Der Periplus Hannonis (Periplus des Hanno; von griechisch περίπλους / períplus „Umsegelung“ oder „Küstenfahrt“) ist der Bericht des karthagischen Flottenkommandanten Hanno, der mit einem Konvoi von angeblich 60 Schiffen und 30.000 Personen über die Meerenge der Säulen des Herakles hinausfuhr, mutmaßlich die westafrikanische Küste umfuhr, bis er im Golf von Guinea angekommen sein soll und von dort die Rückreise antrat. Dieser Reisebericht ist ein wichtiges frühes Dokument der Entdeckungsgeschichte Afrikas. Die Fahrt ist wahrscheinlich ins letzte Drittel des 6. Jahrhunderts v. Chr., spätestens wohl um 470 v. Chr., zu datieren.
Überlieferung Verlorenes Original und erhaltene Textzeugen Der Bericht soll auf ein punisches Original zurückgehen, das angeblich als Inschrift im Tempel des Kronos (Interpretatio Graeca für die westsemitische Gottheit Baal-Hammon) zu Karthago angebracht war.Werner Huß: Die Karthager. Kap. 7: Das afrikanische Unternehmen des Hanno. 3. Auflage, C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-37912-5, S. 39.
Überliefert ist einzig eine griechische Übersetzung, die ihrerseits in einer Handschrift des 9. Jahrhunderts erhalten ist. Die Handschrift wird heute unter der Signatur Cod. Pal. graec. 398 in der Universitätsbibliothek Heidelberg aufbewahrt. Auf drei Seiten (fol. 55r–56r) steht der als Periplus Hannonis bekannt gewordene Fahrtenbericht.
Von diesem Kodex existiert eine Abschrift aus dem 14. Jahrhundert (Vatopedi 655). Teile davon verwahrt die Bibliothèque Nationale in Paris unter der Signatur supp. gr. 443A. Weitere 21 Blätter befinden sich in der British Library (MS Add. 19391). Auf Blatt 12, beidseitig beschrieben, der heute Londoner Handschrift steht der Periplus. Wesentliche Unterschiede zum Heidelberger Text bestehen nicht.
Indirekte Bezeugungen
Ob es sich bei dem überlieferten Text um eine direkte Übersetzung des punischen Originals handelt, ist umstritten. Im 2. Jahrhundert gab es offenbar vollständigere Fassungen des Berichts über Hanno, wie sich aus Literatur jener Zeit erschließen lässt. Insbesondere bei der Reise ab Cerne nach Süden scheinen Zeilen mit Distanzangaben heute verloren zu sein.
So schreibt Arrian am Ende seiner Anabasis Alexandrou bei der Überwindung geographischer Hindernisse, wie durch Nearchos als Admiral ein Teil der Truppen Alexanders des Großen zurückkehrte.
Die aufschlussreichste Bemerkung sind die erwähnten 35 Tage Reisezeit nach Osten im Vergleich zu den Reisezeitangaben Hannos, bei denen offensichtliche Lücken bestehen. Sie deuten auf den seitherigen Verlust ganzer Zeilen des überlieferten Berichtes.
Gar nicht den Erwartungen antiker Geographen entspricht auch die berichtete Drehung der Fahrt Hannos am Schluss nach Süden statt weiter nach Osten und dann wieder nach Norden. Bekanntlich hat sich der eher überlieferungskritische Herodot bei der Beschreibung der Umschiffung Afrikas in der Regierungszeit des Pharaos Necho II. nicht an der Umfahrung selbst gestört, sondern am angeblichen Wechsel der Lage der Sonne – wie bei der Fahrt nach Süden auf der Nordhalbkugel der Erde erwartet – von der linken (Richtung Äquator) auf die rechte Schiffsseite. Dieser Wechsel tritt, wie wir heute wissen, nur dann auf, wenn die Schiffsleute den Äquator bzw. zumindest den nördlichen Wendekreis der Sonne überquerten, was damals wegen der allgemein angenommenen immer stärkeren Hitze nach Süden unmöglich schien.
Was Herodot damals an der Zuverlässigkeit des Berichtes zweifeln ließ, ist für uns mit bekanntem Verlauf der Westküste Afrikas bis zu dessen Südspitze aber untrügliche Voraussetzung, dass die Fahrer überhaupt südlich des Äquators waren. Ebenso ist aus der von Herodot bis zu Pomponius Mela vertretenen Sicht eines Ozeans um ganz Afrika nördlich des Äquators unverständlich, wieso Hanno nach längerer Fahrt nach Osten schließlich wieder nach Süden der Küste entlang abdrehen musste. Der Bericht Hannos widerspricht hier den theoretischen Vorstellungen der maßgebenden griechischen und lateinischen Geographen, beschreibt aber gerade das, was wir bei einem Besuch Hannos im Golf von Guinea bis zum Kamerunberg als selbstverständlich erwarten – kein Beweis, aber ein deutlicher Hinweis auf die guten geographischen Kenntnisse der Karthager aus eigener Anschauung statt aus griechisch-römischer Gelehrsamkeit.
Die älteste Erwähnung des Reiseberichtes des Hanno stammt aus der Schrift De Mirabilibus Auscultationibus des Pseudo-Aristoteles der peripatetischen Schule des 3. vorchristlichen Jahrhunderts:
Indirekt wird auf Hanno und seine Verbindung mit Cerne sogar noch früher im Werk Unglaubliche Geschichten Kap. 31 des Palaiphatos aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert Bezug genommen: . Der Name „Annon“ ist dabei sicherlich vom karthagischen Namen „Hanno“ abgeleitet.
Zeitliche Einordnung der Übersetzung
Wann die griechische Übersetzung angefertigt wurde, ist umstritten.Werner Huß: Die Karthager. Kap. 7: Das afrikanische Unternehmen des Hanno. Unterkapitel Die Fahrt des Hanno. 3. Auflage, C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-37912-5, S. 39, 2. Absatz. Es existiert aber ein um 300 v. Chr. verfasstes, pseudo-Aristotelisches Werk De mirabilibus auscultationibus, welches den Periplus des Hanno erwähnt. Daher muss die Version im oben beschriebenen Falle vorher entstanden sein. Häufig wird behauptet, dass Polybios die Übersetzung angefertigt hätte, der aber deutlich später lebte und deshalb als Übersetzer nicht infrage kommt.
Auch Ephoros erwähnt ein Karikon teichos, das aus dem Text der griechischen Übersetzung stammt. Wenn Ephoros zu der vorliegenden Version Zugang hatte, und nicht auf den Originaltext zugriff, so gilt als gesichert, dass der Periplus Hannonis schon in alexandrinischer Zeit bekannt war. Dass dem so ist, ist allerdings ungewiss. Orts-, Fluss- und Kapnamen, die auch von Aristoteles, Pseudo-Skylax, Herodotos und Hekataios genannt wurden, lassen ebenfalls den logischen Schluss zu, dass jene den Periplus gekannt haben. Deswegen kam die Forschung dem wirklichen Alter des Periplus nur näher, wenn sprachgeschichtliche Untersuchungen angestrengt wurden. Jene Forschungen weisen darauf hin, dass der Periplus im 6. oder im 5. Jahrhundert v. Chr. geschrieben worden ist. Einige Geschichtsforscher zweifelten diese Folgerung an und betrachteten den Periplus als Fälschung. Solche Argumente konnten aber abgewehrt werden.Werner Huß: Die Karthager. Kap. 7: Das afrikanische Unternehmen des Hanno. Unterkapitel Die Fahrt des Hanno. 3. Auflage, C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-37912-5, S. 41, 2. Absatz. Die besprochene Version des Periplus weist aber Lücken auf, wenn man den Text analysiert und es gibt kurze Berichte des Plinius und Arianos, die solche Lücken nahelegen.
Stationen des Unternehmens Hanno gibt für seine Expedition folgende Orte an:Werner Huß: Die Karthager. Kap. 7: Das afrikanische Unternehmen des Hanno. 3. Auflage, C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-37912-5, S. 41, 5. Absatz. die Straße von Gibraltar, Thymiaterion, das Kap Soloeis, ein landeinwärts gelegener See, Karikon Teichos, Gytte, Akra, Melitta, Arambys, der Fluss Lixos (Wadi Draa), das Land jenseits der Lixiten lebenden Aitiopen(?), die Insel Herne, der Fluss Chre(me)tes, ein See mit drei Inseln, ein Fluss, in dem Krokodile und Nilpferde lebten, die Insel Kerne ein Platz am Fuß hoher und bewaldeter Berge, ein Meerbusen, der Golf „Horn des Westens“, in dem eine große Insel lag, ein (nicht anlandbarer) Platz in einer vulkanischen Gegend, der Berg Theon Ochema, der Golf „Horn des Südens“, in dem eine Insel lag, die der Insel „Horn des Westens“ glich. mini|Die Schiffsroute, die im Periplus beschrieben wurde.
Identifizierung der Orte Die Identifizierung der genannten Stationen wurde von Forschern immer wieder diskutiert. Zwei Tagereisen mit dem Schiff von Gibraltar aus sollte Thymiaterion eine Neugründung von Hanno sein, bei der es sich höchstwahrscheinlich um Mehdiya an der Mündung des Oued Sebou handelt. Der Fluss wäre zur Wasserversorgung hilfreich, wird aber nicht erwähnt. Das Kap Soloeis soll nicht das Kap Spartel, sondern das Kap Cantin sein.Werner Huß: Die Karthager. Kap. 7: Das afrikanische Unternehmen des Hanno. Unterkapitel Die Fahrt des Hanno. 3. Auflage, C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-37912-5, S. 42, 2. Absatz. Die Position der fünf weiteren Kolonien namens Karikon Teichos, Gytte, Akra (=Fels, Berg), Melitta und Arambys befinden sich höchst wahrscheinlich zwischen dem Kap Cantin und dem Wadi Draa. Von Mogador nimmt man an, dass es eine Gründung der Phoiniker aus einer viel früheren Zeit, dem 7. oder 6. Jahrhundert v. Chr., war, aber vielleicht von Hanno mit Personen verstärkt wurde. Der Fluss Lixos (nicht zu verwechseln mit der Ausgrabungsstätte Lixus bei Larache) wird weithin mit dem Wadi Draa gleichgesetzt, wobei mit dem als ‘‘Lixiten’‘ bezeichneten Volk wohl die Berber gemeint sind, die an diesem Fluss gelebt haben, die schon mit den Phoinikern Handel trieben. Kerne wäre dann ein südlicher Ort in der Bucht Río de Oro (oder Herne?) oder eine der Inseln in der Bucht von Arguin gewesen. Für Arguin spricht, dass Hanno schreibt, er sei einen Tag lang in Richtung „aufgehende Sonne“ (Osten) gefahren. Dort soll Hanno den Ort Kerne gegründet haben. Danach folgte von Kerne aus eine Fahrt flussaufwärts und danach über einen anderen Flussarm flussabwärts, durch die der Fluss Senegal identifiziert werden sollte, und es folgt die Rückkehr nach Kerne. Daher darf man annehmen, dass Hanno eine Erkundung brauchte, um eine Entscheidung über eine Weiterfahrt zu treffen und deshalb Kerne als Stützpunkt benutzte. Danach erfolgte eine Fahrt von 19 Tagen in wohl den Phoinikern unbekannte Gewässer. Hanno nannte den ersten Abschnitt dieser Gewässer „Golf des Westens“ (Golf von Benin?). Nach weiteren vier Tagen erreichte er den Vulkan „Sitz der Götter“, der aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Vulkan Kamerunberg, der von der Küste aus aufragt, identifiziert werden kann. Hanno fuhr noch zwei bis drei Tage bis zum Golf „Horn des Südens“ (Bucht von Biafra?), bevor er wegen Mangel an Proviant umkehrte. Hanno war von Kerne aus insgesamt etwa 27 Tage für den Hinweg auf See unterwegs und für den Rückweg etwas weniger, weil er nicht an Land gehen musste und kehrte dann zurück nach Kerne.
Orte, die es schon gab
Ein Ort, der schon von den Phoinikern gegründet wurde, um Purpurschnecken zu ernten, war Essaouira, der aber in der griechischen Übersetzung nicht vorkommt (zumindest nicht in dem geretteten Teil).
Insgesamt muss man beachten, dass Westafrika vom Kanarenstrom von Norden nach Süden durchströmt wird und die Passatwinde eine Windrichtung von Nordosten nach Südwesten vorgeben, die eine Reise entlang der Küste südwärts begünstigt, aber bei einer Rückreise eher behindern würde. Am 'Cabo Verde', wie die Portugiesen eine Stelle nannten, der gegenüber die Kapverdischen Inseln liegen, war Hanno mutmaßlich auch bekannt.
Erschließung von Handelswegen entlang der Westsahara
Unabhängig von diesem unsicheren Datierungsansatz erscheint es plausibel, dass die Westküste Afrikas (wie auch die Westküste Europas durch Himilkon) von den Karthagern vor etwa 500 v. Chr. erkundet worden sein dürfte; von den Phoinikern vielleicht schon früher. Das im Mittelmeer zentral gelegene Karthago, das die phoinikisch-karthagischen Handelswege ab Mitte des 6. Jh. v. Chr. im Westlichen Mittelmeer in Konkurrenz zu den Hellenen betrieb und schützte, war daran interessiert, sich neue Handelswege im Westen zu erschließen, da im östlichen Mittelmeer die Griechen ihren Handel und ihre militärische Präsenz immer stärker ausbreiteten.
Handel mit Gold und anderen Metallen