alternativtext=Sepia-Porträtfoto von Kate Morgan, die einen Hut in der rechten Hand hält. Sie trägt einen dunklen, weiten Rock, ein Oberteil derselben Kolorierung mit Reißverschluss in der Mitte und Knöpfen auf der rechten Seite sowie einen weißen Krawattenschal. Ihre Haare trägt sie vorne rund bis zu den Ohren geschnitten, hinten offen den Rücken entlang. Neben ihr befinden sich etliche Töpfe und Kübel mit verschiedenen Pflanzenarten.|mini|Undatiertes Porträtfoto von Morgan Kate Morgan (geb. Farmer; * vermutlich um 1865 in Hamburg, Iowa; † amtlich am 28. November 1892 in Coronado, Kalifornien) ist eine Figur der modernen US-amerikanischen Folklore. Als Folge der Trennung von ihrem Liebhaber soll sie sich im Hotel del Coronado das Leben genommen haben. Der Vorfall erregte vor allem in der kalifornischen Öffentlichkeit aufgrund ungewöhnlicher Lebensumstände der Verstorbenen und zahlreicher Presseberichte darüber Aufmerksamkeit. Bereits 1892 gab es vereinzelt Zweifel an der Identität der Toten. Knapp einhundert Jahre später erfolgte Recherchen lieferten ebenfalls keine eindeutigen Ergebnisse. Laut einer Theorie war Morgan eine Serientrickbetrügerin, die von ihrem Ehemann und Komplizen wegen einer ungewollten Schwangerschaft im Hotel ermordet wurde, während andere Forscher eine Zufallsbekanntschaft von ihr für die tote Frau halten. Ungeachtet der wahren Hintergründe entwickelte sich das Gästehaus durch die Gerüchte über den dort spukenden Geist der Verstorbenen zu einer Touristenattraktion.
Frühe Jahre Über Morgans Kindheit und Jugend liegen kaum gesicherte Informationen vor. Nach Recherchen von Alan M. May aus dem Jahr 1989 hieß sie mit Mädchennamen Farmer und wurde 1865 in der Kleinstadt Hamburg in Iowa geboren. Ihr Vater George soll glücksspielsüchtig gewesen sein und die Jungfräulichkeit seiner 14-jährigen Tochter bei einem Pokerspiel eingesetzt haben. Ihre Vergewaltigung wurde angeblich durch die Mutter Elizabeth verhindert, die Kates Platz einnahm und sich anschließend erschoss. Kate habe in den folgenden Jahren dennoch immer wieder durch erzwungenen Sex die Schulden ihres Vaters begleichen müssen. Nach einer erneuten Pokerniederlage Georges sei sie im Alter von 20 Jahren an den Spieler Tom Morgan verkauft worden, den sie später heiratete. Die beiden sollen ihren Lebensunterhalt durch eine Betrugsmasche verdient haben, bei der sie sich auf Zugreisen durch die Vereinigten Staaten als Geschwister ausgaben. Kate habe mittels Flirts Passagiere zu Kartenspielen mit Tom überredet, die er stets gewann.Diane Hunter: THE SECRET OF ROOM 3502. Orange Coast Magazine, Ausgabe von Oktober 1990, S. 114–129.
Mays Bericht über Morgans frühe Jahre weicht jedoch größtenteils von amtlichen Daten ab. Im Sterbeverzeichnis des Fremont County, in dem Hamburg liegt, ist der 23. September 1868 als Elizabeth Farmers Todesdatum angegeben.Elizabeth P Farmer. Fremont County Grave Records, Works Progress Administration 1935–1943, S. 32. George Farmer verstarb auch früher als bei May angegeben, denn am 18. August 1874 ernannte das zuständige Circuit Court den Großvater Joseph Chandler zum Vormund der verwaisten Kate.RECORD OF GUARDIAN’S LETTERS AND BOND. Circuit Court, Fremont County 1874, S. 322. Ihre 1885 erfolgte Heirat mit Thomas Morgan ist dagegen faktisch korrekt. Den angeblichen Serienbetrug erwähnen die Quellen nicht, sondern einen am 31. Oktober 1886 geborenen Sohn des Paars. Er habe nur zwei Tage überlebt, woran die Ehe zerbrochenGail L. Jenner: What Lies Beneath: California Pioneer Cemeteries and Graveyards. TwoDot, Essex 2021, ISBN 978-1-4930-4896-0, S. 23. und Kate nach kurzer Zeit mit einem Stiefbruder von Thomas durchgebrannt sei.Sally Richards: Ghosthunting Southern California. Clerisy Press, Cincinnati 2012, ISBN 978-1-57860-516-3, S. 188–198.
Vermutete Todesumstände
Aufenthalt in Coronado Am 24. November 1892 checkte eine Lottie A. Bernard im Hotel del Coronado ein. Sie gab Detroit als Wohnort an, hatte nur eine Handtasche dabei und trug bis auf einen Schal mit Spitzen keine Accessoires. Nach Aussage des Personals verhielt sich Bernard zunächst normal, ging in der Stadt zum Reiten und bestellte in der Hotelbar mehrere Cocktails. Im Verlauf der nächsten Tage habe sich jedoch sowohl ihre körperliche als auch geistige Verfassung stark verschlechtert. Gegenüber besorgten Angestellten erwähnte sie, mehrere Krankheiten zu haben, darunter unheilbarer Magenkrebs, Neuralgie und ein Herzleiden. Die Hausdame sah regelmäßig nach Bernard und empfahl ihr mehrmals eine Untersuchung durch den Hotelarzt. Sie lehnte jedoch ab, weil ihr Bruder Dr. Anderson, der in Minneapolis praktiziere und mit ihr nach Kalifornien gereist sei, sie erst kürzlich untersucht habe. Sie hätten sich in Orange getrennt, nachdem er per Telegramm nach Los Angeles oder San Francisco bestellt worden sei. Er wolle aber bald mit ihrem Gepäck nachkommen.
Am 28. November, nachdem sie sich über die Abwesenheit ihres Bruders beklagt hatte, bat Bernard die Hausdame, ihr ein warmes Bad einzulassen, und bestand trotz deren Bedenken darauf. Ungefähr eine Stunde darauf rief sie einen Pagen zu sich, der ihre Haare trocknen sollte. Wie er später erzählte, machte Bernard auf ihn nicht nur einen nervösen Eindruck, sondern hatte auch einen ungewöhnlich nassen Kopf. Den Grund dafür sah er in der schwachen Gesundheit der Gästin, deretwegen sie fast in der Wanne ertrunken wäre, zumal sie vorher Whisky getrunken habe. Bernard verließ wenig später das Hotel und nahm eine Straßenbahn ins nahegelegene San Diego, vorgeblich um ihr dorthin gesendetes Gepäck abzuholen. Stattdessen fragte sie den Schaffner nach dem Weg zum nächsten Eisenwarenhandel. Augenzeugen erinnerten sich daran, wie Bernard von ihm aus dem Wagen gehoben wurde und mit unsicherem Gang lief. Im Laden suchte sie als Geschenk für einen Freund eine günstige Pistole. Sie erwarb einen Revolver einschließlich Munition im Wert von 25 Cent und fuhr anschließend zurück nach Coronado. Gegen 18:30 Uhr erkundigte sie sich, ob sie in der Zwischenzeit Post erhalten habe oder ihr Bruder gekommen sei, was die Rezeption verneinte. Drei Stunden später ging sie auf die Veranda.
Ein Elektriker fand am nächsten Morgen die Waffe und Bernard mit einer klaffenden Kopfwunde daneben liegend auf den Stufen, die von der Veranda zum Strand führten. Ein vom Hotel verständigter Pathologe ließ die Leiche in ein Bestattungsinstitut in San Diego bringen, um eine Panik unter den Gästen zu vermeiden. Die Polizei fand im Zimmer der Toten neben Überresten verbrannter Schriftstücke einen intakten Briefumschlag. Auf ihm standen außer Bernards Name die Wörter „Coronado“, „Lillian Russell“ sowie „I don’t know any such man“ (deutsch „Einen solchen Mann kenne ich nicht“). In der Handtasche der Verstorbenen befanden sich knapp 20 Dollar und ein Telegramm, in dem sie einen Mann aus Hamburg um Geld bat. alternativtext=Das Foto zeigt ein mit Bleistift gezeichnetes Porträt einer verstorbenen Frau auf weißem Hintergrund. Sie hat die Augen geschlossen und trägt ein weißes Oberteil mit Kragen. Ihre Haare sind strähnig und reichen bis zu den Ohren. Unter der Zeichnung steht auf Englisch „Der Coronado-Suizid“.|mini|In damaligen kalifornischen Zeitungen veröffentlichtes Phantombild der Frau
Polizeiliche Ermittlungen Die falschen Angaben der Toten zu ihrer Person fielen der Polizei schnell auf, da in Detroit keine Lottie A. Bernard wohnte und sich der Name Anderson nicht im Ärzteverzeichnis von Minneapolis fand. Ein interessierter Mediziner erhielt, obwohl bei vermuteten Suiziden keine Obduktion angeordnet wurde, die Erlaubnis zur Untersuchung der Leiche. Er stellte Anzeichen einer versuchten medikamentösen Abtreibung fest. Daneben kam heraus, dass die Verstorbene im Brewster Hotel in San Diego nach einem Ehepaar Anderson gefragt hatte. Die Ermittler hielten daher Anderson für ihren Liebhaber und Kindsvater. Angesichts der fehlenden Papiere der Frau veröffentlichte die Polizei ein Phantombild von ihr.
Der Fall schien am 3. Dezember gelöst, als May Wylie aus Detroit eine genaue Beschreibung der Frau verlangte. Diese glich stark der ihrer 24-jährigen Tochter Lizzie, die fünf Wochen zuvor wegen einer Affäre mit einem Kollegen entlassen worden war. Da dieser sich nach Kalifornien absetzen wollte, wurde angenommen, dass sie ihm folgte. Ein Zeuge behauptete, im Zug von Denver nach Orange einen Streit zwischen den beiden beobachtet zu haben. Da Bekannte der Wylies die Familiennamen Anderson und Bernard trugen, glaubte die Polizei, dass Wylie nach der Auseinandersetzung alleine nach Coronado weiterreiste und sich aus Kummer das Leben nahm. Nur wenige Tage später stellte sich die vermeintliche Klärung der Identitätsfrage als falsch heraus. In Wahrheit waren Wylie und ihr Liebhaber gar nicht nach Kalifornien gereist, sondern hatten sich in Cleveland niedergelassen. Dort trennten sie sich, worauf Wylie nach Toronto auswanderte.
Am 8. Dezember veröffentlichte die Los Angeles Times einen Artikel über Morgan, die ihrer Ansicht nach der Beschreibung der Frau aus Coronado entsprach. Sie wohnte zu dem Zeitpunkt seit circa zwei Monaten in der Stadt und arbeitete dort als Hausangestellte. Ihren Arbeitgebern, dem Ehepaar Grant, hatte sie gesagt, Katie Logan zu heißen, vorher mit ihrem Ehemann in Omaha gelebt und sich von ihm aufgrund seiner Glücksspielsucht getrennt zu haben. Ende November nahm sie einen Kurzurlaub, um sich in San Diego ein Dokument beglaubigen zu lassen. Sie versprach den Grants, vor Thanksgiving zurück zu sein.
Nach der Veröffentlichung des Zeitungsberichts ließ der Polizeichef von Los Angeles, John M. Glass, eine Truhe mit persönlichen Gegenständen von Morgan auf die Hauptdienststelle bringen. Die Beamten fanden darin eine auf den 30. Dezember 1885 datierte Heiratsurkunde sowie weitere amtliche Schriftstücke und Fotos. Allerdings waren alle Adressen, Datumsangaben sowie Unterschriften unkenntlich gemacht worden. Der Polizei gelang dennoch eine unvollständige Rekonstruktion von Morgans verschiedenen Aufenthaltsorten der vergangenen Monate. Sie war nacheinander in Chicago, Omaha, Cheyenne, Ogden und Sacramento gewesen, bis sie schließlich kurzzeitig bei ihrem Onkel W. T. Farmer in Hanford lebte. Nachdem er ihr ein Empfehlungsschreiben ausgestellt hatte, begab sie sich nach Los Angeles. Arbeitsagenturen vermittelten ihr dank des Schriftstücks Stellen als Haushaltshilfe bei mehreren Familien der Oberschicht.
Während der polizeilichen Ermittlungen interviewte die Los Angeles Times Personen aus Morgans Umfeld. Die Eheleute Grant hatten die angebliche Katie Logan aufgrund ihrer Zuverlässigkeit bereits an Thanksgiving als vermisst gemeldet und hielten sie für die Tote aus Coronado. Morgans Kolleginnen erklärten, nichts Näheres über sie zu wissen. Sie habe ihnen gegenüber lediglich erwähnt, wegen der Nähe zu ihren Eltern in Omaha gelebt zu haben und unglücklich mit einem Glücksspielsüchtigen verheiratet zu sein, zu dem sie den Kontakt vollständig abgebrochen habe. Daneben befragte die Polizei G. L. Allen, den die Frau in Coronado um Geld gebeten hatte. Er gab an, sie nicht wirklich, dafür aber ihren Gatten gut zu kennen. Wegen seiner Kenntnis von dessen Sucht und damit verbundenen Geldproblemen habe er ihr aus Mitleid 25 Dollar überwiesen.
Amtliche Identifizierung und Beerdigung