Der heutige italienische Staat entstand während des Risorgimento im Jahr 1861 durch die Eingliederung der alten italienischen Staaten in das von den Savoyarden regierte Königreich von Sardinien-Piemont. Der letzte König Sardinien-Piemonts, Viktor Emanuel II., war unter diesem Namen, und unter Beibehaltung dieser Zählung, erster König von Italien. Die piemontesischen Institutionen wurden damals auf ganz Italien ausgedehnt und in „italienisch“ umbenannt, weswegen fast alle Institutionen des heutigen italienischen Staates älter sind als dieser selbst.
Das italienische Heer begeht seinen „Geburtstag“ am 4. Mai jeden Jahres, dem Tag der Umbenennung der piemontesischen Armee in „Italienisches Heer“ (Esercito Italiano) durch einen Ministerialerlass vom 4. Mai 1861. Die Umbenennung bedeutet keinen historischen Bruch, sondern dokumentiert lediglich die Vergrößerung des piemontesischen Heeres. Die älteren (piemontesischen) Regimenter des italienischen Heeres, die teilweise weit über 300 Jahre alt sind, wie auch einige Truppengattungen (die 1814 gegründeten Carabinieri oder die 1836 aufgestellten Bersaglieri), sind die Träger von Traditionen, vor deren Hintergrund sich das italienische Heer heute sieht.
mini|Haus Savoyen Die Ursprünge Der italienische Philosoph und Militärtheoretiker Machiavelli war es, der in seinem Werk Der Fürst 1512 als erster in Italien öffentlich die Aufstellung stehender Heere oder zumindest die Schaffung von Milizaufgeboten forderte, die sich aus den Reihen der eigenen Bürger der jeweiligen Staaten rekrutieren sollten. Scharf kritisierte er die Söldnerheere, die Italien neben materiellen besonders soziale und moralische Schäden zufügten. Wechselnde Einsätze für verschiedene Fürsten und deren Söldnerführer führten bei den Söldnern oft zu Disziplinlosigkeiten.
Gegen Ende der glänzenden italienischen Renaissance wurde Italien für 300 Jahre Spielball ausländischer Mächte und verfiel. Nur wenige italienische Staaten konnten sich dieser Entwicklung entziehen, darunter die Republik Venedig, die über Jahrhunderte im östlichen Mittelmeer gegen Sarazenen und Türken kämpfte, und das Herzogtum Savoyen mit seiner traditionsreichen Armee.
Die Grafen von Savoyen stellten bereits während der Kreuzzüge eigene Truppenkontingente, welche sich unter anderem bei Damaskus und in Thrakien ausgezeichnet hatten. Unter Herzog Amadeus VIII. wurde 1430 und 1433 für die Feudalmilizen in Savoyen und die Söldnertruppen im Piemont erstmals ein umfassender rechtlicher und organisatorischer Rahmen geschaffen. Unter Karl III. gelang es diesen Streitkräften in den italienischen Kriegen nicht, das Herzogtum vor der fast vollständigen Besetzung und der Verwüstung durch französische, aber auch durch spanisch- und deutschsprachige Truppen der Habsburger zu bewahren.
1545 stellte Karl III. seinen militärisch begabten Sohn Emanuel Philibert von Savoyen in den Dienst Kaiser Karl V., in der Hoffnung, auf diesem Weg eines Tages wieder in den völligen Besitz seines Herzogtums zu kommen, das seinerzeit fast das gesamte Piemont, Savoyen bis zum Genfersee und die Grafschaft Nizza umfasst hatte. Emanuel Philibert, dem der Kaiser nach und nach zivile und militärische Führungsaufgaben übertrug, schlug schließlich am 10. August 1557 mit seinen spanischen Truppen die Franzosen bei St. Quentin vernichtend. Dieser Erfolg ermöglichte es Emanuel Philibert, 1559 im Frieden von Cateau-Cambrésis die Befreiung seines Herzogtums durchzusetzen, mit dessen Wiederaufbau er noch im selben Jahr begann. Er verlegte die Hauptstadt nach Turin und ordnete Verwaltung, Finanzen, Universität und auch das Militärwesen neu.
1560–1690 mini|hochkant|Emanuel Philibert, Gründer der Miliz mini|hochkant|Karl Emanuel II., organisierte das stehende Heer mini|hochkant|Flagge des Herzogtums Siehe auch: Liste der savoyischen und sardinischen Regimenter der Frühen Neuzeit Emanuel Philibert erließ am 28. Dezember 1560 ein Edikt, mit dem er die Aufstellung eines für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen Milizheeres befahl. Das Herzogtum wurde in acht Rekrutierungsbezirke aufgeteilt, die jeweils einen 2.400 Mann starken Infanterieverband zu stellen hatten. Unter der Landbevölkerung hob man die wehrfähigsten Männer im Alter zwischen 18 und 50 Jahren aus, die jeden Sonntag an Arkebusen, Piken und Hellebarden ausgebildet wurden. Die Ausrüstung mussten sie überwiegend selbständig bezahlen, für die Leibgarde, die Kavallerie, die Artillerie und die Festungsbesatzungen kam der Herzog auf. Mangels Uniform trugen die Soldaten in den ersten Jahrzehnten eine blaue Schärpe als Erkennungszeichen (italienische Offiziere tragen sie bis heute zur Paradeuniform). Insgesamt hatte die Miliz eine Kriegsstärke von etwa 20.000 Mann. Bis auf wenige Ausnahmen kam sie ohne Söldner aus.
Emanuel Philiberts Nachfolger betrieben eine gefährliche Expansionspolitik. In wechselnden Allianzen nahmen sie an den Kriegen der europäischen Großmächte teil, um ihren Staat territorial auszudehnen. Karl Emanuel I. kämpfte von 1581 bis 1602 letztlich erfolglos um die Stadt Genf, von 1588 bis 1601 um die Markgrafschaft Saluzzo, zwischen 1612 und 1631 um Montferrat, 1625 und 1631 gegen Genua und Spanien sowie im Mantuanischen Erbfolgekrieg gegen Frankreich. Bis 1648 musste man verhindern, dass das Herzogtum im Dreißigjährigen Krieg zum Austragungsort des französisch-habsburgischen Machtkampfes wurde.
Um die ursprünglich zu Verteidigungszwecken geschaffene Miliz den neuen politischen Bedingungen anzupassen, teilte sie Karl Emanuel I. im Mai 1594 in eine allgemeine Verteidigungsmiliz (milizia generale) und in eine Sondermiliz (milizia scelta). Für die 8.000 Mann der Sondermiliz wurden die Rekrutierungs-, Ausbildungs- und Mobilmachungsregelungen verschärft. Darüber hinaus griff Karl Emanuel auch wieder auf Söldner zurück. Ab 1615 wurden Franzosen, Schweizer, Deutsche und andere für einzelne Feldzüge den fünf Regimentern der Sondermiliz zugeteilt oder bildeten „ausländische Regimenter“. Ab 1619 blieben einzelne Regimenter auf Dauer erhalten. Diese zunächst nach ihren Inhabern benannten Regimenter bildeten im 17. Jahrhundert den Grundstock für das kleine, solide und disziplinierte stehende Heer (truppe d’ordinanza), das als solches unter Karl Emanuel II. 1664 erstmals umfassend organisiert wurde.
Fünf der acht permanenten Regimenter (vier wurden später aufgelöst und durch Neuaufstellungen ersetzt) erhielten statt der Namen ihrer Inhaber den einer Region oder Stadt des Herzogtums. Damit verstärkte der Herzog seine Autorität gegenüber den bisherigen Inhabern. Das 1659 in Turin aufgestellte Garderegiment, das sehr viel später den Namen Granatieri di Sardegna annahm, erhielt 1664 Vorrang gegenüber einigen älteren permanenten Regimentern. Die acht stehenden Regimenter gliederten sich zunächst in bis zu 17, dann in bis zu 25 kleine Kompanien, in denen keine Ausländer mehr dienen durften.
1664 führte Karl Emanuel II. für das Garderegiment Uniformen mit den für das Haus Savoyen typischen azurblauen Röcken ein, dazu kamen weiße Kragen und rote Hosen. 1671 erhielt die Infanterie graue Röcke, die Farben der Aufschläge und anderer Details wiesen auf die Zugehörigkeit der Uniformträger zu den einzelnen Regimentern hin. Bei der Kavallerie richteten sich die Grundfarben nach schwerer und leichter Kavallerie, die Details wiederum nach Regimentern. Die Uniformen der Artillerie blieben immer blau. 1672 wurden alle Infanterieregimenter, die bis dahin noch zu einem Drittel aus Pikenieren bestanden, vollständig mit Musketen und Bajonetten ausgerüstet. Bis 1690 erfolgte die Umstellung auf Steinschlossflinten. Der Säbel wurde grundsätzlich beibehalten.
1685 unterteilte man die acht Regimenter zur besseren Führung der vielen Kompanien in jeweils zwei Bataillone. Die zwölf Regimenter der Sondermiliz hatten nur ein Bataillon. 1685 führte man die ersten Grenadiere ein, die die Elitekompanien der Bataillone bildeten und nach 1814 im genannten Garderegiment zusammengefasst wurden.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstanden aus kleineren Reitereinheiten fünf Kavallerieregimenter, von denen drei aus Dragonern bestanden. Auf Grund der hohen Kosten und der späteren Praxis, kleinere Pferde von der militärischen Verwendung grundsätzlich auszuschließen, blieb die piemontesische Kavallerie quantitativ vergleichsweise klein.
Bis Ende des 18. Jahrhunderts wurden einige Regimenter des stehenden Heeres wieder aufgelöst. Nur nachstehende Regimenter blieben unter verschiedenen Bezeichnungen bis in die neueste Zeit aktiv oder bestehen im italienischen Heer noch immer. Zu berücksichtigen ist, dass die Infanterieregimenter ab 1832 geteilt wurden, um Brigaden zu bilden.
Infanterie: Regiment „Du Cheynez“ (1619), „Monferrato“ (1664), „Casale“ (1821), 11./12. Inf.rgt. (1839) Regiment „Fleury“ (1624), „Savoia“ (1664), 1./2. Inf.rgt. „Ré“ (1839) (1946: „S. Giusto“) Regiment „Catalano Alfieri“ (1636), „Piemonte“ (1664), 3./4. Inf.rgt. „Piemonte“ (1839) Regiment „Guardie“ (1659), „Granatieri Guardie“ (1816), 1. Rgt. „Granatieri di Sardegna“ (1852) Regiment „Lullin“ (1672), „Saluzzo“ (1680), „Pinerolo“ (1821), 13./14. Inf.rgt. (1839) Regiment „Fucilieri di SAR“ (1690), „Aosta“ (1774), 5./6. Inf.rgt. „Aosta“ (1839) Regiment „Nizza di SAR“ (II) (1701), „La Marina“ (1714), 7./8. Inf.rgt. „Cuneo“ (1839) Regiment „Desportes“ (1703), „Alessandria“ (1796), „Acqui“ (1821), 17./18. Inf.rgt. (1839) Regiment „La Regina“ (1741), 9./10. Inf.rgt „Regina“ (1839) (1946: „Bari“) Regiment „Sardegna“ (1744), „Cacciatori Guardie“ (1816), 2. Rgt. „Granatieri di Sardegna“ (1852) (Regiment „Sarzana“ bzw. „Genova“ (1815), „Savona“ (1821), 15./16. Inf.rgt. „Savona“ (1839))
Kavallerie: Regiment „Dragons Bleus“ (1683), „Dragoni del Genevese“ (1821), „Genova Cavalleria“ (1831) Regiment „Dragons Jaunes“ (1690), „Dragoni di Piemonte“ (1691), „Nizza Cavalleria“ (1832) Regiment „Cavaglià“ (1692), „Piemonte Reale Cavalleria“ (1692), „Piemonte Cavalleria“ (1946) Regiment „Savoia Cavalleria“ (1692), „Cavalleggeri d.Sav.“ (1819), „Savoia Cavalleria“ (1832) Regiment „Dragoni di Sardegna“ (1726), „Cavalleggeri d.Sar.“ (1808), an Carabinieri (1822) (Regiment „Dragoni di Piemonte“ (1828), „Lancieri di Novara“ (1832)) (Regiment „Aosta Cavalleria“ (1774/1831), „Lancieri di Aosta“ (1832)) (Regiment „Cavalleggeri di Saluzzo“ (1849/50))
Die zunächst aus zivilem Fachpersonal bestehende Artillerie war von Karl Emanuel I. bereits im Juli 1625 in die Miliz überführt worden. Karl Emanuel II. verstärkte die Truppe und baute in Turin ein Arsenal. 1726 entstand ein Artilleriebataillon, das aus vier Kanonierkompanien sowie aus einer Mineur- und einer technischen Kompanie bestand. 1743 vergrößerte man es zu einem Artillerieregiment, das sich in schwere Belagerungsartillerie und leichte Feldartillerie unterteilte. 1775 bildete dieses Regiment mit Artillerieeinheiten, die der Infanterie direkt zugeteilt waren und kleineren Sondereinheiten das Corpo Reale di Artiglieria.
1690–1814