Manierismus (von maniera, „Art und Weise“, „Stil“, „Manier“) ist eine kunsthistorische Bezeichnung für einen Stil und eine Epoche der europäischen Kunst zwischen 1520 und 1620.Manierismus, in: Lexikon der Kunst, Bd. 8, Karl Müller Verlag, Erlangen 1994, S. 15 Der Manierismus basiert auf der Idee, dass ein Künstler seinen ganz eigenen Stil, die maniera, entwickeln und zur Geltung bringen solle.Giorgio Vasari, zitiert nach: Manierismus, in: Lexikon der Kunst, Bd. 8, S. 15 Dabei seien alle technischen Möglichkeiten zu einer originellen Gestaltung auszuschöpfen. Manieristische Werke entstanden in Malerei, Plastik und Baukunst, aber auch in Literatur und Musik.

Der Manierismus hatte seinen Ursprung in Italien, mit Zentren in Rom und Florenz. Dort ist er verknüpft mit den Namen der Maler Jacopo da Pontormo, Parmigianino, Bronzino, Tintoretto und Arcimboldo, der Bildhauer Giovanni da Bologna, Bandinelli, Cellini und Ammanati sowie der Architekten Peruzzi und Vignola. Multitalente waren Federico Zuccari, Bernardo Buontalenti und Giorgio Vasari.

Zu den bedeutendsten Manieristen nördlich der Alpen gehören die meisten Romanisten und die Künstler am Hof Kaiser Rudolfs II. in Prag, darunter die Maler Bartholomäus Spranger, Hans von Aachen und Joseph Heintz der Ältere, der Bildhauer Adriaen de Vries sowie der Goldschmied Jan Vermeyen.Lars Olof Larsson: Zur Einführung. Die Kunst am Hofe Rudolfs II. – Eine rudolfinische Kunst? In: Prag um 1600. Kunst und Kultur am Hofe Rudolfs II. Ausstellungskatalog, Villa Hügel, Essen. Bd. 3: Beiträge. Luca, Freren 1988, S. 39–43. mini|Parmigianino: Madonna mit dem langen Hals, Uffizien, Florenz

Neben der kunstgeschichtlichen Bedeutung als Bezeichnung für eine Epoche und einen Stil wird der Begriff „manieriert“ im Allgemeinen pejorativ benutzt und bezeichnet dann eine Handlung, Haltung oder Sprechweise, die als gekünstelt, geziert, pathetisch oder schwülstig empfunden wird. mini|405x405px|Giovanni da Bologna, Raub der Sabinerinnen, Florenz, ein Beispiel für die Figura serpentinata

Begriff

Entwicklung des Begriffs Manierismus Der italienische Begriff maniera im Sinne eines Stils oder einer Epoche findet sich schon Ende des 14. Jahrhunderts in Cennino Cenninis ‚Libro dell’Arte‘ und im 15. Jahrhundert in den 'Commentarii' Lorenzo Ghibertis.Georg Kauffmann, Propyläen Kunstgeschichte, Das 16. Jahrhundert, Propyläen Verlag Berlin, 1990

Im 16. Jahrhundert nannte Pietro Aretino die Erlangung künstlerischer Authentizität maniera nuova. Giorgio Vasari gebrauchte das Wort im Sinne von ‚Stil‘, indem er die Ikonenmalerei als maniera greca bezeichnete und den Stil des späten Michelangelo als maniera moderna, durch welche sogar die Antike, der bisherige Gipfel der künstlerischen Entwicklung, überwunden sei. Als führender Kunsttheoretiker seiner Zeit bewertete er den Begriff positiv und forderte, dass ein bedeutender Künstler eine eigene unverwechselbare maniera entwickele (oder besitze).Manierismus, in: Lexikon der Kunst, Bd. 8, Karl Müller Verlag, Erlangen 1994 1557 gebraucht Lodovico Dolce den Begriff in einem negativen Sinne ebenfalls in Bezug auf Michelangelo, dem er vorwirft, eine maniera entwickelt zu haben, die nur eine „schlechte Übung“ sei und bloß dazu diene, alle möglichen Schwierigkeiten vorzuführen.Daniel Arasse, Andreas Tönnesmann: Der europäische Manierismus, 1997 Damit sind unnatürliche Verdrehungen der Figuren oder deren Verzerrungen durch die Perspektive gemeint. mini|Jan Massys, Judith. Beispiel für das Streben nach Eleganz. Im Zeitalter des Barock erfuhren der Begriff der maniera und die Werke der manieristisch geprägten Künstler des 16. Jahrhunderts eine starke Abwertung, unter anderem durch Giovanni Pietro Bellori; als manierata (= manieriert) bezeichnete man nun zum Beispiel eine gekünstelte, unnatürlich anmutende Art der Malerei. In diesem Sinne verwendete der italienische Historiker Luigi Lanzi erstmals 1792 die Begriffe Manierismus und Manieristen.

Im 19. Jahrhundert griff Jacob Burckhardt die Bezeichnung wieder auf und führte als erster den Manierismus als kunsthistorischen Epochenbegriff ein, doch noch im 20. Jahrhundert war umstritten, für welche Kunstwerke er anwendbar sei.Martin Seidel: Venezianische Malerei zur Zeit der Gegenreformation. Münster 1996 führt in Fußnote 614, S. 228 aus: „Es setzt sich aber seit den Untersuchungen von C.H. Smyth (Manierism and Maniera. New York) 1962, S.J. Freedberg (Quellenangabe unklar) 1965 und J. Shearman (Manierism. London) 1967 immer mehr die Meinung durch, dass der Begriff nur auf die Malerei in Rom und Florenz anwendbar sei“ und führt dazu umfangreich Literatur an. Als Stilform wurde der Manierismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vor allem von deutschen KunsthistorikernWalter Friedländer (1914), Erwin Panofsky (1924), Frederick Antal (1928). als „Ausdruck einer der Natur entgegengesetzten Spiritualisierung“ und einer künstlerischen Subjektivität, die sich feststehenden Normen entziehe, angesehen. Italienische Kunsthistoriker betonten dagegen die Suche nach formaler Eleganz, während Johann Fischart die Phantasie und Erfindungsgabe hervorhob und sie auch im Werk nordeuropäischer Maler erkannte, wie zum Beispiel bei Hans Baldung.Udo Kultermann: Geschichte der Kunstgeschichte. Berlin 1981, S. 37 f.

In seinem 1958 erstmals erschienenen Buch Die Welt als Labyrinth. Manier und Manie in der europäischen Kunst versuchte Gustav René Hocke, den Begriff des Manierismus auf ein sowohl stilistisch als auch epochenmäßig umfassenderes Phänomen anzuwenden. Damit sei Manierismus gewissermaßen die Gegenströmung zu Klassik. Seiner Meinung nach existiert manieristische Kunst ununterbrochen bis zur Gegenwart fort. So kann die Gotik als Manierismus der Romanik, das Rokoko als Manierismus des Barock, der Historismus bzw. Eklektizismus als Manierismus des Klassizismus, das Art déco als Manierismus des Jugendstils und letztlich die Postmoderne als Manierismus der Moderne gesehen werden. Robert Klein sprach 1964 von einer „Kunst der Kunst“ und dehnte den Begriff ebenfalls weit über die eigentliche Epoche des Manierismus aus.

Abgrenzung des Manierismus als Kunstepoche Oft wird die manieristische Kunst als eine Form der Spätrenaissance oder als Übergangsstil zwischen Renaissance und Barock beschrieben. In der Tat gab es Maler, die sich auch im 16. Jahrhundert der Renaissance-Tradition verpflichtet fühlten, deren Ideale weiter verfolgten und eindeutig als Spätrenaissance-Künstler bezeichnet werden können, das gilt in erster Linie für die venezianischen Maler Tizian, Paolo Veronese und Giorgione, aber auch für Anthonis Mor und Hans Holbein d. J. Auch Andrea Palladios klassizistischer Architekturstil hat nichts Manieriertes.Franzsepp Würtenberger, Der Manierismus, Schroll Verlag München und Wien, 1962 Die manieristischen Künstler dagegen bauten zwar auf den technischen und inhaltlichen Errungenschaften der Renaissance auf und entwickelten sie weiter, doch störten sie bewusst die bislang herrschenden Regeln oder stellten sie auf den Kopf. Ähnlich verlief der Wandel zum Barockstil: er wurde zwar am Ende des 16. Jahrhunderts durch Manieristen vorbereitet, war aber in mehrerlei Hinsicht eine deutliche Abkehr vom Manierismus, wie u. a. die Abwertung des Begriffs im 17. Jahrhundert zeigt. Nikolaus Pevsner weist ebenfalls auf die grundsätzlichen Unterschiede zwischen dem Manierismus und der Renaissance hin und plädiert dafür, ihn als eigenständige Stilepoche aufzufassen,Nikolaus Pevsner, Europäische Architektur, Prestel-Verlag, München, 1967 auch wenn bei einzelnen Kunstwerken und bei einzelnen Künstlern die Differenzierung nicht einfach sein mag.

Außerhalb Italiens liegen die Dinge noch komplizierter. Da es bis in die Gegenwart üblich war, die Übernahme von Merkmalen der italienischen Kunst des 16. Jahrhunderts allgemein mit dem Begriff Renaissance zu verbinden, ist eine eindeutige sprachliche Abgrenzung zwischen den beiden Stilen in der Praxis erschwert. Beispielsweise werden manche manieristisch geprägten Kunstwerke oder Bauten stolz als „größter Renaissancesaal in …“ oder „bedeutendster Renaissancebau in …“ präsentiert. Hinzu kommen schlagwortartige Begriffe wie zum Beispiel Nordische Renaissance, Weserrenaissance oder Antwerpener Manieristen, die von einzelnen Kunsthistorikern eingeführt wurden und mittlerweile etabliert sind, aber eine korrekte Definition untergraben: Die Nordische bzw. Weserrenaissance ist im Großen und Ganzen eigentlich Manierismus, während es sich bei den Antwerpener Manieristen um eine Gruppe von Malern handelt, die in der spätgotischen Tradition der niederländischen Malerei stehen, mit Übergangstendenzen zur Renaissance.

Geografische Verbreitung Während die Renaissance noch eine hauptsächlich italienische Kulturleistung gewesen ist, war der Manierismus eine internationale Bewegung. Es verwischten sich nationale und regionale Stilunterschiede, auch wenn sie nicht ganz verschwanden, und es fand eine Verschmelzung von italienischem und „nordischem“ Stil statt. Die Künstler fühlten sich nicht mehr so stark an ihren Geburtsort gebunden, sondern verstanden sich als Wanderkünstler und ließen sich nieder, wo sich ihnen passende Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten boten. Fast alle bedeutenden niederländischen Maler des 16. Jahrhunderts zogen nach Italien, um dort zu lernen und zu wirken, wobei sie ihre Kunstauffassungen einbrachten und damit die italienische Kunst bereicherten. Die meisten kehrten früher oder später wieder in ihre Heimat zurück, oder sie fanden Arbeitsmöglichkeiten in anderen europäischen Ländern, wo sie ihre neu erworbenen Techniken weitergaben. Einige jedoch, wie Giovanni da Bologna und Giovanni Stradanus, blieben für immer. Auch der Flame Dionisio Fiamingo ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, der in Bologna eine Malerschule eröffnete. In umgekehrter Richtung gingen Italiener an die Königs- und Fürstenhöfe Mitteleuropas, wo sie die Residenzen mit bislang unbekanntem Prunk und ausgeklügelter Raffinesse ausstatteten. Federigo Zuccari betätigte sich als Maler am Escorial und den Griechen El Greco zog es ebenfalls nach Spanien. Mit den neuen künstlerischen Formen wurden auch die dahinter stehenden Ideen transportiert.

Entwicklung des Manierismus mini|Manieristische Deckendekoration aus Malerei, Grotesken und Stuck von Girolamo Muziano und Cesare Nebbia und anderen in der Galleria delle carte geografiche des Vatikanspalastes (ca. 1580–1590)