Infantizid (von lat. infanticidium, „Kindestötung“; abgeleitet aus lateinisch infans „Kind“ und caedere „töten“) ist ein aus dem Englischen (infanticide) entlehnter Fachausdruck für das Töten von Nachkommen der eigenen Art. Während man diesen Fachausdruck im Englischen ganz allgemein mit Bezug auf Tiere und Menschen benutzt, wird er im Deutschen primär in Bezug auf Tiere verwendet und ist insofern abgrenzbar gegenüber der ausschließlich auf Menschen bezogenen Kindstötung.
Der Infantizid im Tierreich ist nicht notwendig mit Kannibalismus verbunden, also mit dem Auffressen der getöteten Artgenossen. Werden die Nachkommen gefressen, so spricht man von Kronismus, nach dem griechischen Titan Kronos, der seine Kinder auffraß.Kronismus. Auf: spektrum.de, abgerufen am 14. Oktober 2025.
Evolutive Gründe für Infantizid Infantizid ist eine männliche Fortpflanzungsstrategie. Insbesondere weibliche Säugetiere werden nach dem Verlust ihrer Jungen schnell wieder fruchtbar und paarungsbereit, was hingegen nicht der Fall ist, so lange sie für ihre Jungen sorgen und diese gegebenenfalls noch säugen. Männliche Tiere, die den Nachwuchs einer Mutter töten, haben danach eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, sich selber fortzupflanzen, indem sie sich mit dieser paaren. Diese Strategie kommt, außer bei Säugetieren, auch bei einigen Vogel- und Fischarten vor.
Infantizid durch männliche Tiere wird von Wissenschaftlern als evolutiv angepasst interpretiert und tritt vor allem bei Arten mit ausgeprägtem Sexualdimorphismus auf. Weibliche Tiere einiger Arten haben wiederum ‚Gegenstrategien‘ entwickelt, um die Gefahr, Nachwuchs durch Infantizid zu verlieren, zu vermindern. Beispielsweise praktizieren Weibchen von zahlreichen Altweltaffen Polygamie, verpaaren sich also in kurzen zeitlichen Abständen mit mehreren Männchen.T. Weingrill & C. P. van Schaik: Sexueller Zwang bei Primaten: Evolutionäre Ursachen und Gegenstrategien der Weibchen. In: Zeitschrift für Sexualforschung. Band 24, Nr. 2, 2011, S. 111–133, doi:10.5167/uzh-57314.
Es gibt jedoch auch weibliche Tiere, die Infantizid betreiben, unter anderem bei den Afrikanischen Wildhunden.Ally K. Brown, Malit O. Pioon, Kay E. Holekamp und Eli D Strauss: Infanticide by Females Is a Leading Source of Juvenile Mortality in a Large Social Carnivore. In: The American Naturalist. Band 198, Nr. 5, 2021, doi:10.1101/2020.05.02.074237.
Beispiele für Infantizid Bei Säugetieren Infantizid tritt bei über 100 Arten der Säugetiere aufDieter Lukas und Elise Huchard: The evolution of infanticide by males in mammalian societies. In: Science. Band 346, Nr. 6211, 2014, S. 841–844, doi:10.1126/science.1257226. Für den männlichen Infantizid bei Säugetieren haben Lukas und Huchard 260 Säugetierarten untersucht und bei 119 der untersuchten Arten Infantizid festgestellt. Alle 260 Arten werden mitsamt den entsprechenden Literaturangaben aufgelistet., z. B. LöwenKindstötung Der Feind im eigenen Rudel Der Spiegel, aufgerufen am 13. November 2022, BraunbärenMother brown bears protect cubs with human shields. Auf: sciencemag.org vom 21. Juni 2016.Wachstum und Reproduktion europäischer Braunbären: unterscheiden sich "life history" - Strategien zwischen Europa und Nordamerika? Universität für Bodenkultur Wien, aufgerufen am 13. November 2022, DelfinenDale G. Dunn, Susan G. Barco, D. Ann Pabst, William McLellan: Evidence for infanticide in bottlenose dolphins of the western North Atlantic. In: Journal of Wildlife Diseases. Band 38, Nr. 3, 2002, S. 505–510, doi:10.7589/0090-3558-38.3.505., RattenCharlotte C. Burna, Georgia J. Mason: Effects of cage-cleaning frequency on laboratory rat reproduction, cannibalism, and welfare. In: Applied Animal Behaviour Science. Band 114, Nr. 1, 2008, S. 235–247, doi:10.1016/j.applanim.2008.02.005., Mäusen und Erdmännchen.
Auch und insbesondere unter den Primaten findet sich der Infantizid, so bei den Bengalischen Hanuman-LangurenS. M. Mohnot: Some Aspects of Social Changes and Infant-Killing in the Hanuman Langur, Presbytis Entellus (Primates: Cercopithecidae), in Western India. In: Mammalia Band 35, Nr. 2, S. 175–198, 1971; doi:10.1515/mamm.1971.35.2.175., Bärenpavianen, Mantelpavianen, SchimpansenJane Goodall: Beyond Innocence. An Autobiography in Letters: The Later Years. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 2001, ISBN 978-0-618-12520-3., Östlichen GorillasÖstlicher Gorilla im Artenlexikon (lat. Gorilla beringei) WWF, aufgerufen am 13. November 2022 und anderen.
Schimpansen mini|Auch junge Schimpansen können Infantizid zum Opfer fallen Infantizid bei Schimpansen wurde erstmals 1976 von Jane Goodall dokumentiert. In ihrem Beobachtungsgebiet in Gombe hatte das Weibchen Passion gemeinsam mit seiner Tochter Pom innerhalb von zwei Jahren drei junge Schimpansen getötet und teilweise gefressen. Jane Goodall hatte damals nicht nachvollziehen können, ob dieses Verhalten als krankhaft einzuordnen sei oder ob es langfristig evolutionär vorteilhaft sei; nur Langzeitbeobachtungen könnten hier einen Anhaltspunkt geben.Jane Goodall: Infant killing and cannibalism in free-living chimpanzees. In: Folia Primatologica. Band 28, Nr. 4, 1977, S. 259–282, doi:10.1159/000155817. In den 1990er-Jahren wurden, gleichfalls im Gombe-Gebiet, erneut Hinweise auf Infantizid bei Schimpansen gefunden, allerdings zumeist durch Männchen fremder Gruppen.Kindsmorde im Reich der Affen. Von Marcus Anhäuser. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 111 vom 15. Mai 2007, S. 20. Grausamer Kindermord im Urwald. Auf: welt.de vom 18. Mai 2007. 2007 berichtete dann eine Forschergruppe auch aus dem ugandischen Budongo-Wald über drei vergleichbare Tötungen. Nachgewiesen werden konnte diesmal allerdings zweifelsfrei, dass es Jungtiere von Weibchen waren, die kurz zuvor ins Revier der Angreiferinnen eingewandert waren.Simon W. Townsend, Katie E. Slocombe, Melissa Emery Thompson und Klaus Zuberbühler: Female-led infanticide in wild chimpanzees. In: Current Biology. Band 17, Nr. 10, 2007, S. R355–R356, doi:10.1016/j.cub.2007.03.020. In der Fachzeitschrift New Scientist wurden mehrere Forscher zitiert, denen zufolge die Tötung der fremden Jungtiere im Budongo-Wald als angepasstes Verhalten gedeutet werden könne, da es angesichts knapper Nahrungsressourcen die Überlebenschancen des eigenen Nachwuchses erhöhe.Mairi Macleod: Female chimps can resort to infanticide. In: New Scientist. Bd. 194, Nr. 2604, vom 19. Mai 2007, S. 19, Einleitung zum Artikel.
2019 wurden 30 im Verlauf von 24 Jahren im Budongo-Wald dokumentierte, aggressive Handlungen gegen Jungtiere analysiert. Zwei Drittel der Opfer waren jünger als eine Woche, die Angreifer waren zumeist erwachsene Männchen. Die Beobachtungen und Analysen des Verhaltens in der Schimpansen-Gruppe ergaben, dass die Kindstötungen am wahrscheinlichsten als Folge von sexueller Selektion zu interpretieren sind: Die Mütter der getöteten Jungtiere wurden sehr viel früher als ohne Verlust des Babys wieder schwanger, und zwar von Vätern aus ihrer Gruppe.Adriana E. Lowe et al.: Intra-community infanticide in wild, eastern chimpanzees: a 24-year review. In: Primates. Band 61, 2019, S. 69–82, doi:10.1007/s10329-019-00730-3. Research identifies key driver for infanticide among chimpanzees. Auf: eurekalert.org vom 13. Juni 2019.
Interessanterweise findet sich Infantizid nicht bei den engen Verwandten der Schimpansen, den Bonobos.Frans de Waal: Bonobos – Die Zärtlichen Menschenaffen. Birkhäuser Verlag, Basel 1998, S. 193. Übersetzt aus dem Englischen von Monika Niehaus-Osterloh [Orig.: Bonobo – The Forgotten Ape, University of California Press, Berkeley 1997].
Bengalische Hanuman-Languren Beobachtungen von Infantiziden bei Bengalischen Hanuman-Languren gehen in die 1960er-Jahre zurück. Wird das dominante Männchen einer Gruppe von Hanuman-Languren von einem Konkurrenten verdrängt, tötet das erfolgreiche Männchen alle nicht entwöhnten Jungtiere der Gruppe; trächtige Weibchen werden so lange gehetzt, bis es zu einer Fehlgeburt kommt. Verwandtschaftsanalysen bestätigten, dass die Männchen nur Junge fremder Männchen töten.Volker Storch, Ulrich Welsch und Michael Wink: Evolutionsbiologie. Springer, Berlin und Heidelberg 2001, S. 358, ISBN 978-3-540-41880-1.
Löwen mini|Für junge Löwen wird es gefährlich, wenn ein neues Alphatier das Rudel übernimmt Aus Freilandbeobachtungen bei Löwen ist bekannt, dass ein neuer Rudelführer, der seinen Vorgänger verdrängt hat, häufig alle Jungtiere (also den Nachwuchs seines Vorgängers) tötet. Zugleich kann es dann aufgrund der Auseinandersetzungen im Rudel zu – mutmaßlich auf sozialen Stress zurückgehenden – Fehlgeburten kommen. Weibchen, die ihre Jungen verlieren, kommen rasch wieder in den Östrus, was zur Folge hat, dass der neue Rudelführer sich relativ rasch mit den Löwinnen seines neuen Rudels paaren und eigene Nachkommen zeugen kann.John Alcock: Das Verhalten der Tiere aus evolutionsbiologischer Sicht. G. Fischer, Stuttgart, Jena und New York 1996, S. 11–12, ISBN 978-3-437-20531-6.
Ratten Bei Laborratten zeigte eine kanadische Studie auf, dass nahezu doppelt so viele Jungtiere zu Tode kamen, wenn deren Käfige zweimal pro Woche gereinigt wurden, als wenn sie nur alle zwei Wochen gereinigt wurden. Ursache sei vermutlich u. a. die wiederholte Zerstörung der Nester beim Reinigen. Die beiden Autorinnen der Studie wiesen ebenfalls ergänzend darauf hin, dass Jungtiere gelegentlich auch dann von ihren Müttern getötet werden, wenn keine vergleichbaren Stressoren nachweisbar sind.
Weitere Säugetiere, bei denen Infantizid nachgewiesen wurde Afrikanischer Wildhund JaguarFernando R. Tortato, Allison L. Devlin, Rafael Hoogesteijn et al.: Infanticide in a jaguar (Panthera onca) population—does the provision of livestock carcasses increase the risk? In: acta ethologica. Band 20, 2017, S. 69–73 doi:10.1007/s10211-016-0241-4. LeopardGuy A. Balme & Luke T.B. Hunter: Why leopards commit infanticide. In: Animal Behaviour. Band 86, Nr. 4, 2013, S. 791–799, doi:10.1016/j.anbehav.2013.07.019. RiesenotterChristina A. S. Mumm: Territorial choruses of giant otter groups (Pteronura brasiliensis) encode information on group identity. In: PLOS ONE. Band 12, Nr. 10, 2017, e0185733, doi:10.1371/journal.pone.0185733. SchwertwalJared R. Towers, Muriel J. Hallé, Helena K. Symonds et al.: Infanticide in a mammal-eating killer whale population. In: Scientific Reports. Band 8, Artikel-Nr. 4366, 2018, doi:10.1038/s41598-018-22714-x. ZebramangusteJason S. Gilchrist: Female eviction, abortion, and infanticide in banded mongooses (Mungos mungo): implications for social control of reproduction and synchronized parturition. In: Behavioral Ecology. Band 17, Nr. 4, 2006, S. 664–669 doi:10.1093/beheco/ark012.
Bei Vögeln Auch bei Vögeln gibt es Beispiele von Infantizid sowie Ovizid, etwa bei Störchen, Wasseramseln und Staren.
Wenn Störche ihren eigenen Nachwuchs töten, so wenden sie sich in der Regel gegen ihr schwächstes Junges. Insbesondere wenn das Nahrungsangebot sehr knapp ist, greifen Vogeleltern, die besonders aufwändige Brutpflege betreiben, zu dieser extremen Maßnahme. Biologe Mario Ludwig erklärt dieses Verhalten damit, dass die Altvögel so die Überlebenschancen für die verbleibenden Jungen erhöhen. Dabei wird der Nachwuchs entweder aus dem Nest geschubst oder von den Eltern aufgefressen.Infantizide. Wenn Tiere ihren Nachwuchs töten. Auf: deutschlandfunknova.de vom 10. Februar 2021, zuletzt abgerufen am 16. April 2022.
Bei dem zu den Afrikanischen Bartvögeln gehörenden Haubenbartvogel hat man bislang Infantizid in zwei Fällen beobachtet. Starb während der Fortpflanzungszeit einer der beiden Partner, verpaarte sich der überlebende Hauben-Bartvogel sehr schnell. Der neue Partner zerstörte entweder die Eier oder tötete die Nestlinge und begann dann mit einer eigenen Brut.Lester L. Short und Jennifer F. M. Horne: Toucans, Barbets and Honeyguides – Ramphastidae, Capitonidae and Indicatoridae. Oxford University Press, Oxford 2001, S. 121, ISBN 978-0-19-854666-5.