Die Griechisch-italienischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Griechenland und Italien. Kulturelle Kontakte zwischen der Apenninhalbinsel und der griechischen Welt lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. Griechische Kultur, Architektur und Philosophie beeinflusste das Römische Reich erheblich, was zu einer griechisch-römischen Synthese führte. Nach dem Untergang Roms wurden dieser enge Austausch im Mittelalter und der Neuzeit weitergeführt und italienische Staaten wie die Republik Venedig verfügten über erheblichen Einfluss in Griechenland. Der Untergang des griechisch geprägten Byzantinischen Reiches führte im 15. Jahrhundert zu einem Zustrom griechischer Gelehrter nach Italien, welche die italienische Renaissance beeinflussten. Nach der Etablierung moderner griechischer und italienischer Nationalstaaten wurden die Beziehungen nach dem Italienisch-Türkischen Krieg, den Balkankriegen und dem Ersten Weltkrieg angespannt, als beide Staaten um Gebiete im Mittelmeerraum und auf dem Balkan konkurrierten. Schließlich startete das faschistische Königreich Italien unter Duce Benito Mussolini 1941 einen Angriff auf Griechenland, der nach Eingreifen anderer Achsenmächte in einer mehrjährigen Besatzung Griechenlands endete. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etablierten beide Staaten freundschaftliche Beziehungen, wurden militärische Bündnispartner und beteiligten sich an der europäischen Integration. Heute sind beide Staaten gemeinsam Mitglieder von u. a. der Europäischen Union, der Eurozone, des Schengen-Raums, des Europarats, der NATO, der OECD, der OSZE und der Union für den Mittelmeerraum.

Obwohl Griechenland und Italien keine direkte Landgrenze teilen, ist Süditalien nahe dem griechischen Festland. Die italienischen Häfen Bari, Brindisi, Ancona, Venedig und Triest an der italienischen Adriaküste bieten täglich Passagier- und Frachtfähren zu den griechischen Häfen Korfu, Patras, Igoumenitsa und Kalamata an, wodurch der Landweg über die Balkanhalbinsel vermieden wird.

Geschichte mini|Griechische Kolonien (in rot) im Mittelmeerraum im vierten Jahrhundert v. Chr.

Antike Die Beziehungen zwischen den Regionen des heutigen Griechenland und Italien reichen bis in die Antike zurück. Bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten griechische Siedler Kolonien im Süden der italienischen Halbinsel (in der später sogenannten Magna Graecia). Dadurch brachten die Griechen städtische Lebensweisen, ihre Religion, Weinbau sowie ihr Alphabet nach Unteritalien. Auch nach der römischen Eroberung Griechenlands im 2. Jahrhundert v. Chr. blieb der kulturelle Einfluss der Griechen auf Rom sehr bedeutend. Die Römer bewunderten die griechische Kunst und Philosophie und übernahmen viele Elemente der griechischen Kultur, etwa in Architektur und Literatur. Zugleich dehnten Rom und griechischsprachige Reiche ihre politischen Interessen in den jeweiligen Raum aus. So kämpfte z. B. im 3. Jahrhundert v. Chr. der epirotische König Pyrrhos mit einem griechischen Heer in Italien gegen Rom (Pyrrhischer Krieg). Schließlich geriet Griechenland im Jahr 146 v. Chr. unter römische Herrschaft, als die Römer die griechische Stadt Korinth zerstörten und die letzte Eigenständigkeit der griechischen Stadtstaaten beendeten. In der Folgezeit entwickelte sich die sogenannte griechisch-römische Kultur und Zivilisation, die Elemente beider antiker Welten vereinte. Städte wie Neapel oder Tarent in Italien blieben lange griechisch geprägt und überwiegend griechischsprachig. Der griechische Einfluss auf das antike Rom zeigte sich in vielfältiger Weise in Kunst, Kultur und Architektur. Viele Angehörige der römischen Elite sprachen Griechisch, und römische Autoren (wie Cicero) zeigten große Bewunderung für die griechische Philosophie.

Mittelalter und frühe Neuzeit mini|Byzantinisches Reich um 1025 Nach dem Zerfall des Weströmischen Reiches (5. Jahrhundert) blieb der griechischsprachige Ostteil des Imperiums – das Byzantinische Reich – noch nahezu ein Jahrtausend bestehen. Byzanz herrschte zeitweise auch über Gebiete in Italien, etwa über Gebiete Süditaliens im 6.–8. Jahrhundert. In Teilen Unteritaliens (Kalabrien und Apulien) behaupteten sich bis ins Mittelalter griechischsprachige Gemeinschaften, teils als Überbleibsel der Antike, teils durch byzantinische Zuwanderung. Diese Griko-Dialekte werden in einigen Dörfern Apuliens und Kalabriens bis heute gesprochen. Während des Mittelalters standen sich Byzantiner und aufstrebende italienische Mächte aber auch als Rivalen gegenüber. Ab dem 13. Jahrhundert erlangte die Republik Venedig wichtige Stützpunkte in Griechenland. Venedig herrschte etwa über die Ionischen Inseln für mehrere Jahrhunderte (vom 14. bis zum späten 18. Jahrhundert). Zeitweise kontrollierten venezianische oder genuesische Adlige auch Festlandsgebiete in Griechenland (etwa nach dem Vierten Kreuzzug 1204 das Lateinische Kaiserreich). Eine wichtige Rolle spielte Venedig als Kolonialmacht insbesondere auf Kreta (1211–1669) und Zypern (1474–1571). Die venezianische Präsenz hinterließ bleibende Spuren in Griechenland, so etwa in Form von Festungsbauten und kulturellen Einflüssen auf den Ionischen Inseln. Zugleich bestanden durch den Mittelmeerhandel enge Kontakte zwischen italienischen und griechischen Hafenstädten.

Ab dem 15. Jahrhundert rückte jedoch das Osmanische Reich an die Stelle Byzanz’ als beherrschende Macht in Griechenland, was die italienischen Einflussgebiete zunehmend zurückdrängte. Dennoch blieb der Kulturaustausch lebhaft: Nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 flohen viele byzantinisch-griechische Gelehrte nach Italien und brachten wertvolle antike Handschriften sowie ihr Wissen mit. Diese Gelehrten (wie z. B. Bessarion oder Johannes Argyropoulos) leisteten einen bedeutenden Beitrag zur Renaissance in Italien, indem sie das Studium der griechischen Antike förderten und antikes Wissen in den Westen übermittelten. In dieser Phase intensivierte sich der kulturelle Austausch: Italienische Humanisten lernten Griechisch, übersetzten antike griechische Werke ins Lateinische, und es entstanden in Italien erste gedruckte Ausgaben griechischer Klassiker. Damit legten griechische Intellektuelle im Exil wichtige Grundlagen für Wissenschaft und Kultur der Renaissance in Italien.

19. Jahrhundert mini|Italienische Freiwillige während des Griechisch-Türkischen Kriegs (1897) Im 19. Jahrhundert formierten sich moderne Nationalstaaten in beiden Ländern: Griechenland erlangte 1830 die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, Italien wurde 1861 als Königreich geeint (Risorgimento). Schon vor der Staatsgründung Italiens gab es italienische Unterstützung für den griechischen Unabhängigkeitskampf. So kämpften einzelne italienische Freiwillige (Philhellenen) im griechischen Unabhängigkeitskrieg (1821–1829) an der Seite der Griechen. Ein bekanntes Beispiel ist Santorre di Santarosa, ein piemontesischer Freiheitskämpfer, der 1825 auf der griechischen Insel Sfakteria fiel. Nach der Einigung Italiens (1861) nahmen Griechenland und Italien offiziell diplomatische Beziehungen auf, die zunächst von beidseitiger Neutralität geprägt waren. Beide Länder standen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vornehmlich vor innenpolitischen Aufgaben (Aufbau des Nationalstaats) und verfolgten eigene regionale Interessen. Gleichwohl entwickelten sich wirtschaftliche und menschliche Kontakte: Etliche griechische Kaufleute ließen sich in italienischen Hafenstädten nieder, während umgekehrt italienische Unternehmen im ausländischen Handel auch mit Griechenland aktiv waren. In geopolitischer Hinsicht berührten sich griechische und italienische Interessen vor allem in der östlichen Mittelmeerregion, insbesondere nachdem Italien 1880/90 begonnen hatte, koloniale Ambitionen zu entfalten (z. B. in Libyen und am Horn von Afrika). Insgesamt blieben ernsthafte Konflikte jedoch zunächst aus, da Griechenland bis etwa 1900 keine expansionsgerichtete Großmachtpolitik betrieb und Italien sich stärker auf Nordafrika konzentrierte. Während des gesamten 19. Jahrhunderts unterstützten italienische Philhellenen Griechenland weiterhin politisch und militärisch. So führte beispielsweise Ricciotti Garibaldi (der Sohn von Giuseppe Garibaldi) eine Freiwilligenexpedition im Griechisch-Türkischen Krieg von 1897 an.

Frühes 20. Jahrhundert Anfang des 20. Jahrhunderts verschärfte sich die Konkurrenz der beiden Länder im östlichen Mittelmeerraum. Italien versuchte, seinen Einfluss in der Ägäis und auf dem Balkan auszubauen, was zu Spannungen mit griechischen Interessen führte. Im Italienisch-Türkischen Krieg 1911/12 eroberte Italien die Dodekanes-Inseln (südliche Ägäis) von den geschwächten Osmanen. Diese Inseln waren großteils griechisch bevölkert, blieben aber nach Kriegsende unter italienischer Verwaltung. Italien behielt den Dodekanes auch über den Ersten Weltkrieg hinaus und annektierte die Region faktisch – die formale Abtretung durch die Türkei erfolgte 1923 im Vertrag von Lausanne. Während des Ersten Weltkriegs standen Griechenland und Italien auf der gleichen Seiten (Italien trat 1915 der Entente bei, Griechenland 1917). Nach Kriegsende kam es jedoch zu heftigen diplomatischen Rivalitäten: Beide Staaten erhoben Ansprüche in der Ägäis und in Kleinasien und auch in Albanien trafen konkurrierende Interessen aufeinander. Insbesondere die griechische Landung in Smyrna (İzmir) 1919 führte zu Misstrauen in Italien. Die italienische Regierung unterstützte anfangs insgeheim die türkischen Nationalisten gegen die griechischen Truppen, lieferte ihnen Waffen und untergruben so die gesamte griechische Operation. Dieses Konkurrenzverhältnis wurde jedoch rasch politisch beigelegt: Im Juli 1919 einigten sich der griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos und der italienische Außenminister Tommaso Tittoni in einer geheimen Vereinbarung auf eine Aufteilung ihrer Interessenssphären und wechselseitige Unterstützung bei den Friedensverhandlungen. Italien erklärte sich darin u. a. bereit, die griechischen Gebietsansprüche in Westanatolien (Smyrna) anzuerkennen, während Griechenland im Gegenzug Italiens Besitz der Dodekanes-Inseln tolerierte. Diese Venizelos-Tittoni-Vereinbarung entspannte kurzfristig das Verhältnis, obgleich sie wegen der politischen Entwicklungen (insbesondere der Niederlage Griechenlands im Griechisch-Türkischen Krieg 1922) nicht vollständig umgesetzt wurde. mini|Eleftherios Venizelos unterzeichnet in Rom einen griechisch-italienischen Freundschaftsvertrag mit Benito Mussolini (1928)