mini| „Interview mit einem Vulkan“ (erste von drei brennenden Fragen), Stromboli, 31. März 2000|200x200px
Kain Karawahn (* 24. März 1959 als Ralf Karamann in Salzgitter) ist ein deutscher bildender und darstellender Künstler. Er beschäftigt sich seit 1983 mit dem Thema Mensch und Feuer.Frühes Feuer - Die Anfänge des Karawahn-Sinn. W. P. Fahrenberg In: Kain Karawahn: brenn W E I T E N - Ein Feuerbuch - Eine gebilderte Erzählung vom Urknall bis zum Burn out und darüber hinaus. Göttinger Verlag der Kunst, Göttingen 2023, ISBN 978-3-945869-15-4
Er wurde bekannt durch die Inflammensetzung der Berliner Mauer 1984 und der daraus resultierenden Foto- und Videoarbeit „The Berliner Summernightdream“.Iris Benner. Aktionskunst an der Berliner Mauer - Grenzverletzungen In: museumsmagazin 2.2021, S. 22–23Deutsche Digitale Bibliothek The Berliner Summernightdream 1985 Aus ununterbrochener Verwendung von Feuerthematiken und künstlerischen Brennprozessen folgten Werke und Projekte in den Ausdrucksformen Aktionskunst, Expedition, Fotografie, Film, Musik, Performance, Radio-Feature, Theater, Videokunst sowie internationale Ausstellungen und Präsentationen in Galerien und Museen, Inszenierungen in Theatern und auf Festivals, Aufträge für Radio und Fernsehen, Lehraufträge in den Bereichen, Fotografie, Theater, Video und Performance sowie Veröffentlichungen als Autor von Artikeln und Büchern.Deutsche Nationalbibliothek Ab 1999 begannen jährliche Aufenthalte auf dem Vulkan Stromboli zwecks künstlerischer Auseinandersetzung mit Vulkanismen.VolcanismInTheArts S. Brandl Kraterkunst. Zur theatralen Dimension der Vulkanprojekte von Kain Karawahn und James Turrell 2014 ISBN 978-3-656-59617-2 Aus dem Anspruch, mit künstlerischen Mitteln gesellschaftlich nachhaltiger zu wirken, entstand 2003 unter dem Begriff „mitfeuerSPIELEN“mitfeuerSPIELEN sein wichtigstes Kunstwerk, ein „Lernmodell Feuer für Kitas“, und ab 2008 das „Lernmodell Feuer und Kunst“ für Schulen. Parallel dazu entwickelte er die „Lehrkompetenz Feuer (und Kunst)“, welche er seit 2007 in Seminaren an Pädagogen vermittelt im Auftrag von Behörden, privaten und öffentlichen Bildungseinrichtungen sowie Versicherungen und Feuerwehren. Karawahn erhielt mehrfach Auszeichnungen. Seine Werke befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen. mini|„The Berliner Summernightdream“ – Inflammensetzung der Berliner Mauer, Potsdamer Platz 1984
Biografie Nach Abschluss einer Ausbildung zum Bankkaufmann begann Karawahn 1979 ein Wirtschafts- und Sportstudium an der Georg-August-Universität Göttingen. Reisen nach Jamaika 1980 und 1981 offenbarten seine Leidenschaft für Fotografie und führten zum Studienabbruch nach dem Vordiplom, ersten Ausstellungen und dem 1983 erschienenen Fotobuch „Überdosis Uni!“Deutsche Nationalbibliothek Überdosis Uni! 1983 Am 26. November 1983 anlässlich der Vernissage der gleichnamigen Ausstellung in der Göttinger Galerie Apex verwirklichte Karawahn seine erste Performance mit Feuer „Nötiges Blutvergießen“ unter musikalischer Begleitung der lokalen Punkband Tin Can Army. Weitere Inszenierungen mit kleinen Brennprozessen, der erfolgreiche Start einer eigenen Postkartenedition und fortlaufende Veröffentlichungen seiner Fotos in der taz ließen ihn im Juli 1984 von Göttingen nach West-Berlin umziehen. Sofort nach Bezug seines Ateliers in der Kreuzberger Taborstraße am Landwehrkanal begann Karawahn mit brennendem Benzin unmittelbar an der Berliner Mauer zu experimentieren. Hierbei gewonnene Erkenntnisse führten zusammen mit Tom Skapoda zur aktionistischen, unangekündigten und wiederholten Inflammensetzung der Berliner Mauer am 8., 9. und 15. August 1984 innerhalb des Lenné-Dreieck am Potsdamer Platz,Aus dem Grenzprotokoll der DDR sind folgende Angaben überliefert: 08. August 1984, 05:40-05:50 Uhr, Potsdamer Platz; 9. August 1984, 05:36-05:49 Uhr, Potsdamer Platz in der Stresemannstraße (zwischen Martin-Gropius-Bau und Abgeordnetenhaus von Berlin) und am Landwehrkanal Kreuzberg.Gefährlichen Unfug mit Feuer trieben Unbekannte gestern früh in der Stresemannstraße (Kreuzberg). Sie gossen Benzin in die Rillen alter Straßenbahnschienen und zündeten es an. Die etwa 20 Meter lange Feuerlinie erlosch, bevor die Polizei eintraf. In: Berliner Morgenpost, 9. August 1984, S. 4, Polizeibericht Spiel mit dem FeuerThe Berliner Summernightdream. In: taz, 23. August 1984, S. 14Gesamtdeutsches Kunstereignis. Fotografie Kultur Jetzt, Heft 35 Okt./Nov. 1984, ISSN 0344-1202, S. 44–49 Umsetzung, Verarbeitung und Verwertung dieser Inszenierung stehen exemplarisch für die feuer- und kunstspezifische Arbeitsweise Karawahns: Eine schadenfreie Aktivität mit Brennprozessen im urbanen Raum wird sowohl fotografisch als auch videografisch dokumentiert, um nach Erlöschen der Flammen anhand der künstlerischen Möglichkeiten der jeweiligen Ausdrucksform weitere Perspektiven, Inspirationen und Aussagen zu formulieren. Fotoserie und Video der Aktion „The Berliner Summernightdream“ werden demzufolge auch unabhängig voneinander präsentiert und erworben.Sammlung Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland 2021Sammlung Neuer Berliner Kunstverein Darüber hinaus machte Karawahn flammendes Benzin zum wiederholt verwendeten Werkstoff in seinen Inszenierungen. Nach zwanzigjähriger Erfahrung mit zahlreichen und international verwirklichten Brennprozessen verfolgte er zunehmend sein Vorhaben, mit künstlerischen Mitteln gesellschaftlicher zu wirken. 2003 leitete er das „Lernmodell Feuer und Kunst“ für Kitas, Schulen und Erwachsenenbildung ab.
Aus Karawahns Verbindung mit Kai Karolin Ilchmann gingen zwei Kinder hervor (1989 und 1991). Zwei weitere Kinder (2011 und 2013) stammen aus der Verbindung mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Anne Arnz. Seit 2017 sind beide miteinander verheiratet und leben zusammen in Berlin und Blossin.
Auf Grund der vielfachen Bedeutungen, die das Wort Feuer hervorbringen kann, begann Karawahn frühzeitig, seine disziplinübergreifende Thematisierung und Verwendung von Feuer als bildender und darstellender Künstler nach eigenen Kriterien zu kategorisieren.Kain Karawahn 1. radikal, 2. konsequent, 3. spielerisch, 4. neugierig. Wulf Herzogenrath In: Kain Karawahn: Wie mache ich Kunst ohne mir die Finger zu verbrennen oder wie betrüge ich meine Feuerversicherung ohne Kunst zu machen? Arkana Verlag, Göttingen 1991, ISBN 978-3-923257-17-1Von der Entzündung des Künstlers an der Realität. Christoph Tannert In: Kain Karawahn: Wie mache ich Kunst ohne mir die Finger zu verbrennen oder wie betrüge ich meine Feuerversicherung ohne Kunst zu machen? Arkana Verlag, Göttingen 1991, ISBN 978-3-923257-17-1
Werk
Fotografie Aus einer autodidaktischen Phase des Entwickelns von Schwarzweißfilmen samt Anfertigung von Abzügen auf Fotopapier folgten 1982 die erste Einzelausstellung in der Georg-August-Universität Göttingen, regelmäßige Abbildungen in der taz und 1983 das erste Fotobuch „Überdosis Uni!.“ Karawahn konzentrierte sich beim Fotografieren überwiegend auf Inszenierungen mit Personen aus seinem Freundeskreis, um künstlerische Aussagen zu verschiedenen Themen zu formulieren. Es kam zu Veröffentlichungen auf Postkarten, zuerst durch den „BIZARR Verlag“ München. Von 1984 bis 2016 vermarktete Karawahn weitere Motive selber. 1984 wurde er redaktioneller Mitarbeiter des Göttinger Magazins „Fotografie Kultur Jetzt“Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980 und lieferte stetig Foto- und Textbeiträge einschließlich der Verantwortung für den zweiten Teil der Doppelausgabe im Jahre 1985748 Jahre Berlin - Wen lieben die Berliner? Fotografie Kultur Jetzt, Heft 40 Okt./Nov. 1985, ISSN 0344-1202, Karawahns subjektive Bestandsaufnahme damaliger Kreuzberger Subkultur. mini|„brennWEITE FG1-05 und FG2-05“, „6. Int. Feuersalon Stromboli“ 2005|links 1983 begann Karawahns Spezialisierung auf Inszenierungen von Brennprozessen plus gleichzeitigem Foto- und Videografieren derselben. Aus Wärme, Licht und Dynamik eines Brennprozesses lassen sich mittels Fotografie Material- und Lichtkompositionen einfrieren, die losgelöst von der Schnelligkeit des wirklichen Ereignisses einen eigenständigen künstlerischen Wert erlangen. Anfangs fotografierte Karawahn Feuer ausschließlich in Schwarzweiss. Ab 1988 in Farbe und bedingt durch einen Wohnungseinbruchdiebstahl seiner analogen Kameraausrüstung ab 2005 nur noch digital. Derart entstanden zahlreiche thematische Serien,Still on fire Matthias Reichelt 2023 welche zu Ausstellungen, Katalog- und Buchveröffentlichungen führten. mini|„Pyromanien Feuerporträt Berlin 1985“ (Mit Feuer übermalte Schwarzweiss-Fotografie) Sammlung Berlinische Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur Zwischen 1984 und 1997 übermalte er selbst angefertigte Schwarzweiss-Porträt-Fotoabzüge damaliger Zeitgenossen gezielt mit Feuer. Dadurch entstanden sowohl auf der Vorderseite als auch auf der Rückseite des Fotopapiers Zeichnungen, Strukturen, Färbungen, die zusammen eine reliefähnliche Verkrustung auf dem Fotoabzug hinterließen, somit jedes „Feuerporträt“ zu einem Original machten.Schrecken und Schönheit - Von Fotos und vom Zündeln - Feuerportraits von Kain Karawahn taz vom 26. November 1991 Die Serie „Feuerporträts“ wurde international mehrfach ausgestellt, als Zeitschriften-, Buch- und PlattencoverEinstürzende Neubauten Plattencover Feurio 1989, Buchcover Hör mit Schmerzen/Listen with Pain. Bonn 1989. ISBN 3-88030-028-3. verwendet, als auch für Sammlungen erworben.Berlinische Galerie Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und ArchitekturEncontros Da Imagem Int. Festival der Fotografie Braga
Im Rahmen des transmedia-Festivals 1997 haben Karawahn und der Musiker Blixa Bargeld das Projekt „7.000 Bücherfeuer“ verwirklicht.7.000 Bücherfeuer. Bücherbrand zur Erzeugung eines Branntbuches - Performance von und mit Blixa Bargeld und Kain Karawahn transmediale 1997 Diese öffentliche Selbstorganisation licht- und wärmespendender Bücherbrennprozesse lieferte Fotografien, literarische Fragmente und Erkenntnisse, welche 1999 als wortwörtlich brandneues Buch veröffentlicht wurden: „233° Celsius - Ein Feuerbuch“.Deutsche Nationalbibliothek 233° Celsius - Ein Feuerbuch Aus einem Zensurfeuer, in welchem pornografische Druckerzeugnisse während ihrer Verflammung fotografiert wurden, entstand 2002 das Buch „Pyroporno“.Deutsche Nationalbibliothek Pyroporno 2002 Eine Collage aus Bildern, Texten und Essays zum Thema Feuer und Sexualität in Mythen, Ritualen, Alltagssprache, pornographischer Sprache von der Antike an bis zur Kunst und Trivialkultur der Gegenwart. 2023 erschien das umfangreiche Foto- und Textbuch „brenn W E I T E N - Ein Feuerbuch. Eine gebilderte Erzählung der Brenngeschichte des Universums vom Urknall bis zum Burn out und darüber hinaus …“Deutsche Nationalbibliothek brenn W E I T E N - Eine gebilderte Erzählung vom Urknall bis zum Burn out und darüber hinaus … 2023 Darin sind ausschließlich Karawahns Bilder aus vier Jahrzehnte währendem Fotografieren von Brennprozessen präsentiert in Verbindung mit zahlreichen Texten über Feuerverständnisse von der Antike bis heute.„Büchertisch“ Buchkultur - Das internationale Buchmagazin Heft 213 2/2024
Performances und Aktionskunst Mit der ersten Performance unter Verwendung von Feuer am 16. November 1983 in der Galerie Apex Göttingen beginnt die Nummerierung aller Aktionen und Performances mit Angaben zu Titel, Ort, Datum, mitwirkenden Personen und veranstaltenden Institutionen. Die Zählung endet mit der performativen Inszenierung Nr. 216 „parkzünderzündrom“ im Rahmen der Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa veranstaltet vom Staatstheater Wiesbaden am 19. und 20. Juni 2004. Spätere Performances und Aktionen sind ab 2006 per websitemitfeuerspielen.de/aktuell veröffentlicht.
mini|links| „feuerfrei (...die Welt geht schnell, wenn man sie sich in Flammen vorstellt: Bachelard)“, Graz Schlossbergbühne Kasematten, steirischerherbst 15. Oktober 1993