mini|Glyptothek der Akademie der bildenden Künstemini|Blick in die Aula der Akademie der bildenden Künste Wien 1904, historische Aufnahme (Stereoskopie) von Ludwig Grillich Die Glyptothek der Akademie der bildenden Künste Wien ist eine Skulpturensammlung, deren Bestand sich sowohl aus Gipsabgüssen wie aus originalen Skulpturen zusammensetzt.

Ursprünglich umfasste die Sammlung über 2000 Objekte. Kriege und Umlagerungen führten dazu, dass mit rund 450 Werken nur etwa ein Fünftel der leicht zerbrechlichen Exponate erhalten blieb. Seit 1988 sind die Sammlungen in einem Schaudepot untergebracht. Es befindet sich in Räumen des Ateliergebäudes der Akademie der bildenden Künste Wien (auch Semperdepot, Adresse: Lehárgasse 8, 1060 Wien) und ist auf Vereinbarung und in Führungen öffentlich zugänglich.

2024 wurden repräsentative Stücke der Glyptothek im Webportal der Akademie unter „Sammlungen Online“ veröffentlicht.

Bestand Der erhaltene Bestand umfasst Reproduktionen von Skulpturen aus der griechischen und römischen Antike und ihrem bis nach Nordafrika, Ägypten und Vorderasien reichenden Ausstrahlungsgebiet. Einige Originale, wie die sogenannte Hera von Ephesos (1. Jh. n. Chr.), ergänzen die Kollektion. Daneben beherbergt die Wiener Glyptothek auch Abgüsse von prominenten Werken des Mittelalters und der frühen Neuzeit bis hin zur Moderne. Einer der Schwerpunkte liegt auf Gipsrepliken der Hauptwerke Michelangelos.

Geschichte und wechselnde Funktionen In ihrem Kern ist die Glyptothek eine Abgusssammlung. Im ausgehenden 17. Jh. entstanden, ist sie eine der frühesten ihrer Art, denn vermehrt wurden ähnliche Sammlungen erst seit dem 18. Jh. in Europa angelegt. Später fand der Sammlungstyp auch auf anderen Kontinenten Verbreitung.

Gipskopien konnten verschiedenen Zwecken dienen. Originäres Ziel der Akademie war es, angehenden Künstlern und Künstlerinnen einen Mustervorrat von als vorbildhaft geltenden plastischen Werken der Kunst bereitzustellen.

In diesem Sinne wurde die Sammlung unter Peter Strudel (1660–1714) als kunstdidaktisches Instrument angelegt. In seinen Gesuchen um einen geeigneten Ort für die Akademie, wird bereits die Notwendigkeit spezieller Räumlichkeiten betont, in denen die römischen Statuen aufbewahrt und konserviert werden können. Aus den erhaltenen Dokumenten geht auch hervor, dass nicht nur die Gipse selbst, sondern auch die zugehörigen Formen mit erworben wurden. Offensichtlich war eine hauseigene Gipsformerei eingeplant. Um 1800 begann eine gezielte Erweiterung dieses Grundbestandes mit Abgüssen klassisch-antiker Werke.

Untergebracht im Sankt-Anna-Gebäude (Annagasse 3) in der inneren Stadt, war die Sammlung ab 1851 öffentlich zugänglich. 1865 wurde sie in ein "Akademisches Gypsmuseum" verwandelt. Damit veränderte sich auch ihre Funktion: Ziel war es nun nicht mehr, den akademischen Unterricht mit Anschauungsmaterial zu bereichern. Das Gypsmuseum adressierte vielmehr ein allgemeines Publikum mit dem zentralen Anliegen, Geschmacksbildung und Kunstverstand zu fördern. Es stand im Zeichen eines aktuellen Trends: Denn Ende des 19. Jh. verfügten auch das Museum für angewandte Kunst (damals: Österreichisches Museum für Kunst und Industrie) wie die Universität über Gipssammlungen.Johannes Bauer 2012 In der Metropole Wien setzte sich ein wachsendes allgemeines kunsthistorisches und archäologisches Interesse durch.

Mit der Neuaufstellung im Zuge des Akademie-Neubaus durch Theophil von Hansen wurde 1878 ein Parcours geschaffen, der die Bestände in annähernd chronologischer Ordnung museal präsentierte. Der bildungsbürgerlichen Öffentlichkeit bot sich in der Aula wie in den umliegenden acht Sälen bei Heizung und Gasbeleuchtung das umfassende Panorama einer bis in die Neuzeit reichenden Geschichte der plastischen Künste aus europäischer Sicht.Johannes Bauer 2012, 281–285 Das Projekt einer dem Komplex der Wiener Hofmuseen integrierten Glyptothek war dafür fallen gelassen worden.Johannes Bauer 2012, S. 281

Während des Ersten Weltkrieges blieb die Glyptothek der Akademie für die Öffentlichkeit geschlossen. Aufgrund der schwierigen finanziellen Lage in den Nachkriegsjahren folgte eine Phase des Verfalls, auch wenn Hansens Idee eines zentralen Gypsmuseum im Zuge einer 1924 diskutierten Neuorganisation der Wiener Museum vorübergehend wieder aufleben sollte. Ab 1935 wurden jedoch alle vor den Säulen in der Aula stehenden Abgüsse sowie die Reliefs an den Wänden hinter den Säulen entfernt, weitere Säle ausgeräumt oder verkleinert. Einige Objekte wurden im Augustinerkeller untergebracht, schwere oder stark beschädigte Gipsabgüsse wurden vernichtet, weitere Objekte an andere Institutionen weitergereicht. 1938 schmückte lediglich noch die Hera von Ephesos die Aula. An ihre Stelle rückte 1940 die Hitlerbüste Josef Müllners.Hadwiga Schörmer 2022, 300–304

1970 wurde der restliche erhaltene Bestand zusammengeführt und in der Kartause Mauerbach untergebracht. 1989 fiel die Entscheidung, die Sammlung in die Verwaltungsobhut der Gemäldegalerie der Akademie zu übergeben. Infolgedessen wurden sie 1996 wieder nach Wien transferiert, um im sog. Semper-Depot, einem Kellerraum des sanierten Atelierhauses der Akademie untergebracht zu werden. Heute bildet die Glyptothek in erster Linie wieder eine wichtige Ressource für Forschung und Lehre an der Akademie der Bildenden Künste. Sie wurde bis 2025 von Kuratorin Andrea Domanig betreut. Ihr Nachfolger im Amt ist seit September 2025 Christian Michlits.

Schwerpunkte der Sammlung anhand ausgewählter Werke Gipsabgüsse nach Werken der griechischen und römischen Antike mini|Kopf des Herkules Farnese, Abguss des 19. Jh. nach römischer Kopie eines griechischen Originals (Bronzeoriginal 3. Jh. v. Chr.) mini|Silen Borghese (Abguss nach griechischem Original von Lysippus von Sikyon Ende 4. Jh.v. Chr.) Löwentor (Mykene) Verwundete Amazone (Phidias) Kapitolinische Venus (Praxiteles) Kopf des Herkules Farnese (Glykon von Athen) Ares Borghese Medusa Rondanini Giebelfragmente von Pergamon, Parthenon, Aphaia

Gipsabgüsse nach Werken des Mittelalters und der Neuzeit mini|Anton Pilgram, Selbstporträt vom Orgel-Fuß im Stephansdom (farbig gefasster Gipsabguss), um 1870mini|Detailansicht vom Gipsabguss des Kopfes von Michelangelos David (Fertigstellung des Originals 1504) mini|Weibliche Karyatide (Original), Ausstattung Palais Todesco, Lorenz Gedon (1876), Gips Grabplatte Friedrich III. (Stephansdom) Reiterstandbild des Hl. Georg (Prag) Pietà (Michelangelo) Verlassene Psyche (Pietro Tenerani) Büsten von Friedrich Schiller, Kaiser Franz II., Fürst Metternich

Originale aus der Antike Torso der Hera von Ephesos (1. Jh. n. Chr.) Porträtkopf des Lucius Verus (160 n. Chr.) Porträtkopf des Septimius Severus (200–210 n. Chr.)

Originale aus Neuzeit und Moderne Jakob Christoph Schletterer, Minerva, über Neid und Unwissenheit triumphierend 1757 Franz Anton von Zauner, Porträtbüste des Joseph Freiherr von Sonnenfels 1787 Johann Nepomuk Schaller, Kaiser Ferdinand im Kaiserornat 1839–1841 Lorenz Gedon, Weibliche Karyatide, Ausstattung Palais Todesco 1876 Carl Kundmann, Große Sitzfigur Grillparzers, Modell zum Grillparzerdenkmal (1889 ausgeführt) Viktor von Tilgner, Porträtbüste August Eisenmenger 1890 Skulpturen aus dem Nachlass Joannis Avramidis (1922–2016)

Weblinks

Sammlungen Online – Akademie der bildenden Künste Wien

Carl von Lützow: Geschichte der kais. kön. Akademie der bildenden Künste, Wien 1877 (Digitalisat BnF)

Literatur

Digitale Sammlungen der Glyptothek, Kunstsammlungen der Akademie, 2024.

Einzelnachweise

Kategorie:Akademie der bildenden Künste Wien Kategorie:Kunstmuseum (Bildhauerei) Kategorie:Museum in Wien Kategorie:Gegründet im 17. Jahrhundert Kategorie:Abgusssammlung