mini|Das Turnerdenkmal im Jahr 1899, Fotografie von Robert Breitinger Das Turnerdenkmal (auch Vivat Patria, Turnerstatue, Kranzturner) ist eine 1886 von Baptist Hörbst geschaffene und 1898 im Arboretum in Zürich platzierte Galvanoplastik. 1990 wurde sie entfernt, und der Sockel steht seither leer.

Geschichte Entstehung und Platzierung Baptist Hörbst soll die Statue nach dem Modell seines verstorbenen Bruders gestaltet habenEine Denkmal-Einweihung. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenblatt. Nr. 144, 25. Mai 1989, S. 5 (online). und nannte sie ursprünglich «Vivat Patria» (lateinisch für «Es lebe das Vaterland»). Er stellte sie erstmals im April 1886 an der Schweizerischen Kunstausstellung in Zürich aus.Die Schweizerische Kunstausstellung in Zürich (Schluß). In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 111, 22. April 1886, S. 1 f. (online). Im Juni 1886 zeigte er sie auch am Salon de Paris.Emilie Hüni: Der Pariser «Salon». In: Neue Zürcher Zeitung. Erstes Blatt. Nr. 178, 28. Juni 1886, S. 1 f. (online).

Ab Mai 1896 stand die Statue an der Schweizerischen Landesausstellung in Genf vor der Abteilung des Eidgenössischen Turnvereins. Der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung äusserte bei ihrem Anblick die Hoffnung, der «schöne schlanke Kranzturner» möge in Bronze gegossen und in Zürich, der «Turnerstadt mit ihren an allen Geräten so geübten Behörden», öffentlich platziert werden.Schweizerische Landesausstellung. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Abendblatt. Nr. 127, 7. Mai 1896, S. 1 (online).

Im September 1896 schenkte Hörbst seine Statue dem Eidgenössischen Turnverein. Dieser plante sogleich, seinen Sektionen Abgüsse davon zur Verfügung zu stellen.Die Delegierten des eidgenössischen Turnvereins. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenblatt. Nr. 272, 30. September 1896, S. 1 (online). Im Juli 1897 war sie am Festplatz des Eidgenössischen Turnfests in Schaffhausen ausgestellt.Eidgenössisches Turnfest in Schaffhausen. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenblatt. Nr. 205, 26. Juli 1897, S. 2 (online). Am 21. November 1897 beschloss die Abgeordnetenversammlung der Turnvereinigung der Stadt Zürich einstimmig, sie «beim Roten Schloss am Alpenquai, auf dem vom Stadtrate geschenkten Platze», aufzustellen. Die Ausführung wurde an eine fünfköpfige Kommission delegiert, der unter anderem der Bildhauer Louis Wethli angehörte und die mit dem Zürcher Stadtbaumeister Arnold Geiser und dem Schöpfer der Statue Hörbst zusammenarbeiten sollte. Die Kosten wurden auf 3500 Schweizer Franken veranschlagt.Aus Turnerkreisen. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenblatt. Nr. 326, 24. November 1897, S. 3 (online). Der Eidgenössische Turnverein hatte bereits an seiner Delegiertenversammlung vom 5. November beschlossen, 500 Franken aus der Zentralkasse beizusteuern.Delegiertenversammlung des schweizerischen Turnvereins in Zug. In: Der Bund. Band 48, Nr. 311, 9. November 1897, S. 1 (online). Auch die kantonalen und städtischen Turnvereine, ferner der Zürcher Stadtrat stellten Beiträge in Aussicht. Der Rest sollte über Privatspenden und eine «Extrasteuer» bei den Mitgliedern des Turnvereins finanziert werden. Die Statue wurde nicht wie ursprünglich beabsichtigt in Bronze gegossen, sondern in ihrem modellhaften Zustand einer lediglich mit einer dünnen Erzschicht bedeckten Gipsplastik belassen, was ihr später zum Verhängnis wurde.

Die Einweihung fand am 19. Mai 1898, am Auffahrtstag, statt. Etwa 900 Turner boten am Vormittag in der Parkanlage Sihlhölzli ihre Übungen dar und begaben sich dann um 11 Uhr in einem Festzug ans Alpenquai. «Nachtbuben» hatten das Denkmal bereits enthüllt. Pfarrer Friedrich Meili hielt im Namen der Turnerschaft eine Rede und übergab das Denkmal der Stadt Zürich. Stadtrat Jakob Lutz nahm es dankend in Empfang. Am anschliessenden Bankett sprachen der Präsident der Turnvereinigung Zürich Frischknecht, der Stadtrat Joseph Benjamin Fritschi, der Bildhauer Wethli, der Präsident des Schweizer Turnerzentralkomitees Hägin aus Basel und der Künstler Hörbst.

Entfernung und weitere Entwicklungen mini|Der leere Sockel, im Hintergrund das Rote Schloss (2022)Im Zuge der Jugendunruhen in den 1980er Jahren wurde die als nationalistisch und reaktionär empfundene Turnerstatue wiederholt Opfer von Vandalismus. Im August 1989 brach sie bei einem versuchten Denkmalsturz entzwei und musste repariert werden. Kurz nach ihrer Wiederaufstellung wiederholte sich das Geschehen. Die Denkmalpflege verzichtete auf eine erneute Renovation und versetzte den Kranzturner 1990 «zu seinem eigenen Schutz» ins Denkmaldepot gegenüber dem Toni-Areal. Das Postament steht seither leer.

2001 reichte Anita Nideröst (Schweizer Demokraten) im Zürcher Gemeinderat eine Einzelinitiative ein, die forderte, das Denkmal wieder aufzustellen und zu einem «Platz des patriotischen Geistes» zu erweitern. Für mindestens eine Million Franken sollten die 26 Fahnen der Schweizer Kantone und die Schweizerfahne sowie Schrifttafeln in allen Landes- und Weltsprachen zur Belehrung über den Schweizer «Nationalcharakter» darum gruppiert werden. Das links dominierte Parlament erteilte dem Ansinnen eine klare Absage.

2017 beschäftigte sich die Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (KiöR) mit dem weiteren Schicksal der Statue. Da man sie für eine Wiederaufstellung ganz in Bronze giessen müsste und dies die zur Verfügung stehenden Mittel überstiege, verzichtete man darauf. Der Sockel solle «als Erinnerung an eine Zeit, als unverhohlener Patriotismus in Zürich höher im Kurs stand als heute», weiterhin leer bleiben. mini|Temporäre Aktion auf dem leeren Sockel im Jahr 2014 Seit der Entfernung der Statue wurde das leere Postament wiederholt für temporäre Aktionen verwendet; so wurden bereits ein Gesäss, eine Katze, ein Fernseher, Rivellaflaschen, ein Stuhl und Kehrichtsäcke daraufgestellt. 1991 installierte Jos Näpflin einen isolierten Kupferdraht darauf. 2018 platzierte der Comedian Cedric Schild eine Halbfigur von sich selbst auf dem Sockel und versah ihn mit einer ironischen Gedenktafel.

Beschreibung Weil die Plastik ursprünglich nicht im Freien aufgestellt werden sollte, besteht sie lediglich aus bronziertem Gips.

Sie zeigt einen lebensgrossen triumphierenden Turner in stolzem Kontrapost. Zum Zeichen des Sieges ist er mit einem Lorbeerkranz bekrönt. Mit seiner Rechten hebt er den errungenen Pokal in die Höhe. Seine Linke ruht auf einem aufgepflanzten Degen, der das Fechten als Disziplin des «Kunstturnens» im damaligen Verständnis repräsentiert. Sein rechter Fuss ist auf einen Wurfstein gestellt, der auf das Steinstossen als Disziplin des Nationalturnens verweist. Er trägt ein enganliegendes Trikot, das seine kräftige Muskulatur durchscheinen lässt, um seine Taille ist eine Leibbinde geschlungen, und seine Füsse stecken in Halbstiefeln, über die die Socken geschlagen sind. Auf der Plinthe steht die Signatur «B.Hoerbst.fcc».

Das steinerne Postament ist 2,50 Meter hoch und hat einen quadratischen Grundriss von 1 × 1 Metern. Auf der Vorderseite steht die damalige Losung der Schweizer Turnbewegung: «VATERLAND NUR DIR!», auf der Rückseite: «DIE TURNER ZÜRICH’S 1898».

Rezeption Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erfreute sich der Turner allgemein grosser Beliebtheit. Die erste bekannte Rezension 1886 in der Neuen Zürcher Zeitung war sehr positiv:

Im selben Jahr äusserte sich Emilie Hüni satirisch über die Statue:

Albin Zollinger ging in seinem Roman Pfannenstiel (1940) harsch mit dem Denkmal ins Gericht:

In jüngerer Zeit mehrten sich philosophische Überlegungen zum leeren Sockel. Marius Huber schrieb etwa 2020 im Tages-Anzeiger:

Literatur Das Turnfest in Zürich. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenblatt. Nr. 139, 20. Mai 1898, S. 3 (online). Eine Denkmal-Einweihung. In: Neue Zürcher Zeitung. Morgenblatt. Nr. 144, 25. Mai 1989, S. 5 (online). Turner-Denkmal (Vergessene Plastiken am See). In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 1551, 8. September 1935, S. 5 (online). David Eugster: Heldenloses Vaterland. In: Neue Zürcher Zeitung. 10. Juni 2015. Einst wurde der Turner vom Sockel gestossen. In: Lokalinfo. 13. Dezember 2017. Martin Huber: Zürichs bizarrstes Denkmal – und wie man es retten könnte. In: Tages-Anzeiger. 28. Dezember 2020. Georg Kreis: Die öffentlichen Denkmäler der Stadt Zürich. Ein Bericht im Auftrag der Arbeitsgruppe KiöR. 30. Juni 2021, S. 91–95 (PDF; 8,3 MB).

Weblinks «Vivat Patria» im Kunstbestand der Stadt Zürich

Einzelnachweise

Kategorie:Denkmal in Zürich Kategorie:Bauwerk in Zürich Kategorie:Skulptur (1886) Kategorie:Bronzeskulptur (Schweiz)