Das sogenannte Smíšek-Graduale ist eine lateinische Musikhandschrift, die um 1490/95 entstand.
Die Handschrift hat 493 Pergamentblätter in 49 Quinternionen und misst 630 × 425 mm; der Einband mit Beschlägen und Schließen ist alt.Franz Unterkircher (Bearb.): Die datierten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek von 1451 bis 1500 (= Katalog der datierten Handschriften in lateinischer Schrift in Österreich. Band 3). 2 Bde. Wien 1974, Bd. 1, S. 190. Pro Seite stehen neun vierlinige Notensysteme. Die zu singenden Texte sind in gotischer Buchschrift (Textualis) abgefasst. mini|Widmungsbild des Graduales mit Wappen des Auftraggebers aus der Familie Smíšsek zu Vrochovist (fol. 2v)
Entstehung Michael von Smíšek zu Vrochovist, seit 1484 Berghofmeister von Kutná Hora und bis 1504 Baumeister von St. Barbara, oder sein Bruder Jan, der die Dreifaltigkeitskirche 1487–1501 umbauen ließ, gab die Handschrift 1490 in Auftrag; die Familie steht auch eng mit dem zeitgleichen Umbau der Kuttenburg (Hrádek) in Verbindung. Das Familienwappen Smšék zu Vrochovist, wie es seit 1492 geführt wurde,Maria Theisen (Bearb.): (Ca. 1400–1500) : Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (= Mitteleuropäische Schulen. Band 7). Wien 2022, S. 279. ist im Bas-de-page des Widmungsbildes auf fol. 2v und auf fol. 202v zu sehen. Geschrieben wurde das Graduale für eine utraquistische Gemeinde in der aufstrebenden Bergbaustadt. Dies geht vor allem aus der Prominenz des zum Märtyrer erhobenen Jan Hus hervor. Bildlich erscheint er auf fol. 204v zwischen den Hll. Stephanus und Laurentius sowie auf fol. 400r, wo sein Tod auf dem Scheiterhaufen dargestellt ist. Auch die liturgischen Gesänge haben eine hussitische Prägung: „Die Alleluiaverse für die Ferial- und Sonntage nach Ostern sowie die Sonntage nach Pfingsten entsprechen anderen utraquistischen Gradualien.“Robert Klugseder: Katalog der mittelalterlichen Musikhandschriften der Österreichischen Nationalbibliothek Wien (= Codices manuscripti & impressi. Supplementum 10). Purkersdorf 2014, S. 280.
Auf fol. 316r ist „1490“, auf fol 492v „ffinis ff(eria) vj p(ost) Jaccobi a(n)no d(o)mi(ni) 1495“ als Jahreszahl vermerkt. Die Ausstattung des Buches mit gemalten Zierelementen und Miniaturen erfolgte in den Folgejahren durch einen unbekannten Meister und den Prager Buchmaler Matheus: Auf fol. 433v trägt ein Engel eine Schriftrolle mit „Matheus Jluminator me fecit“, die sich weiter rechts zum Inititalbuchstaben wickelt und dort die Inschrift „custode(m) in memoriam ʃui“ trägt. Mehrfach finden sich die Initialen M. J. in Miniaturen (fol. 246r).Eduard von Sacken: Die Kunst- und Wunderkammern und die Bibliothek (= Die k.k. Ambraser-Sammlung. Teil 2). Wien 1855, S. 201 liest M. Z.
Buchschmuck Die 23 Initialbilder sowie die ganzseitige Widmungsminiatur auf fol. 2–340 stammen von einem unbekannten Buchmaler (Meister des Smíšek-Graduales), der für seine Kompositionen öfter auf Stiche des Meisters E. S., der Monogrammisten AG und FVB und Martin Schongauers zurückgriff.Otto Mazal, Franz Unterkircher (Bearb.): Cod. Ser. n. 1601–3200 (= Katalog der abendländischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek. ‚Series nova‘ (Neuerwerbungen). Teil 2). Wien 1963, S. 331.Maria Theisen (Bearb.): (Ca. 1400–1500) : Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (= Mitteleuropäische Schulen. Band 7). Wien 2022, S. 277.
Von fol. 346 bis zum Ende der Handschrift sind Einzelfiguren und Szenen seitlich oder an den unteren Rand gebracht. Die goldenen oder schwarzen Initialen sind oft mit rotem und blauem Fleuronné, Gesichtern und Drolerien (Wilde Männer, Fabelwesen, Drachen) verziert. Sie alle stammen vom inschriftlich vermerkten Buchmaler Matheus.
Übersicht über Textabschnitte und MiniaturenEine Übersicht aller Sequenzen liefert Robert Klugseder: Katalog der mittelalterlichen Musikhandschriften der Österreichischen Nationalbibliothek Wien (= Codices manuscripti & impressi. Supplementum 10). Purkersdorf 2014, S. 275–280. +BlattTextteile und DarstellungenBesonderheit2vUnter einem Portal mit den Statuen der Hl. Barbara und Ladislaus bekrönte Gottesmutter auf der Mondsichel mit Jesuskind vor der Stifterfamilieganzseitige Miniatur mit Stifterwappen; Mondsichelmadonna nach dem Stich „Stehende Madonna mit dem Apfel“ (L. 39) oder Mondsichelmadonna mit dem Kind und Apfel von Wenzel von Olmütz (nach 1480; London, British Museum, Inv. 1920,1009.1); die krönenden Engel sind dem Schongauer-Stich „Mondsichelmadonna als Halbfigur“ (L. 40) entnommen3r–29rKyrie und Gloria3rChristus als SchmerzensmannVorlage: Monogrammist AG: Dornenkrönung (Wien, Albertina, Inv. Nr. DG1928/109)29v–45rSantus und Agnus Dei29vThronender Gottvater46r–238vProprium de tempore46rGregor I. mit der Taube des Heiligen Geistes64vGeburt Christi mit seitlichem Moses und der brennende DornenbuschVorlage: Niederländisches Blockbuch, um 1470: Moses und der brennende Dornenbusch (Wolfenbüttel, HAB, 1 Xylogr., S. 9)Maria Theisen (Bearb.): (Ca. 1400–1500) : Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (= Mitteleuropäische Schulen. Band 7). Wien 2022, S. 280.73rAdoratio und Taufe JesuVorlage: Martin Schongauer: Anbetung der Könige (Wien, Albertina, Inv. Nr. DG1926/1439) Vorlage: Martin Schongauer: Taufe Christi (Wien, Albertina, Inv. Nr. DG1926/1441)170vAuferstehung Christi mit seitlichem Noli me tangere und Erscheinung in EmmausVorlage: Monogrammist AG: Auferstehung Christi (Wien, Albertina, Inv. Nr. DG1928/118)Maria Theisen (Bearb.): (Ca. 1400–1500) : Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (= Mitteleuropäische Schulen. Band 7). Wien 2022, S. 281.193vChristi Himmelfahrt und Himmelfahrt des EliasVorlage: Niederländisches Blockbuch, um 1470: Himmelfahrt des Elias (Wolfenbüttel, HAB, 1 Xylogr., S. 73)196rPfingsten und Übergabe der Gesetze an Mose202vThronender Christus sowie Wappen der Vrochovist mit Bergwerksszenen204vLetztes Abendmahl und Jesus am Ölberg236vKirche sowie Jakob und die HimmelsleiterKirchweihfest „In dedicatione eccleʃie“ Vorlage für die Szene der raufenden Jungen: Martin Schongauer: Raufende Lehrjungen (L. 87)Maria Theisen (Bearb.): (Ca. 1400–1500) : Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (= Mitteleuropäische Schulen. Band 7). Wien 2022, S. 282.239r–277rProprium Sanctorum239rFischfang246rDarstellung Jesu im Tempel und Wurzel JesseSignatur „M. J.“ am linken Rand der Wurzel Jesse258vJohannes der Täufer270rKrönung und Tod Mariä277v–340rCommune Sanctorum und Totenmessen279rChristus mit der Weltkugel sowie 12 ApostelVorlage: Monogrammist FVB: Christus Pantokrator (London, British Museum, Inv. Nr. 1868,1114.189)285rJan Hus mit Ketzermütze, Buch und Kelch zwischen den Märtyrern Stephanus und Laurentius sowie Hussitenverfolgung299rHl. Sebastian mit Bogenschützen307rHl. Bischof316rTrinität, Engel, Muttergottes mit Kind sowie Christus mit den klugen und törichten JungfrauenJahreszahl 1490327rMaria mit Kind, Jungfrau mit Einhorn,Jürgen W. Einhorn: Spiritalis unicornis. Das Einhorn als Bedeutungsträger in Literatur und Kunst des Mittelalters (= Münstersche Mittelalter-Schriften. Band 13). München 1976, S. 423, Nr. 634. Verkündigung335vGottvater mit zwei Engeln sowie Teufel und Fegefeuer340v–491rSequenzenDie Sequenz „Gloriosi martyris Johannis Hus“ (fol. 400r) ist lediglich in Cod. Vind. 12457 ein weiteres überliefert.Otto Mazal, Franz Unterkircher (Bearb.): Cod. Ser. n. 1601–3200 (= Katalog der abendländischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek. ‚Series nova‘ (Neuerwerbungen). Teil 2). Wien 1963, S. 333.340vThronender Christus mit Engeln sowie Maria mit Kind und Engeln346rHl. Stephanus347rJohannes Evangelista348vBethlehemitischer Kindermord349vBeschneidung Christi350vDrei hl. Könige352vBekehrung des Paulus354rAuferstehung Christi355rChristus beim Emmausmahl361vFrauen am leeren Grab362vNoli me tangere366vBischof Adalbert369rHimmelfahrt Christi373rPfingsten374vMoses empfängt die Gesetzestafeln376vTurm zu Babel378vThronender Christus385vChristus in der Kelter391rHl. Vitus393rJohannes der Täufer394vMartyrien der Apostel Petrus und Paulus395vMariä Heimsuchung398rHl. Prokopius400rVerbrennung von Jan Hus402vHl. Margareta403vEntsendung der Apostel407rChristus bei Tisch, Maria wäscht Jesus die Füße409rJakobus der Ältere410vAnna Selbdritt413vPetrus wird von einem Engel aus dem Gefängnis befreit415vHl. Laurentius417rMariä Himmelfahrt420vMartyrium des Apostels Bartholomäus424rEnthauptung Johannes des Täufers429rAnna Selbdritt432vHl. Ludmilla433vEvangelistensymbol MatthäusBuchmalervermerk „Matheus Jluminator“435vHl. Wenzel436vErzengel Michael bekämpft den Satan439rUrsula und die 11.000 Jungfrauen442vHl. Martin447rHl. Katharina448vHl. Andreas449vHl. Nikolaus491r–492vCredoHandschrift 1495 fertiggestellt (fol. 492v)
Objektgeschichte Die Wappen und Namen von Wenzel von Schwanberg (Václav Švamberk) und seiner Frau Katharina Mezericka von Lomnic auf ergänzten Beschlägen des Einbandes deuten auf deren Besitz in Bechynĕ in den Jahren 1561/62 hin.Eduard von Sacken: Die Kunst- und Wunderkammern und die Bibliothek (= Die k.k. Ambraser-Sammlung. Teil 2). Wien 1855, S. 201. 1563 erwarb Petr Vok von Rožmberk die Handschrift mit zwei weiteren illuminierten Gradualien.Maria Theisen (Bearb.): (Ca. 1400–1500) : Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (= Mitteleuropäische Schulen. Band 7). Wien 2022, S. 274. Dieser schickte seinen Diener 1590 mit den drei liturgischen Büchern zu Schloss Ambras in Innsbruck, um die Handschriften Erzherzog Ferdinand II. für dessen Sammlung zu übergeben.Alois Primisser: Die kaiserlich-königliche Ambraser Sammlung. Wien 1819, S. 257, Nr. 2; Eduard von Sacken: Die Kunst- und Wunderkammern und die Bibliothek (= Die k.k. Ambraser-Sammlung. Teil 2). Wien 1855, S. 200, Nr. 3 (4).Robert Klugseder: Katalog der mittelalterlichen Musikhandschriften der Österreichischen Nationalbibliothek Wien (= Codices manuscripti & impressi. Supplementum 10). Purkersdorf 2014, S. 275. 1806 wurde er mit der Sammlung Ambras als Grundbestand des KHM nach Wien gebracht und 1936 von dort in die Österreichische Nationalbibliothek übernommen (Mus. Hs. 15492).Zur Restaurierung Birgit Speta: Restaurierung und Konservierung des Hussitenkodex Smísek Graduale, Musiksammlung, Österreichische Nationalbibliothek, Signatur: Mus.Hs.15492. In: ÖRV-Journal. Magazin des Berufsverbandes Österreichischer Restauratorinnen und Restauratoren. Band 5, 2012, S. 14–19.
Literatur Otto Mazal, Franz Unterkircher (Bearb.): Cod. Ser. n. 1601–3200 (= Katalog der abendländischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek. ‚Series nova‘ (Neuerwerbungen). Teil 2). Wien 1963. Franz Unterkircher (Bearb.): Die datierten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek von 1451 bis 1500 (= Katalog der datierten Handschriften in lateinischer Schrift in Österreich. Band 3). 2 Bde. Wien 1974. Milada Studničková: Die Kuttenberger Gradualien. In: Evelin Wetter (Hrsg.): Die Länder der böhmischen Krone und ihre Nachbarn zur Zeit der Jagiellonenkönige (1471–1526). Kunst – Kultur – Geschichte (= Studia Jagellonica Lipsiensia. Band 2). Ostfildern 2004, S. 125–142. Robert Klugseder: Katalog der mittelalterlichen Musikhandschriften der Österreichischen Nationalbibliothek Wien (= Codices manuscripti & impressi. Supplementum 10). Purkersdorf 2014. Maria Theisen: Ein Meisterwerk für Kuttenberg – das Graduale der Familie Smíšek. In: Dies., Jeffrey F. Hamburger (Hrsg.): Unter Druck. Mitteleuropäische Buchmalerei im 15. Jahrhundert. Tagungsband zum internationalen Kolloquium in Wien, Österreichische Akademie der Wissenschaften, 13.1.–17.1.2016 (= Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Band 15). Petersberg 2018, S. 61–76. Maria Theisen (Bearb.): (Ca. 1400–1500) : Böhmen – Mähren – Schlesien – Ungarn (= Mitteleuropäische Schulen. Band 7). Wien 2022.
Weblinks Digitalisat der Handschrift
Einzelnachweise
Kategorie:Bilderhandschrift (15. Jahrhundert) Kategorie:Graduale (Liturgisches Buch) Kategorie:Handschrift der Österreichischen Nationalbibliothek (Wien)