Der Fall Sebnitz war ein Medien- und Justizskandal von 2000 über die angebliche Ermordung eines deutsch-arabischen Jungen durch rechtsradikale Jugendliche im sächsischen Sebnitz. Er war das „größte Desaster der deutschen Pressegeschichte seit der Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher“.Yvonne Lindenlaub, Sebnitz – Ost-Scoop und Medien-GAU, Universität Münster, 2002 Text, in der Einleitung

Zusammenfassung Am 22. November 2000 wurden drei Jugendliche wegen des Verdachts des Mordes an einem sechsjährigen deutsch-irakischen Jungen im Freibad in Sebnitz im Jahre 1997 im Auftrag der Staatsanwaltschaft Dresden verhaftet. Am folgenden Tag berichtete die Bild-Zeitung über 50 „Neonazis“, die das Kind in Gegenwart hunderter Badegäste ertränkt hätten. Daraufhin gab es eine umfangreiche Berichterstattung deutscher und ausländischer Medien über diesen vermeintlichen Mord aus rassistischen Motiven.

Nach wenigen Tagen stellte sich heraus, dass mindestens einer der Tatverdächtigen an diesem Tag überhaupt nicht im Freibad gewesen war. Bald danach wurde klar, dass die Mutter des Jungen die Geschichte erfunden und über 20 Personen zu falschen eidesstattlichen Versicherungen gebracht hatte.

Vorgeschichte und Umfeld der Ereignisse

Die deutsche Renate Kantelberg-Abdulla war im Dezember 1995 mit ihrem Mann, dem Iraker Saad Abdulla und ihren Kindern Diana (10) und Joseph (4) nach Sebnitz gezogen.Gerhard Mauz: Rechtswege. Das andere Kind, in Tagesspiegel vom 3. Dezember 2000 Text; mit ausführlicher Vorgeschichte der Familie und Plädoyer für einen besonderen Schutz der Tochter Diana Spiegel, 49/2000, zum 27. Oktober 1997, mit kurzen Angaben zur Vorgeschichte der Familie Sie kamen aus Grävenwiesbach im hessischen Taunus, wo sie bereits eine Apotheke geführt hatten, und mieteten nun eine in Sebnitz. Es kam bald zu Konflikten mit den anderen beiden Apotheken der Stadt und mit Ärzten, denen die Abdullas Korruption und Rezeptbetrug in größerem Umfang vorwarfen. Sie stellten deshalb zahlreiche Anzeigen gegen diese und in der Folge auch gegen Behörden.

Dazu kam, dass die Familie sich als Zugezogene, besonders aus dem Westen, in der Stadt nicht ausreichend akzeptiert fühlte.Kerstin Decker, Wer einen Feind hat, lebt, in Tageszeitung vom 9. Dezember 2000 Text mit einigen Angaben und treffenden Beobachtungen über die Schwierigkeiten Zugezogener in (ostdeutschen) Kleinstädten. Kerstin Decker ist promovierte Philosophin. Es gab auch gelegentliche rassistische Pöbeleien, besonders gegen die Frau, weil sie mit einem arabischen Mann verheiratet war.

Sebnitz hatte zu dieser Zeit etwa 10.000 Einwohner und liegt direkt an der tschechischen Grenze. In der Stadt trafen sich Skinheads und weitere Jugendliche, auch aus der Umgebung (von denen der Pfarrer 2000 aber sagte, dass sie nicht zu einem Totschlag fähig seien).Barbara Möller, Seit Joseph tot ist, ist die Stadt tot, in Hamburger Abendblatt vom 27. November 2000 Text, sie beschreibt die Jugendlichen, die auch in anderen Zeitungsberichten erwähnt wurden Der Fall Joseph, in Tagesspiegel vom 25. November 2000 Text; mit Zitat des Pfarrers, wahrscheinlich aus Zeitungsartikel vom 24. November 2000 Auch die NPD hatte in der Stadt Anhänger.

Im Sommer 1997, etwa zeitgleich mit dem Tod des Sohnes, wurde dem Ehepaar der Mietvertrag für seine Apotheke gekündigt. Das Paar kaufte daraufhin ein Fachwerkhaus am Markt, ließ es mithilfe von Krediten sanieren und richtete darin die Center-Apotheke ein. 1998 trat Frau Kantelberg-Abdulla in die SPD ein und wurde im darauffolgenden Jahr mit 490 Stimmen in den Stadtrat gewählt.Spiegel, 49/2000, zum 19. September 1999 Dort thematisierte sie den Tod ihres Jungen aber nicht.

Verlauf der Ereignisse

Die folgenden Beschreibungen folgen der Chronik des Spiegel (49/2000), für den fünf Journalisten in Sebnitz und weiteren Orten anwesend waren und recherchierten, und weiteren Berichten.Die traurigen Tage von Sebnitz. Tagebuch. In: Spiegel. 49/2000, vom 3. Dezember 2000.

Todesfall und folgende Ereignisse Am 13. Juni 1997 starb der sechsjährige Joseph Abdulla im Freibad in Sebnitz. Er hatte einen Herzfehler, die genauen Umstände sind aber unklar. Mehrere Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Junge war mit seinem Freund Steve, seiner zwölfjährigen Schwester Diana und deren Freund Ben, dem Sohn des Pfarrers, zum Baden gekommen. Es erfolgten keine Zeugenvernehmungen durch die Polizei.

Am 17. Juni wurde der Leichnam in der Universitätsklinik Dresden auf Anordnung der Staatsanwaltschaft Pirna in Gegenwart eines verwandten Arztes des Jungen untersucht. Dabei wurden außer einigen bläulichen Verfärbungen, die als Totenflecke entstanden sein können, keine Auffälligkeiten gefunden. Am 27. Juni fand die Beerdigung in Sebnitz statt.

Am 3. Juli schloss die Polizei einen Straftatverdacht aus.

Erste Ermittlungen Am 27. Oktober 1997 erstattete die Familie Abdulla eine Anzeige „wegen eines Tötungsdelikts“ und benannte Zeugen und als die mutmaßlichen Täter die drei Jungen, die ihren Sohn aus dem Becken gezogen hatten. Am 7. Mai stellte die Staatsanwaltschaft Dresden die Ermittlungen ein.

Am 25. August beschloss der Stadtrat von Sebnitz, der Familie Abdulla eine Entschädigung von 60.000 DM zu zahlen, um eine Klage wegen Verletzung der Aufsichtspflicht als Betreiber des Freibades abzuwenden. Am 8. Februar 1999 schrieb der Anwalt Rolf Bossi an seine Mandantin einen Brief, in dem er sie dringlichst bat, ihre Trauer über den Verlust ihres Sohnes in angemessener Form zu bewältigen.

Am 22. November ließ die Mutter den Leichnam des Jungen für eine erneute Obduktion exhumieren. Anschließend wurde dieser im Familiengrab in Kempen am Niederrhein ohne eine Namensnennung auf dem Grabstein wieder bestattet. Am 17. Januar 2000 legte der Gießener Rechtsmediziner Günter Weiler den Obduktionsbefund vor. Darin stellte er Spuren von Amphetaminen, die aber auch im Verwesungsprozess entstanden sein können, mögliche Hämatome am rechten Ohr, die aber auch als Totenflecken entstanden sein können, und eine Entzündung am Herzmuskel fest. Dieser Befund wurde aber dann von der Mutter verschwiegen, sie behauptete später, diese sei durch Vertauschung der Proben durch die Ärzte in Dresden entstanden. Günter Weller empfahl der Staatsanwaltschaft Dresden-Pirna eine Wiederaufnahme der Ermittlungen, vorausgesetzt, dass die vorgelegten eidesstattlichen Versicherungen wahr sind.

Im Mai 2000 legte Renate Kantelberg-Abdulla der Bild-Redaktion in Dresden Akten vor, die aber von der Chefredaktion als „nicht veröffentlichungsreif“ eingestuft wurden.

Wiederaufnahme der Ermittlungen Im Juni 2000 schickte Renate Kantelberg-Abdulla an das Institut des renommierten Kriminologen Christian Pfeiffer in Hannover eidesstattliche Versicherungen von 15 angeblichen Zeugen, mit der Bitte, deren Plausibilität zu bestätigen. Der damit beauftragte ehemalige Strafrichter Tilmann Schott erklärte in einem 23-seitigen Gutachten eine Wiederaufnahme der Ermittlungen.

Am 25. Juli 2000 schickte Christian Pfeiffer das Gutachten an den sächsischen Innenminister Klaus Hardraht, der dieses an das Justizministerium weiterleitete, das dann die Wiederaufnahme der Ermittlungen einleitete.

Renate Kantelberg-Abdulla schickte die Unterlagen an die Bild-Redaktion, worauf der Dresdner Chefredakteur mit einem Anwalt am 24. September nach Sebnitz kam, und vier Zeugen befragte, deren Aussagen der Anwalt für glaubhaft hielt.

Am 16. Oktober 2000 wurde der 15-jährige René M. als erster Zeuge am Amtsgericht Dresden im Ermittlungsverfahren 414 Js 53329/00 befragt. Er hatte vorher eine detaillierte Beschreibung der angeblichen Vorgänge bei Renate Kantelberg-Abdulla schriftlich gegeben. Darin beschuldigte er Maik H. und Sandro R. aus einer rechtsradikalen Gruppe herausgetreten zu sein, den Jungen ins Wasser geworfen und anschließend auf ihm herumgetreten zu haben. Uta S. soll die beiden besonders lautstark angestachelt haben. Bei der mündlichen Vernehmung waren dann die Angaben des Zeugen René S. ungenauer, er verwechselte manchmal Ereignisse und Namen.

Am 13. November kam die Springer-Justiziarin Karina Hesse für zwei Tage nach Sebnitz, um die Familie und zwei Zeugen zu befragen und Unterlagen zu sichten, die Aussagen hielt sie für glaubhaft.

Am 21. November bestätigten die Zeugen Sven K. und Daniel S. beim Amtsgericht Dresden ihre vorherigen schriftlichen Aussagen, nachdem sie nach Nichterscheinen zwangsvorgeladen worden waren. Daraufhin wurde der Beschuldigte Maik H. noch am selben Tag festgenommen. Am 22. November wurde die Pharmaziestudentin Uta S. in Braunschweig festgenommen, kurz danach auch ihr Freund, Sandro R.

Umfangreiche Presseberichterstattung 23. November 2000

Am 23. November 2000 erschien die Bild mit der großen Schlagzeile Neonazis ertränken Kind und berichteten von 50 Rechtsradikalen und mehr als hundert Badegästen, die tatenlos zugeschaut hätten.

In der Stadt Sebnitz herrschte daraufhin Entsetzen, weil sich niemand an diesen Vorfall erinnern konnte, der offenbar so nicht stattgefunden hatte. Der Stadtrat trat zu einer Krisensitzung zusammen, der Bürgermeister brach seinen Urlaub ab. Bald erschienen die ersten Journalisten anderer Medien, im Stadthotel wurde ein Pressezentrum eingerichtet. Bewohner wurden befragt, immer mit dem Hintergrund eines vermeintlich tatsächlichen Geschehens. Das Haus der Familie wurde durch Streifenwagen geschützt.

24. November 2000 In den folgenden Tagen erschienen Artikel in wahrscheinlich allen deutschen Tageszeitungen, und auch in vielen ausländischen Medien.Anja Willkommen, Ein bemerkenswerter Fall. Joseph, Sebnitz und die Folgen, Dresden 2001 PDF, mit über 200 Artikelüberschriften Barbara Dribbusch: Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord. In: Tageszeitung. vom 24. November 2024.Die ganze Gruppe lachte und guckte zu. In: Frankfurter Allgemeine. 25. N8vember 2000. Sie alle waren entsetzt über diese vermeintlich grausame Tat und das Nichteinschreiten der anwesenden Badegäste, einige wenige formulierten ihre Aussagen etwas vorsichtiger. Die Eltern empfingen zahlreiche Journalisten in ihrem Haus, beantworteten Fragen und zeigten ihre Unterlagen.

Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf kam in die Stadt und besuchte die Eltern. Er äußerte sein Entsetzen über die Tat und das Nichteingreifen der anwesenden Badegäste. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder, die CDU-Vorsitzende Angela Merkel, der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der Grünen-Fraktionsvorsitzende Rezzo Schlauch und weitere Persönlichkeiten äußerten ihre Bestürzung. Der evangelische Pfarrer von Sebnitz wurde vom Dienst beurlaubt, weil er in einem Zeitungsartikel der Mutter eine Verletzung der Aufsichtspflicht vorgeworfen hatte (sein Sohn hatte die beiden Geschwister an jenem Tag ins Freibad begleitet).Der Fall Joseph, in Tagesspiegel vom 25. November 2000 Text; mit Bericht vom Vortage, in verhältnismäßig zurückhaltendem Ton

Im virtuellen Gästebuch der Stadt gab es innerhalb weniger Stunden mehr als 10.000 Einträge, oft mit wüsten Beschimpfungen von Rechten und Linken, von denen einige auch pauschal gegen die Ostdeutschen gerichtet waren.Spiegel. 49/2000, zum 24. November 2000, mit einigen Zitaten; auch in TV-Dokumentation Der Osten in den Medien (MDR, 2024), zitierte der jetzige Bürgermeister von Sebnitz einige drastische Einträge.

Am Abend ließ der Bürgermeister erklären, dass die Pressegespräche abgeschlossen seien, es also keine weiteren Auskünfte durch offizielle Vertreter der Stadt gebe.Barbara Möller, Seit Joseph tot ist, ist die Stadt tot, in Hamburger Abendblatt vom 27. November 2000 Text; mit einigen Ereignissen vom 24. und 25. November

25. November 2000 Am Nachmittag besuchte der bekannte Filmregisseur Volker Schlöndorff die Familie und bot ihr an, einen Spielfilm über den Fall zu drehen. Am Abend traf sich der Stadtrat zu einer Sondersitzung. 26. November 2000