mini|Marie-Louise von Franz
Marie-Louise von Franz (* 4. Januar 1915 in München; † 17. Februar 1998 in Küsnacht bei Zürich) war eine Schweizer Altphilologin, Mitarbeiterin von Carl Gustav Jung, praktizierende Psychotherapeutin sowie Dozentin und Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Zürich. Bekannt ist sie für ihre tiefenpsychologischen Deutungen von Märchen und alchemistischen Texten.
Leben Marie-Louise Ida Margareta von FranzChronology in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, ISBN 1-888602-38-4, p.xxxvff. war die Tochter von Margret Susanne, geborene Schoen (1883–1962) sowie Baron Erwin Gottfried von Franz (1876–1944), einem österreichischen Oberst im Generalstab der österreichisch-ungarischen Armee. Sie lebte ab 1919 in der Schweiz, im ländlich geprägten Rheineck im Kanton St. Gallen.Marie-Anne von Franz: Some Biographic Data on Marie-Louise von Franz, in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, ISBN 1-888602-38-4, S. 134–135. (Onlineversion mit Eintrag vom 5. Januar 2006).
Um das auf Sprachen und Literatur spezialisierte „Freie Gymnasium“ in Zürich besuchen zu können, wohnte Marie-Louise von Franz ab 1928 zusammen mit ihrer älteren Schwester, die dieselbe Schule besuchte, in einer Pension in der Bärengasse in der Innenstadt von Zürich. Drei Jahre später, 1931, zog die ganze Familie nach Zürich, in die Dolderstraße 107.
1938 oder 1939Auskunft des Zeitzeugen Emmanuel Kennedy (Grommiswald/Schweiz), schriftliche Aussage am 3. März 2015. wurde Marie-Louise von Franz in der Schweiz eingebürgert.
Zusammenarbeit mit C. G. Jung 1933 lernte M.-L. von Franz den Psychiater Carl Gustav Jung kennen. Die erste, für sie tief beeindruckende und, wie sie ihrer Schwester gegenüber am selben Tag äußerte, „entscheidende Begegnung“Marie-Anne von Franz: Some Biographic Data on Marie-Louise von Franz, in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, ISBN 1-888602-38-4, S. 135. mit C. G. Jung ereignete sich gegen Ende ihrer Schulzeit, als Gymnasiastin mit 18 Jahren. Ein Klassenkamerad und Neffe von Toni Wolff, einer Mitarbeiterin C. G. Jungs, habe sie und sieben befreundete Jungen zu einem Besuch bei Jung in seinem Turm in Bollingen am oberen Seeufer des Zürisees eingeladen. Mit Jung diskutierten sie lebhaft über Psychologie. Durch eine damalige Bemerkung Jungs über eine Patientin, die „auf dem Mond lebt“, habe sie begriffen, so Maguire, dass es zwei Ebenen der Realität gibt: dass das psychologische Geschehen, die innere Welt mit ihren Träumen und Mythen, ebenso real sei wie die äussere Welt.Anne Maguire: Marie-Louise von Franz. Doyenne. In: James A. Hall and Daryl Sharp: Marie-Louise von Franz. The Classic Jungian and The Classic Jungian Tradition. Inner City Books Toronto 2008, ISBN 9781894574235, S. 36.Alfred Ribi: Obituary publiziert am 3. März 1998 in der Zürichsee-Zeitung. Auf Englisch abgedruckt in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, ISBN 1-888602-38-4, S. 18. In der Folge besuchte sie ab 1933 Jungs psychologische Vorlesungen an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich). 1934 begann sie eine Analyse mit C. G. Jung und nahm ab 1935 an seinem psychologischen Seminar teil. Als Gegenleistung für die Analyse befasste sie sich mit zwei größeren alchemistischen Manuskripten, der dem Heiligen Thomas von Aquin zugeschriebenen Aurora Consurgens und dem Musaeum Hermeticum. Da zahlreiche Passagen darin aus Abhandlungen islamisch-persischen Ursprungs stammten, nahm sie zu ihren Studienfächern auch Arabisch dazu.
So begann eine lange Zusammenarbeit mit Carl Gustav Jung, die bis zu dessen Tod 1961 dauerte. Besonders intensiv war die Zusammenarbeit bezüglich seiner Studien über Alchemie.Marie-Louise von Franz war „die engste und wohl bedeutendste Mitarbeiterin von C. G. Jung im letzten Drittel seines Lebens“, wie Isler im Vorwort zu der ihr gewidmeten Jungiana-Ausgabe schreibt. (Jungiana Reihe A, Band 2 (1990), S. 7). Sie übersetzte – und kommentierte später auch – für ihn lateinische und griechische Texte. So ergänzte sie Jungs 1957 erschienenes Alterswerk Mysterium Coniunctionis mit einer eigenen Interpretation der Aurora consurgens, eines christlich-alchemistischen Textes, und machte schlüssig, dass dieser Text tatsächlich von Thomas von Aquin diktiert worden sein muss.Marie-Louise von Franz: Ist Thomas von Aquin der Verfasser der Aurora Consurgens? In: C. G. Jung, Mysterium Coniunctionis Band 3, Ergänzungsband Aurora Consurgens. Ein dem Thomas von Aquin zugeschriebenes Dokument der Alchemistischen Gegensatzproblematik von Dr. M.-L. von Franz. Gesammelte Werke Band 14.3. Abschnitt IV. 1957. ISBN 3-530-40091-2, S. 407–434 der Sonderausgabe 1995. Die Erfahrung dessen, was C. G. Jung objektive Psyche oder kollektives Unbewusstes nannte, prägten ihr Leben und Werk ebenso wie ihre Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit dieser Schicht der Psyche, die dem Bewusstsein autonom gegenübersteht.Gotthilf Isler: Franz, Marie-Louise von. In: Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Herausgegeben von Kurt Ranke zusammen mit Hermann Bausinger et al. Ab Band 5 herausgegeben von Rolf Wilhelm Brednich zusammen mit Hermann Bausinger. Band 5, De Gruyter, Berlin 1987, S. 97–100.
Studium Ebenfalls 1933 begann M.-L. von Franz ihr Studium der klassischen Philologie und Sprachen (Latein, Griechisch) als Hauptfächer sowie Literatur und alte Geschichte als Nebenfächer an der Universität Zürich, das sie 1940 „summa cum laude“ mit ihrer Promotion über Die ästhetischen Anschauungen der Iliasscholien abschloss. Ihr Doktorvater Ernst Howald schrieb darüber: „summa diligentia et magna sagacitate conscripta“ (übersetzt: „mit höchster Sorgfalt/Genauigkeit und großer Spürkraft verfasst“).
Karge Zeiten – Märchendeutung und Nachhilfe Da Marie-Louise von Franz’ Vater in den frühen 1930er Jahren den größten Teil seines Geldes verloren hatte, mussten die Töchter während ihres Universitätsstudiums das Geld für die Einschreibe- und Studiengebühren, später auch für ihren gesamten Lebensunterhalt, selbst verdienen.
Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wandte sich Hedwig von Beit an Marie-Louise von Franz mit der Bitte, ihr beim Schreiben eines Buches über Märchen zu helfen. Von Franz widmete dieser Forschung und Deutungsarbeit viel Zeit, die für sie – wie auch ihre alchemistischen Studien – zunehmend wichtig für psychologische Fragen wurde.Marie-Anne von Franz: Some Biographic Data on Marie-Louise von Franz, in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, ISBN 1-888602-38-4, S. 136. So begann von Franz ihre mehr als neunjährige Arbeit über die Symbolik des Märchens. Das gleichnamige dreibändige Werk erschien allerdings nur unter dem Namen Hedwig von Beits. Darin wie auch in späteren Vorträgen, wo von Franz die Märchendeutungen mit dem Boden der Realität und Erfahrungen verband, machte sie die in Märchen inhärente psychologische Weisheit deutlich, als deren rechtmäßige Entdeckerin sie Alfred Ribi zufolge verstanden werden kann.Alfred Ribi: Obituary publiziert am 3. März 1998 in der Zürichsee-Zeitung. Auf Englisch abgedruckt in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, ISBN 1-888602-38-4, S. 20.
Während vieler Jahre lebte Marie-Louise von Franz sehr bescheiden und verdiente ihren Lebensunterhalt als Nachhilfelehrerin für Latein und Griechisch für Gymnasiasten und Studenten.
1936 erhielt sie von der ETH Zürich ein Stipendium über 500 SFr für symbolische historische Forschung. C. G. Jung hatte den entsprechenden Antrag unterstützt.
Wohnen: allein, mit Barbara Hannah, im Bollinger Turm 1944 starb ihr Vater, und ihre Mutter musste das Familienhaus verkaufen. Marie-Louise von Franz wohnte zunächst in der Jupiterstraße in einem Zimmer und später, ebenfalls im Zürcher Stadtteil Hottingen, in der Englischviertelstraße.
1946 zog sie auf Vermittlung von C. G. Jung mit der 25 Jahre älteren Barbara Hannah zusammen in eine Dreizimmerwohnung am Hornweg 2 in Küsnacht bei Zürich.
Marie-Louise von Franz habe ein leidenschaftliches Interesse an Natur und Gartenarbeit gehabt, wie ihre Schwester berichtet. Um ihrem Bedürfnis nach Natur entgegenzukommen, habe sie ein Stück Land am Rand eines großen Waldes in Bollingen erworben und dort auf einer Hügelkuppe 1958 einen quadratischen Turm gebaut. Dabei sei sie dem Vorbild und der Anregung von Carl Gustav Jung gefolgt. Da der Turm als Einsiedelei gedacht war, verfügte er absichtlich nicht über Elektrizität. Aus dem umliegenden Wald holte sie Holz zum Heizen und Kochen. Neben dem Haus befand sich ein Moortümpel mit Kröten und Fröschen, die sie sehr geliebt habe. Dieser Turm habe es ihr ermöglicht, von Zeit zu Zeit der modernen Zivilisation mit ihrer Unrast zu entkommen und Zuflucht in der Natur zu finden, wie ihre Schwester schildert. Ebenso habe sie dort den größten Teil ihrer Bücher geschrieben, die sie früh in ihrem Leben geplant habe und über die Jahrzehnte hinweg eines nach dem anderen realisiert habe.Barbara Davies: Marie-Louise von Franz. Her Life and Work. In: James A. Hall and Daryl Sharp: Marie-Louise von Franz. The Classic Jungian and The Classic Jungian Tradition. Inner City Books Toronto 2008, ISBN 9781894574235, S. 52.Marie-Anne von Franz: Some Biographic Data on Marie-Louise von Franz, in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, ISBN 1-888602-38-4, S. 137.
Von 1965 an wohnte sie mit Barbara Hannah in einem Haus in der Lindenbergstraße 15 in Küsnacht, wo beide mehr Raum hatten als zuvor im Hornweg.
Arbeit als Analytikerin 1942 hatte M.-L. von Franz einen Traum, aus dem sie im Gespräch mit Jung schloss, dass sie Analytikerin werden solle. Im selben Jahr nahm sie die Arbeit mit ersten Analysanden (jemand, der sich einer psychoanalytischen Behandlung unterzieht) auf.
1941–1944 war sie assoziiertes Mitglied des „Psychologischen Clubs“ von Zürich. Ihre erste Vorlesung dort hielt sie am 7. Juni 1941 über „Einige Bemerkungen zu den Visionen der Heiligen Perpetua“, ein Thema, zu dem sie 1949 das Buch „Die Passion der Perpetua“ veröffentlichte. In den folgenden Jahren hielt sie viele weitere Vorlesungen am Psychologischen Club. Oft bildeten sie die Grundlage eines Teils ihrer Bücher.Introduction in: Emmanuel Kennedy-Xypolitas (ed.): The Fountain of the Love of Wisdom. An homage to Marie-Louise von Franz, Chiron Publications Wilmette, Illinois 2006, p.xxxii, Fußnote 2.
Von 1942 bis 1952 fungierte sie als Bibliothekarin des Psychologischen Clubs. 1944 wurde sie Vollmitglied.
In ihrer psychotherapeutischen Praxis in Küsnacht deutete sie über 60’000 TräumeSo schätzte Marie-Louise von Franz in ihrem Filminterview 1982: Marie-Louise von Franz im Film von Francoise Selhofer. Bollingen, September 1982 (Interview zum Film). In: Jungiana. Reihe A, Band 2 (1990), S. 22. von Klienten und praktizierte bis zu ihrem Tod.
Ende 1956 wurde sie Lehranalytikerin und Dozentin am C. G. Jung-Institut in Küsnacht bei Zürich. Von 1994 an war sie Ehrenpräsidentin des Forschungs- und Ausbildungszentrums für Tiefenpsychologie nach C. G. Jung und Marie-Louise von Franz.