Zernaki Tepe ist ein Siedlungshügel im Südosten der heutigen Türkei. Er liegt am nordöstlichen Stadtrand von Erciş. Die Anlage ist bekannt für ihren außergewöhnlich gut erhaltenen schachbrettartigen Stadtplan (Hippodamisches Schema) und massive Befestigungsanlagen. Lange Zeit als urartäisch (9. Jahrhundert – 6. Jahrhundert v. Chr.) klassifiziert, deuten neuere Forschungen und Funde aus dem Jahr 2025 auf eine bedeutende Nutzung in der artaxidischen (2. Jahrhundert v. Chr. – 1. Jahrhundert n. Chr.) und parthischen (3. Jahrhundert v. Chr. – 3. Jahrhundert n. Chr.) Ära hin. Zernaki Tepe gilt als Schlüsselstätte für das Verständnis des Übergangs von der eisenzeitlichen urartäischen Architektur zu den hellenistisch-parthischen Einflüssen in Ostanatolien. Die Kombination aus einem fortschrittlichen Stadtlayout und den neuen epigraphischen Zeugnissen macht es zu einem einzigartigen Denkmal der antiken Stadtplanung.
Geographie und Lage
Zernaki Tepe liegt auf einem Hochplateau (1830 bis 1890 m Meereshöhe) über dem nördlichen Ufer des Vansees. Das Plateau besteht aus Kalkstein und erhebt sich zwischen 60 und 130 m über die Umgebung.Veli Sevin: On the Urartian Grid Plan Once Again Die strategische Position ermöglichte eine umfassende Kontrolle über die Handels- und Militärrouten in der Region. Die Stätte wird in internationalen Registern wie dem Pleiades-Projekt und dem Digital Atlas of the Roman Empire geführt.
Die gesamte Fläche der Siedlung ist etwa 20 Hektar groß und erstreckt sich über zwei höheren Erhebungen des Plateaus.Veli Sevin: On the Urartian Grid Plan Once Again
Architektonische Merkmale
Auf dem nordwestlichen Hügel befinden sich die Überreste einer Zitadelle, während sich nach Südosten und Nordwesten eine Unterstadt erstreckt. Die auffälligste Besonderheit von Zernaki Tepe ist die Stadtplanung. Die Stadt wurde nach einem strengen Raster mit sich rechtwinklig schneidenden Straßen angelegt, was sie zu einem der frühesten Beispiele für Hippodamische Stadtplanung im Nahen Osten macht. In der südöstlichen Unterstadt sind die Straßen 5 m breit und umschließen Insulae, die aus vier Wohneinheiten mit großen quadratischen Steinen bestanden. Im Zentrum der Stadt gab es zwei Hauptstraßen mit einer Breite von 7 m.
Zernaki Tepe war von einer Mauer umschlossen. Diese besteht aus polygonalem Mauerwerk, auf dem ursprünglich Lehmziegelstrukturen ruhten. Die Befestigungen zeigen technische Merkmale, die sowohl urartäische Traditionen als auch spätere Einflüsse vereinen.
Forschungsgeschichte und Datierung
Zernaki Tepe wurde von europäischen Reisenden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besucht und erwähnt. Einer der Ersten war 1840 der Orientalist Friedrich Eduard Schulz. Schulz verortete die Siedlung östlich von Akantz (das heutige Erciş), nahe der Straße nach Haydar Bey. 1892 beschrieb Vital Cuinet das hügelige Gelände von Zernaki Tepe als ein weites Plateau und berichtet von einer antiken Stadt namens Zernak mit breiten, rechtwinklig zueinander verlaufenden Straßen. Ein anderer oft zitierter Reisender war Henry Finnis Blosse Lynch von 1901. Er konnte zwar nicht direkt Zernaki Tepe selber erforschen, bekam aber - während er sich in Erciş aufhielt - von den Forschern Waldemar Belck und Carl Friedrich Lehmann-Haupt Bronzegegenstände mitgebracht, die aus Zernaki Tepe stammten. Mitte der 1990er begann eine Team der Universität Istanbul mit der oberflächlichen Untersuchung der Stadt. Geleitet wurde es von Veli Sevin, der viel zur Erforschung der urartäischen Geschichte der Region beitrug und Orte wie Karagündüz Höyük, Altıntepe und Üçtepe Höyük untersuchte. Veli Sevin behauptete, dass Zernaki Tepe keine urartäische Siedlung sei, sondern aus einer viel späteren Epoche (parthisch oder sasanidisch) stammt. Er selber brachte König Schapur I. (reg. 240/242–270 n. Chr.) als Gründer ins Spiel.Veli Sevin: On the Urartian Grid Plan Once Again Ab 2021 finden systematische Ausgrabungen durch die Universität Van (Van Yüzüncü Yıl Üniversitesi) unter Leitung von Rafet Çavuşoğlu statt. Daneben aber wurde Zernaki Tepe aber durch illegale Grabungen und Schatzsucher teilweise schwer beschädigt, wodurch viele Informationen und Strukturen verloren gegangen sind.
In der älteren Forschung wurde Zernaki Tepe primär als eine unvollendete Gründung des Reiches Urartu (ca. 9.–6. Jahrhundert v. Chr.) betrachtet. Neuere Deutungen, unter anderem bei Roberto Dan, argumentieren jedoch für eine spätere Datierung in die artaxidische Periode des Königreichs Armenien (2. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.).Roberto Dan: Zernaki Tepe: an Artaxiad hippodamian city in Greater Armenia Dan führt an, dass das Rastersystem für Urartäer untypisch sei und architektonische Fundstücke von Säulenfragmenten und Stuckarbeiten eher auf hellenistisch-seleukidischen Periode und die Artaxiden hindeuten. Eine frühere Besiedlung durch Urartäer schließt Dan aber nicht aus.
Neue Funde 2025 Im Oktober 2025 vermeldete das Team von Rafet Çavuşoğlu den Fund von sechs aramäischen Inschriften.Zernaki Tepe’de Yeni Keşifler: Doğu Anadolu’nun Izgara Planlı İlk Antik Kenti Aydınlanıyor, Meldung auf arkeolojikhaber.com vom 8. Oktober 2025 (türkisch) Vier davon befanden sich direkt auf den massiven Außenmauern im nordöstlichen Sektor der Stadt. Diese Entdeckungen belegen, dass die Stadt als wichtiger Grenzaußenposten des Partherreichs fungierte. Diese Inschriften sind die ersten ihrer Art in dieser Region und geben Aufschluss über die politische Organisation und die multikulturelle Natur der Siedlung an der Nahtstelle zwischen iranischer und anatolischer Kultur. Mit diesen neuen Inschriften erhöht sich die Gesamtzahl der in Zernaki Tepe entdeckten aramäischen Texte auf nunmehr 14, was die Stätte zu einem der wichtigsten epigraphischen Fundorte für die parthische Präsenz in Ostanatolien macht.
Einzelnachweise
Weblinks und Quellen
Zernaki Tepe auf www.vici.org Zernaki Tepe im Digital Atlas of the Roman Empire Informationen über Zernaki Tepe auf www.ercis.gov.tr
Kategorie:Urartu Kategorie:Altorientalischer Fundplatz in der Türkei Kategorie:Provinz Van