mini|Richard Baker, 2008
Richard Dudley Baker (* 30. März 1936 in Biddeford, Maine) ist ein US-amerikanischer Zen-Lehrer. Als Dharma-Nachfolger von Shunryū Suzuki hat er einen entscheidenden Beitrag zur Etablierung des Zen-Buddhismus im Westen geleistet; Thích Nhất Hạnh bezeichnete ihn als „Verkörperung der Zukunft eines westlichen Buddhismus“.
Von 1971 bis 1984 war Baker Abt des San Francisco Zen Center, SFZC, das sich unter seiner Führung zu einem der einflussreichsten buddhistischen Zentren Amerikas entwickelte. Nachdem 1983 eine außereheliche Beziehung Bakers bekannt geworden und weitere Vorwürfe erhoben worden waren, trat er 1984 zurück.James William Coleman: The New Buddhism: The Western Transformation of an Ancient Tradition. Oxford University Press, New York 2002, ISBN 0-19-515241-7, S. 167–168. Er gründete eine neue Organisation, Dharma Sangha, und mit ihr das Zen-Buddhistische Zentrum Schwarzwald (auch Johanneshof genannt)Arnold Kotler (Hrsg.): Engaged Buddhist Reader. Parallax Press, Berkeley (CA) 1996, ISBN 0-938077-98-8, S. 254.James Ishmael Ford: Zen Master Who?: A Guide to the People and Stories of Zen. Wisdom Publications, 2006, ISBN 0-86171-509-8, S. 124–128. sowie das Crestone Mountain Zen Center in Crestone, Colorado. 2024, im Alter von 88 Jahren, übergab Baker das Amt als Abt der Dharma Sangha an seine Nachfolgerin, Nicole Baden.
Frühes Leben und Ausbildung Richard Baker wurde am 30. März 1936 in Biddeford, Maine, als Sohn von Harold Baker und Elisabeth Dudley geboren.Marlene A. Eilers: Queen Victoria's Descendants: Companion Volume. Rosvall Royal Books, Falköping 2004, S. 47. Wegen häufiger Umzüge verbrachte er seine Kindheit und Jugend unter anderem in Cambridge (Massachusetts), Indiana und Pittsburgh. Baker ist ein Nachfahre von Thomas Dudley,Helen Tworkov: Zen in America: Profiles of Five Teachers: Robert Aitken, Jakusho Kwong, Bernard Glassman, Maurine Stuart, Richard Baker. North Point Press, New York 1989, ISBN 0-86547-354-4, S. 208. einem einflussreichen puritanischen Politiker und Kolonialbeamten aus dem 17. Jahrhundert. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, konnte aber dank eines Stipendiums an der Harvard University studieren – unter anderem Architektur und Geschichte. 1960 zog er nach San Francisco, Kalifornien, wo er ab 1961 mit Shunryu Suzuki praktizierteSugata Schneider: The Long Learning Curve: An Interview With Richard Baker Roshi. In: Tricycle: The Buddhist Review, Winter 1994, abgerufen am 22. August 2024. und an der University of California in Berkley einen Bachelor- und Masterabschluss machte. 1966 wurde er von Suzuki als Sōtō-Zen-Priester ordiniert,Charles S. Prebish: Luminous Passage: The Practice and Study of Buddhism in America. University of California Press, Berkeley 1999, ISBN 0-520-21697-0, S. 14–15. zwischen 1968 und 1971 praktizierte er zwecks weiterer Ausbildung in den japanischen Zen-Klöstern Antaiji, Eiheiji und Daitokuji. 1970 erhielt er von Suzuki die Dharma-Übertragung, mit der er als eigenständiger Zen-Lehrer autorisiert wurde.
Laufbahn
San Francisco Zen Center mini|Das City Center des San Francisco Zen Center in der Page Street 1962 gehörte Richard Baker zum kleinen Kreis US-amerikanischer Praktizierender um Suzuki Roshi, die das San Francisco Zen Center, SFZC, gründeten. 1966 akquirierte Baker ein ehemaliges Resort in der südlich von San Francisco gelegenen Ventana Wilderness, das das SFZC zum Tassajara Zen Mountain Center, dem ersten Zen-Kloster außerhalb Asiens, umfunktionierte. Auch die dazu erforderliche Spendenkampagne wurde maßgeblich von Baker organisiert. Baker schrieb das Vorwort zu Shunryu Suzukis bekanntem Buch Zen-Geist, Anfängergeist.Nancy J. Azara: Spirit Taking Form: Making a Spiritual Practice of Making Art. Red Wheel, Boston 2002, ISBN 1-59003-016-8, S. 33. 1971, kurz vor Shunryu Suzukis Tod, folgte Baker seinem Lehrer im Amt des Abts des SFZC. Unter seiner Führung weitete das SFZC seine Aktivitäten erheblich aus. 1972 kaufte es die Green Gulch Farm im nördlich von San Francisco gelegenen Marin County; hier wurde ein drittes Praxiszentrum etabliert.
In den folgenden 15 Jahren expandierte das SFZC enorm und kaufte weitere Immobilien, vor allem in der Nachbarschaft des Stadtzentrums, City Center, unter anderem um mehr Wohnraum für die steigende Anzahl von Zen-Praktizierenden stellen zu können. Während der 1970er Jahre entwickelte das SFZC auch ein Netzwerk von Betrieben, in denen Zen-Praktizierende arbeiten und neue, nachhaltigere Formen des Wirtschaftens erforschten, etwa eine Bäckerei, ein Lebensmittelgeschäft und das Greens, das wohl erste vegetarische Gourmetrestaurant in den USA.James William Coleman: The New Buddhism: The Western Transformation of an Ancient Tradition. Oxford University Press, New York 2002, ISBN 0-19-515241-7, S. 167–168.
Im Zuge dieser Entwicklungen wurde das SFZC zu einer einflussreichen kulturellen Institution und Baker zu einer bekannten Person des öffentlichen Lebens. Er pflegte enge Verbindungen und Freundschaften mit anderen einflussreichen Persönlichkeiten jener Zeit, etwa mit dem Gründer des Esalen Instituts, Mike Murphy, und dem damaligen Gouverneur Kaliforniens, Jerry Brown.
Neben seinem bescheidenen Gehalt als Abt erstattete ihm das SFZC unter anderem Ausgaben für Reisen in erheblicher Höhe, stellte je eine Wohnung in allen drei Praxiszentren sowie Praktizierende als persönliche Mitarbeiter zur Verfügung. Bakers Lebensstil wurde – zumindest nach seinem Rücktritt – von vielen als extravagant und unangemessen bezeichnet. Neben seinen diversen Aufgaben wuchs auch die Zahl der von ihm persönlich betreuten Zen-Praktizierenden im Laufe seiner Amtszeit stark an – auf bis zu 400 Zen-Schülerinnen und -Schüler. Für viele in der Gemeinschaft wirkte er deshalb als zunehmend unerreichbar. Kritikpunkte wie diese blieben aber lange weitgehend unausgesprochen.Sascha Borrée: Dharma Sangha. Die Geschichte einer Zen-Gemeinschaft in Europa. Dharma Sangha, 2023, ISBN 978-3-9825690-0-0. Erst als 1983 öffentlich bekannt wurde, dass Baker eine Liebesbeziehung mit der Ehefrau eines einflussreichen SFZC-Spenders und -Unterstützers begonnen hatte, wurde Kritik plötzlich von vielen vehement artikuliert.
Rücktritt, Versöhnung und Vermächtnis rechts|mini|Außenansicht des Zendo im Tassajara Zen Mountain Center Nun berichteten auch vier weitere Frauen, früher solche Beziehungen mit Baker gehabt zu haben. Der Ehemann, bis dahin ein einflussreicher Unterstützer des SFZC, drohte mit rechtlichen Schritten gegen das Zentrum.Frederick C. Crews: Follies of the Wise: Dissenting Essays. Shoemaker & Hoard Publishers, 2006, ISBN 1-59376-101-5, S. 283–284. Im Verlauf der folgenden Monate wendeten sich immer mehr Menschen in der SFZC-Führungseben gegen Baker, der daraufhin 1984 von seinem Amt als Abt zurücktrat.
Baker hat sich seitdem oft zu Verfehlungen und Verantwortungen für die SFZC-Krise von 1983 bekannt, unter anderem in einem Interview von 1994:
Erst in den 2020er Jahren normalisierten sich die Beziehungen wieder. Das SFZC schreibt heute auf seiner Website über Baker:
Dharma Sangha und spätere Jahre Nach seinem Rücktritt als Abt des SFZC gründete Baker in Santa Fe, New Mexico, eine neue Gemeinschaft mit dem Namen Dharma Sangha. Die Lindisfarne Association, eine gemeinnützige Bildungsstiftung, übergab ihren Campus in Crestone, Colorado, an Bakers Dharma Sangha. Baker siedelte nach Crestone um und begann mit dem Ausbau des Zentrums, das ursprünglich aus dem Lindisfarne Fellows House (einem Gebäude mit neutraler Energiebilanz), einem sogenannten Founder’s House und der kuppelartigen Lindisfarne Chapel bestanden hatte. Er baute einen traditionellen japanischen Zendo mit Platz für mehrere Dutzend Praktizierende sowie ein Gästehaus und weitere Gebäude. Laurance Rockefeller, mit dessen Unterstützung Baker schon viele SFZC-Projekte realisiert hatte, trug entscheidend zur Finanzierung bei.
Entstehende Verbindungen nach Europa Während er seinen neuen Praxisort, das Crestone Mountain Zen Center (CMZC), entwickelte, knüpfte Baker Mitte der 1980er-Jahre gleichzeitig Verbindungen nach Europa. 1983 wurde er erstmals eingeladen, auf zwei Konferenzen in Österreich und der Schweiz zu sprechen.Sascha Borrée: Dharma Sangha. Die Geschichte einer Zen-Gemeinschaft in Europa. Dharma Sangha, 2023, ISBN 978-3-9825690-0-0, S. 19–38. In der Folge wurde er zu weiteren Konferenzen eingeladen und gebeten, auch Seminare anzubieten. Um ihn bildete sich eine Gruppe von europäischen Zen-Praktizierenden. 1989 leitete er in Europa sein erstes Sesshin, ein traditionelles einwöchiges Zen-Retreat. Für ihn markierte das einen bedeutenden Wendepunkt in seinem Engagement für Praktizierende in Europa.
„Solange ich nur Seminare angeboten habe, konnte ich mich noch entscheiden, im nächsten Jahr einfach nicht wiederzukommen. Aber ein Sesshin löst ganz andere Prozesse aus als ein Wochenendseminar. Es ist ein substanzieller Schritt in Richtung einer wirklichen Lehrer-Schüler-Beziehung. Wenn man das einmal mit Menschen gemacht hat, kann man sie nicht mehr allein lassen. Man muss weitermachen, ein zweites Sesshin anbieten, ein drittes und ein viertes“, wird er in einem Buch über die europäische Dharma Sangha Europa zitiert.Sascha Borrée 2023, S. 29.
Ab 1989 leitete er zwei einwöchige Sesshins pro Jahr in Deutschland. Zwischen 1990 und 1996 fanden diese Sesshins im Haus der Stille, einem renommierten buddhistischen Retreat-Zentrum bei Hamburg, statt.Sascha Borrée 2023, S. 32.
Gründung eines klösterlichen Praxis-Zentrums in Europa Ab Ende der 1980er-Jahre kamen europäische Zen-Schüler, die länger als nur eine Sesshin-Woche am Stück mit Baker praktizieren wollten, auch nach Crestone. Mitte der 1990er-Jahre, nachdem der neue Zendo dort fertiggestellt war, bot Baker in Crestone Angos, jährliche mehrmonatige Praxisperioden für erfahrenere Praktizierende, an. Die Möglichkeit, in der Dharma Sangha Angos anzubieten, galt deshalb als ein bedeutender Schritt zu einer tieferen, engagierteren Praxis.Sascha Borrée 2023, S. 37.
1996 erwarb der europäische Zweig der Dharma Sangha den Johanneshof, ein eigenes Praxiszentrum am Rand eines Dorfes im Südschwarzwald.Sascha Borrée 2023, S. 39–54. (Der Name „Johanneshof“ stammt aus der Zeit vor dem Kauf; er hat sich jedoch erhalten und wird bis heute – inoffiziell – verwendet.) Einige Mitglieder der Sangha zogen dauerhaft als Bewohner und Bewohnerinnen ein; viele andere kamen zu Bakers Seminaren und Sesshins, die nun überwiegend im Johanneshof stattfanden. (Baker besuchte aber weiterhin auch regelmäßig einige deutsche und österreichische Städte, wo er Seminare für lokale Gruppen anbot.) Wie im CMZC richteten sich die Bewohner des neuen europäischen Zentrums nach einem klösterlichen Tagesplan, der unter anderem Zazen am Morgen und Abend, formelle gemeinsame Mahlzeiten im traditionellen Ōryōki-Stil sowie ausgedehnte Phasen der Arbeitspraxis beinhaltete.
2012 kaufte die Dharma Sangha Europa drei weitere Gebäude direkt gegenüber vom Johanneshof. Eines davon, das ehemalige Bürogebäude eines Architektur- und Designunternehmens, wurde als Wohnhaus umgebaut, im Erdgeschoss entstand dazu ein großer Seminarraum. Ein weiteres Gebäude, ehemals die Schreinerei des Unternehmens, wurde zu einem traditionellen japanischen Zendo und einer Buddha-Dharma-Halle umgebaut – der Zendo wird ausschließlich für Zazen (Zen-Meditation) genutzt, während tägliche Zeremonien und andere Rituale typischerweise in der Dharma-Halle stattfinden. Der erweiterte Campus wird mittlerweile offiziell Zen-Buddhistisches Zentrum Schwarzwald (ZBZS) genannt.Sascha Borrée 2023, S. 67–90.
Vertiefung der Praxis, Ausbau der Zentren