mini|Michael Smuss, Hbf IN/BY (vor 2000). Michael Smuss (, * 15. April 1926 in Danzig, Freie Stadt Danzig; † 21. Oktober 2025 in Ramat Gan, Israel) war ein jüdischer Widerstandskämpfer, Überlebender des Holocaust, engagierter Zeitzeuge und autodidaktischer Künstler.

Während des Zweiten Weltkriegs schloss er sich dem aktiven Widerstand an und kämpfte im Warschauer Ghettoaufstand. Nach der Niederschlagung des Aufstands wurde er in verschiedene Konzentrationslager und Außenlager deportiert, unter anderem nach Wieliczka und Flossenbürg. Dort wurde er zur Zwangsarbeit eingesetzt, bevor er im Frühjahr 1945 einen Todesmarsch überlebte.

Zuletzt lebte Smuss in Tel Aviv, wo er sich als Künstler betätigte.

Leben Herkunft und Vertreibung – Die frühen Jahre Smuss wurde in der "Freien Stadt Danzig" geboren (heute: Gdańsk, Polen). Er wuchs in einer jüdischen Kaufmannsfamilie in der Altstadt auf. Die Familie betrieb dort ein Geschäft für Galanteriewaren und Parfümerie in der Heilige-Geist-Gasse 141, .

Mit dem Erstarken der Nationalsozialisten in Danzig Anfang der 1930er Jahre verschlechterte sich die Situation für die jüdische Bevölkerung zunehmend. Die Nähe des elterlichen Geschäfts zum regionalen Parteibüro der NSDAPGaubüro der NSDAP in der Danziger Jopengasse 11, Dieter Schenk: Danzig 1930–1945. Das Ende einer Freien Stadt. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, S. 36. führte zu zunehmenden Anfeindungen. Der Alltag in der „Freien“ Stadt geriet zum Spießrutenlauf. Die vom Senatspräsidenten Rauschnigg einst feierlich zugesicherte „volle Freiheit zur Ausübung geschäftlicher Tätigkeit im Danziger Gebiet“Dieter Schenk: Danzig 1930–1945. Das Ende einer Freien Stadt. Ch. Links Verlag, Berlin 2013, S. 45. war zu einer hohlen Phrase verkommen. Infolge der Repressionen gegen Jüdinnen und Juden sah sich die Familie 1938 zur Emigration gezwungen. Sie verließen Danzig und zogen nach Lodz.

Im Warschauer Ghetto – Überleben und Widerstand Nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 floh Michael Smuss gemeinsam mit seinem Vater nach Warschau. Seine Mutter und Schwester verblieben zunächst in Łódź und überlebten den Krieg dort.

In Warschau lebte Smuss im seit November 1940 eingerichteten Warschauer Ghetto, einem Sammellager, in dem die jüdische Bevölkerung unter katastrophalen Bedingungen interniert war. Die Lebensverhältnisse waren geprägt von Überbelegung, Hunger, Zwangsarbeit, Krankheiten und ständiger Bedrohung durch Deportation.Andrea Löw: DEPORTIERT. Immer mit einem Fuß im Grab - Erfahrungen deutscher Juden. Siehe auch Informationen zu Stolpersteinen in deutschen Städten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024, ISBN 978-3-10-397542-0, S. 8–12 ff.

mini|Die Verhaftung der Zwangsarbeiter der Rüstungsfirma Brauer (4.1943).

Laut eigenen Angaben schloss sich Smuss 1943 dem jüdischen Widerstand im Ghetto an. Er war in einer Untergrundgruppe der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation HaShomer haZaʿir aktiv, die unter der Leitung von Mordechaj Anielewicz stand. In dieser Funktion war er unter anderem als Kurier tätig – er schmuggelte Nachrichten aus dem Ghetto und Waffen hinein.

Während des am 19. April 1943 ausbrechenden Aufstands im Warschauer Ghetto beteiligte sich Smuss nach eigener Aussage verdeckt an den Kampfhandlungen. Nach der Niederschlagung des Aufstands wurde er gemeinsam mit seinem Vater und weiteren Arbeitskollegen festgenommen.Die Arbeiter der Firma Brauer. In: Josef Wulf: Das Dritte Reich und seine Vollstrecker. Die Liquidation der Juden im Warschauer Ghetto. Dokumente und Berichte. Fourier Verlag, Wiesbaden 1989, S. 109, 6 c. Der Vorfall wurde im sogenannten Stroop-Bericht dokumentiert, der die gewaltsame Zerschlagung des Ghettos aus Sicht der SS beschreibt.

mini|Stroop-Bericht (Eröffnungsschreiben vom 16. Mai, letzter Eintrag vom 24. Mai 1943).

Ein bekanntes Foto aus dem Bericht zeigt eine Gruppe verhafteter jüdischer Zwangsarbeiter, die als „Abteilungsleiter“ einer Rüstungsfirma bezeichnet werden. Nach Angaben von Smuss handelt es sich bei den abgebildeten Personen um ihn selbst (achter von rechts, im langen Mantel), seinen Vater (siebter von rechts) sowie weitere Kollegen, die bei der Rüstungsfirma Brauer zur Arbeit gezwungen worden waren. Im Hintergrund des Bildes sind beschädigte Stahlhelme sichtbar, „Rüstungsgüter“ die zur Wiederverwertung vorgesehen waren.

Der Aufstand endete mit der systematischen Zerstörung des Ghettos durch die deutsche Besatzung – darunter gezielte Brandlegung, der Einsatz schwerer Waffen, das Fluten unterirdischer Verstecke und Massenerschießungen. Der abschließende Stroop-BerichtJürgen Stroop: Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk ~ in Warschau mehr! Faksimile-Ausgabe des Berichtes über die Vernichtung des Warschauer Ghettos durch die SS 1943, Luchterhand, 1960, siehe Bilddokument S. 81 Die jüdischen Abteilungsleiter der Rüstungsfirma ~ Brauer ~. spricht von der „Vernichtung des jüdischen Wohnbezirks in Warschau“.

Beinahe-Deportation nach Treblinka Nach der Niederschlagung des Warschauer Ghettoaufstands im Frühjahr 1943 wurden die verbliebenen arbeitsfähigen Jüdinnen und Juden von den deutschen Besatzungsbehörden zum sogenannten „Umschlagsplatz“Günther Schwarberg: Das Ghetto. Geburtstagsspaziergang in die Hölle. Steidl Verlag, Göttingen 1989, Umschlagplatz für 330.000 Menschen. S. 210. gebracht – dem zentralen Sammelpunkt in der Nähe des Bahnhofs, von dem aus Transporte in die Vernichtungslager organisiert wurden. Dort warteten sie teilweise mehrere Stunden oder Tage, bevor sie in Viehwaggons verladen wurden. Um die für einen Transport festgelegte Zahl an Deportierten zu erreichen, wurde zusätzliches „Menschenmaterial“ vom Flughafen Warschau herbeigeschafft. Smuss und seine Gruppe gehörten zu den dort versammelten Häftlingen. Der vermutlich letzte planmäßige Deportationszug aus dem Warschauer Ghetto mit dem Ziel Vernichtungslager TreblinkaJosef Wulf: Das Dritte Reich und seine Vollstrecker. Die Liquidation der Juden im Warschauer Ghetto. Dokumente und Berichte. Fourier Verlag, Wiesbaden 1989, S. 41 Bericht vom 24. Mai 1943 und den Täglichen Meldungen, … erfaßt, vernichtet, durch Transport nach T II (Vernichtungslager Treblinka) endgelöst. stand zur Abfahrt bereit.

Beim Erreichen der Gleisabzweigung bei Malkinia wurde der Transport jedoch gestoppt: Fahrzeuge der Wehrmacht blockierten die Strecke. Es kam zu einem Streitgespräch zwischen Offizieren der Luftwaffe und den begleitenden SS-Wachen. Die Offiziere forderten die Rückgabe ihrer als „kriegswichtig“ eingestuften jüdischen Zwangsarbeiter. Nach etwa dreißig Minuten wurde dem Verlangen offenbar stattgegeben: Anstatt weiter nach Treblinka, fuhr der Zug zurück zum Warschauer Flughafen. Dort wurden die angeforderten Arbeiter aufgefordert, aus den Waggons zu treten.

Nach Angaben von Michael Smuss gelang es ihm, gemeinsam mit seinem Vater und mehreren weiteren Personen ebenfalls auszusteigen. Mithilfe seiner Deutschkenntnisse habe er sich und andere als Fachkräfte ausgegeben, wodurch sie von der SS nicht erneut in den Zug gedrängt wurden. Auf diese Weise entgingen sie der Deportation ins Vernichtungslager Treblinka.

Budzyń und Mielec – Zwangsarbeit im Dienst der Kriegswirtschaft Nach seiner Rückverlegung aus Warschau kam Michael Smuss in das Zwangsarbeitslager Budzyń im Distrikt Lublin, das Teil des nationalsozialistischen Lagersystems zur Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft war. Die Verbringung erfolgte per Lastwagen. Das Lager stand von Anfang 1943 bis Ende August desselben Jahres unter dem Kommando von SS-Oberscharführer Reinhold Feix, dessen gewaltsames Vorgehen gegenüber Häftlingen in späteren Berichten mehrfach thematisiert wurde.

Michael Smuss wurde dort von seinem Vater getrennt. Er selbst wurde einer Arbeitsgruppe zugeteilt, die täglich zur Flugzeugfabrik Heinkel nach Mielec verlegt wurde – einem späteren Außenlager des KZ Plaszów. Dort wurden jüdische Zwangsarbeiter als Mechaniker, Monteure und Hilfskräfte in der Rüstungsproduktion eingesetzt.

Sein Vater blieb im Lager Budzyń und arbeitete laut Zeitzeugen als Dolmetscher. Nach Angaben aus dem Widerstandskreis im Lager wurde er eines Nachts von Reinhold Feix erschossen, angeblich wegen eines Fluchtversuchs. Um eine ähnliche Gefährdung für Michael Smuss zu vermeiden, organisierten Mitgefangene seinen dauerhaften Arbeitseinsatz außerhalb des unmittelbaren Zugriffsbereichs von Feix in Mielec.

Die Arbeit in der Flugzeugproduktion bot für die betroffenen Häftlinge zeitweise einen relativen Schutz vor Deportation und Mord. Hintergrund war unter anderem die zunehmende Nervosität der nationalsozialistischen Führung nach Widerstandshandlungen jüdischer Häftlinge. Besonders der Aufstand im Vernichtungslager Sobibór am 14. Oktober 1943, bei dem rund 600 Gefangene zu fliehen versuchten, wird als möglicher Auslöser für einen geheimen Befehl von Heinrich Himmler genannt, wonach sämtliche Arbeitslager „aus Sicherheitsgründen zu liquidieren“ seien.

Dieser Befehl mündete Anfang November 1943 in die sogenannte „Aktion Erntefest“. Dabei handelte es sich um eine koordinierte Massenerschießung von über 40.000 jüdischen Häftlingen in den Lagern Majdanek, Trawniki und Poniatowa. Die Aktion wird nicht der „Aktion Reinhardt“ zugerechnet, sondern gilt als eigenständiges Vernichtungsprogramm, einem Vorläufer der „Aktion 1005“, mit der das Regime bereits seine Spuren zu tilgen versuchte.

Die Lager Budzyń und Mielec blieben von der Aktion Erntefest verschont. Historiker vermuten, dass dies mit ihrer kriegswirtschaftlichen Funktion und der organisatorischen Einbindung in die Rüstungsproduktion zusammenhängt. Zwar unterstand auch Mielec der SS, doch übten die beteiligten Rüstungsunternehmen offenbar Einfluss auf den Erhalt ihrer Arbeitskräfte aus. In diesem Spannungsfeld zwischen ökonomischem Nutzen und nationalsozialistischer Vernichtungsideologie (siehe auch Aktion 14f13) konnte ein Teil der Häftlinge überleben – darunter auch Smuss.

Von Wieliczka nach Flossenbürg – Letzte Stationen der Zwangsarbeit Im Sommer 1944, als die Rote Armee sich Krakau näherte, begannen die nationalsozialistischen Behörden mit der Evakuierung mehrerer Lager im besetzten Polen. Auch Häftlinge aus dem Außenlager Wieliczka des KZ Plaszów wurden in dieser Phase verlegt. Michael Smuss befand sich in einer Gruppe von Zwangsarbeitern, die nach dem 20. Juli 1944 in das unterirdische Salzbergwerk gebracht wurden. Dort sollten im Rahmen der Untertage-Verlagerung in provisorischen unterirdischen Werkstätten Flugzeugteile für die deutsche Luftwaffe gefertigt werden.

Die Arbeitsbedingungen waren extrem schlecht: Hohe Luftfeuchtigkeit, mangelhafte Beleuchtung und ungeschützte Stromkabel in wasserführenden Stollen machten die Arbeit gefährlich. Nach wenigen Tagen wurde die Gruppe erneut verlegt – zunächst in Richtung Auschwitz. Der Zug erreichte das Lager jedoch nicht. Laut späteren Angaben erfolgte auf Anforderung der Messerschmitt-Flugzeugwerke eine Weiterleitung in das Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz. Die Fahrt dorthin dauerte mit Wartezeiten etwa zwei Tage und erfolgte ohne Verpflegung (Nahrung). Nach Aussagen von Michael Smuss hätten viele der Mitgefangenen auf der Fahrt verzweifelt um Wasser gefleht. mini|Schematische Karte KZ Flossenbürg 1938–45. Bei der Ankunft in Flossenbürg mussten die Häftlinge ihre Kleidung ablegen und wurden zur sogenannten „Dusche“ geführt. Die Angst vor einer möglichen Vergasung war groß, doch es kam tatsächlich Wasser aus den Brausen. Anschließend erhielten sie die typische gestreifte Lagerkleidung, sogenannte „Winkel“ zur Kennzeichnung der Häftlingsgruppe sowie Holzschuhe. Smuss wurde mit der Häftlingsnummer 16109 tätowiert. Eine auf die Stirn geschriebene Ziffer bestimmte den vorgesehenen Arbeitseinsatz: 1 für den Steinbruch, 2 für die Rüstungsfabrik.