Der lange Weg nach oben. Wie es Ostdeutsche in die Eliten schaffen ist eine Studie aus dem Jahr 2022 über den geringen Anteil von Ostdeutschen in Führungspositionen in Deutschland. Sie wurde von Michael Schönherr, Julia Antusch und Olaf Jacobs in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaften der Universität Leipzig im Auftrag des MDR erstellt.

Die Studie ermittelte, dass nur etwa 23 Prozent der Führungspositionen in den fünf neuen Bundesländern von sozialisierten Ostdeutschen eingenommen wurden, und fast keine in den westdeutschen Ländern und in überregionalen Einrichtungen in Deutschland. Am höchsten war der Anteil bei den Landesministern mit etwa 60 Prozent, am niedrigsten bei den Vorsitzenden Richtern mit etwa 4,5 Prozent. Dieses sind in den meisten Bereichen die niedrigsten Werte seit 1990.

Methodik

Es wurden die wichtigsten Führungspositionen in Politik, Wirtschaft, Justiz, Medien und Wissenschaft in den neuen Bundesländern (ohne Berlin) und in Gesamtdeutschland untersucht. Als Ostdeutsche wurden dabei Personen angesehen, die den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend in der DDR und in den ostdeutschen Bundesländern verbracht haben. Deren Anteil wurde in den neuen Bundesländern mit etwa 80 Prozent eingeschätzt, im gesamten Bundesgebiet mit etwa 17 Prozent.Der lange Weg nach oben MDR, 2022, mit den wichtigsten Ergebnissen der Studie

Die Ergebnisse wurden mit einer vorhergehenden ähnlichen Studie der Universität Leipzig und Hoferichter & Jacobs von 2016 verglichen sowie vereinzelt mit einer Vorgängerstudie des MDR von 2004.Michael Bluhm, Olaf Jacobs: Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung. Universität Leipzig: Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, 2016. (PDF) (Die veröffentlichte Fassung der Studie von 2022 enthält Balkendiagramme ohne Zahlenwerte, diese sind aber in einem zusammenfassenden Text des MDR enthalten.)

Ergebnisse Allgemein In den fünf ostdeutschen Bundesländern betrug der Anteil gebürtiger Ostdeutscher in Spitzenpositionen 2022 23 Prozent, 2016 waren es 26 Prozent (eine Studie von 1995 ermittelte etwa 60 Prozent.)Aktuelle Datenerhebung mit der Universität Leipzig Ostdeutsche Eliten: Der Weg „nach oben“ führt über den Westen MDR, 2022, mit den wichtigsten Ergebnissen der Studie, auch für die folgenden AbschnitteWilhelm Bürklin: Die Potsdamer Elitestudie von 1995: Problemstellungen und wissenschaftliches Programm. In: Wilhelm Bürklin, Hilke Rebenstorf u. a. (Hrsg.): Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration. Opladen 1997, S. 11–34, hier S. 27; mit der Angabe der 60 Prozent Dabei sank deren Anteil in Politik, Medien und Wirtschaft, während er in Justiz und Wissenschaft leicht anstieg.

In gesamtdeutschen Führungspositionen wurden 2022 3,5 Prozent Ostdeutsche festgestellt, 2016 waren es noch 2 Prozent (1995 11,6 Prozent).

Politik 2022 waren etwa 60 Prozent der Minister in den fünf ostdeutschen Landesregierungen Ostdeutsche, 2016 waren es noch 70 Prozent und 2004 75 Prozent gewesen. Deren Anteil bei den Staatssekretären betrug 52 Prozent gegenüber 30 Prozent 1991.

Justiz In den obersten ostdeutschen Landesgerichten gab es 2022 etwa 22 Prozent ostdeutsche Richter, 2016 waren es 13,3 Prozent und 2004 11,8 Prozent. Der Anteil bei den Präsidenten und Vizepräsidenten der obersten Landesgerichte und Vorsitzenden Richter der Senate betrug 2022 4,5 Prozent, 2016 5,9 Prozent und 2004 3,4 Prozent.

An Bundesgerichten gab es 2022 5 Prozent ostdeutsche Richter, 2016 war es 1 Prozent.

Wirtschaft In den 100 größten Unternehmen in den fünf neuen Bundesländern stammten 2022 etwa 20 Prozent der Führungskräfte von dort, 2016 waren es noch 25 Prozent gewesen, sowie 27 Prozent der stellvertretenden Führungskräfte anstatt 45 Prozent 2016.

In den DAX-Konzernen gab es 2022 zwei Vorstandsmitglieder aus Ostdeutschland, 2016 waren es noch drei.

Wissenschaft In den wichtigsten wissenschaftlichen Institutionen in den fünf neuen Ländern blieb der Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen gleich oder stieg sogar leicht an. An den 23 Hochschulen mit mindestens 5000 Studierenden gab es 2022 4 ostdeutsche Präsidenten bzw. Rektoren und 53 Prozent Kanzler. In wissenschaftlichen Forschungsinstituten waren 2022 etwa 20 Prozent der Leiter Ostdeutsche, 2016 waren es noch 15 Prozent gewesen.

In westdeutschen wissenschaftlichen Einrichtungen gibt es dagegen fast keine ostdeutschen Führungskräfte. In den 100 größten Hochschulen in Deutschland leitete 2022 einer ein Rektorat, 2016 gab es niemanden.

Medien miniatur|180px|Karola Wille, MDR-Intendantin 2011–2023 In den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten MDR, RBB und NDR stieg der Anteil Ostdeutscher in Führungspositionen 2022 auf 31 Prozent, darunter die Intendantin des MDR Karola Wille. In den Chefredaktionen der größten ostdeutschen Regionalzeitungen sank deren Anteil auf 43 Prozent gegenüber 62 Prozent 2016. In den Leitungen von Buchverlagen mit Sitz in den neuen Bundesländern stieg er auf 20 Prozent gegenüber 9 Prozent 2016.

In den größten deutschen Medienkonzernen gab es 2022 keine ostdeutschen Leiter. In den Chefredaktionen der wichtigsten überregionalen Zeitungen und Zeitschriften waren es zwei.

Rezeption Die Studie wurde in Anwesenheit des damaligen Ostbeauftragten der Bundesregierung Carsten Schneider (SPD) im August 2022 vorgestellt, welcher aus diesem Anlass eine höhere Repräsentanz Ostdeutscher in ostdeutschen Führungspositionen forderte.

Der Leipziger Politiker Sören Pellmann, Ostbeauftragter der Linksfraktion im Bundestag, nannte die Ergebnisse der Studie »niederschmetternd«. Aufgrund dessen forderte er eine »Ostquote« für Bundesministerien und -behörden. Auch der kurzzeitige CDU-Generalsekretär Mario Czaja beklagte die zu niedrige Vertretung Ostdeutscher in Führungspositionen (Die Ostdeutschen haben im vereinten Deutschland fast nichts zu sagen.) und zitierte aus dieser und ähnlichen Studien.Mario Czaja, Wie der Osten Deutschland rettet, Herder, Freiburg, 2024, S. 125–130; die Studie von 2022 (und Anm. 24), auch er forderte deshalb eine Ostquote Dieses führe zu einer abnehmende[n] Akzeptanz des Gemeinwesens und untergrabe das Vetrauen in Politik und staatliche Institutionen bei vielen Ostdeutschen.

Die Zeitung nd.Der Tag wies im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Studie darauf hin, dass das Berliner Regierungsbündnis von SPD, Grünen und FDP sich in seinem Koalitionsvertrag das Ziel gesetzt hatte, die Repräsentanz Ostdeutscher in Führungspositionen und Entscheidungsgremien in allen Bereichen zu verbessern. In einigen wissenschaftlichen Publikationen über den geringen Anteil von Ostdeutschen in Führungspositionen wurde diese Studie zitiert.Raj Kollmogen, Ferne Eliten, Springer, Wiesbaden 2024, S. 42–43, 114, 134 (Schönherr) Elisa Pollack, Getrennte Medienwelten, Hamburg 2024, S. 157,370 Gabriele Mehling et al. (Hrsg.), Medien bewahren und verändern. Festschrift für Rudolf Ströbel, De Gruyter, Berlin/Boston 2025, S. 271 Auch in der MDR-Dokumentation Der Osten und die Medien von 2024 wurden Zahlen aus dieser Studie verwendet.

Weitere Studien Weitere wichtige wissenschaftliche Studien zur Repräsentation Ostdeutscher in Führungspositionen waren. 1995 „Potsdamer Elitestudie“, Universität PotsdamWilhelm Bürklin: Die Potsdamer Elitestudie von 1995: Problemstellungen und wissenschaftliches Programm. In: Wilhelm Bürklin, Hilke Rebenstorf u. a. (Hrsg.): Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration. Opladen 1997, S. 11–34. 2004 Studie, MDR 2016 „Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung“, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, mit Hoferichter & Jacobs GmbH, im Auftrag des MDRMichael Bluhm, Olaf Jacobs: Wer beherrscht den Osten? Ostdeutsche Eliten ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Wiedervereinigung. Universität Leipzig: Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft, 2016. (PDF) Immer weniger Ostdeutsche in Führungspositionen, in Leipziger Volkszeitung, 2016, Text, mit den wichtigsten Angaben ; mit Dokumentarfilm Wer beherrscht den Osten? (2 Teile zu 45 Minuten) 2023 „Eliten-Monitor des Ostbeauftragten der Bundesregierung“ Carsten SchneiderElitenmonitor Ostdeutsche in Führungspositionen Tagesschau.de, mit grundsätzlichen Informationen

Literatur Hoferichter & Jacobs GmbH, Universität Leipzig Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft. Praxisprojekt Masterstudiengang: Der lange Weg nach oben. Wie es Ostdeutsche in die Eliten schaffen. Repräsentation und Karrierewege. Entwicklungen nach drei Jahrzehnten deutscher Einheit. Eine Datenerhebung im Rahmen des gleichnamigen MDR-Projekts, 2022, PDF/PDF;

Weblinks Ostdeutsche Eliten. Der Weg „nach oben“ führt über den Westen MDR, 2022, mit den wichtigsten Angaben

Einzelnachweise

Kategorie:Sozialwissenschaftliche Erhebung (Deutschland) Kategorie:Universität Leipzig Kategorie:Ostdeutschland seit 1990