Identitätspolitik (englisch identity politics) bezeichnet eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei der Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses. Um die Mitglieder einer solchen Gruppe zu identifizieren, werden kulturelle, ethnische, soziale oder sexuelle Merkmale verwendet.

Begriffsgeschichte

Ursprünge Der Soziologe Frank Furedi sieht die Vorläufer dessen, was inzwischen als Identitätspolitik bezeichnet wird, im späten 18. Jahrhundert. In dieser Zeit habe die Politisierung der Identität ihre Kraft aus der konservativen Reaktion gegen den Universalismus der Aufklärung gewonnen. Wichtige Vertreter des Partikularismus und einer romantischen Verehrung kultureller Identität seien Johann Gottfried Herder in Deutschland und Joseph de Maistre in Frankreich gewesen. Herder zufolge definiere die Kultur jedes Volk, indem sie es mit seiner individuellen Identität und mit einem eigenen Geist ausstatte. Und de Maistre erklärte, es gebe „keinen Menschen an sich“. Die Förderung kultureller Unterschiedlichkeit durch die Gegenaufklärung hatte laut Furedi einen erkenntnistheoretischen Separatismus zur Folge. Die Annahme, dass unterschiedliche Kulturen auf verschiedenen Wegen zur Erkenntnis gelangten, ließ nationale Identitäten erstarren und fungierte als kulturelle Vorstufe der Rassentypologien, die das westliche Denken bis ins frühe 20. Jahrhundert prägten.Frank Furedi: Die verborgene Geschichte der Identitätspolitik. In: Johannes Richardt (Hrsg.): Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik. Novo Argumente Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-944610-45-0, S. 13–25, hier S. 14 f.

Auch die Linke artikulierte laut Lea Susemichel und Jens Kastner mit dem Klassenbewusstsein der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts identitätspolitische Vorstellungen. Klassenpolitik sei immer auch Identitätspolitik.Lea Susemichel und Jens Kastner: Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken. Unrast-Verlag, Münster 2018, ISBN 978-3-89771-320-8, S. 39 ff. Gegen diese Gleichsetzung argumentieren Holger Marcks und Felix Zimmermann, die den Begriff der Identitätspolitik wie Furedi an erkenntnistheoretische Aspekte knüpfen. Der Einsatz für soziale Gruppen wie die Arbeiterklasse sei erst einmal nur Interessenpolitik. Gleichwohl könne solche Klassenpolitik aber identitätspolitische Formen annehmen, so auch einst in der Arbeiterbewegung, wo Vorstellungen eines proletarischen Bewusstseins bzw. Standpunkts kursierten, die den bürgerlichen Epistemen überlegen seien.

Die zeitgenössische Bezeichnung Identitätspolitik hat ihren Ursprung in den USA (identity politics). Aus den neuen sozialen Bewegungen erwuchs dort (und später auch in Europa) ein besonderer Politikstil, mit Argumentationen und Gruppenbildungen, der in einer historisch neuen Weise auf Identitätsbildung zielte. In den USA begannen bereits in den 1980er Jahren marginalisierte Gruppen ein kollektives Bewusstsein zu entwickeln, das auf die individuellen Identitäten ihrer Mitglieder aufbaute. Den Beginn machten die politischen Bewegungen der Afroamerikaner, es folgten ein Teil der Feministinnen, schwule und lesbische Gruppen, dann amerikanische Ureinwohner, Amerikaner asiatischer und hispanischer Herkunft, Alte, Obdachlose, Ex-Psychiatriepatienten, Behinderte und diverse mehr.Peter Lohauß: Widersprüche der Identitätspolitik in der demokratischen Gesellschaft. In: Walter Reese-Schäfer (Hrsg.): Identität und Interesse. Der Diskurs der Identitätsforschung. Leske und Budrich, Opladen 1999, ISBN 978-3-8100-2481-7, S. 65–90, hier S. 65.

Die erste Verwendung der Bezeichnung wird dem Combahee River Collective, einem Kollektiv schwarzer, lesbischer Frauen, zugeschrieben, das 1977 in einem programmatischen Statement schrieb, dass die tiefgreifendste und potenziell radikalste Politik direkt aus der eigenen Identität komme.Lea Susemichel, Jens Kastner: Identitätspolitiken. Konzepte und Kritiken in Geschichte und Gegenwart der Linken. Unrast-Verlag, Münster 2018, S. 7. Sie führen den Begriff folgendermaßen aus:

Die Autorinnen grenzen sich vom in zeitgenössischen feministischen Kreisen diskutierten lesbischen Separatismus und jedem biologistischen Determinismus ab. Dieser schließe „viel zu viele“ Menschen aus.Combahee River Collective: The Combahee River Collective Statement. In: Keeanga-Yamahtta Taylor (Hrsg.): How We Get Free. Black Feminism and the Combahee River Collective. Haymarket Books, Chicago 2017, S. 15–27, hier S. 21 (online). Sie fordern die Zentrierung der Erfahrung schwarzer Frauen gerade deswegen, weil sie zur Befreiung aller führen werde:

Neuere Debatte

Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten im November 2016 betonte die Historikerin Nell Irvin Painter, das Weißsein habe sich jetzt von einer unmarkierten Kategorie, die bis dahin wie selbstverständlich das gesellschaftliche Zentrum besetzt hatte, in eine Kategorie gewandelt, die zielgerichtet mobilisiert werde, um eine politisch und gesellschaftlich privilegierte Position zu sichern. Identitätspolitik sei keinesfalls nur Sache von Afroamerikanern, Latinos, Frauen und LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), sondern auch eine der weißen, heterosexuellen, protestantischen Männer, die damit ihren verloren geglaubten Platz im gesellschaftlichen Zentrum wieder zu festigen suchten.Jürgen Martschukat: Hegemoniale Identitätspolitik als „entscheidende Politikform“ in den USA. Eine Geschichte der Gegenwart. In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ). Bundeszentrale für politische Bildung, Nr. 38–39, 2018, online: 14. September 2018. Damit, so Frank Furedi, sei Identitätspolitik „mittlerweile zur Karikatur ihrer selbst geworden“.Frank Furedi: Die verborgene Geschichte der Identitätspolitik. In: Johannes Richardt (Hrsg.): Die sortierte Gesellschaft. Zur Kritik der Identitätspolitik. Novo Argumente Verlag, Frankfurt am Main 2018, S. 13–25, hier S. 25.

Laut dem Philosophen Andreas Urs Sommer wurde das Wort Identitätspolitik bereits im späten 19. Jahrhundert verwendet. Als Beleg verweist er auf eine Äußerung des Rabbiners Israel Goldschmidt aus dem Jahr 1883, der die verbreitete antisemitische Forderung: „Die Juden sollen Deutsche werden!“ als unlogische und unberechtigte „‚Identitäts-Politik‘“ kritisierte.Andreas Urs Sommer: Eine Demokratie für das 21. Jahrhundert. Warum die Volksvertretung überholt ist und die Zukunft der direkten Demokratie gehört. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2022, ISBN 978-3-451-39167-5, S. 243.

Definitionen Daniela Klimke definiert im Lexikon zur Soziologie Identitätspolitik als einen Begriff der Cultural Studies, der die emanzipatorischen Bewegungen diskriminierter sozialer Gruppen bezeichne, wie etwa die Bürgerrechtsbewegung () in den Vereinigten Staaten. Identitätspolitik werde von den Betroffenen (beispielsweise Frauen, Schwule, Hindus) auch dadurch betrieben, dass sie stigmatisierende Zuschreibungen (wie etwa „Nigger“ oder „Kanake“) übernehmen, um deren Bedeutung umzukehren. Identitätspolitik könne zur Assimilation an die Identität der Mehrheit führen, wie zum Beispiel die „Homo-Ehe“; sie könne aber auch durch die Überhöhung kultureller Besonderheiten segregierende und fundamentalistische Züge annehmen. Oft werde die Geltungskraft sozialer Unterscheidungsmerkmale (wie etwa Geschlecht oder Hautfarbe) von der Identitätspolitik verstärkt, was dann die unterdrückende gesellschaftliche Hierarchie und die Opferrolle bestätige.Daniela Klimke: Lemma Identitätspolitik. In: Werner Fuchs-Heinritz und andere (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. 5. Auflage, Springer VS, Wiesbaden 2011, S. 293.

Karsten Schubert und Helge Schwiertz definieren Identitätspolitik aus der Perspektive der politischen Theorie konstruktivistisch, als „politische Praxis marginalisierter Gruppen […], die sich in Bezug auf eine kollektive Identität gegen ihre Benachteiligung durch Strukturen, Kulturen und Normen der Mehrheitsgesellschaft wehren […]. Identitätspolitiken bauen auf geteilten Praktiken, Erfahrungen und Interessen auf, indem sie diese zu etwas Gemeinsamen verknüpfen und kollektive Subjektivität herstellen“. Identitätspolitik ermögliche es Minderheiten erst, Diskriminierungserfahrungen „kritisch [zu] reflektieren und hiervon ausgehend Handlungsmacht [zu] entwickeln, um so über ihre politische Positionierung die bestehende soziale Ordnung infrage zu stellen.“ Weil Identitätspolitik Herrschaftsverhältnisse in Frage stelle, könne sie „als emanzipativ beschrieben werden“, wobei dafür „ein normativer Bezug auf Gleichheit und Freiheit notwendig“ sei.Karsten Schubert, Helge Schwiertz: Konstruktivistische Identitätspolitik: Warum Demokratie partikulare Positionierung erfordert. In: Zeitschrift für Politikwissenschaft. Band 31, Nr. 3, 13. Oktober 2021 (Volltext: doi:10.1007/s41358-021-00291-2).

Allgemeiner definiert Michael Schönhut: Nach seiner Auffassung besteht Identitätspolitik aus Bemühungen, die Wahrnehmung einer kulturellen Kategorie oder Gruppe bei ihren Mitgliedern zu beeinflussen oder die Wahrnehmung seitens anderer zu steuern. Meist gehe es dabei um Ansprüche oder Interessen, die von einer homogenen Gruppe innerhalb nationalstaatlicher Verteilungskonflikte leichter durchzusetzen sind. Identitätspolitik bedeute immer eine bewusst gesetzte Grenzziehung zwischen den Eigenen (die dazugehören) und den Anderen (die ausgeschlossen sind, vgl. Othering). Ein wichtiges Element sei dabei die Festschreibung des Anderen auf seine Andersartigkeit bzw. des Eigenen auf seine ursprüngliche Wesenheit, wobei innere Differenzen nivelliert würden.Michael Schönhuth: Identitätspolitik. In: Das Kulturglossar. 5. Abschnitt.

Unter Einbeziehung „rechter Identitätspolitik“ definiert Lorenz Abu Ayyash: Der Begriff stehe„zunächst für die Ausrichtung politischen Handelns an Interessen von Menschen, die anhand von Kategorien wie Klasse, Geschlecht, Herkunft oder sexuelle Orientierung zu einer Gruppe zusammengefasst werden. Derartige Kategorien bedeuten immer auch eine bewusste Grenzziehung, die den Ausschluss des ‚Anderen‘ impliziert. Mit einer solchen Grenzziehung zwischen dem ‚wahren Volk‘ und der ‚korrupten Elite‘ war rechte Identitätspolitik zuletzt in vielen Ländern bei Wahlen erfolgreicher als linke.“Lorenz Abu Ayyash: Editorial. In: Identitätspolitik. Aus Politik und Zeitgeschichte (APUZ 9–11/2019), Bundeszentrale für politische Bildung.

Rezeption und Kritik