Das Lied der Tausend Stiere (Originaltitel: Binboğalar Efsanesi) ist der Titel eines 1971 publizierten epischen Romans von Yaşar Kemal. Erzählt wird die Geschichte der Karaçulluh-Nomaden, die seit alter Zeit jährlich zwischen dem Winterquartier im Tiefland und der Sommerweide im Gebirge wechseln. Durch die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung im 20. Jh. gerät der Stamm zunehmend in Existenznot und ist von der Auflösung und dem Verlust der kulturellen Identität bedroht. In diesem Zusammenhang zeichnet der Autor ein Bild des naturnahen Lebens und, am Beispiel der Protagonisten Ceren und Halil, der Freiheitsliebe der Nomaden. Die deutsche Übersetzung von Helga Dağyeli-Bohne und Yıldırım Dağyeli erschien 1979.
Inhalt Überblick Kemal erzählt die Geschichte des Karaçulluh-Nomadenstammes, der seit alter Zeit jährlich zwischen dem Winterquartier in der Çukurova-Ebene im Süden der Türkei nördlich des Golfs von İskenderun und der Sommerweide im das Tiefland umschließenden Taurusgebirge mit seinen Kamelen, Eseln, Schafen und Ziegen wechselt. So haben die Nomaden auch im Jahr der HaupthandlungBei Haydars Besuch in Ankara wird ein Politiker Menderes erwähnt. Gemeint ist vermutlich Adnan Menderes, der von 1950 bis 1960 regierte, durch das Militär gestürzt und ein Jahr später hingerichtet wurde. Haydar versucht, seine Bitte Ismet Pascha vorzutragen, von 1938 bis 1950 Präsident, von 1961 bis 1965 Ministerpräsident der Türkischen Republik, gestorben 1973 in Ankara. Außerdem gibt es durch das 1953 fertiggestellte Atatürk-Mausoleum einen weiteren Hinweis auf die Datierung der Haupthandlungszeit in die 1950er/1960er Jahre. wieder im Aladağ-Tal das Versammlungszelt und das in den letzten Jahren geschrumpfte 60-Zelte-Dorf aufgebaut. Der Eisenschmied Haydar, Ältester des Stammes, sieht die Wanderung als ihr altes Recht an, das in den letzten Jahrzehnten zunehmend durch die Kultivierung der Ebene eingeschränkt wurde. Dadurch entstehen Konflikte mit den Bauern, Behörden und Förstern und die Lebensbedingungen der Nomaden verschlechtern sich, mit der Folge, dass immer mehr Karaçulluhs ihr Nomadenleben aufgeben. Diesen Niedergang der Nomaden schildert der Erzähler an der IrrfahrtMit dem 40-jährigen Todeskampf des Stammes spielt Süleyman (Yaşar Kemal: Das Lied der Tausend Stiere. Deutscher Taschenbuchverlag München, 1995, S. 216) auf die 40-jährige Wanderung der Israeliten durch die Wüste an (4. Mose, 14, 33-34). der Karaçulluhs durch die Çukurova-Ebene auf der Suche nach einem Winterquartier. Er zeigt die Folgen des Überlebenskampfes am Beispiel der Protagonisten auf: Haydar als Repräsentant und Bewahrer der kulturellen Identität, Halil als Widerstandskämpfer auf der Flucht, Ceren als ihre persönliche Entscheidungsfreiheit bewahrende Frau, die in Konflikt mit den Erwartungen des Stammes gerät. Eingerahmt wird die einjährige Haupthandlung durch die Schilderung zweier traditioneller Frühlingsfeste, an denen die Nomaden Allah um die Erfüllung ihrer Wünsche bitten.
Vorgeschichte mini|Nomaden-Camp im Taurusgebirge (1879) Im Rückblick wird die vom Schmied Haydar repräsentierte glorreiche, sagenhafte Zeit der freien Nomaden in den weiträumigen Siedlungs- und Weidegebieten zwischen dem zentralasiatischen „Khorassan und der Ebene von Harran“ („Von Khorassan sind wir gekommen“Yaşar Kemal: Das Lied der Tausend Stiere. Deutscher Taschenbuchverlag München, 1995, S. 58.) beschrieben, die mit dem verlorenen Kampf 1876 gegen die Ansiedelungsprogramme der militärisch überlegene Armee des Osmanischen Reiches endet: Man vertreibt sie aus dem Hochland, um sie in den Ebenen als Bauern anzusiedeln (Kap. 2, 6). Einige Stämme werden sesshaft, obwohl viele die Hitze nicht vertragen und sterben. Andere, die sogenannten Aydınlıs, verweigern die Ansiedlung. Sie bestechen die türkischen Offiziere mit Geld, Tieren und Heirat ihrer Mädchen, um ihr Stück Land als Winterquartier behalten, im Frühling aber wieder ins Gebirge ziehen zu dürfen. Haydars Vater schenkt in diesem Zusammenhang dem Major Ali Bey ein kunstvoll geschmiedetes Schwert und dieser verkauft ihnen für 500 Goldstücke eine Urkunde, die sie als Besitzer eines Grundstücks in der Ebene ausweist, das von einigen Mitgliedern des Stammes bewirtschaftet wird, während die größere Gruppe im Frühjahr mit den Tieren in die Berge zieht. Doch 1949 werden die Urkunden wertlos und das Land wird von Bauern bestellt. Jetzt beginnen jährlich die Streitigkeiten um ein Winterquartier und die Nomaden müssen dafür Pacht bezahlen. Traurige Epen handeln von diesen Niederlagen. mini|Çukurova und Taurus-Gebirge Haydar ist stolz auf die Geschichte seines Vaters und möchte so weiter verfahren, aber viele Stammesangehörige halten rückblickend eine Ansiedlung mit eigenen Häusern als die bessere Lösung. Andere Turkmenen hätten sich ja auch mit dem Schicksal abgefunden. Die Karaçulluhs sind einige der wenigen Nomadenstämme, die an der Tradition festhalten, doch dabei immer mehr dezimiert werden und verarmen. Im letzten Jahr wurden sie im Dorf Yeryurt von den Bewohnern verjagt und es kam zum Kampf mit Toten auf beiden Seiten. Dabei zündete Halil ein Dorf an und Mustan tötete Osman Agas Sohn Fahri. Beide sind seitdem auf der Flucht.
Frühlingsfest Die Winterzeit endet für die Karaçulluh-Nomaden Anfang Mai mit dem Hıdrellez genannten Frühlingsfest, das sie im Aladağ-Tal feiern. Es ist ein altes Fruchtbarkeitsfest, an dem sich nach der Überlieferung der Turkvölker die beiden Heiligen Hızır, als Symbol für die sich zyklisch erneuernde Vegetation, und Elias treffen. Im Versammlungszelt isst und trinkt der Stamm gemeinsam und Jung und Alt tanzt sich zur Musik von Trommlern und Flötenspieler in einen Trancezustand hinein. In der Nacht beobachten die Menschen an Quellen und Flüssen, ob das Wasser gefriert, und ob sich am Himmel die Sterne Hızır und Elias vereinigen. Dann kann jeder sich von Allah etwas für das Jahr wünschen. Haydar hat sich mit dem Stamm darauf verständigt, dass sich alle ein Winterquartier und eine gute Sommerweide im Tal hinter dem Aladağ-Berg zu wünschen.
Für die Stammesangehörigen sind jedoch die individuellen Ziele wichtiger als die Stammesinteressen. Haydars Lieblingsenkel Kerem möchte einen Bergfalken haben. Ceren wünscht sich an der Tasbuyduran-Quelle, den heldenhaften Halil wiederzusehen. Yeter hofft auf die Rückkehr ihres vor 16 Jahren in die Stadt gezogenen Bräutigams Yunus. Der hundertjährige Müslüm bittet an der Sazlik-Quelle um die Blume des ewigen Lebens und der Jugend. Der siebenjährige Hüseyin zieht, wie viele der jungen Leute, ein Leben in der hellen Stadt mit einem Auto dem mühsamen Nomadenleben vor. Der elfjährige Dursun wünscht sich, dass sein Vater, der Bekir getötet hat, aus dem Gefängnis entlassen wird. Osman hofft auf einen guten Forellenfang, Meryem auf die Heilung ihrer verkrüppelten Tochter, Alis auf das Ende seiner Malariaanfälle.
Am nächsten Morgen sind die Nomaden ernüchtert. Niemand hat die Vereinigung der Sterne gesehen, nur Kerem verkündet dies auf Druck seines Großvaters. Doch insgeheim glaubt man ihm nicht. Schlechte Botschaften kommen dazu: Yeter hat sich im Teich ertränkt, Mustan ist nach einem Gefecht mit Osman Agas Männern verwundet geflohen. Um seinen Leuten etwas Hoffnung zu machen, wiederholt Haydar seine seit dreißig Jahren erzählte Geschichte vom kunstvoll gefertigten Schwert für Temir Aga, wofür sie als Gegengabe ein Tal geschenkt bekämen. Während des Sommers hat er weiter an einem Schwert mit Goldverzierung geschmiedet und hofft auf die Wirkung bei einem hohen Beamten, dem er es überreichen will.
Irrfahrt durch die Çukurova-Ebene mini|Çukurova-Ebene und Fluss Ceyhan bei Yılankale Nach einem weiteren Sommer der Unsicherheit und Auseinandersetzungen mit Wildhütern in den Bergen berät der Vorsteher Süleyman mit den Stammesältesten über die von Jahr zu Jahr schwierigere Suche nach einem Winterquartier und diskutiert über ihre Möglichkeiten: die Nutzung von Beziehungen mit ehemaligen Nomaden, Geschenke für Grundbesitzer oder Verheiratung eines Karaçulluh-Mädchens mit einem reichen Bauernsohn mit dem Wohnrecht als Gegenleistung, Kauf oder Pacht von Land. Die schöne Ceren wird vom Großgrundbesitzersohn Oktay umworben und dieser bietet dem Stamm, wenn sie in heiratet, ein Winterquartier an. Doch Ceren liebt den Helden Halil, der als Rache für die Demütigung der Nomaden ein Dorf in Brand gesteckt hat. Sie wird von ihrer Familie und vom Stamm bedrängt und nach ihrer Weigerung, in den Handel einzuwilligen, quasi aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, denn man gibt ihr die Schuld am Abstieg der Karaçulluhs und an ihrem Leidensweg. mini|Çukurova Besitzurkunde In diesem Herbst schlägt der Stamm seine Zelte zuerst an einem öden Hügel namens „Tobender Stier“ auf (Kap. 5). Die Besitzverhältnisse sind für die Karaçulluhs unübersichtlich und viele Bauern der umgebenden Dörfer behaupten, eine Urkunde zu besitzen und fordern von den Nomaden eine Pacht. Solche Aktionen laufen nach ähnlichen Mustern ab: Beschimpfungen, die faulen Nomaden würden sich gesetzeswidrig auf Kosten der unter harten klimatischen Bedingungen mühevoll arbeitenden Bauern bereichern, und verbale und gewalttätige Drohungen, worauf die Nomaden mit Demutsgesten, Bewirtungen und Gesprächseinladungen reagieren und die Gäste mit Goldmünzen beschenkt abziehen. Dazu kommt, dass der Vorsteher Süleyman über die rechtliche Situation nicht informiert ist. Man vertraut auf alte über Generationen gepflegte Stammesbeziehungen und Gewohnheitsrechte und ist es gewohnt, Beamte und Großgrundbesitzer zu beschenken und bestechen, um deren Wohlwollen zu erreichen: So zahlt der Ältestenrat des Stammes an den mit zwei bewaffneten Wächtern plötzlich auftauchenden Betrüger Derviş Hasan 2000 Lira Pacht (Kap. 5). Dann droht ihnen Fehmi, der Gemeindevorsteher von Kösecik, durch seinen Vertrauensmann Veli der Kater, sie vom Land zu vertreiben, und fordert eine hohe Summe, mit der er seine teure Villa abbezahlen will (Kap. 6). Schließlich bietet ihnen Aga der Bartlose den Kauf des Landes an. Als sie zur Überschreibung in die Kreisstadt reisen, treffen sie ihn nicht an. Von einem Straßenschreiber, Kemal dem Blinden, werden sie aufgeklärt, dass es keine Besitzurkunde gibt und sie, wie viele Nomaden zuvor, betrogen worden sind: Der Hügel gehört „Niemandem. Oder allen außer euch“. Sie bitten ihn, ihre „hoffnungslose Lage […] an wen“ und „wohin“ auch immer zu schildern (Kap. 7).Yaşar Kemal: Das Lied der Tausend Stiere. Deutscher Taschenbuchverlag München, 1995, S. 90.
Unruhestifter Nach einem bewaffneten Angriff einiger Bauern auf das Lager auf dem Hügel und einem Schusswechsel wird der Stamm der Unruhestiftung beschuldigt (Kap. 8). Polizisten erscheinen, beschimpfen die Nomaden, drohen mit Verhaftungen, lassen sich schließlich nach Unterwerfungsriten bewirten, unterhalten sich im Versammlungszelt freundschaftlich über ihre gemeinsamen Nomadenvorfahren, zeigen Verständnis für die Notlage des Stammes, versprechen, zu helfen, und ziehen schließlich mit Geld und Kerems Falken, als Geschenk für den Sohn des Korporals, ab. Jetzt sind die Finanzen des Stammes erschöpft und man diskutiert über die weitere Strategie. Fethullah, der Sohn des Vorstehers, plädiert dafür, sich mit Waffen zu verteidigen und lieber im Kampf zu sterben, als sich weiterhin verhöhnen und demütigen zu lassen. Nachdem die nächste Forderung des Dorfes Sandal nicht mehr erfüllt werden kann (Kap. 9), setzen die Bauern das Land um den Hügel in Brand (Kap. 10). Die Karaçulluhs brechen überstürzt auf, fliehen auf die andere Seite des Flusses Ceyhan und wandern auf der Suche nach einem neuen Quartier durch die Ebene.
Wohn- und Wegegeld