Die Argentinisch-britischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Argentinien und dem Vereinigten Königreich. Beide Länder nahmen im Jahr 1825 diplomatische Beziehungen auf und im 19. und frühen 20. Jahrhundert war das Vereinigte Königreich der wichtigste Wirtschaftspartner und Auslandsinvestor für Argentinien. Es entstand zudem ein lebhaftes britisches Kulturleben in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Britische Einwanderer gründeten eigene Vereine und führten Fußball (heute Volkssport im Land) und weitere Sportarten in Argentinien ein. Erst unter Juan Perón trübten sich die Beziehungen ein, der in den 1940er Jahren britische Besitztümer im Land verstaatlichen ließ. Danach wurde die Beziehungen beider Länder vom Streit um die Falklandinseln überschattet, die vor der Küste Patagoniens liegen und 1833 von den Briten annektiert wurden.1982 eskalierte der Streit und mündete in einen 74-tägigen Krieg, der knapp 900 Menschen das Leben kostete und mit einem britischen Sieg endete. Erst 1990 wurden wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen, die sich in der Folgezeit wechselhaft gestalteten und von der ungelösten Falklandfrage überschattet wurden, da Argentinien weiterhin Anspruch auf das Gebiet erhebt.

Geschichte

Frühe Beziehungen im 19. Jahrhundert mini|Lage der Falklandinseln/Islas Malvinas Die ersten direkten Kontakte zwischen Großbritannien und dem Gebiet des heutigen Argentinien fanden während der Napoleonischen Kriege statt. In den Jahren 1806 und 1807 unternahm das Britische Weltreich zwei Invasionsversuche gegen die spanische Kolonie am Río de la Plata. Beide Angriffe wurden von lokalen Milizen in Buenos Aires abgewehrt, was das Selbstbewusstsein der einheimischen Criollos stärkte. Nach der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Provinzen des Río de la Plata (1816) suchte die junge Republik den Zugang zu internationalen Märkten. Großbritannien stand den Loslösungsbestrebungen von Spanien wohlwollend gegenüber und erkannte 1825 formell die Unabhängigkeit Argentiniens an. In diesem Zuge unterzeichneten beide Staaten am 2. Februar 1825 einen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag, der die Grundlage für diplomatische Beziehungen bildete.

Trotz der grundsätzlich freundschaftlichen Aufnahme diplomatischer Kontakte blieben Konfliktpunkte nicht aus. So beanspruchte Argentinien die im Südatlantik gelegene Inselgruppe der Islas Malvinas (Falklandinseln) als Erbe der spanischen Krone, stationierte dort Personal und verlieh 1829 einen formalen Status als argentinisches Verwaltungsgebiet. Großbritannien erhob zunächst keinen Widerspruch dagegen. Am 3. Januar 1833 jedoch besetzten britische Marineeinheiten die Malvinen-Inseln und vertrieben die dortige argentinische Verwaltung. Dieser Akt zu Friedenszeiten löste umgehend offizielle Proteste der argentinischen Regierung aus, doch London wies die argentinischen Souveränitätsansprüche zurück. Damit entstand ein Streit um die Falklandinseln, der die bilateralen Beziehungen bis in die Gegenwart belasten sollte. In der Folgezeit unterhielt Argentinien trotz anhaltender formeller Protestnoten zunächst nur auf diplomatischer Ebene seinen Anspruch weiter, während Großbritannien ab 1841 eine eigene Kolonialverwaltung auf den Falklands einrichtete.

Trotz dieses Territorialkonflikts entwickelten sich im 19. Jahrhundert enge wirtschaftliche und gesellschaftliche Verflechtungen. Großbritannien avancierte zum wichtigsten Handelspartner und Investor Argentiniens. Britische Kaufleute, Ingenieure und Siedler wanderten in größerer Zahl ein und prägten die aufstrebende Hafenmetropole Buenos Aires. Britisches Kapital finanzierte in hohem Maße Infrastrukturprojekte wie den Eisenbahnbau. Bis 1914 verfügte Argentinien über das sechstlängste Eisenbahnnetz der Welt; rund 70 % davon standen unter britischer Kontrolle. 1910 hatten britische Unternehmen die enorme Summe von 186 Millionen Pfund im Land investiert, was einen Großteil des ausländischen Kapitals im Lande ausmachte. Diese massive Kapitalzufuhr trug entscheidend dazu bei, dass Argentinien um die Jahrhundertwende zu den wohlhabendsten Ländern der Welt zählte und wirtschaftlich als Kornkammer und Rinderfarm Großbritanniens fungierte. Argentinien exportierte Getreide, Wolle und Rindfleisch in großen Mengen nach Großbritannien und importierte im Gegenzug britische Fertigwaren. Gegen 1914 war Argentinien der wichtigste Handelspartner Londons in Lateinamerika. Neben ökonomischen Verbindungen entstand in Argentinien auch eine britische Gemeinschaft mit eigenen Schulen, Kirchen, Zeitungen (etwa der Buenos Aires Herald) und Sportvereinen, was die Beziehungen auf gesellschaftlicher Ebene festigte.

Erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mini|Präsident Marcelo Torcuato de Alvear und die First Lady Regina Pacini mit dem späteren König Edward VIII. des Vereinigten Königreichs in Mar del Plata (1925) Während des Ersten Weltkriegs blieb Argentinien neutral und profitierte von der ungebrochenen Nachfrage Großbritanniens nach argentinischen Lebensmitteln. So waren während des Kriegs die Lebensmittellieferungen aus Argentinien von entscheidender Bedeutung für den Sieg der Triple Entente, während dem Deutschen Reich die Nahrungsmittelreserven ausgingen. Nach Kriegsende setzte sich die enge Handelsbindung fort. Allerdings geriet Argentinien mit Beginn der 1930er Jahre – infolge der Weltwirtschaftskrise und britischer Handelsschutzmaßnahmen – unter Druck, seinen bevorzugten Zugang zum britischen Markt zu sichern. Die britischen Dominions (etwa Australien und Neuseeland) erhielten in dieser Zeit Handelspräferenzen im Empire, was Argentiniens wichtigen Rindfleisch-Export zu beeinträchtigen drohte. In diesem Kontext handelte der argentinische Vizepräsident Julio A. Roca Jr. 1933 in London ein bedeutendes bilaterales Handelsabkommen mit dem britischen Handelsminister Walter Runciman aus, bekannt als Roca-Runciman-Pakt (Pacto Roca-Runciman).El Tratado Roca-Runciman El bilateralismo con Gran Bretaña bajo condiciones desventajosasf

Der am 1. Mai 1933 unterzeichnete Pakt sicherte Argentinien eine feste Quote für den Export von gekühltem Rindfleisch nach Großbritannien zu. Im Gegenzug räumte Argentinien Großbritannien erhebliche Vorteile ein. So mussten britischen Unternehmen in Argentinien deutliche Zugeständnisse gemacht werden. Zudem versprach Buenos Aires, britische Importe nicht zu benachteiligen und keinerlei neue staatliche Fleischkonkurrenten (Schlachthöfe, Kühlhäuser) aufzubauen. Der Vertrag wurde in Argentinien kontrovers diskutiert – manche sahen darin einen notwendigen Schritt zum Erhalt des wichtigen Exportmarktes, andere kritisierten die einseitigen Zugeständnisse als Zeichen wirtschaftlicher Abhängigkeit von Großbritannien. Dennoch markierte der Pakt einen Höhepunkt der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen in der Zwischenkriegszeit.

Politisch näherten sich Argentinien und Großbritannien ab den 1930er Jahren wieder vorsichtig an, doch blieben Spannungen spürbar. Im Zweiten Weltkrieg hielt Argentinien bis nahezu zum Kriegsende an einer Neutralitätspolitik fest, was von den Alliierten – insbesondere den USA – mit Argwohn beobachtet wurde. Teile der argentinischen Führung unter Juan Perón sympathisierten mit den Achsenmächten und dem Faschismus, und erst durch erheblichen diplomatischen Druck erklärte Argentinien Deutschland und Japan im März 1945 den Krieg.Vor 70 Jahren: Der kurze deutsch-argentinische Krieg und der lange Weg von NS-Tätern über die „Klosterroute“ nach Argentinien Diese Kriegserklärung hatte nur symbolischen Charakter, da die Kampfhandlungen in Europa zu diesem Zeitpunkt fast beendet waren. Allerdings führte die spät erfolgte Positionierung dazu, dass Argentinien zunächst vom Nachkriegs-Aufbau internationaler Institutionen (z. B. der UNO-Gründungsphase) ausgeschlossen blieb. Gleichzeitig hinterließ der Krieg Großbritannien wirtschaftlich geschwächt und es war verstärkt auf die Unterstützung seiner ehemaligen Kolonien und neuer Partner angewiesen. Argentinien befand sich hingegen in einer vergleichsweise komfortablen Lage: Es hatte während des Krieges erhebliche Exportüberschüsse erwirtschaftet, die in Form von Guthaben in London angelegt waren.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer markanten Verschiebung in den bilateralen Beziehungen. Die Perón-Regierung in Argentinien verfolgte einen nationalistischen, auf wirtschaftliche Unabhängigkeit abzielenden Kurs. 1946–1948 kaufte und verstaatlichte Argentinien mit seinen in Großbritannien gehaltenen Kreditguthaben die britischen Eisenbahngesellschaften und weitere Infrastrukturunternehmen im Land. Damit endete die Ära der dominierenden britischen Wirtschaftspräsenz in Argentinien abrupt. London wurde zwar für die Enteignungen entschädigt, trotzdem kühlte das Verhältnis in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre deutlich ab. Argentinien orientierte sich außenpolitisch stärker an den USA und trat 1948 dem interamerikanischen Verteidigungspakt (TIAR) bei. Auf internationaler Bühne – etwa in der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und bei den Vereinten Nationen – brachte Buenos Aires immer wieder Resolutionen ein, welche die britische Souveränität über die Falklandinseln in Frage stellten.

Der Konflikt um die Falklandinseln (1950–1990)

mini|Prinz Philip, Duke of Edinburgh mit Arturo Frondizi (1962) In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte der Falklandkonflikt zunehmend die bilateralen Beziehungen. Argentinische Regierungen aller Couleur stellten die Zugehörigkeit der Inselgruppe immer wieder infrage und forderten Verhandlungen über deren Status. Großbritannien seinerseits beharrte auf der Geltung seines Hoheitsanspruchs seit 1833 und verwies auf das Selbstbestimmungsrecht der überwiegend britischstämmigen Inselbevölkerung. 1965 erzielte Argentinien einen diplomatischen Erfolg, als die UN-Vollversammlung in Resolution 2065 die Falklandinseln als Kolonialfall anerkannte und beide Seiten zur friedlichen Aushandlung einer Lösung aufforderte.Marcelo G. Kohen, Facundo D. Rodríguez: Las Malvinas entre el derecho y la historia. Eudeba, Buenos Aires 2017, ISBN 978-950-23-2528-6. In der Folgezeit kam es zwischen London und Buenos Aires zu Sondierungsgesprächen über mögliche Kompromisse – zeitweise wurde sogar über ein Kondominium oder ein Pachtmodell („leaseback“) diskutiert. Doch scheiterten diese Ansätze letztlich am Widerstand sowohl in der Inselbevölkerung als auch bei Hardlinern in beiden Ländern. Die Bewohner der Falklands lehnten es ab, Teil Argentiniens zu werden, und Großbritannien wollte das Gebiet nicht abgeben.

Ab 1976 verschlechterte sich das Klima zusätzlich, nachdem in Argentinien eine rechtsgerichtete Militärdiktatur an die Macht gekommen war. Die Junta setzte ab 1981 unter General Leopoldo Galtieri verstärkt auf nationalistische Rhetorik und sah in der Rückeroberung der „Islas Malvinas“ eine Gelegenheit, von innenpolitischen Problemen abzulenken. Am 2. April 1982 landeten argentinische Truppen auf den Falklandinseln und besetzten das Gebiet gewaltsam. Großbritannien, von der Invasion zunächst überrascht, reagierte unter Premierministerin Margaret Thatcher mit der Entsendung einer großen Marine- und Luftwaffenverbundgruppe in den Südatlantik. Es kam zum Falklandkrieg, der rund 74 Tage andauerte. Trotz internationaler Vermittlungsversuche und Sanktionen der EG blieb Argentinien hart, hatte aber die militärische Entschlossenheit Großbritanniens unterschätzt. Die britischen Streitkräfte landeten im Mai 1982 auf den Inseln und konnte die argentinischen Einheiten in mehreren Gefechten zurückdrängen. Am 14. Juni 1982 kapitulierten die argentinischen Truppen in Port Stanley, womit Großbritannien die volle Kontrolle über die Falklands sowie Südgeorgien und die Südlichen Sandwichinseln wiederherstellte. In dem kurzen Krieg starben knapp 900 Menschen – 649 Argentinier und 255 Briten – und über 11.000 Argentinier gerieten in Kriegsgefangenschaft.