Der Begriff Kajira, (Aussprache kadschira, Pl. Kajirae, zu Deutsch Sklavin oder Sklavenmädchen) stammt aus der 38 Bücher umfassenden Gor-Romanreihe des US-amerikanischen Autors John Norman (bürgerlich: John Frederick Lange Jr.). Er bezeichnet ein versklavtes Mädchen bzw. eine versklavte Frau auf der Phantasiewelt Gor. Außerhalb des literarischen Kontextes der Gor-Reihe wird der Begriff Kajira in Anlehnung an Normans Darstellungen als Bezeichnung einer sexuell-submissiven Frau verwendet, die zumeist unter der Kontrolle und Herrschaft eines dominanten Mannes steht. In diesem Kontext hat er nicht nur, aber vor allem Einzug in die BDSM-Kultur erhalten.

Kajirae nehmen in John Normans Werk einen großen, teils zentralen Raum in der Handlung ein, vor allem seit dem siebten Band Sklavin auf Gor. Innerhalb der Reihe gelten elf der 38 Bände als Kajira- bzw. Sklavinnen-Romane, in denen eine weibliche Ich-Erzählerin auftritt und von ihrem Leben als Kajira auf Gor berichtet. Der neunzehnte Band trägt den Titel Kajira von Gor (Kajira of Gor).

Die Kajira-Thematik und das durch sie vermittelte Frauenbild waren in Deutschland entscheidend für die in den Jahren 1985 bis 1987 erfolgte Indizierung von 11 der bis dahin 19 auf Deutsch erschienenen Gor-Romane, bei der die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien unter anderem mit Verstößen gegen die Menschenwürde argumentierte. Nach Ablauf der gesetzlichen Indizierungszeit von 25 Jahren in den 2010er-Jahren, wurden die Bücher nicht erneut indiziert und sind seither auf dem freien Markt erhältlich.

Literarische Verwendung in der Gor-Reihe In seiner 38-bändigen Gor-Romanreihe aus dem Genre Science-Fiction-Fantasy baut John Norman auf dem Planeten Gor eine altertümliche Welt auf. Die dort lebenden Menschen praktizieren die Sklaverei, wobei die Sklaverei von Frauen zahlenmäßig wie gesellschaftlich den bei weitem größten Raum einnimmt. Erstmals eingeführt wird das Wort Kajira im vierten Band Die Nomaden von Gor.John Norman: Die Chroniken von Gor – Die Nomaden, Atllantis Verlag, 2024, S. 47 (Kindle Version). Es ist der auf Gor gebräuchliche Ausdruck für „Sklavin“ bzw. „Sklavenmädchen“.John Norman: Die Chroniken von Gor – Die Nomaden, Atllantis Verlag, 2024, S. 61 (Kindle Version). Ein anderer Begriff ist Sa-Fora, was Kettentochter bedeutet.John Norman: Die Chroniken von Gor – Die Nomaden, Atllantis Verlag, 2024, S. 47 (Kindle Version). Das männliche Äquivalent ist Kajirus, im Plural Kajirii. Bereits im ersten Teil der Reihe wird die weibliche Sklaverei eingeführt.John Norman: Die Chroniken von Gor – Der Krieger, Atlantis Verlag, Stolberg 2023, S. 24 (Auftreten, erläutert auf S. 48)

Norman zeichnet in seinen Romanen das Narrativ, dass Frauen erst in der vollständigen Unterwerfung als Kajira / Sklavin das Gefühl wahrer Weiblichkeit, sexueller Erfüllung und Glück empfinden, sodass sich die Frauen – goreanische wie irdische – im Innersten wünschen zu einer Kajira zu werden. Die Goreaner ihrerseits glauben an eine natürliche, psychisch-biologische Überlegenheit und dominante Herrschaft des Mannes, während Frauen psychisch-biologisch zur Unterwerfung bestimmt seien, wenngleich die allermeisten Frauen auf Gor frei sind. Auf Gor ist die Versklavung von Frauen daher nicht nur legitimiert, sondern gesellschaftlich vollkommen normalisiert und die Wahrnehmung und Nutzung von Kajirae durchzieht verschiedenste Aspekte des gesellschaftlichen Leben Gesellschaft.

Gemäß der goreanischen Mythologie gab es einst einen Krieg zwischen Männern und Frauen, den die Frauen verloren. Die Priesterkönige – eine den Goreanern gottgleiche, außerirdische Insektenrasse – wollten nicht, dass die Frauen getötet wurden, und gaben den Frauen – die Männer besänftigende – große Schönheit, doch mussten sie und ihre Töchter den Männern fortan als Sklavinnen dienen.John Norman: Die Chroniken von Gor – Die Tänzerin, Basilisk Verlag, Reichelsheim 2009, S. 397.

Kajirae sind zumeist allerhöchstens spärlich bekleidet und tragen fast obligatorisch einen Halsreif bzw. ein Halsband und zumeist ein Brandzeichen am Körper, die sie als Kajirae ausweisen, vor allem die Symbole Kef (ein k-ähnliches Zeichen) und Dina (eine rosenartige Blüte).

Kajira-Thematik und ihre Folgen

Hintergrund der feministischen Debatte der 1970er- und 1980er-Jahre Die Veröffentlichung der meisten Gor-Romane (Bände 1–25) von 1966 bis 1985 zeitlich in die gleiche Epoche wie die Hochzeit des Feminismus und die Zeit der verstärkten gesetzlichen Gleichberechtigung und Emanzipation der Frauen in Europa und Amerika. Sie fällt ebenso zusammen mit der Epoche des aufkommenden Bodice-Ripper-Romans, in denen vor allem weibliche Autoren begannen, Abenteuer- und Liebesromane mit weiblichen Hauptprotagonisten zu schreiben, die etwa Entführung und sexuelle Gewalt durch Männer erleben, zu denen sie aber letztlich eine romantische Beziehung entwickeln. Von Seiten der feministischen Bewegung wurden die Bodice-Ripper-Romane teils massiv kritisiert, da Feministinnen befürchtete, dass Frauen durch solche Lektüre daran gewöhnt werden könnten, Vergewaltigung und häusliche Gewalt als selbstverständlichen Teil ihres eigenen Lebens zu akzeptieren. Der Bodice Ripper zeigte unschuldige Jungfrauen, die durch Vergewaltigung zu Nymphomaninnen und romantisch Liebenden wurden: ein Szenario, das nach feministischer Auffassung mit den Fantasien realer Vergewaltiger erschreckend genau übereinstimmte.

John Normans Gor-Bücher – noch dazu von einem Mann geschrieben – verkörperten dieses Szenario in noch drastischerer Weise. Nach Normans philosophischen Kajira-Konzept liegt es in der Natur und Biologie veranlagt, dass der Mann über die Frau herrscht, die ihm als Sklavin dienen müsse und wolle, jedoch werde sie in der irdischen Gesellschaft mit dem politischen Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter daran gehindert, sich ihrer natürlichen Veranlagung hinzugeben. In den Gor-Romanen erfahren Frauen ihre wahre Weiblichkeit daher erst in der Sklaverei und Unterdrückung durch den Mann.

Ausbreitung der Kajira-Thematik in der Gor-Reihe ab 1977 Das narrative Konzept der Kajira findet sich in John Normans Gor-Romanen seit dem ersten Band, doch baute er es im Laufe der Reihe zunehmend aus.

Mit dem 1977 erschienenen siebten Band Sklavin auf Gor (Captive of Gor) rückte er die Kajira-Sklaverei wesentlich in den Fokus und brachte erstmals eine weibliche Hauptfigur als Ich-Erzählerin, die in die Sklaverei gezwungen wird – ihr Erleben der Welt von Gor als Kajira stellt die wesentliche Handlung dar.Christophe Duret: Transfictionality, Thetic Space, and Doctrinal Transtexts: The Procedural Expansion of Gor in Second Life’s Gorean Role-playing Games, 2018, S. 10. In einigen späteren Romanen der Gor-Reihe setzte Norman das Konzept fort, auch hier sind die Ich-Erzählerinnen und Hauptprotagonisten Frauen, die in eine Existenz als Sklavinnen/Kajirae gezwungen werden. Die entsprechenden Bände werden daher oft auch als Kajira- oder Sklavinnen-Romane bezeichnet.Gorean Posts (Luther) - Barbarians of Gor.com - “slave” novels, abgerufen am 19. November 2024. Die äußert detaillierte Beschreibung der weiblichen Unterwerfung in allen Büchern bildete später die Basis für die Übernahme wesentlicher Narrative und Konzepte für die Rezeption in der BDSM-Kultur.Etwa im Kajira Handbook: A Guide To The Gorean Lifestyle, von Master Vadim, 2021.

Bei den Kajira-Romanen handelt es sich um die elf Bände Nr. 7 – Sklavin auf Gor / Die Sklavin, Nr. 11 – In Sklavenketten auf Gor / Das Sklavenmädchen, Nr. 19 – Kajira von Gor, Nr. 22 – Die Tänzerin von Gor, Nr. 26 – Die Zeugin, Nr. 27 – Prize of Gor, Nr. 31 – Conspirators of Gor, Nr. 32 – Smugglers of Gor, Nr. 34 – Plunder of Gor, Nr. 35 – Quarry of Gor und Nr. 38 – Treasure of Gor.Christophe Duret: Transfictionality, Thetic Space, and Doctrinal Transtexts: The Procedural Expansion of Gor in Second Life’s Gorean Role-playing Games, 2018, S. 10. (Stand 2018; wohl auch Band 34, 35 und 38).

Bewertung und Folgen in den USA in den 1980er-Jahren Die Entwicklung der Gor-Reihe durch die zunehmende Kajira-Thematik führte zu einer stark zunehmenden, teils heftigen Kritik an den Romanen.

1983 bewertete Peter Mauzy den ersten Kajira-Roman Sklavin auf Gor sowie den nachfolgenden Band Die Jäger von Gor als wichtigste Bände der Gor-Reihe, in der der zuvor untergeordnete Aspekt der weiblichen Sklaverei zum zentralen Thema der Gor-Reihe werde. Mauzy attestierte, dass die Handlung, Action, Storyline und Charakterentwicklung in den Hintergrund trete, während Norman fortan in langen expositorischen Passagen seine Philosophie der weiblichen Unterwerfung und männlichen Dominanz vermittle.Peter Mauzy: The Gor Novels, Survey of Modern Fantasy Literature, 2/1/1983, Bd./Jhrg. 2 Zu demselben Schluss kam ebenfalls 1983 Robert Reginald.Robert Reginald: Xenograffiti: Essays on Fantastic Literature, Studies in the Philosophy and Cristicism of Literature, S. 73–75. David Langford beschrieb 1988 im SFX Magazine die Wandlung der Reihe durch die späteren Romane als „zu einer extrem sexistischen, sadomasochistischen Pornographie, in der Frauen rituell gedemütigt werden, und haben deshalb weithin Anstoß erregt“.David Langford: SFX Magazine, Ausgabe 39, Juni 1998.

In den späten 1980er-Jahren wurden das Erscheinen der Gor-Romane beim DAW Books Verlag eingestellt;David Langford: SFX Magazine, Ausgabe 39, Juni 1998. der Verlag argumentierte mit sinkenden Verkaufszahlen, was David Langford als „dürftigen Vorwand“ beschrieb.

Bewertung und Indizierung der Gor-Bücher in Deutschland in den 1980er-Jahren