mini|Mosaik-Medaillon des Polykarp von Smyrna (Erzbischöfliche Kapelle in Ravenna, 6. Jahrhundert) Das Martyrium Polycarpi („Martyrium des Polykarp“, abgekürzt MartPol) ist ein Bericht in koine-griechischer Sprache über die Verhaftung und Hinrichtung des Bischofs Polykarp von Smyrna. Diese Ereignisse werden von der Forschung teils um 155 n. Chr., teils aber auch erst in die Regierungszeit des Kaisers Mark Aurel (167/168) oder noch später datiert. Der Martyriumsbericht ist als Brief der Ortskirche von Smyrna an die Ortskirche von Philomelium in Phrygien verfasst; ob er bereits kurz nach der Hinrichtung Polykarps aufgrund der Kenntnisse von Augenzeugen niedergeschrieben wurde, ist strittig.

Das Martyrium Polycarpi trug wesentlich zu einer christlichen Theologie des Martyriums bei. Es wird seit dem 17. Jahrhundert zur Schriftengruppe der Apostolischen Väter gerechnet.

Inhalt Einleitung: Bewährung und Versagen angesichts des Martyriums In der Einleitung wendet sich die Ortskirche von Smyrna an jene von Philomelium in Phrygien und bezeichnet Polykarp als vorbildlichen, am Evangelium orientierten Märtyrer. Nach einem allgemeinen Lob der christlichen Märtyrer kontrastiert der Verfasser das von Bekennermut gezeichnete Verhalten des Christen Germanicus mit dem negativen Verhalten des Christen Quintus. Germanicus war wilden Tieren vorgeworfen worden und hatte ein offenbar wenig aggressives Tier gereizt, um schneller den Märtyrertod zu erleiden. Der erst kürzlich aus Phrygien nach Smyrna zugezogene Quintus dagegen hatte sich freiwillig den römischen Behörden gestellt und auch andere dazu überredet. Im Verhör ließ er sich aber vom römischen Prokonsul überzeugen, bei der Tyche des Kaisers zu schwören, das pagane Opfer darzubringen und dadurch sein Leben zu retten. Erst drängte er sich zum Martyrium, dann versagte er.

Polykarps Flucht und Verhaftung Bischof Polykarp will in der Verfolgungssituation zunächst in Smyrna bleiben. Auf Wunsch der Mehrheit seiner Gemeindeglieder verlässt er dann aber sicherheitshalber die Stadt und zieht sich auf ein nahegelegenes Landgut zurück. Dies billigt der Erzähler. Polykarp weiß durch ein ekstatisches Erlebnis bereits, dass er den Flammentod sterben wird. Er wechselt das Versteck. Die Häscher befragen einen jungen Sklaven Polykarps unter der Folter, der den neuen Aufenthaltsort des Polykarp preisgibt. Als sie mit dem Sklaven dort eintreffen, nutzt Polykarp nicht die Möglichkeit zur Flucht, sondern geht seinen Verfolgern entgegen und unterhält sich mit ihnen. Der Bezug zur Gethsemane-Erzählung der Evangelien ist deutlich: Auch Christus wartete, bis er ausgeliefert wurde.Theofried Baumeister: Die Norm des evangeliumgemäßen Blutzeugnisses: das Martyrium Polycarpi als vorsichtige exhortatio ad martyrium, Münster 1996, S. 126 f. Polykarp beeindruckt seine Häscher durch sein hohes Alter und seine Gelassenheit; er lässt ihnen eine Mahlzeit vorsetzen und erhält die Erlaubnis, vor seiner Festnahme noch eine Stunde zu beten. Auf einem Esel reitend, wird er nach Smyrna gebracht. Bevor der Trupp die Stadt erreicht, nehmen der Irenarch Herodes und dessen Vater Niketas Polykarp zu sich in ihren Reisewagen, um ihn im privaten Gespräch zu überzeugen, dass es keine große Sache sei, den Kaiser als Kyrios zu ehren und ein Opfer darzubringen. Als Polykarp sich weigert, stoßen sie ihn vom Wagen hinunter, so dass er das letzte Stück des Weges verletzt und zu Fuß zurücklegt. Das Ziel ist das StadionDas Stadion von Smyrna ist nicht erhalten, aber die zeitgenössischen Stadien von Perge und Ephesos wurden nachträglich so umgebaut, dass Tierkämpfe und Gladiatorenspiele darin stattfinden konnten. Vgl. Michael W. Holmes: Dating the Martyrdom of Polycarp, 2018, S. 184. von Smyrna, wo bereits eine lärmende Zuschauermenge wartet. Beim Eintreten spricht eine Himmelsstimme, die nur von den Christen gehört wird, Polykarp Mut zu. Verhör und Hinrichtung Polykarp wird dem Prokonsul vorgeführt, der ihn zu überreden sucht, bei der Tyche des Kaisers zu schwören, ein Opfer darzubringen und Christus zu verfluchen. Polykarp weigert sich: „Sechsundachtzig Jahre diene ich ihm, und er hat mir kein Unrecht zugefügt; wie kann ich da meinen König verfluchen, der mich erlöst hat?“MartPol 9,3; Übersetzung: Gerd Buschmann. Daraufhin lässt der Prokonsul der Menschenmenge auf den Zuschauerrängen verkünden, Polykarp habe sich als Christ bekannt. Die Menge aus Heiden und Juden schreit: „Dieser ist der Lehrer Asiens, der Vater der Christen, der Zerstörer unserer Götter, der durch seine Lehre viele bewegt, nicht zu opfern und anzubeten!“MartPol 12,2. (BKV) Sie fordert, ihn den wilden Tieren vorzuwerfen. Der Prokonsul erklärt, die Tierhetzen seien bereits beendet. Daraufhin fordert die wütende Menge, Polykarp lebendig zu verbrennen und trägt selbst das Brennmaterial herbei, wobei sich besonders die Juden hervortun. Der greise Bischof legt seine Oberkleider ab und bittet, ihn nicht anzunageln. Er wird daraufhin festgebunden und das Brennmaterial um ihn aufgeschichtet. Polykarp spricht ein feierliches Gebet. Nach seinem Amen wird der Scheiterhaufen entzündet. Die anwesenden Christen erleben Wunderbares: „… das Feuer nahm die Form einer Wölbung an, wie ein vom Wind aufgeblähtes Schiffssegel … Er befand sich mittendrin, nicht wie Fleisch, das brät, sondern wie Brot, das gebacken wird, oder wie Gold und Silber, das im Schmelzofen gereinigt wird. Auch empfanden wir einen solchen Wohlgeruch wie von duftendem Weihrauch …“MartPol 15,2; Übersetzung: Gerd Buschmann. Da das Feuer dem Polykarp nichts anhaben kann, wird einem confector befohlen, ihn mit einem Dolch zu erstechen. Aus der Wunde fliegt eine Taube hervor, und so viel Blut tritt aus, dass das Feuer des Scheiterhaufens erlischt. Die Menge ist erstaunt über dieses spektakuläre Ende des christlichen Märtyrers.

Verbrennung und Bestattung der sterblichen Überreste Viele Christen hätten gern die sterblichen Überreste des Polykarp davongetragen. Aber Niketes, der Vater des Irenarchen Herodes, bittet den Prokonsul auf Anstiften der Smyrnaer Juden, den Leichnam nicht herauszugeben. Der Verfasser betont an dieser Stelle, dass Märtyrerverehrung nicht in Konkurrenz zur Anbetung Christi tritt. Der Centurio lässt den Leichnam Polykarps auf dem Scheiterhaufen verbrennen. „Auf diese Weise haben wir hinterher seine Gebeine bekommen, die wertvoller sind als kostbare Steine und schätzbarer als Gold, und haben sie an geeigneter Stätte beigesetzt. Dort werden wir uns mit der Gnade Gottes nach Möglichkeit in Jubel und Freude versammeln und den Geburtstag seines Martyriums feiern zum Andenken an die, welche bereits den Kampf bestanden haben, und zur Übung und Vorbereitung für die, welche ihm noch entgegengehen.“MartPol 18,2 f. (BKV)

Briefschluss Der Briefschluss zieht das Fazit: Polykarps Verhalten entspricht ganz dem Evangelium und ist Vorbild für christliche Märtyrer. Markionos ()Die Namensgleichheit mit dem Häretiker Marcion ist ein gewichtiges Argument für die Zuverlässigkeit dieser Verfasserangabe, denn einem Fälscher hätte jeder Name gelegener sein müssen als gerade dieser. Vgl. Gerd Buschmann: Das Martyrium des Polykarp, Göttingen 1998, S. 356 f. hat diesen Bericht im Auftrag der Ortskirche von Smyrna verfasst; die Empfänger werden gebeten, ihn auch an andere Ortskirchen weiterzuleiten.

Sekundäre Anhänge Ein Nachtrag im Martyrium Polycarpi bietet folgende Datierung: „Der selige Polykarp erlitt das Martyrium am zweiten (Tag) des beginnenden Monats Xanthikos, am 23. Februar …, am großen Sabbat, um die achte Stunde. Er wurde ergriffen von Herodes zur Zeit des Oberpriesters Philippus von Tralles unter dem Prokonsulat des Statius Quadratus.“MartPol 21. Deutsche Übersetzung: Gerd Buschmann.

Voneinander abweichende, sekundäre Anhänge zum Martyrium Polycarpi erzählen, wie der Text überliefert wurde: In den Codices Barrocianus, Hierosolymitanus und Parisinus heißt es, dass Gaius, ein Gefährte des Ignatius von Antiochia, die Aufzeichnungen des Irenäus zum Martyrium Polykarps abgeschrieben habe und diese Abschrift von Sokrates in Korinth kopiert worden sei. Sodann habe Pionius „die Schriftstücke, die vom Zahn der Zeit fast vernichtet worden waren, zusammengetragen“ – nachdem eine besondere „Offenbarung des seligen Polykarp“ ihn diese Dokumente hatte finden lassen.MartPol 22,3 (Anhang 3b); Übersetzung: Gerd Buschmann. Der Codex Mosquensis (13. Jahrhundert) baut auf dieser Tradition auf und vertieft die Beziehung zwischen Irenäus und Polykarp. Demnach hielt sich Irenäus in Rom auf, als Polykarp in Smyrna hingerichtet wurde. Er hörte „eine Stimme wie von einer Posaune, die sagte: Polykarp hat das Martyrium erlitten.“MartPol 22,3 (Moskauer Epilog); Übersetzung: Gerd Buschmann. Am ausführlichsten ist der Anhang des Codex Kosinitza, der nicht nur die Irenäus-Tradition des Mosquensis übernimmt, sondern auch die Figur des Isokrates einführt: Dieser Isokrates hatte auf der Suche nach griechischer Bildung alle philosophischen Schulen studiert, blieb aber unzufrieden. Dann wurde er von einer Himmelsstimme belehrt, dass „die Wahrheit in der katholischen Kirche“ sei; daraufhin begab er sich nach Smyrna und wurde durch die dortigen Märtyrer-Traditionen bekehrt.Boudewijn Dehandschutter: Polycarp of Smyrna: some Notes on the hagiography and homiletics about a Smyrnaean Martyr, Darmstadt 2009, S. 129–131.

Textüberlieferung und Editionen mini|Beginn des Martyrium Polycarpi im Codex Baroccianus, 10. Jahrhundert (Bodleian Library) Im Jahr 1889 veröffentlichte Joseph Barber Lightfoot eine kritische Edition des griechischen Textes des Martyrium Polycarpi. Dazu wertete er fünf mittelalterliche Menologien für den Monat Februar aus (der Todestag und daher auch Gedenktag Polykarps ist der 23. Februar):Boudewijn Dehandschutter: The Martyrium Polycarpi: A Century of Research, Berlin / New York 1993, S. 486; Gerd Buschmann: Das Martyrium des Polykarp, Göttingen 2009, S. 148.

Sigel B: Codex Baroccianus 238 in OxfordBodleian Library MS. Barocci 238, fol. 14 v–18 r., bereits 1647 von James Ussher für seine Erstausgabe genutzt und bis ins 19. Jahrhundert das einzige bekannte Manuskript des Polykarpmartyriums; Sigel G: Codex Parisinus graecus 1452 in Paris; Sigel V: Codex Vindobonensis gr. 3 in Wien; Sigel H: Codex Hierosolymitanus S. Sepulchri 1 in Jerusalem; Sigel M: Codex Mosquensis 390 in Moskau.

Karl Bihlmeyer nutzte für seine 1924 veröffentlichte, als klassisch geltende Edition der Apostolischen Väter außer diesen fünf Manuskripten noch den in Istanbul verwahrten Codex Chalcensis 95 (Sigel C). Athanasios Papadopoulos-Kerameus beschrieb 1886 erstmals den Codex Kosinitza, der nach 1938 als verschollen galt, aber 1983 von François Halkin in der Nationalbibliothek von Athen (Ms. 989) gefunden wurde; dieses Manuskript wird seitdem mit dem Sigel A bezeichnet.Boudewijn Dehandschutter: The Martyrium Polycarpi: A Century of Research, Berlin / New York 1993, S. 486 f. Alle Manuskripte mit Ausnahme des Codex Mosquensis bilden einen gemeinsamen Texttyp.Boudewijn Dehandschutter: The Martyrium Polycarpi: A Century of Research, Berlin / New York 1993, S. 487 und 491.

Eusebius von Caesarea referierte in seiner im frühen 4. Jahrhundert verfassten Kirchengeschichte das Martyrium Polykarps.Eusebius: Historia ecclesiastica 4,15. Der Vergleich mit den Menologion-Manuskripten des Martyrium Polycarpi zeigt, dass Eusebius den Anfang zitierte, die Ausführungen über verschiedene christliche Märtyrer und die Flucht und Verhaftung Polykarps (MartPol 2,2–7,3) zusammenfasste und dann Polykarps Weg zum Martyrium, sein Verhör und seine Hinrichtung (MartPol 8,1–19,1) wieder zitierte. Allerdings nahm sich Eusebius auch dort, wo er zitierte, so viele Freiheiten, dass die von ihm benutzte Textfassung des Martyrium Polycarpi unsicher bleibt.Boudewijn Dehandschutter: The Martyrium Polycarpi: A Century of Research, Berlin / New York 1993, S. 487 f.