mini|Die Flagge des Russischen Imperiums (von 1858 bis 1896) weht zwischen der Flagge der Sowjetunion und der Flagge Russlands in Sankt Petersburg. Sie wurden am 17. Juni 2023 unter Anwesenheit von Wladimir Putin feierlich gehisst.Flag raising ceremony kremlin.ru, 17. Juni 2023. Russischer Imperialismus bezeichnet in der Geschichtswissenschaft und politischen Analyse das Streben Russlands und seiner Vorgängerstaaten, sein Territorium, sowie seinen politischen, militärischen und kulturellen Einfluss über seine ursprünglichen Grenzen hinaus auszudehnen. Er beinhaltet das russische Selbstverständnis als vorherrschende Nation in einem Vielvölkerstaat. Das russische Imperium war flächenmäßig das größte und zeitlich das beständigste Imperium im europäischen Vergleich.

Historische Entwicklung Zarenreich Das Moskauer Fürstentum war zunächst ein kleines Teilfürstentum des Fürstentums Wladimir-Susdal. Es nahm ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zahlreiche Flüchtlinge der Mongolenangriffe auf, darunter auch viele Krieger. Um sie mit Land versorgen zu können, begann eine Zeit der Expansion. Im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts vergrößerte Juri I. Daniilowitsch das Territorium deutlich. Die räumliche Ausdehnung führte zu teils kriegerischen Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn.

Mit Hilfe der Mongolen konnte sich Iwan I. schließlich gegen Twer und Rjasan durchsetzen. Im Jahr 1325 wurde Moskau unter Metropolit Peter zum Sitz der Russisch-Orthodoxen Kirche. Unter seinem Sohn Simeon ging auch die Großfürstenwürde von Twer auf Moskau über. Nach dem Sieg über Nischni Nowgorod in den 1360er-Jahren wandte sich Moskau schließlich gegen die Mongolenherrschaft. Wiederholt konnten Plünderungszüge der Mongolen abgewehrt werden. Im Jahr 1380 gelang einem vereinigten russischen Heer in der Schlacht auf dem Kulikowo Pole schließlich ein entscheidender Sieg. Der Moskauer Großfürst nannte sich nun Großfürst der ganzen Rus. Zwischen 1320 und 1460 erweiterte Moskau sein Territorium von 28.000 km² auf 430.000 km². Im Jahr 1472 heiratete Großfürst Iwan III. die Nichte des letzten Kaisers von Byzanz, Sofia Palaiologa. Damit demonstrierte er seinen Anspruch auf das christlich-orthodoxe Erbe (Drittes Rom).Wladislaw Inosemzew: Phantomschmerz tut weh – für die Russen ist das Imperium die einzige Form des Gemeinwesens, die sie kennen NZZ, 3. Januar 2022.

Nach dem Ende der Mongolenherrschaft über die Rus im 16. Jahrhundert entwickelte sich mit der Gründung des Russischen Zarenreiches unter Iwans Enkel Iwan IV. (dem Schrecklichen) zum ersten Mal ein russischer Zentralstaat. Bis hierhin war die russische Ausdehnung auch vom Pelzhandel angetrieben worden. Mit der Erschöpfung dieser Resource veränderte sich der Charakter der räumlichen Expansion, hin zu eher kolonialen Strukturen der Unterwerfung.Alexander Etkind: Internal Colonization: Russia's Imperial Experience, Polity Press, 2013, S. 250. Als erster russischer Zar stabilisierte Iwan IV. Russlands Grenzen und erlangte Einfluss auf die umliegenden Khanate und Fürstentümer. Sein bedeutendster Feldherr jener Zeit war Andrei Kurbski. Die gezielte Aneignung alter Zentren der Rus (Nowgorod im Jahr 1478 und Kiew im Jahr 1654) verdeutlichte den Moskauer Machtanspruch.Alexander Abalow, Ekaterina Kusnezowa und Wladislaw Inosemzew: Das letzte Imperium Internationale Politik, 1. Januar 2019. Mit der Eroberung des Khanats Kasan (1552) und Astrachans (1556) unter Iwan IV. begann eine systematische Expansion in Richtung Sibirien und Zentralasien. Diese war durch religiöses Missionsstreben, wirtschaftliche Interessen und sicherheitspolitische Motive geleitet. Auch die Entlohnung des Adels mit eroberten Ländereien spielte für das wirtschaftliche schwache Reich als Grund für die Ausdehnung eine wesentliche Rolle (siehe auch Russische Eroberung Sibiriens). In blutigen Feldzügen unterwarfen russische Armeen in Sibirien unter anderen die Völker der Chanten, Mansen, Jakuten, Ewenken und Tschuktschen. Bisweilen folgten die russischen Truppen dabei Befehlen, die Menschen vollständig zu vertreiben und die Kulturen der eroberten Völker auszulöschen, beispielsweise unter Kaiserin Elisabeth. Heute bilden diese Volksgruppen in ihren angestammten Siedlungsgebieten stets die Minderheit, während ethnische Russen in der Mehrheit sind.

hochkant=1.8|mini|Expansion Russlands von 1300 bis 1945 Von 1721 bis 1917 war die offizielle Staatsbezeichnung des Russischen Kaiserreiches (All-)Russisches Imperium ((Все-)Росси́йская импе́рия). Peter der Große (1672–1725) nannte sich seit dem Sieg im Großen Nordischen Krieg Imperator, und Russland wurde zu einer europäischen Großmacht. Unter Katharina der Großen (1729–1796) eroberte das Zarenreich Neurussland, die Krim, Polen-Litauen und das Territorium der heutigen Baltischen Staaten. Im 19. Jahrhundert expandierte das Russische Kaiserreich nach Zentralasien, in den Kaukasus und nach Nord- und Osteuropa. Mit dem Russisch-Schwedischen Krieg und dem Frieden von Tilsit fiel 1807 Finnland an Russland.

Die Expansion führte im späten 18. Jahrhundert zum direkten Kontakt mit osmanischen, persischen und chinesischen Gebieten und schließlich zur direkten Konfrontation mit dem Britischen Weltreich sowie dem Japanischen Kaiserreich (siehe Russisch-Türkische Kriege, Russisch-Japanischer Krieg und Russische Ostasienpolitik). Es folgte die Errichtung von Schutzgebieten wie dem zentralasiatischen Emirat Buchara und den Khanaten Chiwa und Kokand.Ralf Fücks: Die langen Linien des russischen Imperialismus, Zentrum Liberale Moderne, 9. Juni 2022. Bis dahin war Russland vor allem eine koloniale Siedlergesellschaft (frontier society) gewesen. Einem eigenen Zivilisationsauftrag folgend, lag das Hauptaugenmerk auf der Eroberung, Befriedung, Kultivierung und der Konvertierung der Menschen zum orthodoxen Christentum.Michael Khodarkovsky: Russia’s Steppe Frontier: The Making of a Colonial Empire, 1500–1800, Indiana University Press, 2002. S. 2. Die stetigen Angriffe nomadischer Reiterarmeen machten die Herausbildung eines starken, verteidigungsfähigen Staates erforderlich.Michael Khodarkovsky: Russia’s Steppe Frontier: The Making of a Colonial Empire, 1500–1800, Indiana University Press, 2002. S. 221.

In der Forschung werden direkte Parallelen zu den westlichen Kolonialreichen gezogen. Bei seinen Kriegszügen gingen russische Heere oft erbarmungslos gegen die eroberten Völker vor. So kam es unter anderem zum Völkermord an den Tscherkessen. Es gab zahlreiche lokale Aufständen, angefangen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts im Khanat Kasan, die gewaltsam unterdrückt wurden. Die Integration zahlreicher Sprachen, Religionen und Gesellschaftsmodelle stellte Russland langfristig vor kaum lösbare Probleme. Das Scheitern des Zarenreichs sollte nach Daniel Brower (1936 – 2007) deshalb auch als Scheitern des russischen Kolonialsreichs verstanden werden.Daniel Brower: Turkestan and the Fate of the Russian Empire, S. IX. Routledge, 2003.

Wie andere europäische Mächte auch versuchte sich Russland an einer überseeischen Expansion. Es dehnte seinen Einfluss dabei kurzfristig über Alaska bis in das heutige Kalifornien (Fort Ross) aus. Mit dem Verkauf Alaskas an die Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 1867 zog es sich aber wieder vom nordamerikanischen Kontinent zurück. Ein Siedlungsversuch in Sagallo im heutigen Dschibuti im Jahr 1889 scheiterte umgehend am Widerstand der Franzosen vor Ort. Die imperiale Expansion Russlands setzte sich – mit Unterbrechungen – bis zur Oktoberrevolution 1917 fort.

Während sich Russland zunächst noch der Idee des Panslawismus verweigerte, versuchte es nach der Niederlage im Krimkrieg den Panslawismus zur Erweiterung seiner Einflusssphäre in Mitteleuropa zu nutzen. Ab 1881 kam es innenpolitisch zu einer staatlich geförderter Russifizierungs- und Unterdrückungspolitik. Sie leitete ihren Anspruch dabei aus der christlichen Orthodoxie ab und richtete sich vor allem gegen Polen und Juden, aber auch nicht-orthodoxe Russen und nichtrussische Orthodoxe. Gleichzeitig entwickelten sich Ethno-Nationalismus und Sezessionismus für das russische Imperium landesweit zu einem Problem und schließlich zum Brandbeschleuniger seines eigenen Zerfalls während der Revolutionen von 1917.Regina Heller: Ursprünge, Merkmale und Ziele des russischen Neo-Imperialismus Bundeszentrale für politische Bildung, 17. Juli 2025.

Sowjetunion mini|Ein Plakat aus der Stalinzeit: Die ganze Welt wird uns gehören! Obwohl die frühe Sowjetführung den Zarismus als „Gefängnis der Völker“ kritisierte, weisen viele Historiker auf die Kontinuität imperialer Praktiken hin. Die Eingliederung neuer Republiken sowie die Kontrolle über Ostmitteleuropa nach 1945, aber auch der Hitler-Stalin-Pakt werden dabei oft als Ausdruck eines sowjetischen Imperialismus gewertet.

Zwar gab es innerhalb der Sowjetunion auch Tendenzen für einen Ethnoföderalismus, der den Kommunismus auf dem Weg zum Sowjetvolk stärken sollte. Gerade zu Beginn der Machtübernahme versuchten die Kommunisten sich so die Unterstützung in den Regionen zu sichern. Dies fand seinen Ausdruck in der Deklaration der Rechte der Völker Russlands im November 1917. Doch faktisch blieb die imperiale Logik bestimmend. Es folgte die massive Unterdrückung nationaler Selbstbestimmungsansprüche durch die Moskauer Zentralmacht. In Georgien übernahmen nach dem von Bolschewiken angezettelten georgisch-südossetischen Krieg (1918–1920) die Sowjets die Kontrolle und zwangen das Land zusammen mit Armenien und Aserbaidschan in die Transkaukasische Sowjetrepublik. Auch der östliche Teil der Ukraine wurde 1922 als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik zwangsweise in die Sowjetunion integriert. Ukrainische Kleriker, Intellektuelle und Amtsträger waren danach tödlicher Verfolgung ausgesetzt (Erschossene Renaissance). Ob Stalin Anfang der 1930er-Jahre mit einer gezielt herbeigeführten Hungersnot (Holodomor) versuchte, auch den Widerstand der ukrainischen Bauern zu brechen, ist heute Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Debatten.

Ab 1934 wurden der Sowjetpatriotismus und die „Liebe zum sowjetischen Vaterland“ immer stärker mit der großrussischen Nation verbunden. Dies zeigte sich auch in anderen Teilen der Sowjetunion in der Unterdrückung von Sprachen und Kulturen, der gezielten Russifizierung der Bevölkerung, sowie strategischen Deportationen von Minderheiten aus angestammten Siedlungsgebieten und die Ansiedlung von Russen dort (siehe Ethnische Deportationen in der UdSSR). Diese Politik kostete Millionen von Menschen das Leben und traf die kulturelle Identität Dutzender Volksgruppen schwer. Gleichzeitig entwickelte sich die Sowjetunion zu einem zentralistisch organisierten Bundesstaat, der vom Machtapparat der kommunistischen Partei zusammengehalten wurde. Stalin nutzte jede sich bietende Gelegenheit zur Eroberung neuer Gebiete.