mini|Blick von Nordwesten über Wildalpen. Ausgehend von den Bergen im Hintergrund traf der Schuttstrom hier auf die Salza. Der Bergsturz von Wildalpen ist einer der größten bekannten Bergstürze in den Alpen. Er ereignete sich im frühen vierten Jahrtausend v. Chr. in der Hochschwabgruppe am Gebiet der heutigen Gemeinde Wildalpen in der Steiermark (Österreich). Bei dem zweiphasigen Ereignis stürzte eine rund 3,5 km breite Bergflanke talwärts, insgesamt gerieten dabei rund 1,3 bis 1,4 km³ (1 km³ = 1 Milliarde Kubikmeter) Gestein in Bewegung. Der dabei entstandene Schuttstrom traf nach rund 5 Kilometern im rechten Winkel auf den Fluss Salza, teilte sich dort in drei Äste und füllte das Flussbett auf einer Länge von rund 10 Kilometern aus.

Bevor der Bergsturz im Lauf des 20. Jahrhunderts in seiner vollen Dimension erkannt wurde, versuchte man die feinkörnigen Ablagerungen im Salzatal als Hinterlassenschaften eines Gletschers zu erklären. Durch naturwissenschaftliche Untersuchungen, insbesondere die Dendrochronologie, kann der Bergsturz jedoch auf einen Spätsommer in der Zeit zwischen 5900 und 5700 Jahren vor heute datiert werden, geschah also erst mehrere Jahrtausende nach Ende der letzten Eiszeit. Er ereignete sich in einem Bereich, wo sich zwei tektonische Schuppen der Hochschwabgruppe komplex überschoben hatten, sodass in ihrem Grenzbereich eine Schwächezone innerhalb des Gesteinskörpers entstanden war. Als konkreter Auslöser kommen außergewöhnlich hohe Niederschläge oder ein Erdbeben in Frage.

Umfeld

Das Gebiet des Bergsturzes befindet sich in der Nordabdachung der Hochschwabgruppe. Diese ist ein Plateaugebirge, wie es für den Osten der Nördlichen Kalkalpen typisch ist. Charakteristisch ist der starke Gegensatz zwischen welligen Hochflächen, die sich in Höhenstufen zwischen 1300 m und über 2000 m erstrecken, und steilen Abbrüchen an den Plateaurändern. Die Hochschwabgruppe ist Teil der Mürzalpendecke (vgl. Tektonische Decke) und vor allem durch die sehr verkarstungsfähigen Gesteine Steinalmkalk und Wettersteinkalk bzw. Dolomit geprägt.

Das Bergsturzgebiet auf der Karte Auf Landkarten zeigen sich die Folgen des Bergsturzes am augenfälligsten als ein etwa 3,5 km breiter Abriss zwischen den Bergen Brandstein (Kleiner und Großer Brandstein) im Westen und dem Griesstein (Kleiner und Großer Griesstein) im Osten. Die südliche Abrisskante bilden ein scharfer Kamm namens Schaufelwand und der westlich davon gelegene Schafhalssattel. Der markante Gipfel des Ebensteins bildet die südöstliche Ecke des Abrissgebietes. Harnische (durch das Gleiten von Gesteinspaketen entstandene polierte Flächen) an der Nordseite der Schaufelwand und die quasi senkrechten Westwände an Ebenstein und Griesstein belegen, dass hier ein rund 400 m hohes Gesteinspaket abgerissen sein muss, das alle genannten Gipfel miteinander verbunden hatte. Die Luftlinie zwischen dem Gipfel des Ebensteins und dem sogenannten Griesgassl (Name der Scharte zwischen Kleinem und Großen Griesstein), in dessen Bereich das nördliche Ende des dann abgerutschten Bereichs vermutet wird (s. u.) beträgt etwa 1,5 Kilometer. Ein quaderförmiges Gesteinspaket mit den theoretisch angenommenen maximalen Ausmaßen von 3500 m × 1500 m × 400 m hätte ein Volumen von 2,1 Milliarden m³, die reale Oberflächengestalt des abgerutschten Gebietes ist freilich kaum zu erschließen. Eine geringere Höhe in Nordrichtung, wohin das Gelände beiderseits des Bergsturzbereichs generell abfällt, ist naheliegend. Auch im Westen (etwa beim Schafhalssattel zwischen Schaufelwand und Brandstein) war die Mächtigkeit des abgerutschten Gesteins wohl geringer.

Wichtige Flurnamen Unter den Felswänden der genannten Berge hat der Bergsturz eine kleinteilige, unzugängliche Landschaft hinterlassen. Vor der Beschreibung der Abläufe ist es nötig, einige Flurnamen zu klären, insbesondere den südöstlichen Teil des Gebietes betreffend. Dieser wird in den relevanten geologischen Publikationen als Schafwald bezeichnet, auf den amtlichen topographischen Karten (GIS-Steiermark, ÖK 50) finden sich dort hingegen die Begriffe Schiffwald bzw. Schiffwaldboden und Schiffbrandwald. Der Volkskundler Alfred Webinger kennt in seiner 1953 erschienenen Publikation zur Namenskunde des Gebietes die auf Schiff- lautenden Namen nicht. Er verweist auf den nahen Schafhalssattel und führt weiter aus, dass auch die Schaufelwand und der von ihm nicht näher lokalisierte Schaufelboden (=Schiffwaldboden?) eigentlich Schafelwand und Schafelboden hießen. In Karten aus dem 18. und 19. Jahrhundert tauchen die Bezeichnungen Schiffwald, Schif Wald oder Schef Wald auf. Aus dem Kontext der Verwendung wird klar, dass der Schafwald der fachwissenschaftlichen Texte im Wesentlichen dem Schiffwald der amtlichen Karten entspricht.

Im Norden wird der Schafwald von einer abwärts führenden Steilstufe namens Kohlermauer begrenzt. Unterhalb der Kohlermauer befindet sich das Becken Siebensee mit mehreren großen Karstquellen. Dieses Becken wird durch einen ost-west laufenden Bergrücken (Säusenstein, 1282 m) vom Salzatal getrennt. Von den namensgebenden sieben Seen, die sich aus den Karstquellen speisten, waren Ende des 19. Jahrhunderts noch drei vorhanden, seit der Fassung der Siebenseequellen für die II. Wiener Hochquellenleitung im Jahr 1910 hat sich ihre Zahl weiter reduziert. Gegenwärtig ist nur mehr der Hartlsee, aus dem der Siebenseebach entspringt, permanent als Gewässer erkennbar. Der Bach fließt durch eine Talenge westlich unterhalb des Säusensteins in den Hinterwildalpenbach, dieser wiederum wenige hundert Meter weiter bei Wildalpen in die Salza, die das Gebiet im Norden begrenzt. Westlich des Schafwalds befindet sich ein Becken, an dessen tiefstem Punkt sich der Teufelssee gebildet hat. Im Nordwesten endet der Schafwald an einem Höhenrücken namens Brennach, hinter diesem liegt ein relativ ebener Bereich namens Siebenbürgenboden.

Verlauf

Verteilung der Schuttmassen

Insgesamt bedecken die Ablagerungen des Bergsturzes eine Fläche von 16 km². Rückschlüsse auf den Ablauf des Ereignisses können unter anderem aus der Verteilung dieser Schuttmassen und der Größe der Blöcke gezogen werden. Hier lassen sich vier Bereiche differenzieren:Vereinfachte Beschreibung, im Detail vgl.

Im Südosten des Bergsturzgebietes – zwischen Griesstein und Ebenstein im Osten, Schaufelwand im Süden und der Kohlermauer im Norden – dominieren etwa 15 heute noch differenzierbare Felsschollen mit mehreren hundert Metern Größe, die sich aus der Distanz als weitgehend bewaldete Hügel zeigen. Diese Schollen sind offenbar rutschend in ihre heutige Position gelangt, wobei sie zwar in sich zertrümmert, ihre Teile aber nicht vollkommen aus dem Verband gerissen wurden. Auf und zwischen diesen Felsschollen liegen teils riesige Gesteinsblöcke (Lichtenecker 1929: „Blockmeer des Schafwaldes“). Westlich (Richtung Teufelssee) sowie nördlich (unter der Kohlermauer) schließt ein Bereich mit immer noch teils hausgroßen Kalkblöcken und grobem Schutt an. Im Nordwesten dieses Bereichs brandeten diese Blöcke einen schon vor dem Bergsturz bestehenden Geländerücken (Brennach) nordöstlich des Teufelssees hinauf, dahinter (am Siebenbürgerboden) sind nur mehr vereinzelte Blöcke zu finden. Im Westen reichen diese Blöcke bis an den ebenfalls schon vor dem Bergsturz bestehenden Teufelssee heran, haben ihn jedoch nicht zugeschüttet. Nördlich an diesen zweiten Bereich schließt das Becken Siebensee an. Hier finden sich nur mehr vereinzelt große, kompakte Blöcke und vermehrt feines Schuttmaterial. Ein großer Teil des Materials hat sich am Bergrücken (Gipfel Schirnbacher Kogel, Körbel und Säusenstein) an der Nord-/Nordostseite des Kessels abgelagert. Der Bergrücken lag offenbar in der Hauptsturzrichtung des Gesteins. Der Schutt, dessen Oberfläche aufgrund des Aufbrandens südwärts geneigt ist, erreicht hier eine Mächtigkeit von 150–200 m. Westlich des Säusensteins verbindet die Talenge des Siebenseebachs das Gebiet Siebensee mit dem Hinterwildalpenbachtal und dem Salzatal bei Wildalpen. Ab hier ist das Bergsturzmaterial auf die Talbereiche beschränkt, die Korngrößen nehmen im Salzatal von faustgroß bis hin zu sandig ab. Bemerkenswert ist die Ausdehnung dieses vierten Bereichs: Die Schuttmassen bedeckten den Talboden rund sechs Kilometer flussabwärts (westnordwestlich) bis Fachwerk und fast vier Kilometer flussaufwärts (östlich) bis Fischerreith, ein dritter Ast ragt etwa einen Kilometer nach Norden in das Tal von Hopfgarten hinein.

Initialer Bergsturz

Aus diesen Beobachtungen lässt sich folgender zweiphasiger Ablauf rekonstruieren: Die feinkörnigen Ablagerungen der Bereiche 3 und 4 (Siebensee und Salzatal) sind das Resultat eines Bergsturzes, der sich im Bereich westlich des heutigen Griessteins gelöst hatte und sich vorrangig nordwärts bewegte. Beim initialen Absturz und der folgenden Nordwärtsbewegung wurde das Material zunehmend zermahlen, insbesondere beim Sturz über die Kohlermauer. Dieses Material brandete an der Südseite des Höhenrückens Körbel-Schirnbacher Kogel-Säusenstein an und wurde dort in westliche Richtung gelenkt. Dann drang der Schuttstrom durch das Tal des Siebenseebaches nach Nordwesten in das Hinterwildalpenbach und Salzatal ein, wo er sich wie oben beschrieben dreiteilte. Das Volumen dieses ersten Bergsturzes wird auf 400 bis 500 Millionen Kubikmeter geschätzt. Seine obere Abrisskante dürfte sich auf Höhe des Großen Griessteins in möglicherweise ~2000 m Seehöhe, rund 1,5 km nördlich der Schaufelwand befunden haben.

Auf seinem Weg durch das Bett der Salza nahm der Sturzstrom Flussgeröll mit, das heute zwischen dem feinkörnig zermahlenen Material aus der Bergflanke sichtbar ist. Bändertone im flussaufwärts gelegenen Bereich belegen, dass die Salza durch den Bergsturz zu einem See aufgestaut wurde. Der nordwärts ins Hopfgartental laufende Ast hat, da dort kein Fluss das Material wieder abbauen konnte, eine Tomalandschaft hinterlassen. Die wasserstauenden Bändertone im Kies führen in diesem Bereich bis heute zu einem sehr hohen Grundwasserspiegel, der auch die Bildung des Brunnsees ermöglichte.