), die seine langjährigen Forschungen zu einem Gesamtbild zusammenführte, wurde in vielen Einzelaspekten widersprochen. In Perugia widmete sich 2011 eine Konferenz der kapitelweisen, vorwiegend kritischen, Rezension dieses Werks.Die Tagungsbeiträge wurden 2013 veröffentlicht: Rita Lizzi Testa (Hrsg.): The Strange Death of Pagan Rome: Reflections on a Historiographical Controversy. Brepols, Turnhout 2013. Stéphane Ratti hielt gegen Cameron am Konfliktmodell fest und sah sich damit in einer kontinentaleuropäischen Forschungstradition, die im Gegensatz zum Konsensmodell der angloamerikanischen Forschung stehe.Vgl. auch die Rezension Rattis von The Last Pagans of Rome. In: Latomus, Band 71 (2012), S. 1212–1217, besonders S. 1214: „ […] je ne suis […] pas certain de pouvoir identifier les causes, la plupart du temps demeurées implicites: Des raisons académiques liées aux jeux de pouvoir et d’influence dans quelques universités voire coteries diverses? Des relations personnelles difficiles avec certains spécialistes européens depuis plusieurs décennies? Une forme de politiquement correct américain dans l’appréciation de la place des minorités dans une société donnée? Une influence du courant déconstructioniste et de la pensée postmoderne? Une imprégnation par le contexte historique de l’après-guerre, […] qui pourrait expliquer le refus de toute forme de prise en compte de la notion et de la réalité même de conflit à l’intérieur d’un corps civique gouverné par l’harmonie et en voie vers le progrès spirituel?“ Trotzdem, so Karen Piepenbrink 2015, sei es mittlerweile ungebräuchlich geworden, politische und literarische Aktivitäten römischer Senatoren im späten 4. Jahrhundert als pagan revival zu verstehen.Karen Piepenbrink: Der christliche Identitätsdiskurs im spätantiken Römischen Reich: Griechischer Osten und lateinischer Westen in komparatistischer Perspektive. In: Millennium, Band 12 (2015), S. 75–101, hier S. 88: Vor allem Cameron habe demonstriert, dass bei paganen Senatoren im Westen „zwar ein Interesse an herkömmlichen Kultpraktiken besteht, dieses jedoch weder ihre politischen noch etwaigen literarischen Aktivitäten maßgeblich beeinflusst. Auch sehen sie sich offenbar nicht verannlasst, sich aus religiösen Motiven gegen Christen zu positionieren. Von einem pagan revival spricht man in dem Zusammenhang daher mittlerweile kaum mehr.“

Positionen Johannes Geffcken (1920) Unter Verweis auf die antiheidnische Gesetzgebung des Theodosius, die Zerstörung des Serapeions von Alexandria (391) und andere antiheidnischen Ausschreitungen von Christen stellte Johannes Geffcken fest: „Das Heidentum erkannte die Gefahr und raffte sich noch einmal in seiner ganzen Stärke auf.“ Zusammen mit Virius Nicomachus Flavianus „unternahm nun Eugenius die Wiederherstellung der alten Religion und rüstete sich zum Kampfe mit Theodosius, zum entscheidenden Religionskriege.“ Das anonyme Carmen contra paganos „zeugt uns von der Reorganisation und dem kurzen Aufschwung der römischen Religion“. Nach der „Entscheidungsschlacht“ am Frigidus verlor das römische Heidentum „seine nur auf kurze Zeit usurpierten Rechte. Aber nur der Block der alten Religion war damit zersprengt; die einzelnen Teile trotzten noch lange der Auflösung.“Johannes Geffcken: Der Ausgang des griechisch-römischen Heidentums. Carl Winters Universitätsbuchhandlung, Heidelberg 1920, S. 158–162. (Online)

Herbert Bloch (1945 und 1963) Bereits die Regierungszeit des Kaisers Julian (360–363) wird von einigen Althistorikern als pagan revival charakterisiert. Bloch behandelte 1945 den Zeitraum von 382 (Entfernung des Victoriaaltars aus dem Senat, Entzug der staatlichen Förderung der römischen Kulte) bis 394 (Schlacht am Frigidus). Dabei stellte er zunächst als Verteidiger der traditionellen Privilegien der mehrheitlich heidnischen Senatsaristokratie eine Person in den Mittelpunkt, die zum Kreis um Kaiser Julian gehört hatte: Vettius Agorius Praetextatus. Er ließ den Porticus der Dei Consentes restaurieren, „weil der Kult der zwölf Götter seiner eigenen Tendenz entsprach, in den vielen traditionellen Gottheiten das numen multiplex … des einen Gottes zu sehen, dessen Macht er so eloquent in den Saturnalia beschrieb.“Herbert Bloch: A new document of the last pagan revival in the West, 19145, S. 208.

Bloch sieht bei Quintus Aurelius Symmachus im Gegensatz zu Praetextatus kein Interesse an einem Wiederaufleben des Heidentums, wie es von Julian und seinem Kreis propagiert wurde. Er habe nur den Status quo bzw. das bloße Überleben des Heidentums verteidigt. Zwar hatte er „nur eine kleine Minderheit religiöser Reaktionäre in der paganen Partei“ hinter sich, stand aber mit Praetextatus in bestem Einvernehmen.Herbert Bloch: A new document of the last pagan revival in the West, 1945, S. 209. Der Westteil des Römischen Reiches litt unter einer Hungersnot, und Gratian fiel 383 einer Usurpation zum Opfer. Die verbreitete Meinung, dass die traditionellen Götter Rom für die Vernachlässigung ihrer Kulte straften, veranlasste den paganen Heermeister Bauto, Praetextatus zum prafectus praetorio und Symmachus zum praefectus urbi zu ernennen. In dieser für das Heidentum günstigen Konstellation verfasste Symmachus seine relatio, die eine gewisse Anerkennung des Christentums enthält, aber die Vernachlässigung der alten Götter Roms, die so lange Zeit die Größe des Imperiums gewährleistet hatten, als unpatriotisch, töricht und gefährlich kritisierte. Symmachus blieb erfolglos, da Ambrosius von Mailand dem jungen Kaiser Valentinian II. die Exkommunikation androhte, sollte er den heidnischen Wünschen entgegenkommen. Nachdem Praetextatus 384 gestorben war, verzettelte sich Symmachus in einer Auseinandersetzung mit den Vestalinnen um die Aufstellung einer Statue zu Ehren des Praetextatus. Er resignierte und zog sich ebenso wie sein Cousin Virius Nicomachus Flavianus ins Privatleben zurück.Herbert Bloch: A new document of the last pagan revival in the West, 1945, S. 214–220. „Der schwere Rückschlag, den die pagane Aristokratie im Streit um den Victoriaaltar erlitten hatte, bildet die Klimax im Drama des letzten Kampfs der Heiden, und der Tod ihres großen Führers Praetextatus ... vertiefte noch ihr Empfinden der Niederlage“, so Bloch 1963.Herbert Bloch: The pagan revival in the West in the end of the fourth century, Oxford 1963, S. 197.