Der Hamburger SV war in der erstklassigen Fußball-Oberliga Nord von 1947 bis 1963 die eindeutig dominierende Mannschaft und überlegener Rekordmeister mit 15 Meisterschaftserfolgen; lediglich in der Saison 1953/54 gewann Hannover 96 die Nordmeisterschaft und anschließend auch überraschend die deutsche Meisterschaft gegen die „Walter-Elf“ des 1. FC Kaiserslautern. Mittelstürmer und Torjäger Uwe Seeler war ab der Saison 1954/55 der herausragende HSV-Spieler und erzielte in 237 Oberligaeinsätzen 266 Tore und führt damit überlegen die Torschützenliste im Norden an.Jens Reimer Prüß, Hartmut Irle: Tore, Punkte, Spieler. Die komplette HSV-Statistik. S. 346
Vor der Oberliga „Hunger, Wohnungsnot, Besatzungstruppen, Trümmer, der Ausgang ab 21 Uhr untersagt – das war Hamburg nach dem Kriege“, so der Sportjournalist Karl-Heinz Jens in der 75-Jahre-Festschrift des Hamburger SV. Bis zum Beginn des langen Oberliga-Glücks hieß es für die zahlreichen HSV-Anhänger im Deutschland der Nachkriegszeit jedoch erst einmal zwei Jahre warten.Hans Vinke: Die goldene Ära des Hamburger SV 1947 bis 1963. S. 15
Zwei Jahre wurde die Hamburger Liga ausgetragen; Startschuss fand im Januar 1946 mit einem 12:0 gegen TuS Finkenwärder statt und wurde mit dem Endspiel am 13. Juli 1947 um die britische Zonenmeisterschaft gegen Borussia Dortmund (1:0) beendet. Zwei harte, entbehrungsreiche Jahre zwischen 1945 und 1947, in denen es für die Menschen in der völlig verwüsteten Hansestadt in erster Linie ums Überleben ging. Sportplätze waren zerstört, Sportbekleidung und -geräte waren Mangelware. Jens: „Wenn ein wenig Zeit vorhanden war, wenn es der Magen zuließ, ein paar Schuhe gefunden wurden und ein Lederball in der Ecke lag, spielte man Fußball.“
Am 16. Juli 1945 fand die „Wiederbelebung“ der traditionsreichen Sportstätte Rothenbaum-Sportplatz in Form eines freundschaftlichen Vergleichs des HSV mit Altona 93 statt, das die Rothosen mit 2:0 gewannen. Die unmittelbare Nachkriegszeit, sie war für die Rothosen eine Zeit voller freundschaftlicher Vergleiche. Von existenzieller Bedeutung war dabei die Austragung so genannter „Kartoffelspiele“ außerhalb der Hamburger Stadtgrenzen. Zu diesem Zweck reiste die vom ehemaligen Nürnberger Ligaspieler Hans Tauchert formierte und trainierte Mannschaft in einem notdürftig hergerichteten Omnibus durch Norddeutschland und tauschte herzerwärmende Fußballkost gegen kalorienhaltige Naturalien. Wichtig war, dass die Heimreise mit reichlich Kartoffeln, Butter, Speck und Brot angetreten wurde.Hans Vinke: Die goldenen Ära des Hamburger SV 1947 bis 1963. S. 17
Sportlich konnte der HSV 1945/46 mit einem Punkt Vorsprung gegenüber dem FC St. Pauli die Meisterschaft in der Hamburger Liga erringen; 1946/47 setzte sich aber der Rivale vom Heiligengeistfeld mit drei Punkten Vorsprung gegenüber den Rothosen in der „Straßenbahn-Liga“ durch. Beim HSV gewann St. Pauli mit 3:2 und im Heimspiel trennten sich die zwei Rivalen vor 28.000 Zuschauern mit 2:2.Jens Reimer Prüß, Hartmut Irle: Tore, Punkte, Spieler. Die komplette HSV-Statistik. S. 87
In den Spielen um die britische Zonenmeisterschaft setzte sich die Tauchert-Mannschaft aber insbesondere gegenüber die Westmannschaften von FC Schalke 04, Rot-Weiß Oberhausen und Borussia Dortmund durch. Die Millerntor-Verantwortlichen hatten sich geweigert ihrer Meisterschaftstruppe ein Qualifikationsspiel gegen Holstein Kiel zuzumuten, den Zweitplatzierten der Meisterschaftsrunde von Schleswig-Holstein. Sportlich begann zu der Zeit schon das große Dauer-Duell HSV gegen St. Pauli, das anschließend auch die Oberliga Nord jahrelang beherrschen sollte.Jens Reimer Prüß (Hrsg.): Spundflasche mit Flachpaßkorken. Die Geschichte der Oberliga Nord. S. 17
Mit der Aufstellung Warning (TH); Richard Dörfel, Holdt; Werner, Reinhardt, Erwin Seeler; Friedo Dörfel, Boller (Torschütze), Jessen, Spundflasche und Ebeling setzte sich der HSV am 13. Juli 1947 in Düsseldorf vor 57.500 Zuschauern mit 1:0 gegen Borussia Dortmund durch. Die Westfalen sollten im nächsten Jahrzehnt in den Spielen um die deutsche Meisterschaft der „Angstgegner“ der Rothosen werden. In den Endrundenspielen um die deutsche Meisterschaft dauerte es nämlich sehr lange, bis der Abonnement-Meister des Nordens ein Bein an die Erde bekam. Gegen die Clubs aus dem Süden und besonders aus dem Westen versagte er immer wieder – egal ob vor 1954 oder in den ersten Jahren nach dem großen Umbruch, als unter den Trainern Martin Wilke und dann Günter Mahlmann radikal auf die Jugend gesetzt und auf Einkäufe „fertiger“ Spieler verzichtet wurde.Jens Reimer Prüß (Hrsg.): Spundflasche mit Flachpaßkorken. Die Geschichte der Oberliga Nord. S. 31
Seinen Platz in der neuen Oberliga Nord ab 1947/48 hatte St. Pauli trotzdem sicher, denn dafür zählten ganz streng nur die Abschlusstabellen der Punkterunde. Qualifiziert waren die ersten Vier aus Hamburg (Hamburger SV, FC St. Pauli, Concordia Hamburg, Victoria Hamburg), die jeweils ersten Drei aus Niedersachsen-Nord (mit Bremen) und Niedersachsen-Süd (Eintracht Braunschweig, Arminia Hannover, Hannover 96, Werder Bremen, VfL Osnabrück, Bremer SV) sowie der Meister und Vizemeister von Schleswig-Holstein (VfB Lübeck, Holstein Kiel), insgesamt 12 Vereine.Jens Reimer Prüß (Hrsg.): Spundflasche mit Flachpaßkorken. Die Geschichte der Oberliga Nord. S. 18
Oberliga Nord, 1947 bis 1963 Aus der Gauliga in die Oberliga, 1947 bis 1949 Der HSV verstärkte seinen Spielerkader zum Start der Oberliga 1947/48, mit Beginn September 1947, durch die Neuzugänge Karl Grote (Ersatztorhüter), Edmund Adamkiewicz, Heinz Trenkel, Rudi Voigtmann – Voigtmann schloss sich aber bereits im Laufe der Hinrunde TuS Neuendorf im Südwesten an – und Rudolf Rieck und vertraute weiterhin auf Trainer Hans Tauchert. Etliche Spieler wie beispielsweise Torhüter Walter Warning, Edmund Adamkiewicz, Friedo Dörfel, Richard Dörfel, Erich Ebeling, Herbert Holdt, Siegfried Jessen, Esegel Melkonian, Erwin Reinhardt, Erwin Seeler und Spielmacher Heinz Spundflasche hatten bereits zuvor in der Gauliga-Ära auf hohem Niveau gespielt, aber auch die Entbehrungen des Krieges überstehen müssen. Es gab einen ausgeglichenen Zweikampf zwischen St. Paulis „Wunderelf“ aus Ex-Dresdnern und Berlinern und dem HSV, welcher am Ende ein Entscheidungsspiel um die Meisterschaft erforderte. Die anderen Mannschaften landeten weit abgeschlagen auf den Plätzen und waren keine ernsthaften Konkurrenten im Kampf um den Meistertitel. Der HSV und St. Pauli wiesen identisch 17 Siege, 3 Remis und 2 Niederlagen auf und hatten ein Punktekonto nach 22 Rundenspielen von je 37:7 Zählern vorzuweisen. Am 2. Mai 1948 setzte sich der HSV vor 37.000 Zuschauern auf dem Victoria-Platz auf Hoheluft mit 2:1 gegen St. Pauli durch und gewann damit die erste Oberliga Meisterschaft im Norden. Adamkiewicz hatte beide Treffer für die Rautenträger erzielt. Allerdings war Torjäger Alfred Boller (19 Tore) während der laufenden Saison zum SV Trossingen abgewandert und stand zum Zeitpunkt des Entscheidungsspiels nicht mehr zur Verfügung.
Leistungsträger der ersten Oberliga-Meisterschaft waren Torhüter Walter Warning und die Feldspieler Heinz Spundflasche (Spielmacher), Erwin Seeler, Herbert Holdt, Heinz Werner, Richard Dörfel, Friedo Dörfel, Edmund Adamkiewicz, Alfred Boller, Siegfried Jessen und Heinz Trenkel.Jens Reimer Prüß, Hartmut Irle: Tore, Punkte, Spieler. Die komplette HSV-Statistik. S. 89–91
Am 13. Juni entschied der HSV das Endspiel um die Britische Zonenmeisterschaft gegen St. Pauli aber deutlich mit 6:1 für sich, verlor aber überraschend am 18. Juli in Dortmund das Viertelfinalspiel in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft mit 1:2 gegen den Südwestvertreter SpVgg Neuendorf, wo zwischenzeitlich Rudi Voigtmann stürmte.
Im zweiten Jahr Oberliga Nord, 1948/49, war der Einlauf an der Tabellenspitze wieder wie im Vorjahr, der HSV und St. Pauli führten punktgleich die Tabelle mit jeweils 32:12 Punkten an; jetzt war aber der Tabellendritte VfL Osnabrück lediglich mit einem Punkt Rückstand ein echter Verfolger der zwei Führenden. Das Entscheidungsspiel um die Meisterschaft ging wiederum an den HSV, er gewann im Stadion Bahrenfeld mit 5:3, obwohl er in der Halbzeit mit 1:2 im Rückstand gelegen hatte. Die Rothosen hatten in der Liga beide Spiele gegen St. Pauli verloren (0:2/1:2) und schieden wiederum im Viertelfinale im Wettbewerb um die deutsche Fußballmeisterschaft in Frankfurt gegen den VfR Mannheim deutlich mit 0:5 aus. Auf der Zugangsseite war vor Rundenbeginn lediglich die Personalie Herbert Wojtkowiak als geglückt zu bezeichnen. In den nächsten Runden wurde der Mann mit dem „linken Hammer“ eine großartige Verstärkung und erzielte bis zum Jahr 1956 in der Oberliga für den HSV 134 Ligatore.Jens Reimer Prüß, Hartmut Irle: Tore, Punkte, Spieler. Die komplette HSV-Statistik. S. 349
Bei den Neuzugängen in diesen Jahren bediente sich der HSV auch lebhaft bei Akteuren, welche ihre eigentliche Heimat in der damaligen SBZ hatten. So spielten unter anderem Alfred Boller, Heinz Werner, Hans-Wilhelm Sikorski, Heinz Trenkel, Rudi Voigtmann, Erich Ebeling, Helmut Schmeißer und Manfred Krüger bei den Rothosen des HSV.
Ab 1949 mit dem „Weltstopper“ – Knöpfle und Posipal beim HSV Mit der Saison 1949/50 begann eine personelle wie auch formelle Neuausrichtung beim HSV und in der Oberliga Nord. Die Liga wurde auf 16 Vereine aufgestockt und das Vertragsspielerstatut trat in Kraft. Der bisherige HSV-Trainer Tauchert wurde durch Altnationalspieler Georg Knöpfle abgelöst und er brachte den späteren FIFA-Auswahlstopper Jupp Posipal von Arminia Hannover mit nach Hamburg. Es kamen aber auch noch die weiteren Neuzugänge Rolf Rohrberg, Werner Harden, Herbert Klette und aus dem eigenen Nachwuchs Jochenfritz Meinke zum Ligakader. Im Gegenzug wurde die Verjüngung mit dem Abgang der Senioren Reinhardt, Erwin Seeler, Jessen, Heinz Werner und Holdt eingeleitet.
Sportlich glückte der Generationenwechsel, mit 48:12 Punkten wurde erneut die Meisterschaft errungen, Vizemeister St. Pauli folgte abgeschlagen mit neun Punkten Rückstand auf dem 2. Rang. Der HSV war mit seinen Maizena- und Betten-Holm-Connections den Anforderungen der Vertragsspielerära gut gewappnet, den meisten Gegnern im Norden klar überlegen und konnte bei den Neuzugängen deutlich auf Qualität achten.Werner Skrentny, Jens Reimer Prüß: Mit der Raute im Herzen. Die große Geschichte des Hamburger SV. S. 141/142 Posipal absolvierte auf Anhieb alle 30 Rundenspiele und die Angreifer Akamkiewicz, Wojtkowiak, Rohrberg, Ebeling und Harden verhalfen den Rothosen zu 101 Ligatoren; da konnte kein Konkurrent im Norden ernsthaft mithalten.
Im Dezember wurde eine Portugal-Reise durchgeführt und nach Rundenende folgte eine sechswöchige USA-Reise, von welcher der HSV-Tross erst am 26. Mai nach Hamburg zurückkehrte. Zwei Tage später stand schon das Endrundenspiel gegen Union-Oberschöneweide auf dem Programm, welches aber die Amerikafahrer überlegen mit 7:0 für sich entscheiden konnten. Sportlich hatte die Tournee für den HSV keine sonderliche Herausforderung bedeutet, aber es gab andere Herausforderungen: Spieler legten durch das gute und reichliche Essen gewichtsmäßig dermaßen zu, dass „Schorsch“ Knöpfle ein unerbittliches Training für die Kalorien-Sünder anberaumte. Noch mehr als auf dem Rasen waren die HSVer mit dem Rahmenprogramm gefordert. Überhaupt lernten die Hamburger mehr Lokalitäten als Fußballplätze kennen.Werner Skrentny, Jens Reimer Prüß: Mit der Raute im Herzen. Die große Geschichte des Hamburger SV. S. 144/145