Die britisch-spanischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Spanien und dem Vereinigten Königreich. Das Verhältnis hat sich über fünf Jahrhunderte von dynastischen Allianzen und kriegerischer Rivalität hin zu einer engen Partnerschaft in Europa entwickelt. Beide Staaten sind heute Verbündete in NATO und (bis 2020) enge Partner in der EU gewesen, teilen demokratische Werte und ein lebendiges Interesse an der Kultur des anderen. So waren britische Touristen 2019 die größte ausländische Gästegruppe in Spanien. Trotz der insgesamt freundschaftlichen Beziehungen bestehen jedoch auch einige Streitpunkte zwischen beiden Ländern, die in der Vergangenheit immer wieder aufgekommen sind und das gegenseitige Verhältnis belastet haben. Dazu zählen Konflikte um Fischereirechte im Atlantik und den Status von Gibraltar.
Geschichte
Frühe Kontakte und dynastische Bündnisse im 16. Jahrhundert Die bilateralen Beziehungen zwischen Spanien und dem heutigen Vereinigten Königreich gehen bis in die frühe Neuzeit zurück. Mit dem Vertrag von Windsor (1386) wurde die Englisch-Portugiesische Allianz begründet, welche die britischen Beziehungen zu Spanien über Jahrhunderte überschattete. Die Beziehungen zu Portugal waren schon immer enger als die zu Spanien, und Großbritannien führte zweimal Krieg gegen Spanien um die Unabhängigkeit Portugals zu verteidigen. 1384, auf dem Höhepunkt des Hundertjährigen Krieges, stellte England König João I. Verstärkung zur Verfügung, um eine von Frankreich unterstützte Invasion Kastiliens zu vereiteln. Diese Streitkräfte kamen in der entscheidenden Schlacht von Aljubarrota zum Einsatz und trugen entscheidend dazu bei, die Unabhängigkeit Portugals von seinem Nachbarn zu sichern.
Bereits 1495 entsandte das Königreich Spanien unter den Katholischen Königen einen ständigen Gesandten an den Hof von Heinrich VII. nach London – die erste dauerhafte Botschaft einer fremden Macht in England. Im Jahr 1505 akkreditierte wiederum das Königreich England einen ersten ständigen Botschafter in Spanien.Breve historia Spanisches Außenministerium Diese frühen diplomatischen Verbindungen bilden den historischen Grundstein der heutigen Beziehungen. Sie gingen einher mit regen Handelskontakten; selbst William Shakespeare erwähnte in seinen Werken den Genuss spanischen Sherrys und Kanarienweins. Durch Heiraten und Allianzen waren die Königshäuser eng verflochten. Eine zentrale Rolle spielte dabei die spanische Prinzessin Catherine of Aragon (Katharina von Aragon), die zunächst mit dem englischen Thronfolger Arthur Tudor und 1509 mit König Heinrich VIII. verheiratet war. Ihre Tochter Maria I. Tudor, Königin von England, vermählte sich 1554 wiederum mit dem spanischen Kronprinzen Philipp (dem späteren König Philipp II.). Dieses katholische Bündnis festigte die Allianz der beiden Reiche und führte dazu, dass England sich 1557/58 auf Seiten Spaniens am Krieg gegen Frankreich beteiligte. In diesem Konflikt ging allerdings Englands letzte Bastion auf dem europäischen Festland verloren, als Frankreich 1558 die Hafenstadt Calais eroberte. Das personalpolitische Bündnis endete bereits 1558 mit Marias Tod; dennoch zeugt diese Episode von der engen dynastischen Verknüpfung beider Königreiche im 16. Jahrhundert. mini|Schlacht zwischen englischen Schiffen und der spanischen Armada Die religiösen und machtpolitischen Gegensätze jener Epoche führten bald zu schweren Konflikten. Unter Königin Elisabeth I., die der Reformation anhing, verschlechterten sich die Beziehungen zu dem katholischen Spanien dramatisch. Elisabeth unterstützte niederländische Aufständische gegen die spanische Krone und duldete englische Freibeuterüberfälle auf spanische Schiffe. 1585 brachen die Spanier die diplomatischen Beziehungen zu England ab. Es kam zum offenen Krieg (Anglo-Spanischer Krieg 1585–1604). Dieser Höhepunkt der Rivalität gipfelte im Versuch Philipps II., England mit seiner Armada zu unterwerfen (1588). Die spanische Flotte wurde jedoch vernichtend geschlagen, was in England als großer Sieg gefeiert wurde. Der langwierige Krieg endete nach dem Tod Elisabeths mit dem Frieden von London 1604; beide Seiten waren kriegsmüde und stellten den status quo ante wieder her. Danach begann unter König Jakob I. (Jakob VI. von Schottland) eine Phase entspannterer Beziehungen.
Vom 17. Jahrhundert bis zum Spanischen Erbfolgekrieg Im 17. Jahrhundert wechselten Phasen der Entspannung und erneuter Spannungen einander ab. Jakobs I. Bemühungen um ein Heiratsbündnis („Spanish Match“) zwischen seinem Sohn und einer spanischen Prinzessin scheiterten zwar, doch verhinderte er zunächst neue Feindseligkeiten. Erst 1625, unter Karl I., entbrannte erneut ein Krieg mit Spanien, nachdem diplomatische Verhandlungen ergebnislos geblieben waren. England griff spanische Häfen wie Cádiz an, allerdings ohne großen Erfolg. 1630 wurde der Konflikt beigelegt, und in der Folgezeit konzentrierten sich beide Mächte auf andere Kriegsschauplätze in Europa. Mitte des 17. Jahrhunderts kam es jedoch unter Oliver Cromwell erneut zu einer Konfrontation: Im Anglo-Spanischen Krieg 1654–1660 verbündete sich das protestantische Commonwealth of England mit Frankreich gegen Spanien. Englische Truppen eroberten 1655 die spanische Kolonie Jamaika; Spanien musste diese Insel im Frieden von 1667 abtreten, womit England seinen kolonialen Einfluss erweiterte.
1662 heiratete König Karl II. von England die portugiesische Prinzessin Katharina von Braganza. Portugal, das 1640 seine Unabhängigkeit von der spanischen Krone wiedererlangt hatte, war Englands traditioneller Verbündeter, was indirekt die anglo-spanischen Beziehungen beeinflusste. Spanien akzeptierte diese Ehe zwar, doch blieb das Verhältnis angespannt. mini|Eine spanische und eine englische Ausgabe des Vertrags von Utrecht (1713) Ein entscheidender Umbruch kam mit der Spanischen Erbfolgekrise zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Als der kinderlose spanische König Karl II. 1700 starb, entbrannte ein europäischer Krieg um die Thronfolge (1701–1714). England (ab 1707 als Königreich Großbritannien), die Niederlande und Österreich unterstützten den habsburgischen Thronprätendenten, während Frankreich Philipp V. aus dem Hause Bourbon, den Enkel Ludwig XIV., als spanischen König etablieren wollte. Spanien selbst war gespalten. Im Spanischen Erbfolgekrieg standen Großbritannien und Spanien großteils gegeneinander. Die Briten erzielten wichtige Siege, u. a. eroberten anglo-niederländische Truppen 1704 die strategisch wichtige Festung Gibraltar. Im Frieden von Utrecht 1713 wurde Philipp V. zwar als König von Spanien anerkannt, doch musste Spanien territoriale und handelsrechtliche Zugeständnisse machen: So wurde Gibraltar (sowie die Insel Menorca) dauerhaft an Großbritannien abgetreten. Außerdem räumte Spanien Großbritannien das exklusive Recht ein, Sklaven in die spanischen Kolonien zu liefern (Asiento-Vertrag). Damit sicherte sich Großbritannien bedeutende Vorteile im Überseehandel.
Rivalität in Übersee und wechselnde Allianzen im 18. Jahrhundert Nach dem Utrechter Frieden normalisierten sich die Beziehungen zunächst, doch die Konkurrenz der beiden Seemächte in Übersee führte bald zu neuen Konflikten. Britische Händler drängten in den Handel mit den spanischen Amerika-Kolonien, was zu Spannungen führte. 1739 eskalierte ein Streit über das britische Recht auf Handel in der Karibik zum Krieg um Jenkins’ Ohr (War of Jenkins’ Ear). Dieser Krieg erhielt seinen Namen nach einem Vorfall, bei dem spanische Küstenwächter dem britischen Kapitän Robert Jenkins ein Ohr abgeschnitten hatten – ein Ereignis, das in London Empörung auslöste. Das Kriegsgeschehen, hauptsächlich in der Karibik und rund um Florida, ging nahtlos in den größeren Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748) über. Großbritannien und Spanien standen hier auf gegnerischen Seiten, doch keine Seite erzielte entscheidende Vorteile; 1748 kehrte man weitgehend zum Status quo zurück.
In den folgenden Jahrzehnten wechselten die Koalitionen je nach großpolitischer Lage. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) trat Spanien erst 1762 an der Seite Frankreichs in den Kampf gegen Großbritannien ein. Die Briten nutzten dies zu kühnen Operationen: Sie eroberten 1762 die strategisch wichtigen spanischen Kolonialstädte Havanna (Kuba) und Manila (Philippinen). Im Frieden von Paris 1763 musste Großbritannien diese Eroberungen zwar an Spanien zurückgeben, erhielt dafür jedoch Spanisch-Florida als Kompensation. Durch diesen Gebietstausch festigte Großbritannien seine Position in Nordamerika, während Spanien seine wichtigsten karibischen Besitzungen behielt. mini|Bombardierung und Belagerung von Gibraltar (1782) Im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775–1783) verbündete sich Spanien – getrieben von der Chance, Gebietsverluste rückgängig zu machen – ab 1779 mit Frankreich gegen Großbritannien. Spanische Truppen belagerten während dieses Krieges die britische Festung Gibraltar (die Große Belagerung 1779–1783), um den „Affenfelsen“ zurückzugewinnen. Trotz jahrelanger Blockade und heftigem Beschuss konnten die britischen Verteidiger Gibraltar halten; mehrere Versorgungskonvois durchbrachen die spanisch-französische Blockade, so dass die Festung nicht fiel. Im Friedensschluss von 1783 musste Großbritannien zwar Florida an Spanien zurückgeben, doch Gibraltar blieb britisch – ein Umstand, der die spanische Enttäuschung trotz des Gewinns anderer Territorien überdauerte. In Nordamerika hatten Spanier und Franzosen die Position der Briten durch die Unterstützung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten allerdings geschwächt.
Zusammenarbeit und Konflikte im 19. Jahrhundert Nach den napoleonischen Umwälzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen Großbritannien und Spanien zeitweise wieder auf derselben Seite. Zunächst verbündete sich Spanien aber 1796 im Zweiten Vertrag von San Ildefonso mit dem revolutionären Frankreich gegen Großbritannien. Dieser anglo-spanische Krieg (1796–1802, erneut 1804–1808) brachte Spanien schwere Verluste bei – unter anderem die vernichtende Niederlage der spanisch-französischen Flotte in der Schlacht von Trafalgar 1805 gegen Admiral Horatio Nelson, was Großbritanniens Seeherrschaft langfristig festigte. Doch wendete sich das Blatt, als Napoleon 1808 selbst Spanien besetzte. Spanien schloss sich nun mit Großbritannien zusammen, um die napoleonischen Truppen von der Iberischen Halbinsel zu vertreiben. Im Spanischen Unabhängigkeitskrieg (Peninsular War, 1808–1814) kämpften britische und portugiesische Truppen unter Sir Arthur Wellesley gemeinsam mit spanischen Streitkräften gegen Frankreich. Dieser Guerillakrieg und Wellingtons Feldzüge trugen wesentlich zur Schwächung Napoleons bei. mini|Abbildung der British Auxiliary Legion in Spanien (1837) Nach dem Sieg über Napoleon wurde der im Exil weilende spanische König Ferdinand VII. 1814 mit britischer Unterstützung wieder eingesetzt. In den folgenden Jahrzehnten war Spanien mit inneren Problemen – Thronfolgestreitigkeiten und Karlistenkriegen – beschäftigt, während Großbritannien zur führenden Industriemacht aufstieg. Großbritannien unterstützte in den Karlistenkriegen (1833–1840 und Folgekonflikten) die liberalen Kräfte in Spanien: 1834 schlossen Großbritannien, Frankreich und Portugal mit der spanischen Regentin María Cristina die sogenannte Quadrupelallianz von London, um Thronfolgerin Isabella II. gegen den absolutistischen Prätendenten Don Carlos zu sichern. Britische Freiwilligenverbände wie die British Auxiliary Legion (10.000 Mann) kämpften in den 1830er-Jahren an der Seite der spanischen Regierungstruppen gegen die Karlisten. Diese Kooperation festigte die politische Annäherung der beiden konstitutionellen Monarchien.