Viele Handschriften des Mittelalters sind mit Buchmalerei geschmückt. Während es ausführliche Literatur zu den einzelnen Handschriften gibt, werden hier Techniken der mittelalterlichen Buchmalerei im Detail besprochen.
Beschreibmaterial mini|Pergamentmacher in den Nürnberger Hausbüchern um 1425 Im 3. Jahrhundert vor Christus gründete König Ptolemaios I. die Bibliothek von Alexandria, aus der mit der Zeit eine allumfassende Sammlung von Schriften wurde. Diese waren, wie damals üblich, auf Schriftrollen, sog. Rotuli, geschrieben, die aus Blättern der Papyrusstaude angefertigt waren. Der Text stand dabei in Spalten. Aber bereits im ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt gelang ein technischer Durchbruch, indem gebeizte Tierhäute, das sogenannte Pergament, zu einem Buch zusammengeheftet wurden, in dem geblättert werden konnte. Beide Formen bestanden eine Zeit lang nebeneinander; es gab auch Bücher aus dem preiswerteren Papyrus. Da es jedoch einfacher war, einen Codex zu lesen als einen Rotulus, und weil die Lebensdauer von Papyrusrollen selten zwei Jahrhunderte überschritt, setzte sich ab dem zweiten Jahrhundert nach Christus das Buch aus Pergament durch. Unsere Kenntnisse der klassischen antiken Literatur und Wissenschaft wären viel geringer, gäbe es die Abschriften in Pergamentcodices nicht. Doch nicht nur die Texte wurden kopiert, sondern auch die antiken Illustrationen, denn auch die Buchrollen waren zum Teil üppig mit Bildern ausgestattet.S. Hauschild: Mönche / Maler / Miniaturen. S. 11–13 und 15.I. Uhl: Buchmalerei. S. 10–14.
Begehrt war Pergament aus der Haut von Kälbern und Lämmern, aber Pergament aus Ziegenhaut gilt als das beste Pergament. Zur Vorbereitung wurde die frische Haut mehrere Tage in Kalkwasser eingeweicht, auf einen Rahmen gespannt, mit einem scharfen, gebogenen Messer abgeschabt, um die letzten Haar- und Fettreste zu beseitigen und dann getrocknet. Zum Trocknen werden rechteckige Rahmen verwendet. Der Rand der schlaffen, nassen Haut wird in Abständen mit einer Kordel an einem Zapfen im Rahmen befestigt. Wenn die Haut auf diese Weise locker aufgehängt ist, werden die Zapfen gedreht, bis die Kordeln gespannt sind und die Haut gleichmäßig gedehnt wird. Pergament schrumpft beim Trocknen sehr stark, so dass beim Trocknen die Verspannung immer wieder gelockert werden muss, damit die Haut sich nicht losreißt. Wenn die Haut trocken ist, ist sie so straff wie ein Trommelfell.D. V. Thompson: The Materials and Techniques of Medieval Painting. S. 25.
Die Pergamentblätter schnitt man auf eine einheitliche Größe zu. Aus großen Pergamentstücken konnten durch dreimaliges Falten „Lagen“ von vier Doppelblättern (16 Seiten), sogenannte Quaternionen hergestellt werden. Es gibt jedoch auch Handschriften mit weniger oder mehr Blättern. Dann wurde der Schriftspiegel festgelegt und Linien für die Schriftzeilen mit Hilfe von Stilus, Zirkel und Lineal in das Pergament eingeritzt. Danach wurden die Pergamentbögen probeweise zusammengelegt und die Blätter durchnummeriert. Die Bücher erhielten meist einen Einband mit einem Holzdeckel, woraus sich die Bezeichnung „Codex“ nach dem lateinischen Wort caudex für Holzblock herleitet. In fast allen Fällen wurden die Handschriften in späteren Jahrhunderten neu gebunden, so dass von den originalen Einbänden höchstens noch ein Schmuck des alten Buchdeckels erhalten ist, z. B. ein Elfenbein-Medaillon.
Unser heutiges Papier, das aus Zellulose oder Lumpen und Leim gewonnen wird, ist eine chinesische Erfindung – die Araber führten es im 13. Jahrhundert über Spanien in der westlichen Welt ein. Bis zum späteren 14. und 15. Jahrhundert verdrängte das Papier das teurere Pergament als Schreibgrundlage.
Beteiligte mini|Seiten in unterschiedlichen Stadien des Entstehungsprozesses, Eberhard-Gebetbuch (1492–96), WLB Stuttgart, Cod. brev. 1, f.67v / 68r Im Frühmittelalter wurden die Handschriften in der Regel von Mönchen oder Nonnen geschrieben, denn zum einen handelte es sich zum großen Teil um Handschriften für den liturgischen Gebrauch und zum anderen konnten Laien nur selten schreiben. Die Arbeit im Skriptorium war beliebt, denn es war einer der wenigen Räume im Kloster mit einer Heizung. Der Schreiber ließ bei seiner Arbeit Platz für Überschriften (Rubriken, Initialen und Bilder). Gelegentlich wurden dabei auch kurze Arbeitsanweisungen für den Maler gegeben.Roosen-Runge: Buchmalerei. S. 63. Der Schreiber war in der Regel nicht der Autor des Textes. Seine Aufgabe war vor allem das möglichst korrekte Kopieren einer Vorlage. Meist fügte der Schreiber in einem zweiten Arbeitsschritt auch die Rubriken ein. Das Aufmalen von Bordüren und die weitere künstlerische Ausgestaltung der Seite war dann Aufgabe der Illustratoren. In der Mehrzahl handelte es sich spätestens seit dem Hochmittelalter, als immer mehr Handschriften für ein Laienpublikum hergestellt wurden, um spezialisierte Handwerker.S. Hauschild: Mönche / Maler / Miniaturen. S. 15, 17.C. List, W. Blum: Buchkunst des Mittelalters. S. 18. Die Kombination Schreiber-Illustrator war sehr viel seltener, z. B. Bischof Eadfrith, der um 720 das Evangeliar von Lindisfarne schrieb und auch verzierte – wofür er vier Jahre brauchte.
Es gibt auch zahlreiche Handschriften, die ausschließlich von Frauen hergestellt wurden, z. B. der Codex Gisle kurz nach 1300. Die Herstellung von Büchern und ihre künstlerische Ausgestaltung setzt Können und Bildung voraus, aber trotz einiger gegenteiliger Zeugnisse war der Bildungsstand geistlicher Frauen im frühen und hohen Mittelalter bemerkenswert hoch, denn Frauen wie Männer erhielten Bildung lange Zeit fast ausschließlich, doch nahezu gleichberechtigt, in Klöstern und Kathedralschulen.Harald Horst, Karen Straub: Einführung. In: Harald Horst, Karen Straub (Hrsg.): Von Frauenhand – Mittelalterliche Handschriften in Kölner Sammlungen. Museum Schnüttgen, Köln und Hirmer Verlag, München 2021, ISBN 978-3-7774-3774-3, S. 12–23. Erst mit der Gründung von Universitäten ab dem 12. Jahrhundert waren Frauen von akademischer Bildung ausgeschlossen, weil sie nicht studieren durften. Spätestens im Hochmittelalter war die künstlerische Weiterentwicklung auch deshalb erschwert, weil die kirchlichen Regeln und Klausurvorschriften für Frauenklöster strenger wurden. Dennoch schufen manche Klöster, wie z. B. die Abtei Chelles bei Paris oder das Dominikanerinnenkloster in Paradiese bei Soest weiterhin hochwertige Handschriften.Sylke Dersch: Bücher aus Frauenhand: Schreibende Nonnen. In: bibliophilia. Ausgabe 01|2012, S. 16f. Eine neuere Analyse von 23.774 Manuskripten aus dem Zeitraum von rund 800 bis 1626 kommt zu dem Ergebnis, dass mindestens jede hundertste Schrift aus dem Mittelalter eine weibliche Handschrift trägt.Åslaug Ommundsen, Aidan Keally Conti, Øystein Ariansen Haaland, Bodil Holst: How many medieval and early modern manuscripts were copied by female scribes? A bibliometric analysis based on colophons. In: Humanities and Social Sciences Communications. 12(2025), Article number 346 open access
Schreibwerkzeug mini|Vor dem Schreiber Hildebertus steht das Schreibpult, in das zwei Rinderhörnchen und zwei Gänsefedern eingehängt sind. Der Mönch Hildebertus hält in seiner linken Hand das Federmesser. Hinter seinem Ohr klemmt die gerade zum Schreiben verwendete Feder. Hildebertus zielt mit einem Schwamm auf eine Maus, die auf seinen Tisch (mensa) gesprungen ist. (Augustinus, De civitate Dei, um 1140, Kapitelbibliothek Prag, Ms Kap. A XXI, fol. 133r, Ausschnitt)Man schrieb mit Federkielen – meist Gänsefedern, die man penna nannte und mit sogenannten Federmessern schärfte. Fehler wurden mit dem Federmesser abgeschabt – das heutige Wort radieren ist verwandt mit rasieren. Als Gefäße für die Tinten dienten u. a. Rinderhörner. Auf mittelalterlichen Abbildungen sieht man meist nur zwei oder drei Rinderhörner für Text in Schwarz, Überschriften („Rubriken“) und Initialen in Rot, sowie ggf. Blau, um Initialen abwechselnd in Rot und Blau zu schreiben. Alle anderen Teile wie Bordüren, Ornamente, Buchmalerei wurden in der Regel erst in einem zweiten Arbeitsgang eingefügt.
Tinten Zu den wichtigsten Rezeptsammlungen des frühen Mittelalters gehören das sogenannte Lucca-Manuskript aus der Zeit um 800,Hjalmar Hedfors (Hrsg.): Compositiones ad tingenda musiva (Lucca, Bibl. capit., cod. 490). Uppsala 1932. sowie in wenig verändertem Wortlaut in der „Mappae Clavicula“ (10. Jh.),Sir Thomas Phillips (Hrsg.): Mappae Clavicula. In: Archaeologica. 32(1847), S. 187–244. „Liber sacerdotum“ (Paris, Bibl. Nat., ms. lat. 6514, fol. 41–51, 10.–11. Jh.),Pierre Eugène Marcelin Berthelot (Hrsg.): La chimie au moyen âge. Bd. 1, Paris 1893, S. 179–228. „De coloribus et artibus Romanorum“ (11. Jh.) eines Autors, der sich Heraclius nennt (11. Jh.)Albert Ilg (Hrsg. und dt. Übers.): Heraclius: De coloribus et artibus Romanorum. Wien 1873. und „Schedula diversarum artium“ des Theophilus Presbyter (12. Jh.).Albert Ilg (Hrsg. und dt. Übers.): Schedula diversarum artium. Wien 1874.
Das häufigste Farbpigment ist Bleiweiß, das in der Natur als Bleikarbonat vorkommt, aber im Mittelalter meist hergestellt wurde, indem in einem verschlossenen Topf unter warmen Mist Bleistreifen den Ausdünstungen von Essig ausgesetzt wurden. Kalk und Gips wurden meist nur verwendet als Substrate für organische Farben oder Untergrund für Metallblätter.
Schwarze Farbe wurde meist aus Ruß hergestellt und mit Baumharz als Bindemittel angerührt. Rußtinten sind bereits seit dem 3. Jahrhundert vor Christus bezeugt. Sie sind zwar lichtbeständig, aber feuchtigkeitsempfindlich. Die schwarze Rußtinte haftete allerdings nicht fest auf Pergament und Papyrus, man konnte sie leicht abwaschen und abkratzen und machte sich das bei dem hohen Preis des Materials zunutze, indem man das Schriftstück nach Entfernung der ersten Schrift wiederum beschrieb. Solche Handschriften nennt man Palimpseste. Ein anderes Herstellungsverfahren für schwarze Tinte bestand darin, Galläpfel zu sammeln. Diese Eisengallustinten verlaufen nicht, können aber unter Umständen das Beschreibmaterial zerfressen. Mischen mit Bleiweiß führte zu grauen Tönen.
mini|LapislazuliBlaue Farbe gab es in drei Varianten. Ultramarin wurde aus dem Halbedelstein Lapislazuli hergestellt, den man im heutigen Afghanistan fand, weshalb dieses Pigment extrem teuer war. Dennoch war es bis ins 14. Jahrhundert hinein vorherrschend, unter anderem, weil es deckend, farbbeständig und dauerhaft war. Azurit, ein hydriertes Kupferkarbonat, das man im Mittelalter aus Minen in Deutschland, Böhmen, Ungarn und Frankreich gewann, war unter dem Namen „Deutsches Blau“ bekannt. Indigo ist ein Extrakt aus der asiatischen Pflanze Indigofera tinctoria oder der europäischen Isatis tinctoria, dem Färberwaid; die beiden Pigmente sind chemisch identisch.
Im Frühjahr konnte man die Dornen von Weißdorn oder Schlehen pflücken und ihre Rinde einige Tage in Wasser einweichen. Das rot-braune Wasser wurde gefiltert, erhitzt und noch einmal mit der Rinde gemischt. Dieser Vorgang wurde so lange wiederholt, bis die Rinde ganz ausgebleicht war. Dann wurde die Flüssigkeit mit Wein eingekocht und zum Trocknen in Säckchen in die Sonne gestellt. Wenn die braune Dornrindentinte verwendet werden sollte, musste das Material zuerst wieder in Wein aufgelöst werden.Theophilus Presbyter: De diversis artibus, I. Buch, Rezept 37; zitiert nach Trost Skriptorium. S. 21.Heinz Roosen-Runge: Die Tinte des Theophilus. In: Josef A. Schmoll gen. Eisenwerth, Marcell Restle, Herbert Weiermann (Hrsg.): Festschrift Luitpold Dussler. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 1972, S. 87–112. Die Tinte war lichtecht und feuchtigkeitsresistent.
mini|Mennige