mini|Felicitas Hoppe 2012im Literaturhaus München, Symposion forum:autoren Hoppe ist der Titel eines 2012 erschienenen Romans von Felicitas Hoppe, in dem die Autorin Wirklichkeit und Fiktion miteinander vermischt: Eine Biografin beschreibt die fiktiven Kindheits- und Jugendjahre der Schriftstellerin Felicitas Hoppe auf der Grundlage ihres angeblich als Manuskripte erhalten gebliebenen deutsch-kanadisch-australischen Frühwerkes und ihrer Briefe an ihre Familie und Freunde und vergleicht dies mit Aussagen und überlieferten Dokumenten der Romanfiguren. In diesem Zusammenhang werden Rezensionen und Interpretationen der Werke Hoppes sowie ihre Schreibweise diskutiert und erläutert.

Inhalt

Überblick Eine mit „fh“ zeichnende Biografin behauptet, die Berichte der Schriftstellerin Felicitas Hoppe über ihre Hamelner Familie sowie die Angaben über ihr Leben im Wikipedia-Text seien erfunden. Sie rekonstruiert die angeblich wirklichen Kindheits- und Jugendjahre Felicitas und stützt sich dabei auf Briefe, Tagebucheintragungen, Textanalysen der nicht publizierten literarischen Frühwerke aus der kanadisch-australisch-amerikanischen Zeit sowie auf Zeugenaussagen und andere Materialien, z. B. das Tagebuch ihres „Entführervaters“ und seine Briefe an seine Frau Maria. Bei der Verfolgung der Lebensstationen Hoppes werden die Dokumente immer spärlicher und durch biografische Romanpassagen ersetzt. Dabei erschließt die Biografin die Lebensthemen Hoppes aus der Interpretation des literarischen Werkes der Schriftstellerin, z. B. ihre Familiensehnsucht, die Suche nach Mutter- und Vater-, Brüderfiguren, das sich Verstecken, Suchen und Finden, ihre Vermischung der Außen- und Innenräume in den märchenhaften Phantasiewelten und in Traumhandlungen. Auf der letzten Reisestation der 28-jährigen Felicitas an der Universität von Oregon entdeckt ihr Mentor, dass seine Studentin ihre kanadisch-australisch-amerikanische Reisebiographie erfunden hat und dass die Hamelner Familie wirklich existiert.

Kanada Im letzten Kapitel „Hochzeit“ schildert die vorehelich gezeugte Felicitas in ihrem fiktiven „Buch K“ die Hochzeit und Ehe ihrer mit dem absoluten Gehör begünstigten Eltern: der Breslauer Klavierlehrerin Maria Siedlatzek und des Schneidersohns, Erfinders, Bastlers und „ehrgeizigen Versteckspielers[s]“ Karl Hoppe, der die „kleinen Missgriffe Gottes“ verbessert und z. B. Pässe für neue Besitzer oder Taschen mit doppeltem Boden anfertigt.

Nachdem Maria ihren Mann verlassen hat, um in Moskau als wenig erfolgreiche Pianistin aufzutreten, verfolgt Karl seinen Lebensplan als Erfinder und übersiedelt mit seiner fünfjährigen Tochter nach Brantford, Ontario. Mit dieser Situation beginnt die Darstellung ihrer angeblich verbrieften kanadischen Kinderjahre. Karl arbeitet als Patentagent bei der „Bell Telephone Canada“ und wohnt mit Felicitas im „Haus mit zwei Lichtern“, so genannt, weil jeder, getrennt in zwei Räumen, sein eigenes inneres Leben am Schreibtisch oder im Laboratorium führt. Bis zum Romanende versucht die Tochter, in ihren Romanfragmenten die Geheimnisse ihres einsamen Vaters und seine Persönlichkeit zu ergründen. Ihre Briefe an ihre erfundene Hamelner Familie sind Zeugnisse ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat.

Ersatz sucht sie in der Nachbarschaft bei Walter, Phyllis, Kim und Wayne Gretzky. Der Sohn Wayne ist ein talentierter Eishockeyspieler und ihr Idol. Sie verliebt sich in ihn und träumt insgeheim von einer Einheirat in die Idealfamilie. Obwohl sie dazu kein Talent hätte, ist das „Urbild“ „ihrer geträumte[n] Verheißung und erlebte[n] Enttäuschung“ das Breslauer Hochzeitsfoto ihrer Eltern.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 28. Mit Wayne wird sie eine begeisterte, aber, im Unterschied zu dem Star, eine wenig erfolgreiche Eishockeyspielerin im vereisten Garten der Gretzkys. Waynes Trainer Bamie Boots bescheinigt ihr ein „Talent, das sich ständig selbst zurückpfeift […] So viel Begabung und so wenig aufs Tor. Wild entschlossen und niemals auf Sieg“.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 31. Sie freut sich, auch wenn sie nicht gewinnt. Durch ihren großen Einsatz und ihre Schnelligkeit erhält sie von Beobachtern die Spitznamen „Fly“ und „Sawchy“ (nach dem Torwart Terry Sawchuk). Man sagt ihr eine spektakulär dramatisch inszenierte Fallsucht nach, aus der sie sich jeweils ohne große Verletzungen wieder erhebt. Sie sei die unverletzbarste Verliererin.Felicitas Hoppe: Hoppe. S Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 39.

Ihr eigentliches Leben findet dagegen im Verborgenen statt, in „Fluchtträumen“ am Schreibtisch ihres meist abwesenden Erfindervaters, wo sie ihre nie ankommenden Briefe an die Hamelner Idealfamilie schreibt. Während sie ihren Hamelner Traumvater liebt, spricht sie von ihrem Erfindervater nur als von ihrem Entführer. Wie jedoch die Biografin mit Karl Hoppes Tagebucheintragungen und Kopien seiner Briefe an Maria, die diese nie beantwortet, nachzuweisen versucht, verschafft dieser ihr für ihre Entwicklung zur Selbständigkeit einen großen Freiheits- und Spielraum, „von dem die meisten Kinder nur träumen und in dem sie sich während ihrer kanadischen Jahre jederzeit ganz nach Geschmack und Belieben bewegen konnte“.Felicitas Hoppe: Hoppe. S Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 48. Im Gegensatz zu ihrer irrtümlich behaupteten Vernachlässigung genieße sie ihr Alleinsein, „weil es sie kurzfristig von jeder Form der Verantwortung“ entbinde.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 39. Dass dem Vater die Entwicklung seiner Tochter nicht gleichgültig ist, bestätigt seine der Mutter („Briefe an Maria“) übermittelte Aufzählung ihrer Charakterzüge: „Leichtsinn, Übermut, Gratwanderei, Disproportion, kühne Inkompetenz, […] ausgeprägte[r] Hang zum Aufschneiden und zur Prahlerei“. Ihr „emblematisches Lieblingstier“ ist der Esel.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 59. Ergänzend fügt die Biografin hinzu, zuweilen entwickele die 12-Jährige eine „Kommunikationsversessenheit“, wenn ihr „ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden“ die seltsamen Blüten des „Ausgleichswahns“ treibe.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 93.

Durch Lucy Bell, ihre Musiklehrerin und die zeitweilige Geliebte ihres Vaters, entdeckt Felicitas ihre Liebe zur Musik. Bell bescheinigt ihr zwar ein ebenso „bemerkenswert[es] wie unvollkommen entwickelt[es]“ Talent, aber ihr mangelnder Übungseifer hindert sie an der Beherrschung eines Klaviers. Bell ist eine Bewunderin des Pianisten Glenn Gould und seiner Bach- und Beethoven-Interpretationen und vermittelt Felicitas ihre Begeisterung. Gould wird neben Wayne ihr zweites Idol.

Miramare 1972 übersiedelt Karl Hoppe für sieben Jahre mit seiner 13-jährigen Tochter nach Adelaide. Auf der langen Schifffahrt, vom 1. November bis 21. Dezember, als einzige Passagiere des Frachtschiffs „Queen Adelheid“, spielt Felicitas mit den Matrosen Hockey, tobt mit ihnen über das Deck, stellt ihnen Rätselfragen und wird der Liebling der Besatzung. Während ihr Vater meist seekrank in der Kajüte liegt, liest sie in der Schiffsbibliothek Abenteuerromane, Reisebeschreibungen und historischen Romane und beginnt mit deren Sprachmustern „als hochbegabte Plagiatorin, die nur selten zu eigenen Ufern aufbricht“, Erzählungen zu schreiben.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 137.

Durch die Wüste In Adelaide setzt sich, in den ersten drei Wochen in Lucy Ayrtons („die schöne Helena“) Pension „Grant’s Children“ und dann in ihrer Mietwohnung, das Leben von Vater und Tochter nach dem Muster der kanadischen Zeit fort: Er arbeitet am Patentprüfamt der Australia Post, sie geht in die Schule, findet in den Eltern ihres Freundes Blyton eine Pflegefamilie und Lucy Bells Klavierunterricht wird durch den Organisten Quentin Blyton fortgesetzt. Sie schreibt weiterhin an ihre Hamelner Geschwister und an ihrem „Hauptwerk“, das sich im Vergleich zu den früheren Texten „durch eine Eigenwilligkeit auszeichnet, die vermutlich vor allem ihrer Naivität und ihrer Ahnungslosigkeit in Bezug auf einen Kontinent geschuldet ist, auf den sie nicht im Geringsten vorbereitet war“,Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 137. und in dem die inzwischen 14-Jährige ihre Pubertätserlebnisse und -sehnsüchte verarbeitet: Zuerst in ihrem unvollendeten Roman „Buch L“ und vier Jahre später in dem „klassischen Schlüsseltext“ Meeting at Montefiore Hill, in dem sie ihre Verliebtheit in den „geheimnisvollen Begleiter“ beschreibt, den blinden Joe (Jonathan) Blyton, der ihre Schönheit in den höchsten Tönen lobt: die ganze Welt reißt sich darum, „Euch auf die Bühne zu holen, ausverkauft bis zum hinteren Rang […] Man wird Euch beklatschen, sich die Münder zerreißen, Verse gegen Euch schmieden […] ganze Länder und halbe Kontinente nach Euch benennen […] bis eines Tages endlich drei Könige kommen, die Euch alles zu Füßen legen, was reisende Könige so bei sich haben […]“.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 160 ff. Nicht nur der Sohn, mit dem sie als 17-Jährige ihre erste sexuelle Beziehung in Ayrtons Pension hat, sondern auch der Vater, der Arzt Quentin Blyton, verliebt sich in sie und beendet, um die Ehe mit seiner Frau Virginia nicht zu gefährden, seinen Klavier- und Orgelunterricht mit ihr. Im Gegensatz zu seiner eifersüchtigen Frau schätzt er die Ernsthaftigkeit seiner Schülerin nach Auffassung der Biografin recht realistisch ein: Sie sei nicht in der Lage, etwas zum Spaß zu tun, aber durch ihre Großzügigkeit „bis zur Nachlässigkeit und Selbstaufgabe“, gehe sie nicht sparsam und ökonomisch mit ihrem Potential um und verschenke ihre ganze Begabung. Dies bezeichnet er als „Superbia“, Hochmut.Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 185 ff.

Kapellmeister Felicitas studiert am „Elder Conservatorium of Music“ in Adelaide. Vater Karl ist nach Degenerationserscheinungen, Formulierungsproblemen in seinem Tagebuch, untergetaucht und eine wichtige Aufgabe der Tochter wird die Suche nach ihm werden.

Die Informationen über diese Zeit sind nicht dokumentarisch, sondern literarisch verarbeitet, v. a. im „Buch F“ ihres Kommilitonen und Freundes Victor Seppel: er schreibt über die Sprachbegabung der inzwischen 22-jährigen Felicitas, die Planung ihrer Hochzeit und, als Hochzeitsreise vermerkt, das Hahndorfer Schützenfest, das jährlich im Januar gefeiert wird und auf dem Felicitas kellnert und ausgiebig tanzt. Danach fliegen beide nach New York und treffen dort ihre Musiklehrerin Lucy Bell, die jetzt die Vermittlungsagentur für Dirigenten „Cater & Partners“ leitet. Sie trennen sich am Valentinstag im Februar 1984, „ohne jemals ein Paar gewesen zu sein“Felicitas Hoppe: Hoppe. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2012, S. 238. und Viktor fliegt am Tag darauf, am 15. 2., allein nach Sydney zurück.