Dieser Artikel beschreibt die Geschichte des geistlichen Liedes und des Kirchenlieds auf dem europäischen Kontinent.
Frühes Christentum Als Quellen der christlichen Musik gelten die jüdische Tradition des Psalmensingens und die Musik der hellenistischen Spätantike. Gesungen wurde in den christlichen Gemeinden von Anfang an. Paulus erwähnt Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder (; ), allerdings nur im Zusammenhang mit dem häuslichen Verhalten der Christen, nicht mit Bezug auf gottesdienstliche Musik.
Zu den frühesten überlieferten christlichen Gesängen gehören die im Neuen Testament überlieferten Cantica wie das Benedictus, das Magnificat und das Nunc dimittis.Gloria van Donge: Hymnology in the New Testament. Diss. (masch.) о. O. (vermutl. Queensland, Australien) 1988 (Subject: RE303; Lecturer: Dr. Michael Lattke); Auszüge bei Ralph Brucker: ‘Christushymnen’ oder ‘epideiktische Passagen’? Studien zum Stilwechsel im Neuen Testament und seiner Umwelt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53859-6, S. 12.
Christuslieder sind Hymnen auf Jesus von Nazareth als den Christus.Vgl. etwa Martin Hengel: Das Christuslied im frühesten Gottesdienst. In: W. Baier (Hrsg.): Weisheit Gottes – Weisheit der Welt. Festschrift für Joseph Kardinal Ratzinger zum 60. Geburtstag. Band 1, St.Ottilien 1987, S. 357–404. Durch die Literarkritik ist es anhand stilistischer Kriterien möglich, Christuslieder und liturgisches Gut im NT (Neues Testament) herauszuarbeiten.Kritisch dazu äußert sich Klaus Berger: Formgeschichte des Neuen Testaments. Quelle & Meyer, 1984, ISBN 3-494-01128-1, S. 344–346.Kritik bei Ralph Brucker: ‘Christushymnen’ oder ‘epideiktische Passagen’? Studien zum Stilwechsel im Neuen Testament und seiner Umwelt. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-53859-6. In Briefen und Texten werden einige Lieder zitiert und erwähnt, z. B. das Christuslied . Es ist zu vermuten, dass es sich bei solchen Texten um „geprägte Formen“ und „Formulierungen“ handelt, die der Verfasser zitiert, um die Leser an Bekanntes zu erinnern und um so seinen Inhalt als „Allgemeine Glaubensüberzeugung“ zu begründen und zu bekräftigen.
Kriterien: Oft leiten Formulierungen wie „wir wissen...“ solche Stellen ein Die Personen wechseln im Zusammenhang. Während der Text selbst als Anrede formuliert ist oder vom Verfasser im „ich-Stil“ redet, wird plötzlich vom „ER“ geschrieben, um nach dem Zitieren wieder die ursprüngliche Sprache fortzusetzen. An manchen Stellen wird auch ausdrücklich auf eine empfangene Tradition hingewiesen (was wir „empfangen“ haben) So hat man auch versucht, z. B. einen Ur-Katechismus herauszuarbeiten.
Alte Kirche Die wohl frühesten Belege der alten Kirche für gottesdienstliche Hymnen außerhalb des neutestamentlichen Bibelkanons finden sich in den Ignatiusbriefen, hier seinem Brief an die Epheser (7, 2 und 19, 2f).Reinhard Deichgräber: Gotteshymnus und Christushymnus in der frühen Christenheit. (= StUNT 5), Göttingen 1967, S. 21–23.
Im vierten Jahrhundert gaben führende Kirchenväter dem Gemeindegesang einen großen Stellenwert: Im Osten gab es Umbildungen der Liturgie unter Basilius von Caesarea. Im Westen kam es unter Bischof Ambrosius von Mailand zu liturgischen und musikalischen Reformen und zur Einführung des Ambrosianischen Gesangs. Ambrosius führte Antiphonen und neu gedichtete Hymnen ein. Auch die Entstehung des Tedeums fällt in diese Zeit.
Im Rahmen der raschen Ausbreitung des Christentums gewannen die einzelnen Erzbistümer und Klöster eine relative Unabhängigkeit von Rom. So entwickelten sich neben der ambrosianischen verschiedene weitere Liturgien wie der römische Ritus, der mozarabische Ritus, der gallikanische Ritus, der keltische Ritus (siehe auch: Keltischer Kirchengesang), der byzantinische Ritus, der ost- und der westsyrische Ritus und der koptische Ritus. Viele dieser Liturgien bildeten eigene Singtraditionen heraus, von denen einzelne noch heute lebendig sind.
Mittelalter Gregorianischer Gesang Ende des 6. Jahrhunderts führte Papst Gregor I. eine Reform der römischen Liturgie durch. Vermutlich im Rahmen dieser Reformen begann eine über mehrere hundert Jahre fortgesetzte Ordnung, Sammlung und Vereinheitlichung der in der Liturgie verwendeten Melodien und Texte. Die zusammengestellten Lieder wurden als Gregorianischer Gesang für die römische Kirche verbindlich und lösten lokale Gesangsstile weitgehend ab.
In der Stilistik des gregorianischen Chorals entstanden zahlreiche Neukompositionen zunehmend melismatischer Kompositionen von Messetexten aus dem Ordinarium und dem Proprium Missae, von Antiphonen für den gottesdienstlichen Gebrauch und von Stücken für das Officium.
Tropus und Sequenz In karolingischer Zeit entstanden zu den offiziell sanktionierten Chorälen verschiedene Arten von Ergänzungen und Modifikationen, die als Tropus bezeichnet werden: Textierungen bestehender Melismen, den Einschub oder das Anhängen neuer Melismen oder textierter Melodieabschnitte.
Mit der Textierung des Alleluja-Schlussmelismas (klassische Sequenz) beginnt gegen 850 die Geschichte der Sequenz. Bis zum 12. Jahrhundert bildet sich die vom Alleluja unabhängige Reimsequenz heraus mit gereimten und rhythmisch angeglichenen Versen. Sie führt zu den groß angelegten Stophensequenzen des 13. Jahrhunderts (bedeutende Autoren Thomas von Celano und Thomas von Aquin). Reimsequenzen haben die Struktur mehrstrophiger, metrisch geordneter und gereimter Hymnen. Sie wurden im späten Mittelalter sehr beliebt, es sind etwa 5000 Reimsequenzen bekannt.
Volkssprachliche Kirchenlieder Bei allem musikalischen Reichtum des Gregorianischen Chorals war eine Gemeindebeteiligung am gottesdienstlichen Gesang allenfalls geduldet. Kirchlieder in der Volkssprache, d. h. Kirchenlieder im engeren Sinne, hatten ihren Platz bei hohen Festen, Prozessionen oder geistlichen Spielen.
Die ersten Belege volkssprachlicher Kirchenlieder stammen aus dem 9. Jahrhundert. Ausnahmen gab es bei den hohen Festen und den damit verbundenen Mysterienspielen. In Erweiterung des Kyrieleis, des Bittrufs der Gemeinde als Antwort auf das Gebet des Priesters, entstanden in bescheidenem Rahmen tropusartige Vorstrophen zum Kyrie (Leisen) und im Rahmen der weihnachtlichen Christspiele volks- oder gemischtsprachliche Umdichtungen lateinischer Hymnen und Sequenzen wie das noch heute bekannte In dulci jubilo (Nun singet und seid froh) und der Quempas wie (Den die Hirten lobeten sehre).Im Anhang: Geschichtliche Erläuterungen und Verzeichnisse – Überblick über die Geschichte der evangelischen Kirchenmusik; in Karl Gerok und Hans-Arnold Metzger (Hrsg.): Neues Choralbuch zum evangelischen Kirchengesangbuch – mit den Begleitsätzen des württembergischen Choralbuches, Lizenzausgabe des Bärenreitervelages Kassel und Basel, Bärenreiter Ausgabe 440, Bärenreiter, Kassel 1956, gedruckt 1973, S. 271 Musikalisch bewegen sich diese Kirchenlieder zwischen Gregorianischem Gesang und Volkslied (Dreiklangsmelodik, Dreiertakt), so dass man teilweise, wie zum Beispiel bei Es kommt ein Schiff, geladen, auch von geistlichen Volksliedern spricht.
Neben den auf kirchlichen Quellen basierenden volkssprachlichen Liedern entstanden erste Kontrafakturen, d. h. Übertragungen weltlicher Lieder in den geistlichen Bereich. Meist wurde die Melodie übernommen und der Text umgearbeitet oder neu verfasst.
Vorreformation und Reformationszeit
Vorreformation In der vorreformatorischen Zeit begann man, volkssprachliche Kirchenlieder in Gesangbüchern zusammenzustellen. Eines der ersten Gesangbücher erschien 1501 bei den Böhmischen Brüdern. Es enthielt neben Übersetzungen lateinischer Lieder und Kontrafakturen tschechischer Volkslieder auch neu verfasste Lieder.
Martin Luther und sein Umfeld miniatur|Achtliederbuch, 1523/24 Unter den Reformatoren maß vor allem Martin Luther dem volkssprachlichen KirchenliedVgl. auch Gerhard Hahn: Martin Luther – Die geistlichen Lieder. 1967. eine hohe Bedeutung zu. Er zielte dabei auf verschiedene Wirkungen des gemeinsamen Singens von Kirchenliedern in volksnaher Sprache ab: Als missionarische Wirkung förderte das Kirchlied die Ausbreitung biblischer Inhalte und reformatorischer Ideen. Katechetisch konnten Lieder unterrichtlich wirken und spezielle theologische Themen wie Glaubensbekenntnis oder Sakramente behandeln. Formuliert als ein Kirchenlied, das, auch unterstützt durch eine einprägsame Melodie, leicht auswendig gelernt werden konnte, ließ sich ein Inhalt leichter einprägen. Gemeinsames Singen stellte Gemeinsamkeit dar und bildete Gemeinschaft. Deutsche Lieder ermöglichten der bis dahin im Wesentlichen passiven Gemeinde eine aktive Beteiligung am Gottesdienst.Im Anhang: Geschichtliche Erläuterungen und Verzeichnisse – Überblick über die Geschichte der evangelischen Kirchenmusik; in Karl Gerok und Hans-Arnold Metzger (Hrsg.): Neues Choralbuch zum evangelischen Kirchengesangbuch – mit den Begleitsätzen des württembergischen Choralbuches, Lizenzausgabe des Bärenreitervelages Kassel und Basel, Bärenreiter Ausgabe 440, Bärenreiter, Kassel 1956, gedruckt 1973, S. 272 Die psychische Wirkung von Musik beschrieb Luther mit den Worten Medizin gegen das Böse und Labsal gegen Verdruss.
Luther dichtete über 30 Kirchenlieder, darunter Kirchenjahrslieder wie Vom Himmel hoch, da komm ich her, Katechismuslieder wie Dies sind die heilgen zehn Gebot und Psalmlieder wie Ein feste Burg ist unser Gott, außerdem Tischlieder an Stelle eines Tischgebets, Lieder zum häuslichen Gebrauch (Morgensegen und Abendsegen) und liturgische Lieder. Viele dieser Lieder sind Wir-Lieder und stärken die frühe reformatorische Gemeinschaft. – Siehe hierzu auch: Liste der Kirchenlieder Luthers
Teils übernahm Luther gregorianische Choräle und gab ihnen neue, deutsche Texte. Bei neuen Melodien stand immer die Sanglichkeit im Vordergrund; oft bewegen sich die Melodien in bekannten Formeln – künstlerische Originalität der Melodik war von geringer Bedeutung. Neue Melodien entstanden meist in Zusammenarbeit mit Johann Walter. Luther bat aber auch andere Mitarbeiter um Unterstützung beim Schaffen neuer Kirchenlieder.
Die Lieder Luthers und seines Umfelds wurden auf Flugblättern gedruckt. Sie verbreiteten sich weit und wurden schnell beliebt. Sie bildeten eine Säule der reformatorischen Gottesdienstordnungen: Im evangelisch-lutherischen Gottesdienst ist das Kirchenlied eine aktive Beteiligung der Gemeinde und hat auch den Charakter einer Antwort auf die Predigt.
Im Umfeld Luthers erschienen außerdem verschiedene Gemeindegesangbücher. Seitdem ist die Geschichte des Kirchenlieds eng mit der Gesangbuchgeschichte verbunden.
Die Reformierte Kirche Die Köpfe der Reformierten Kirche, Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, lehnten alle Traditionen ab, die sie nicht in der Bibel begründet sahen. Anders als Luther standen sie der Kirchenmusik zunächst abweisend gegenüber. In der Liturgie hatte das Wort Vorrang.
Obwohl er selbst sehr musikalisch war, lehnte Zwingli Musik im Gottesdienst für lange Zeit ab. In den reformierten Gemeinden Zürichs gab es zu seiner Zeit keine Gesänge; auch Instrumentalmusik war ausgeschlossen.
Johannes Calvin, der nach Zwinglis Tod die Führung der Reformierten Kirche übernahm, hatte in Straßburg den Gemeindegesang in Form von Psalmliedern kennengelernt. Er ließ Gemeindegesang wieder zu unter strengen musikalischen und textlichen Auflagen: Es durften nur Psalmtexte gesungen werden. Nachdichtungen hatten sich eng an die biblische Vorlagen anzulehnen. Der Gesang musste einstimmig sein. Die Melodien durften den Umfang einer Oktave nicht überschreiten. Melismen waren nicht zugelassen. Für den Rhythmus waren nur zwei Grundwerte erlaubt (ein Schlag und zwei Schläge, Viertelnote und halbe Note in heutiger Notation). Rhythmische Beruhigungen an den Zeilenenden waren erwünscht. Auf jede Verszeile musste eine Atempause folgen.