Jessie Hannah Craigen (* 1834 oder 1835; † 5. Oktober 1899 in Ilford, London) war eine professionelle Rednerin und frühe britische Aktivistin für das Frauenwahlrecht in Großbritannien aus der Arbeiterklasse. Sie arbeitete als freiberufliche Kampagnenmitarbeiterin und Rednerin in den Kampagnen für die Irish Home Rule, gegen Vivisektion, die Impfpflichten der Vaccination Acts und die Contagious Diseases Acts von 1866 und 1869.In: Reynolds’s Newspaper. 23. Oktober 1881, S. 1.In: Lincolnshire Chronicle. 7. April 1871, S. 4.
Leben Craigen war die Tochter eines schottischen Seekapitäns, der starb, als sie noch ein Kleinkind war, und einer italienischen Schauspielerin, deren Namen beide unbekannt geblieben sind. Es ist nicht sicher, wo im Vereinigten Königreich sie geboren wurde, obwohl der Dover Express sie 1866 als „schottische Dame“ beschrieb.In: Dover Express. 30. November 1866, S. 3. In den Unterlagen der Volkszählung von 1871 lebte sie mit einem adoptierten 18-jährigen Kind, Rosetta Vincent, und einer verheirateten Schwester, Emma Henley, in Ordsall bei Retford, Nottinghamshire.Zensus 1871, RG10/3455/0089. Sie vermerkte sich selbst als „Rednerin“, geboren in London. Bei der Volkszählung von 1881 ist sie in Clifton, Bristol, und beschreibt sich selbst als in London geborene „Rednerin für soziale Themen“.Zensus 1881, RG11/2482, S. 28.
Als Kind trat Craigen auf der Bühne auf, was ihr möglicherweise die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen für ihre späteren öffentliche Auftritte verschaffte. In den späten 1850er Jahren begann sie mit Lesungen aus Theaterstücken und Rezitationen, bevor sie begann, auf Versammlungen der Abstinenzbewegung Reden zu halten. 1861 wurde sie bei einer solchen Gelegenheit als „clever Quakeress“ beschrieben.Zum Beispiel in: Clerkenwell News. 8. November 1856, S. 1. In: West Middlesex Advertiser and Family Journal. 1. Mai 1858, S. 3. In: Dundee, Perth and Cupar Advertiser. 7. Juni 1861, S. 5. Im Dezember 1868 oder Juli 1870 sprach sie auf Frauenwahlrechtsversammlungen.In: Dundee Courier. 25. Dezember 1868, S. 3. Ein Zeitungsreporter schrieb 1869 in Alnwick, dass ihre Vorträge gut besucht waren, fügte aber hinzu, dass dies daran lag, dass eine weibliche Rednerin ein Novum war, und zitierte in dem Zusammenhang Samuel Johnsons polemische Äußerung: „[…] das Predigen einer Frau ist wie das Laufen eines Hundes auf seinen Hinterbeinen. Es wird nicht gut gemacht; aber man ist überrascht, dass es überhaupt gemacht wird.“In: Alnwick Mercury. 25. Dezember 1869, S. 4.
Zwischen 1868 und 1884 warb Craigen für Frauenrechte. Ihre wichtigsten Unterstützer waren die radikalen Suffragetten Priscilla Bright McLaren, Lilias Ashworth Hallett und die Quäkerschwestern Anna Maria und Mary Priestman, die die Notwendigkeit erkannt hatten, die Unterstützung der Arbeiterklasse für die Wahlrechtsbewegung zu gewinnen.In: Yorkshire Gazette. 3. Juni 1884, S. 5. Die Feministin und Frauenrechtlerin Helen Blackburn nannte Craigen das „seltsame, unberechenbare Genie“, das mit einem Ton wie eine „mächtige, melodiöse Glocke“ spreche. Blackburn notierte, dass Craigen ihre Tourneen selbst plante und durchführte und dabei das ganze Vereinigte Königreich bereiste, nur begleitet von ihrem kleinen Hund, und dass sie mit der Kraft ihrer Stimme in der Lage war, das Publikum zu fesseln, „von Bergleuten in Northumberland […] und Fischern in Cornwall“. Craigen besuchte auch Stornoway auf den Hebriden. Der Schriftsteller und Politiker Henry Hyndman schrieb anschaulich über sie:
Im Jahr 1879 trat sie auf Podien mit den wichtigsten Persönlichkeiten der Frauenwahlrechtsbewegung auf, und im Oktober desselben Jahres sagte Helen Blackburn in Manchester, dass sie „die Versammlung mit ihrer großartigen Stimme und ihren starken und geistreichen Worten, die sie mit geübter Kraft vortrug, gefesselt hielt“. Am 3. Februar 1880 sprach sie im Rahmen der Reihe Great Demonstration of Women in der Free Trade Hall neben so bekannten Persönlichkeiten wie Priscilla Bright McLaren, Lydia Becker und Josephine Butler.In: Manchester Times . 7. Februar 1880, S. 6.
Im Jahr 1881 oder 1882 lernte sie Helen Taylor kennen, zu der sie eine leidenschaftliche Beziehung entwickelte, und die als Tochter von Harriet Taylor und Stieftochter von John Stuart Mill, aus einem ganz anderen sozialen Umfeld stammte. Taylor hatte sich zu diesem Zeitpunkt von vielen Mitgliedern der Suffragetten-Führung entfremdet und konzentrierte ihre politischen Energien auf die Irish Land League. Die irische Freiheit lag auch Craigen sehr am Herzen lag und sie wurde in Unterstützung von Taylor tätig, um als Rednerin für die League nach Irland zu gehen. Dort wurde sie jedoch bald von Charles Stuart Parnell desillusioniert. Da sie ihre Überzeugungen nie für sich behalten konnte, führten ihre Angriffe auf Parnell offenbar zu einem Bruch mit Helen Taylor. Die Freundschaft mit Taylor ging jedoch wegen Meinungsverschiedenheiten über Irland und Charles Stewart Parnell in die Brüche.
Als die frühe Frauenwahlrechtsbewegung nach der Verabschiedung des Representation of the People Act 1884 ohne eine Regelung für Frauen auseinanderbrach, wurde Craigens Tätigkeit als bezahlte Rednerin immer schwieriger und sie verschwand allmählich aus der Frauenwahlrechtsszene, da sie damit ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten konnte. Sie sprach jedoch weiterhin für andere Anliegen, schrieb zum Beispiel einen Artikel für die Nineteenth Century Review gegen Vorschläge zum Bau eines Kanaltunnels, und als sie im April 1894 auf einer Anti-Vivisektions- und Anti-Impfpflicht-Demonstration in Chelsea sprach, wurde sie als eine „stämmige, ältere Dame mit dunklem Teint, einem Stoppelbart und einem kräftigen Schnurrbart“ beschrieben.In: Pall Mall Gazette. 4. Mai 1882, S. 4.
Mit dem Local Government Act 1894 wurde ein System von Stadt- und Landbezirksräten geschaffen worden, das auch Frauen als Ratsmitglieder zuließ. Im Dezember 1894 kandidierte Craigen im Namen der Women’s Liberal Association als einzige Frau für den Stadtbezirksrat von Ilford, war allerdings erfolglos.In: Essex Herald. 6. November 1894, S. 5 und 18. Dezember 1894, S. 8.
Craigen starb 1899 in ihrer Wohnung in Ilford. Die Lokalzeitungen beschrieben sie als „bekannte alte Jungfer“, aber auch als „Geizhals“, die ihr Haus mit fünfzehn Hunden geteilt hätte.In: London Evening Standard. 11. April 1900, S. 2.In: Essex Herald. 10. Oktober 1899, S. 5. In einem Nachruf im Zoophilist hieß es: „Als Frau aus dem Volk übte sie großen Einfluss auf die Arbeiterklasse aus […] Wir werden ihre mutige und freimütige Fürsprache vermissen [sowie] ihre rasanten und wortgewandten Reden“.In: The Zoophilist. Band 19, 1. November 1899, S. 152. Ihren Besitz vermachte sie Rosetta Blanche Vincent, die als alleinige Testamentsvollstreckerin eingesetzt wurde.
Ihr Name, aber kein Bild, da es keine bekannte Fotografie oder Zeichnung von ihr gibt, befindet sich auf dem Sockel der 2018 enthüllten Millicent-Fawcett-Statue auf dem Parliament Square in London.
Einzelnachweise
Kategorie:Suffragette Kategorie:Autor Kategorie:Brite Kategorie:Engländer Kategorie:Geboren im 19. Jahrhundert Kategorie:Gestorben 1899 Kategorie:Frau