mini|Explosion einer Wasserstoffbombe (Bikini-Atoll, 1954) 72 Minuten bis zur Vernichtung (vollständiger Titel: 72 Minuten bis zur Vernichtung: Atomkrieg – ein Szenario, englisch Nuclear War: A Scenario) ist ein 2024 erschienenes Buch der US-amerikanischen Schriftstellerin Annie Jacobsen. Es beschreibt den fiktiven Verlauf eines Atomkriegs, der vom Start der ersten nordkoreanischen Interkontinentalrakete bis zur praktisch kompletten Zerstörung der USA und eines großen Teils der restlichen Welt gerade einmal die im deutschen Titel genannten 72 Minuten dauert.Die Aufteilung in genau 3x24=72 Minuten wurde offenbar aus dramaturgischen Gründen gewählt. Tatsächlich weicht die im Buch beschriebene Handlung etwas davon ab. So schreibt Jacobsen etwa auf Seite 311 (der deutschen Ausgabe), dass „in Minute 72“ des geschilderten Krieges „über einen Zeitraum von 20 Minuten“ 1000 russische Atomsprengköpfe detonieren, was in sich schon widersprüchlich ist. Obwohl Nordkorea nur wenige Atomwaffen einsetzt, führt dies in der Folge durch Automatismen und Missverständnisse zu einem globalen nuklearen Schlagabtausch zwischen den Atommächten. Er hat die fast völligen (Selbst)Ausrottung der Menschheit und vollständige Auslöschung unserer Zivilisation (Nuklearer Holocaust) zur Folge.
Entstehung Jacobsen legte beim Schreiben großen Wert auf eine realistische Darstellung – einerseits der tatsächlichen Verfahrensabläufe in einem solchen Fall, andererseits der unmittelbaren und langfristigen Auswirkungen eines Atomkriegs. Ihr fiktives Szenario „basiert auf Fakten – aus Exklusivinterviews mit Präsidentenberatern, Kabinettsmitgliedern, Atomwaffenentwicklern, Wissenschaftlern, Soldaten, Luftwaffenpiloten, Angehörigen von Spezialeinheiten, Geheimdienstmitarbeitern, Katastrophenschutzexperten, Geheimdienstanalysten, Staatsbediensteten und anderen“.Annie Jacobsen: Anmerkung der Autorin in: 72 Minuten bis zur Vernichtung: Atomkrieg – ein Szenario, Heyne Verlag, München 2024, ISBN 978-3-453-21878-9, S. 11 Diese Recherchen dauerten über zehn Jahre.This Reporter Can Tell Us What Nuclear Apocalypse Looks Like auf www.nytimes.com, 8. August 2025 Bei einigen der Informationen war die Geheimhaltung erst kurz zuvor aufgehoben worden.Omar L. Gallaga: ‘Fallout’ is fun, but the reality of a postnuclear apocalypse is nightmare fuel auf www.latimes.com, 9. Mai 2024
Die Idee, den Krieg durch die völlig irrationale Entscheidung eines einzelnen Diktators beginnen zu lassen, die USA mit Atomwaffen anzugreifen, stammt nach Jacobsens Aussage von Richard Garwin. Der Experimentalphysiker, der entscheidend an der Entwicklung der ersten Wasserstoffbombe beteiligt war, bezeichnete dieses „Mad-King“-Szenario als dasjenige, das ihm am meisten Sorgen mache.Sassan Niasseri: Investigativ-Journalistin Annie Jacobsen: „Wir müssen mit Kim Jong-un reden“ auf www.rollingstone.de, 16. Februar 2025Michael Mechanic: An interview with Annie Jacobsen, author of ‘Nuclear War: A Scenario’ auf thebuletin.org, 1. April 2024 Was genau den nordkoreanischen Diktator in diesem Szenario zu seinem Entschluss veranlasst hat, bleibt unklar, spielt jedoch auch keine wirkliche Rolle für die Handlung.
Der Angriff Nordkoreas trifft die USA in diesem Szenario völlig unerwartet „wie ein Blitz aus heiterem Himmel“. Zu der anfänglichen Verwirrung bei den Amerikanern in diesem Buch trägt bei, dass die Nordkoreaner – im Gegensatz zu anderen Ländern – Teststarts von Raketen nicht ankündigen und es sich bei der georteten Rakete auch um eine Testrakete handeln könnte. Dies entspricht der Realität: Allein zwischen Januar 2022 und Mai 2023 führte Nordkorea rund 100 Raketentests durch, ohne auch nur einen davon vorher anzukündigen. Dagegen haben die USA und Russland nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 entsprechende Tests komplett eingestellt, um keine Missverständnisse zu provozieren.Sassan Niasseri: DEFCON 1: Die Geschichte des Atombombenkinos, Schüren, Marburg 2025, ISBN 978-3-7410-0496-4, S. 198
Handlung Prolog mini|Pentagon mini|Kernkraftwerk Diablo Canyon mini|Schlüsselschalter im Kontrollraum eines Minuteman-Raketensilos mini|hochkant|Start einer Minuteman III
Im Prolog (Untertitel: Die Hölle auf Erden) schildert Jacobsen die Auswirkungen einer Kernwaffenexplosion mit einer Sprengkraft von einer Megatonne TNT-Äquivalent über Washington, D.C. in den ersten Sekunden und Minuten.
Die Vorgeschichte (Teil I) Dieser Teil des Buches besteht aus insgesamt vier Kapiteln:
In Kapitel 1 beschreibt Jacobsen ein Treffen einer Reihe von amerikanischen Militärbeamten (darunter der damalige Verteidigungsminister Thomas S. Gates) im Hauptquartier des Strategic Air Command im Jahr 1960. Hier wurde den Teilnehmern erstmals der neu entwickelte Single Integrated Operational Plan (siehe Kapitel 4) vorgestellt. Dieses sowie das vierte Kapitel beruhen im Wesentlichen auf einem Bericht eines der damaligen Teilnehmer namens John H. Rubel. Im zweiten Kapitel werden die Erlebnisse mehrerer Überlebender des Atombombenabwurfs auf Hiroshima geschildert, darunter die eines dreizehnjährigen Mädchens. Kapitel 3 beschreibt die Entwicklung der amerikanischen Nuklearrüstung von der Operation Crossroads über die erste Wasserstoffbombe Ivy Mike bis hin zum bisherigen Höchststand von 31.255 Atomsprengsätzen im Jahr 1967. Im vierten Kapitel wird der Single Integrated Operational Plan (SIOP) näher dargestellt. Bis Dezember 1960 hatte jede der drei amerikanischen Teilstreitkräfte U.S. Army, United States Air Force und United States Navy ihr eigenes Atomwaffenarsenal und eigene Ziellisten. Mit dem SIOP wurde erstmals ein einheitlicher Plan für den Atomkrieg geschaffen. Der (inzwischen mehrfach überarbeitete und umbenannte) SIOP sah einen präventiven Erstschlag mit einem massiven Einsatz amerikanischer Atomwaffen gegen Ziele in der Sowjetunion vor. Dabei wären den Berechnungen zufolge etwa 600 Millionen Menschen sofort oder durch den radioaktiven Niederschlag gestorben, davon etwa die Hälfte in den Nachbarländern der Sowjetunion, die gar nicht direkt am Krieg beteiligt gewesen wären (darunter bis zu 300 Millionen Chinesen). In diesen Zahlen waren die amerikanischen Todesopfer durch einen wahrscheinlichen sowjetischen Vergeltungsschlag sowie die durch nachfolgende Hungersnöte umgekommenen Menschen noch gar nicht enthalten. Einen ähnlichen Plan gab es auch für den Fall eines Atomkriegs gegen China.
Der eigentliche Atomkrieg (Teil II bis IV) Die Teile II bis IV des Buches sind in kurze Abschnitte unterteilt, die chronologisch geordnet sind. Sie tragen als Überschrift lediglich die Zeit, die seit dem Abschuss der ersten Rakete vergangen ist, und den Ort der Geschehnisse. Die Zählung beginnt an einem 30. März um 4:03 Uhr morgens Ortszeit (15:03 Uhr Ortszeit in Washington, D.C.), als eine Interkontinentalrakete vom Typ Hwasong-17 etwa 36 Kilometer außerhalb von Pjöngjang von ihrer fahrbaren Startrampe abhebt.
Vier Zehntelsekunden später wird der Start von einem Satelliten des amerikanischen SBIRS-Systems registriert. Nach wenigen Sekunden wird in den Bodenstationen des National Reconnaissance Office Alarm ausgelöst und Meldungen an das Missile Warning Center im Cheyenne Mountain, das National Military Command Center im Pentagon und die Offutt Air Force Base geschickt, ebenso an NORAD, NORTHCOM und STRATCOM.
Nach etwa zwei Minuten ist aufgrund der Auswertung der Flugdaten klar, dass sich die Rakete im Anflug auf die Ostküste der USA befindet.
Nach gut drei Minuten wird der US-Präsident informiert.
Sieben Minuten nach dem Start der Hwasong-17 wird von Fort Greely aus die erste von vier Abfangraketen gestartet. Ihre Zieldaten erhalten sie vom Sea-Based X-Band Radar im Nordpazifik. Kurze Zeit später wird klar, dass alle vier Abfangversuche gescheitert sind.
Nach 9 Minuten Flugzeit wird die nordkoreanische Rakete vom Long Range Discrimination Radar auf der Clear Space Force Station in Alaska erfasst.
10 Minuten nach dem Abschuss wird der Präsident im Presidential Emergency Operations Center (PEOC) von seinen Beratern gebrieft, welche Möglichkeiten er für einen nuklearen Gegenschlag hat, also welche Atomwaffen gegen welche Ziele eingesetzt werden sollen und wie viele Tote dadurch zu erwarten sind. Ab diesem Zeitpunkt hat der Präsident laut Jacobsen nur sechs Minuten Zeit für seine Entscheidung.Jacobsen beruft sich bei dieser Darstellung auf den Atomwaffenexpterten Bruce Blair und den Journalisten David E. Hoffman. Im dargestellten Szenario wird diese Entscheidung jedoch verzögert und der Einsatzbefehl erst dreizehn Minuten nach Beginn des Briefings erteilt.
16 Minuten nach dem Start der ersten Rakete melden die Sensoren der amerikanischen Satelliten den Start einer zweiten Rakete, die von einem U-Boot etwa 550 Kilometer vor der kalifornischen Küste aus abgefeuert wurde. Nach nur 6 Minuten Flugzeit explodiert sie über dem Kernkraftwerk Diablo Canyon an der südkalifornischen Pazifikküste. Die Zahl der Todesopfer durch die eigentliche Explosion ist vergleichsweise gering, aber durch die bodennahe Explosion, die Kernschmelze in den beiden Reaktorblöcken sowie durch die Zerstörung von 2500 auf dem Gelände zwischengelagerten abgebrannten Brennelementen werden große Teile von Kalifornien und Nevada radioaktiv verseucht (aus diesem Grund sind Angriffe auf Kernkraftwerke gemäß Artikel 15 des Zusatzprotokolls II von 1977 zur Genfer Konvention grundsätzlich verboten, selbst wenn es sich um militärische Ziele handelt).
Etwa zur gleichen Zeit ergibt die Auswertung der Flugdaten der ersten Rakete, dass deren Ziel entweder das Pentagon oder das Weiße Haus ist. Es handelt sich also um den Versuch eines Enthauptungsschlags.
Nach 23 Minuten gibt der Präsident, der inzwischen im Hubschrauber Marine One sitzt, um evakuiert zu werden, den Befehl zu einem nuklearen Gegenschlag. 50 landgestützte Interkontinentalraketen vom Typ Minuteman III mit je einem Sprengkopf und acht SLBMs vom Typ Trident mit je vier Sprengköpfen, zusammen also 82 Sprengköpfe, sollen auf Ziele in Nordkorea abgefeuert werden. Eine Minute später verlassen die ersten Minuteman-Raketen ihre Startsilos. Damit sind die ersten 24 Minuten des Szenarios vorbei.
Nach 33 Minuten Flugzeit explodiert der zuerst abgefeuerte Sprengkopf über dem Pentagon. Der Hubschrauber stürzt ab. Der Präsident ist kurz zuvor zusammen mit einem Agenten des Secret Service per Fallschirm abgesprungen. Bei der Landung in einem Wald in Maryland bricht sich der Agent das Genick. Der Präsident wird verletzt, ist handlungsunfähig und spielt für den weiteren Verlauf der Ereignisse keine aktive Rolle mehr. Da nicht nur er selbst, sondern auch mehrere der gesetzlich vorgesehenen Nachrücker als vermisst gelten, stellt sich die Frage, wer das Amt des Präsidenten kommissarisch übernehmen soll.
Sowohl russische Spione in den USA als auch russische Frühwarnsatelliten des Typs Tundra haben die Starts der amerikanischen Minuteman-Raketen registriert. Deren Flugbahn nach Nordkorea führt direkt über Russland. Durch die Ungenauigkeit dieser Satelliten erscheinen die 50 amerikanischen Raketen jedoch wie 100. Amerikanische Versuche, Kontakt mit dem Präsidenten Russlands aufzunehmen, schlagen fehl, da dieser nur mit dem amerikanischen Präsidenten selbst sprechen will. Da der russische Präsident glaubt, die amerikanischen Raketen würden auf sein Land zielen, entschließt er sich zum (vermeintlichen) Gegenschlag. 45 Minuten nach dem Start der ersten nordkoreanischen Rakete verlassen hunderte russische Interkontinentalraketen ihre Startsilos, was praktisch sofort von den amerikanischen Satelliten registriert wird. Minuten später feuern auch die russischen U-Boote ihre Raketen ab. Damit sind auch die zweiten 24 Minuten des Szenarios vorüber.