mini|Haus Zu den drei Engeln, Blick vom Ratswaageplatz nach Nordwesten, Ende des 19. Jahrhunderts mini|Luftbild, Blick von Süden, 1929 Das Nationaltheater war ein Theater in Magdeburg. Es bestand von 1794 bis 1876 als Theater und wurde dann an anderen Spielorten fortgeführt. Zumeist firmierte es als Stadttheater Magdeburg. Es war der direkte Vorläufer des heutigen Theater Magdeburg. Das historische Theatergebäude gilt als im Zweiten Weltkrieg verloren gegangenes Baudenkmal.Götz Eckardt (Hrsg.): Schicksale deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Henschel Verlag Kunst und Gesellschaft, Berlin o. J. (um 2000?), ISBN 3-926642-24-6, Band 1, Seite 258.

Lage Das Theater befand sich in der Magdeburger Altstadt auf der Westseite des Breiten Wegs an der Adresse Breiter Weg 134 an der Ecke zur nördlich einmündenden Dreiengelstraße. Zum Teil erfolgte auch eine Adressierung als Dreiengelstraße 28.

Geschichte Während das Vorderhaus zunächst als Brauhaus, später als Wohn- und Geschäftshaus genutzt wurde, befand sich auf dem Hof des Anwesens von 1794 bis 1876 das Nationaltheater.

Brauhaus Zu den drei Engeln 1619 veräußerte die Kämmerei das Haus an Johann Becker. Im Jahr 1631 gehörte es vermutlich der Witwe von Hieronymus Pusern. Sie war möglicherweise die Mieterin oder eine Verwandte der Familie Becker. Christian Becker, Johann Beckers Sohn, veräußerte die Stätte 1648 für 550 Taler an den Kaufmann Joachim Balcke (auch Balicke). Balcke bebaute das Grundstück 1651 neu. Vermutlich erwarb er eine Stätte des Barbiers M. Lorenz hinzu, die sich zwischen der Nummer 134 und 135 befand. Auch 1659 gehörte das Haus Balcke, 1685 waren seine Erben verzeichnet. 1688 gehörte es dem Miterben Hans Georg Pietzsch. Im Jahr 1697 wurde es von stud. jur. Joachim Balke für 2200 Taler an Johann Eberhard Wienecke veräußert. Er war auch 1711 Eigentümer, 1721 dann seine Witwe. Zum Grundstück gehörte auch das Haus Dreiengelstraße 28b. Im 18. Jahrhundert war das zum Breiten Weg ausgerichtete Haupthaus geteilt.Ernst Neubauer, Häuserbuch der Stadt Magdeburg 1631–1720, Teil 1, Herausgeber: Historische Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, Magdeburg 1931, Seite 70.

1803 gehörte das Haus Guischardt, 1845 Guischardts Erben. 1851 wurde das Gebäude umgebaut. Es war ein viergeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit einer achtachsigen zum Breiten Weg ausgerichteten Fassade. Die vier mittleren Achsen waren als flacher Mittelrisalit zusammengefasst und wurden von einem Dreiecksgiebel bekrönt. Die Fassade des Gebäudes war mit Theateremblemen verziert. 1870 war Märker, Inhaber einer Instr.-Handlung, Eigentümer, 1914 und auch noch 1925 die Märkerschen Erben. 1938 und auch 1940 war der Warenhauskonzern R. Karstadt AG als Eigentümer eingetragen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Anwesen zerstört. Eine einsturzgefährdete Fassade wurde im April 1948 gesprengt. Weitere Abrissarbeiten fanden im November 1949 statt. Die Kosten hierfür betrugen 242,50 DM.Guido Skirlo: Der Breite Weg. Ein verlorenes Stadtbild. Stadtplanungsamt Landeshauptstadt Magdeburg (Hrsg.). Magdeburg 2005, Seite 281.

Nationaltheater

Gründung 1794 wurde auf dem Hof des Grundstücks hinter dem Haus Zu den drei Engeln ein Theater, das National-Schauspielhaus errichtet. Die Initiative ging auf die Kaufleute Dr. Johann Georgy und Christian Gottfried Keller zurück, die Aktien zu 25 Talern ausgaben. Unmittelbarer Anlass war das Zusammenbrechen des Holzfußbodens unter Besuchern einer Wachsfigurenausstellung im Gasthof Zum blauen Hecht, der auch als Theateraufführungsstätte diente.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 82. Georgy und Keller hatten am 5. April 1794 zur Gründung einer Aktiengesellschaft aufgerufen. Es gelang ihnen mit einer prognostizierten Rendite von 3,5 % innerhalb eines Monats ein Stammkapital von 10.000 Talern einzuwerben. Der Entwurf zum Bau des Theaters erfolgte durch den Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, die Bühne wurde vom späteren Professor Johann Adam Breysig geplant, der auch Dekorationen entwarf. Die Bauausführung des massiven Gebäudes oblag dem Ratszimmermeister Winterstein und dem Ratsmauermeister Schwarzkopf. Als Arbeitskräfte dienten vor allem französische Kriegsgefangene. Das Richtfest fand Ende 1794 statt.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 83.

Die Baukosten des Bauvorhabens hatten sich im Laufe der Umsetzung mehr als verdoppelt. Auch eine Rendite ergab sich nicht. Angemietet wurde der Theaterbau von Carl Döbbelin, der schon zuvor häufiger mit seiner Theatertruppe in Magdeburg gastiert hatte.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 84. Die Eröffnung fand am 21. Februar 1795 mit Mozarts Zauberflöte statt.

Döbbelin hatte sich im Mietvertrag verpflichtet, jährlich mindestens 100 Vorstellungen zu geben, davon zumindest 80 zwischen September und April. Je Aufführung war eine Miete von sechs Talern zu zahlen. Theaterabonnements gab es zunächst nicht, Logenplätze sollten zwischen acht und 16 Groschen kosten. Im Parterre wären zehn und auf der Galerie vier Groschen zu zahlen gewesen. Allerdings hielt sich Döbbelin eher nicht an den Vertrag und setzte zum Beispiel die zwölf Groschen-Plätze bald auf einen Taler hoch. Das Theater war gut besucht. Es wurden Singspiele und Mozart-Opern, Stücke von August Kotzebue und August Wilhelm Iffland gezeigt. Heinrich Zschokkes Abälino - der große Bandit, erlebte sechs ausverkaufte Vorstellungen. Auch Zschokkes Graf Monaldeschi wurde 1795 aufgeführt. Die Qualität der Aufführungen wurde zeitgenössisch zum Teil sehr kritisch beurteilt. Es kam häufiger zum Streit zwischen Döbbelin und dem Komitee der Aktionäre. Einem der Aktionäre schoss Döbbelin mit einer Pistole ins Bein. Im August 1795 verließ Döbbelin mit seiner Truppe die Stadt und spielte in Potsdam. Erst im Oktober kehrte er zurück. Der Streit setzte sich fort. Am 24. Dezember 1795 sperrte der Aktienverein Döbbelin den Zugang zum Theater. Döbbelin setzte sich hiergegen zur Wehr und konnte mit Hilfe von Landesbeamten die Herausgabe des Schlüssels erzwingen. Letztlich wurde die Angelegenheit vor dem Stadtgericht Magdeburg verhandelt und der Vertrag aufgelöst.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 87. Die letzte Vorstellung der Truppe wurde am 9. Februar 1796 mit Ifflands Aussteuer gegeben. Das Theater war völlig überfüllt, die Zuschauer saßen zum Teil auf der Bühne.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 88. mini|Friedrich Ludwig Schmidt, um 1830 Am 19. September 1796 erfolgte mit Ifflands Vermächtnis vor ausverkauftem Haus die Neueröffnung als Magdeburger Nationaltheater. Breysig hatte neue Dekorationen geschaffen. Die künstlerische Leitung lag bei Friedrich Ludwig Schmidt.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 92. Als großer Erfolg wurde die Aufführung von Hamlet im Februar 1797 beschrieben. Das Ensemble umfasste kaum 20 Personen und brachte in der von November bis März dauernden Saison zwischen 20 und 40 neue Inszenierungen auf die Bühne. Ab 1801 gastierte das Ensemble auf den Braunschweiger Messen, wobei Braunschweig nach 17 Stunden Fahrt erreicht wurde. Außerdem spielte man auch in Helmstedt, Schönebeck (Elbe), Halberstadt und Halle (Saale).Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 99.

Der Publikumsverkehr in der Anfangszeit bestand innerhalb der Woche zu einem größeren Anteil aus Militärangehörigen, die vor allem Karten im Parterre erwarben. Sonntags wurden die billigen Plätze in der Galerie viel von Primanern und Handwerksburschen genutzt. Die Vorstellung begann zumeist mit einem drei- oder vieraktigen Schau- oder Lustspiel. Nach einer Pause wurde eine Pantomime oder aber ein Ballett oder einaktiges Lustspiel gezeigt. Den Abschluss der etwa drei Stunden dauernden Veranstaltung bildete dann ein Vaudeville oder eine Posse.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 100.

1801 wurde erstmals das von Friedrich Ludwig Schmidt geschriebene Stück Der Sturm auf Magdeburg aufgeführt, das die Zerstörung Magdeburgs am 10. Mai 1631 thematisierte. Es wurde dann bis 1876 jeweils am 10. Mai gezeigt.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 100.

Am 27. Juli 1801 wurde Nathan der Weise aufgeführt. Das 18 Jahre alte, faktisch in Vergessenheit geratene und zuvor nur kurz in Berlin und Pressburg aufgeführte Stück hatte mit dieser erfolgreichen Aufführung seinen Durchbruch.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 101 f.

Wirtschaftlicher und künstlerischer Niedergang Die Lage des Theaters verschlechterte sich. Im April 1803 standen nur liquide Mittel von 15 Talern zur Verfügung, während sich die Außenstände auf 47.229 Taler, 12 Groschen und 5 Pfennige beliefen. König Friedrich Wilhelm III. bewilligte im Mai 1803 einen einmaligen Zuschuss in Höhe von 5.000 Talern. Friedrich Schiller beklagte sich bei Johann Wolfgang von Goethe über das Magdeburger Theater, da dies den Ankaufpreis für die Wallenstein-Trilogie halbieren wollte.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 104. Im Sommer 1805 wurde anlässlich der Todesfeier Schillers in Magdeburg das Stück Die Braut von Messina gegeben. Hier blieb das Theater gegenüber der Witwe die zu zahlenden Tantiemen schuldig.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 105.

Ohne Kenntnis Schmidts war der Schauspieler August Fabricius, wohl auf dessen Betreiben, als zusätzlicher Regisseur bestellt worden, worauf Schmidt im Frühjahr 1804 die Regie niederlegte, aber zunächst Direktor blieb. 1804 hatte das Publikumsinteresse deutlich nachgelassen. Es kam öfter vor, dass Vorstellungen so schlecht besucht waren, dass die Tageskosten nicht eingespielt werden konnten. Auch die Disziplin unter den Schauspielern hatte gelitten. Es kam vor, dass jemand so heftig dem Alkohol zusprach, dass die nächste Aufführung verschlafen wurde. Ein besonderer Tiefpunkt war die Aufführung eines romantischen Schauspiels des Braunschweiger Autors Sievers am 28. Oktober 1804, die so schlecht ankam, dass Direktor Schmidt von einer Theaterrevolte sprach.

Im Sommer 1805 beschloss der Direktionszirkel um Hofrat Guischardt, die Eigenverwaltung aufzugeben und das Theater ab dem 1. September 1805 an Alois Hotovsky und August Fabricius zu verpachten, ohne Schmidt zuvor zu informieren. Schmidt kündigte daraufhin, was einen Theaterskandal auslöste. Das Publikum buhte und zischte die als Intrigranten Betrachteten aus. Hotovsky und Fabricius eröffneten am 1. September 1805 mit dem Lustspiel Reue und Ersatz.

1806 verließ Schmidt dann das Theater und ging nach Hamburg. Er hatte in seiner Magdeburger Zeit hier 14 eigene Stücke auf die Bühne gebracht und in 293 Stücken Regie geführt. Seine umjubelte Abschiedsvorstellung gab Schmidt am 2. April 1806.

Hofrat Guischardt hatte durch den Aufkauf von Aktien das Theater erworben. An ihn war ein jährlicher Mietzins von 2.000 Talern zu entrichten. Die wirtschaftliche Situation des Theaters war weiterhin schwierig. So wurde das Orchester weitgehend abgeschafft, mit der Folge, dass man auf Opernaufführungen verzichten musste. Der Charakter des Schauspiels wurde dahingehend verändert, dass nunmehr eher bodenständiges Lachtheater dominierte. Die Gagen der Schauspieler waren gering, was zu ständiger großer Fluktuation führte. Insgesamt sank das Theater eher auf das Niveau eines Familientheaters herab.

Während der französischen Besatzung erging 1808 vom Maire der Stadt Magdeburg der Hinweis an das Theater, dass die Pflicht bestünde, jedes neue Stück zunächst zur Erlaubnis einzureichen.Friedemann Krusche: Theater in Magdeburg. 1. Band. Halle (Saale) 1994, Seite 108.