mini|Flucht vor dem Kindermord in Bethlehem, Holzschnitt von Julius Schnorr von Carolsfeld Als Flüchtlingskind () wird ein Kind bezeichnet, das begleitet oder unbegleitet seine vertraute Umgebung verlassen musste, um Risiken oder lebensbedrohlichen Gefahren zu entkommen. Sie können durch Krieg, Krisen, Konflikte, Gewalt und Terror verursacht, durch politische oder religiöse Verfolgung bedingt und durch Armut, Hunger oder die Auswirkungen von Natur- und anderen Katastrophen oder des Klimawandels entstanden sein. Auch flüchten Kinder vor der Rekrutierung als Soldat, vor Zwangsheirat, Zwangsarbeit oder Zwangsprostitution. Hinzu kommen Mädchen, die die Flucht antreten, um einer Genitalverstümmelung zu entkommen.

Um den Preis des Heimatverlustes wird als Binnenflüchtling oder durch Flucht in andere, teils entlegene Länder Schutz vor den je verschiedenen Bedrohungen gesucht, um Not, Elend und Perspektivlosigkeit ein Ende zu bereiten.

Der Begriff Flüchtlingskind mini|Flüchtlingskinder aus Rotchina im Lager Macao, World Press Photo 1962 Der Begriff Flüchtlingskind ist ein Kompositum aus den beiden mit einem Fugen-s verbundenen Wörtern Flüchtling und Kind. Einschlägige Fachwörterbücher wie der Dorsch führen den Begriff in ihrem Stichwortverzeichnis nicht. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) listet den Begriff zwar, bietet aber keine Definition an. Stattdessen ist einer gesonderten Wortprofil-Liste zu entnehmen, dass das Wort Flüchtlingskind besonders oft mit den Adjektivattributen „unbegleitet“ und „syrisch“ assoziiert ist. Die Wortverlaufskurve des DWDS beginnt mit dem Jahr 1946 und verzeichnet zunächst eine abnehmende Häufigkeit der Begriffsverwendung, die sich in den Jahren danach auf relativ niedrigem Niveau hält, bis es seit 2013 zu einem steilen Anstieg kommt, der mit einer deutlichen Zunahme entsprechender Publikationen korrespondiert.

Nach Herders Lexikon von 1988 beschreibt das Wort Flüchtling „im allgemeinen Sprachgebrauch ‚Personen, die sich vorübergehend auf der Flucht befinden und durch deren Umstände sozial gekennzeichnet sind‘.“

Flüchtlingskinder bilden eine besondere Gruppe, „deren Lebenswirklichkeit sich von der anderer Migrantenkinder in vielen Bereichen erheblich unterscheidet“. Multikulturelles Kinderleben ist der Titel eines Forschungsprojekts vom Deutschen Jugendinstitut, das fünfzehn Jahre vor der Flüchtlingskrise in Deutschland „die unterschiedlichen Lebensumstände von Flüchtlingsfamilien und deren Auswirkungen auf Kinderleben“ untersuchte. Flüchtlingskinder stellen keine homogene Gruppe. Schon „auf der Ebene der sozialstrukturellen Rahmenbedingungen haben wir es“ laut dem Projekt „mit einer Vielfalt an familiären Konstellationen zu tun“.

Robinson im Netz, die Kinderwebsite der Kindernothilfe, beschreibt den Begriff Flüchtlingskinder kindgerecht. Amtliche Definitionen finden sich in der Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) vom 28. Juli 1951, veröffentlicht unter anderem von der Bundeskanzlei der Schweizerischen Eidgenossenschaft und – dreisprachig – im deutschen Bundesgesetzblatt vom 24. November 1953. Die GFK definiert Flüchtling als eine Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann“. Terre des hommes kritisiert, dass die Genfer Flüchtlingskonvention Binnenflüchtlinge aus ihrer Definition ausschließt und sie als „Binnenvertriebene“ („Internally Displaced Persons“) bezeichnet. Die UN-Kinderrechtskonvention bezeichnet, wie viele andere, Flüchtlingskinder als „besonders schutzbedürftig“ und benennt einige der Kinderrechte.

Die GFK weist Kinder als Flüchtlinge nicht gesondert aus, allerdings betont der UNHCR, dass Flüchtlingsrechte „auf Kinder und Erwachsene gleichermaßen Anwendung“ finden. Auch wurde zur Zeit des Erlasses der GFK – anders als heute – noch nicht zwischen begleiteten und unbegleiteten Flüchtlingskindern unterschieden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) informiert gesondert über das Procedere der Aufnahme unbegleiteter Kinder, ihrer Inobhutnahme und die Bestellung eines Vormunds. Der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BuMF) setzt sich für die Rechte beider Gruppen ein.

Es haben sich verschiedene Begriffe etabliert. Als Flüchtlingskind werden auch nicht nur Flüchtlinge im Kindesalter bezeichnet, sondern ebenfalls Jugendliche und Minderjährige, sofern sie von Flucht betroffen sind. Das österreichische Aufenthaltsrecht spricht vom unbegleiteten minderjährigen Fremden, das deutsche Asylrecht vom unbegleiteten minderjährigen Flüchtling. Auch das Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher sieht Regelungen für verschiedene Altersgruppen unterhalb der Volljährigkeit vor. Katzenstein et al. gaben im November 2015 in der Zeitschrift Das Jugendamt einen ersten Überblick über das neue Gesetz vom Oktober und wiesen darauf hin, dass die Verordnung einer bundesweiten Verteilung von Minderjährigen nun Institutionen eine Zuständigkeit zuwies, „die bislang noch kaum Erfahrungen auf diesem Gebiet sammeln konnten“ und deshalb notwendige Veränderungen trotz Fachkräftemangel und teils erschöpfter Fachkräfte „im Schnelldurchgang“ nachvollziehen mussten.

Die Stiftung Kinder forschen weist darauf hin, dass der Begriff Flüchtlingskind „aus verschiedenen Gründen umstritten“ ist. Flüchtlingskinder werden mitunter auch als Migrantenkinder bezeichnet, jedoch verweist unter anderem das Deutsche Rote Kreuz auf den bedeutungsvollen Unterschied zwischen Flucht und Migration.

Das Martin Gropius Krankenhaus in Eberswalde bietet eine Kurzdefinition an: „Ein Flüchtlingskind ist ein Kind, das selbst oder dessen Elternteil Krieg, Bürgerkrieg oder andere Formen ‚organisierter Gewalt‘ (WHO, 1993) erlebt hat und aufgrund dessen die angestammte Heimat verlassen musste.“ Hubertus Adam, Chefarzt der Klinik, veröffentlichte 2017 mit seinen Coautoren unter dem Titel Die seelische Belastung von Flüchtlingskindern einen Artikel in dem Buch Zukunft mit Kindern, Zukunft für Kinder. Bei dem Buch handelt es sich um den UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland im europäischen Kontext. In ihrem Artikel fanden die Autoren zu einer erweiterten Definition, der zufolge „auch Kinder, deren Familie geflohen ist, die aber selbst in Deutschland geboren wurden, Flüchtlingskinder sind“. Die Implikationen sind allerdings verschieden, weil sich ihr Erlebnishorizont von dem jener Kinder unterscheidet, die selbst Wochen, Monate oder Jahre auf der Flucht waren, zum Teil von ihren Familien getrennt oder zu Waisen wurden und ggf. mit ansehen mussten, wie andere Flüchtlinge starben. Terre des hommes: „So unterschiedlich ihre Geschichten sind, eins haben alle Flüchtlingskinder gemeinsam: fehlende Zukunftsperspektiven in ihrer Heimat.“

Die Frankfurter Allgemeine (F.A.Z.) stellt auf ihrem Online-Portal eine Seite mit Nachrichten, Artikeln und Videos zum Thema Flüchtlingskinder bereit. Google Scholar bietet für seine Zielgruppe eine umfangreiche Dokumentensammlung zu den Stichworten Flüchtlingskinder und seinem englischen Pendant refugee children. Eine 2014 unter der Schirmherrschaft von UNICEF vorgelegte Studie rügt, dass Flüchtlingskinder „in erster Linie als Anhang ihrer Eltern wahrgenommen und behandelt“ würden und „nicht als eigenständige Persönlichkeiten und Träger eigener Rechte, mit ganz besonderen, kinderspezifischen Bedürfnissen“.

Zahlen mini|Nordkoreanische Flüchtlingskinder in Begleitung, 1952 Genaue Zahlen über Flüchtlinge gibt es nicht, weder weltweit noch regional. In der Regel handelt es sich um begründbare Schätzwerte. Das „Fluchtgeschehen wird durch junge Menschen bestimmt“, sowohl global als auch in Deutschland. Schätzungen zufolge wurden zwischen 2018 und 2024 etwa 2,3 Millionen Kinder „in ein Flüchtlingsleben hineingeboren“. Besonders schwierig ist es, die Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge zu ermitteln. In der Bundesrepublik sollen es im Jahr 2000 insgesamt etwa 5.000 bis 10.000 gewesen sein. Für die Zeit von 2010 bis 2023 listete das Statistische Bundesamt die Zahlen für unbegleitet einreisende Minderjährige. Im Jahr 2010 kamen demzufolge 2822 unbegleitete Kinder und Jugendliche nach Deutschland; ihre Zahl stieg bis 2016 auf 44.935, sank bis 2020 auf 7563, um dann bis 2023 wieder auf 39.308 anzusteigen. Im Jahr 2024 sollen rund 13.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge einen Erstantrag auf Asyl in Deutschland gestellt haben.

Laut der UNO-Flüchtlingshilfe waren weltweit bis Ende 2024 über 123 Millionen Menschen auf der Flucht, darunter etwa 40 % – also knapp 50 Millionen – Kinder und Jugendliche. Deren Anteil an der Weltbevölkerung liegt mit knapp 30 % darunter. UNICEF bestätigte die Zahl von weltweit 50 Millionen Kindern, die flüchteten oder gewaltsam vertrieben wurden. In Deutschland sind ein Drittel der einreisenden Flüchtlinge Kinder und Jugendliche. Laut UNICEF leben 65.000 dieser Flüchtlingskinder hier mit unsicherem Aufenthaltsstatus. Ein Drittel der 2015 in Deutschland gestellten Asylanträge und mithin 137.000 Erstanträge stammten von Minderjährigen, knapp 14.500 von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Im Jahr 2016 wurden allein von Januar bis Ende Mai rund 100.000 Asylerstanträge für Minderjährige gestellt, 90.000 von begleiteten und etwa 9000 von unbegleiteten Kindern. Sie kamen aus Syrien (48.000), Afghanistan (17.000) und dem Irak (16.000). Für Europa waren für 2015 etwa eine Million Flüchtlinge auf dem Seeweg nach Europa gekommen, darunter mehr als 280.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. In Europa wurden 2015 insgesamt fast 1,4 Millionen Asylanträge gestellt, 406.000 von oder für Kinder, fast 96.000 waren unbegleitet.

Dem UNHCR zufolge leben 2,9 Millionen schulpflichtige Flüchtlingskinder in nur 5 Ländern: der Türkei, im Libanon, in Pakistan, dem Sudan und in Uganda. Fast jedes dritte Kind, das außerhalb seines Geburtslandes lebt, ist ein Flüchtling. Während gemeinhin davon die Rede ist, ein Drittel aller Flüchtlinge sei noch nicht volljährig, ergeben sich andere Zahlen, wenn der Flüchtlingsstatus offiziell bestätigt wurde. In dieser Gruppe sind fast die Hälfte Flüchtlingskinder.

Im Jahr 2018 legte die Migrationsforscherin Vera Hanewinkel vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien ein umfangreiches Zahlenwerk vor – über das weltweite Migrationsgeschehen von Kindern und Jugendlichen und jenes in Europa und Deutschland. Laut Hanewinkel ist eins von 200 Kindern weltweit ein Flüchtlingskind. Hauptzielländer in der EU sind das Vereinigte Königreich, Schweden, Österreich, Italien und Deutschland. In diesen Ländern kam es 2013 zu einem sprunghaften Anstieg der Zahl unbegleiteter minderjähriger Schutzsuchender. Seit Mitte 2015 ist die Zahl wieder rückläufig. Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) wurden 2017 rund 45 Prozent der Asylanträge von minderjährigen Schutzsuchenden gestellt.

In den Jahren 2018 bis 2020 waren die Hälfte aller, die in Deutschland einen Asylantrag stellten, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Vor der Flucht Der Alltag in der Heimat der Flüchtlingskinder war aus den verschiedensten Gründen von Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit geprägt. Sie erlebten oder wurden Zeugen von sexueller Gewalt, Folter oder Entführungen. Neben Armut und einem Mangel an Nahrung und Trinkwasser mussten viele eine Trennung von Familienmitgliedern erleiden oder wurden Zeugen von deren Ermordung, wie unter anderem an der Universität von KwaZulu-Natal in einer Studie über Flüchtlingskinder aus Simbabwe beschrieben wurde. Andere wurden im Krieg ausgebombt oder gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben.