Die Seoul National University (abgekürzt SNU, im Deutschen auch Staatliche Universität Seoul oder Nationaluniversität Seoul genannt) ist eine staatliche Universität in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas.

Die Universität ging aus um 1895 von König Gojong in Seoul errichteten Akademien hervor. Die Gründung der Hochschule im Oktober 1946 in ihrer heutigen Form wurde von einem Bildungsrat initiiert mit dem Ziel, eine führende und umfassende Staatsuniversität zu errichten. Die Seoul National University entstand aus einem Zusammenschluss von zehn in Seoul liegenden Hochschulen. Darunter befand sich auch die Universität Gyeongseong, der Nachfolger der Kaiserlichen Universität Keijō, deren ehemalige Einrichtungen einen bedeutenden Teil der neugegründeten Universität ausmachten.

Seit 1975 hat die Universität ihren Standort in Gwanak-gu, Seoul. Daneben besitzt sie zwei weitere Campus in Yeongeon-dong und in der Nachbarstadt Suwon. Die Universität besteht aus sechzehn Colleges, außerdem elf Graduate Schools, von welchen letzteren zehn praxisorientiert sind.

Die Seoul National University ist die führende Universität Südkoreas. Seit den 2000er Jahren hat sie sich zu einer Universität internationalen Ranges entwickelt. Sie zählt zu den angesehensten Universitäten Asiens und genießt im weltweiten Vergleich eine hohe akademische Reputation.

Geschichte mini|170px|links|Kaiser Gojong, Förderer der ersten Vorläufer-Akademien der Seoul National University

Vorgeschichte Bereits in den 1880er-Jahren entstanden in der Regierung des koreanischen Königs Gojong Vorstellungen von der Gründung einer modernen Universität. Besonders hervorgebracht wurden diese Anregungen und Vorschläge infolge diverser Besichtigungen von Ausbildungsstätten und -einrichtungen im Japanischen Kaiserreich, den USA und dem Qing-Reich. Zurückgekehrte progressive Delegierte gaben ähnlich gesinnten Hofbeamten und Staatsdienern den Anstoß zur Errichtung solcher Bildungsstätten auch im koreanischen Reich. Infolgedessen beauftragte Gojong im Jahr 1884 den amerikanischen Konsul, Inspektoren und Lehrer aus Amerika nach Korea zu entsenden, was daraufhin geschah. Nach der Ankunft der ersten Lehrer entstand im Jahr 1886 die Englisch-Schule Yugyeong gongwon (육영공원), die von jungen Männern aus Häusern von hohen Staatsbeamten und jungen konfuzianistischen Gelehrten besucht wurde. Der König und seine Regierung strebten an, diese Schule in eine Universität auszubauen. Dieser Wunsch wurde allerdings nicht umgesetzt, da die Schule in eine Finanznot geriet. Dennoch wurde die Ambition, eine Universität zu gründen, beibehalten.Seoul National University (Hrsg.): Seoul Daehakgyo yukshib nyeonsa (서울대학교 60년사), S. 2ff.

Vorläufer der Universität Einige Vorläufer der Seoul National University sind in den 1890er-Jahren auf Veranlassung von König Gojong errichtet worden. Diese wurden bei der späteren Gründung der Seoul National University in verschiedene Colleges integriert. Somit werden heute als Wurzeln der Colleges für Jura, Medizin und Pädagogik einige der frühen Ausbildungsschulen des späten Joseon-Reiches angesehen.Seoul National University (Hrsg.): Seoul Daehakgyo yukshib nyeonsa (서울대학교 60년사), S. 5–13.

In einem Modernisierungsplan des Reiches initiierte König Gojong die Gründung von verschiedenen Ausbildungsstätten. Nachfolgend entstanden erstmals in der Geschichte Koreas westlich geprägte Einrichtungen höherer Bildung.

Am 19. April 1895 wurde durch den Erlass eines königlichen Dekrets die erste moderne Juristenausbildungsstätte Beopgwan Yangseongso (kor. , ) in Seoul gegründet, welche am 6. Mai des folgenden Jahres durch ein Prüfungsverfahren Studenten aufnahm und im kommenden Jahr 47 Studenten das Abschlusszeugnis aushändigte, unter denen sich auch der spätere Diplomat Yi Jun befand. Diese Schule wechselte mehrmals ihre Bezeichnung in Beophakgyo () (1909), Gyeongseong Jeonsuhakgyo () (1911) und Gyeongseong Beophak Jeonmunhakgyo (; dt. Fachschule für Jurisprudenz Gyeongseong) (1922). Im Jahr 1946, bei der Gründung der heutigen Seoul National University, gliederte man diese Schule als College of Law in das neue Universitätssystem ein. Im Jahr 2007 kam es zu einer Umstrukturierung zur School of Law, welche sich an das System der amerikanischen Law Schools orientiert.

Am 10. Mai 1895 entstand die Lehrerausbildungsstätte Hanseong Sabeomhakgyo (; Pädagogische Schule Hanseong) als Teil eines Vorbereitungsprogramms für die Einrichtung von Grundschulen. Im Laufe von sieben Abschlussjahrgängen wurden insgesamt 195 Absolventen der Abschluss verliehen. Die Institution wechselte im Jahr 1911 ihre Bezeichnung in Gwanrib Gyeongseong Botonghakgyo Sabeomgwa (). Im Jahr 1946 wurde sie als College of Education in die universitäre Struktur der neu entstehenden Seoul National University integriert.

Nach dem Ausruf des Kaiserreichs Korea im Jahr 1897 veranlasste der zum Kaiser aufgestiegene Gojong, weitere fortgeschrittene Ausbildungsstätten zu errichten. Im Jahr 1899 kam es zur Gründung einer medizinischen Schule, die nach mehrmaliger Umstrukturierung in Daehan Uiwon Gyoyukbu () und Gyeongseong Uihak Jeonmunhakgyo (; Fachschule für Medizin Gyeongseong) schließlich zum College of Medicine wurde. Im Jahr 1901 entstand innerhalb der Medizinschule eine Abteilung für die Ausbildung von Krankenpflege – der Vorgänger des späteren College of Nursing der Seoul National University.

mini|links|Kaiserliche Universität Keijō zur Zeit des Japanischen Kaiserreichs

Als wichtigster Vorläufer ist die Kaiserliche Universität Keijō (jap. , Keijō Teikoku Daigaku; , , Gyeongseong Jeguk Daehak) zu nennen. Sie wurde im Jahr 1924 in Keijō gegründet, als sich Korea unter japanischer Herrschaft befand. Sie war eine der neun Reichsuniversitäten Japans. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Korea von Japan unabhängig. Damit ging eine Umbenennung zu Gyeongseong Daehak (, , Universität Gyeongseong) einher. Mit der Unabhängigkeit war sie die erste Universität, die im noch im Entstehen befindenden Staat Südkorea gegründet wurde.

Alle diese Ausbildungsstätten wurden bereits im heutigen Seoul errichtet. Dies lässt sich teilweise an den Namen der Bildungsstätten ablesen. Diese (Hanseong, Keijō und Gyeongseong) geben jeweils aufgrund mehrerer Umbenennungen den damals aktuellen Namen der Stadt wieder.

Gründung mini|250px|Gebäude der Kaiserlichen Universität Keijō Die Staatliche Universität Seoul in ihrer heutigen Form wurde am 22. August 1946 gegründet.

Nach der Unabhängigkeit von Japan 1945 wurde im November desselben Jahres ein hundertköpfiger Bildungsrat gebildet. Dieser initiierte die Gründung einer staatlichen Volluniversität, die die Gebäude der ehemaligen Kaiserlichen Universität Keijō umfangreich verwenden sollte. Die Bildungsverwaltung der US-Militärregierung stimmte zu und gab im Juli 1946 eine Verordnung bekannt, dass auf Grundlage der bestehenden Bildungsstätten eine moderne und umfangreiche Staatliche Universität Seoul gegründet werde. Gleichzeitig sollte die Universität Gyeongseong geschlossen werden. Die neue Volluniversität sollte aus der Fusion von drei Fakultäten der Universität Gyeongseong und neun anderen öffentlichen Schulen, die sich in Seoul befanden, entstehen.

Die zehn öffentliche Bildungseinrichtungen, aus deren Zusammenschluss die Seoul National University entstand, waren folgende Schulen: Universität Gyeongseong (Gyeongseong Daehak, ) Fachschule für Rechtswissenschaft Gyeongseong (Gyeongseong Beophak Jeonmunhakgyo, ) Industrielle Fachschule Gyeongseong (Gyeongseong Gongeop Jeonmunhakgyo, ) Fachschule für Bergbau Gyeongseong (Gyeongseong Gwangsan Jeonmunhakgyo, ) Fachschule für Medizin Gyeongseong (Gyeongseong Euihak Jeonmunhakgyo, ) Fachschule für Land- und Waldwirtschaft Suwon (Suwon Nongnim Jeonmunhakgyo, ) Fachschule für Wirtschaft Gyeongseong (Gyeongseong Gyeongje Jeonmunhakgyo, ) Fachschule für Zahnmedizin Gyeongseong (Gyeongseong Chigwa Euihak Jeonmunhakgyo, ) Pädagogische Schule Gyeongseong (Gyeongseong Sabeomhakgyo, ) Pädagogische Frauenschule Gyeongseong (Gyeongseong Yeoja Sabeomhakgyo, )

Am 22. August 1946 wurde die Seoul National University durch den Zusammenschluss von zehn öffentlichen Schulen in einer Struktur von neun Daehaks (Colleges) und einer Daehagwon (Graduate School) gegründet. Die Gebäude und der Hauptcampus der ehemaligen Universität Gyeongseong wurden von der neuen Universität übernommen. So befanden sich die einzelnen Colleges in der Innenstadt Seouls verstreut, wie in Dongsung-dong, Yongon-dong, Gongreung-dong, Eulji-ro, Sogong-dong, Namsang-dong usw. Der Hauptstandort war der Campus Dongsung-dong.

Die damalige Bezeichnung im Koreanischen lautete noch Gungnip Seoul Daehakgyo (, Staatliche Universität Seoul). Das heutige Symbol der Universität verweist noch auf diesen Namen. Mit der Gründung der Republik Korea im Jahr 1948 wurde das Attribut „Staatliche“ in der Bezeichnung ausgelassen. In der internationalen Bezeichnung ist der Zusatz „National“ bis heute verblieben.

Koreakrieg Nach dem Ausbruch des Koreakrieges wurde die Universität vorübergehend nach Busan verlegt. Zusammen mit anderen privaten Hochschulen, die ebenso geflüchtet waren, bildete die SNU im Jahr 1951 die „Vereinte Kriegszeit-Universität“. Nachdem dieser Bund im folgenden Jahr aufgelöst wurde, errichtete die SNU ihren Campus in Busan.Seoul National University (Hrsg.): Seoul Daehakgyo yukshib nyeonsa (서울대학교 60년사), S. 23–24. Selbst während der Kriegszeit wuchs die Universität. Es entstand das College of Pharmacy, das College of Arts teilte sich in das College of Fine Arts und das College of Music auf. Dazu wurde das Department of Veterinary Medicine, das zum College of Agriculture gehörte, zum College of Veterinary Medicine eigenständig gemacht. Somit erweiterte sich die Universität während der Kriegszeit auf zwölf Colleges und einer Graduate School.

Nach dem Waffenstillstandsabkommen im Juli 1953 wurde die Seoul National University im September desselben Jahres nach Seoul zurückverlegt. Viele Studenten und Professoren waren während des Krieges entweder gefallen oder entführt worden und die Universitätsgebäude waren verwüstet, da sie als militärische Einrichtungen verwendet wurden. Auch waren wertvolle historische Dokumente verloren gegangen.

Mit der Wiederaufrichtung der Universität wurde das Ziel darauf gelegt, eine „Universität des Volkes“ zu errichten. Die SNU sollte zu einer kompetenten Institution konzipiert werden, die die Bildung des Volks repräsentiert und eine führende Rolle in der Bildung des jungen Staats übernimmt.

Im Jahr 1955 wurden zwei Graduate Schools für Public Administration und Public Health errichtet. Ab 1955 fanden strengere Aufnahmeprüfungen statt, so dass die Universität ab 1958 über eine kompetente und selbstbewusste Studentenschaft verfügte. mini|links|Demonstranten bei der Aprilrevolution auf einer Straße in Seoul

Zeit der Demokratiebewegung In der Aprilrevolution im Jahr 1960 erfassten Demonstrationen die gesamte Universität. Bei einem Zusammenstoß von den gegen die korrupte und autokratische Regierung von Präsident Rhee Syng-man protestierenden Studenten und der Polizeikräfte kam es zu vielen Verletzten bei den Studenten, von denen sieben ums Leben kamen. Nach der Revolution wurden politisch orientierte studentische Fachschaften organisiert, die durch die Gründung der Militärregierung nach dem von Park Chung-hee angeführten Putsch im Jahr 1961 und der darauf folgenden Dritten Republik unter Druck gesetzt wurden.Seoul National University (Hrsg.): Seoul Daehakgyo yukshib nyeonsa (서울대학교 60년사), S. 26–29.

Das Militärregime unterdrückte die nach Demokratie und Autonomie strebende Universität. Stattdessen sollte die SNU funktionell als Bildungsstätte von hochqualifizierten Arbeitskräften für die von der Regierung angetriebenen Wirtschaftsentwicklung dienen. So konnte die Regierung nicht auf die kompetenten Studenten verzichten, obwohl die Universität regierungsfeindlich ausgerichtet war.