Die Indonesisch-niederländische Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Indonesien und den Niederlanden. Aufgrund einer langen gemeinsamen Geschichte verbindet beide Länder heute eine besondere Beziehung. So wurde die Niederländische Ostindien-Kompanie im 17. Jahrhundert zu einer Territorialmacht auf dem indonesischen Archipel. Nach der Pleite der Ostindien-Kompanie übernahm der niederländische Staat 1800 dessen Gebiete, welche die Grundlage für Niederländisch-Indien bildeten. Die niederländische Kolonialpolitik beutete die Gebiete wirtschaftlich aus, bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine gewisse Liberalisierung einsetzte.

Im Zweiten Weltkrieg besetzte Japan die Gebiete, so dass Niederländer auch nach 1945 keine Kontrolle über ihre Kolonie hatten. Auch militärische Erfolge im Indonesischen Unabhängigkeitskrieg brachten die niederländische Herrschaft nicht zurück. Auf internationalen Druck mussten die Niederlande 1946 das Land als Teil der Niederländisch-Indonesischen Union in die staatliche Unabhängigkeit entlassen. Diese Union brach jedoch bereits 1956 aufgrund der Streitigkeiten um Westneuguinea zusammen. Sukarno ließ alle niederländischen Besitztümer im Land enteignen und brach die diplomatischen Beziehungen ab. Erst nach der Machtübernahme von Suharto verbesserten sich die Beziehungen in den 1960er Jahren wieder. Seitdem haben beide Länder weitgehend freundschaftliche Beziehungen aufgebaut und ihre wirtschaftlichen Kontakte wieder verstärkt. Ab den 1990er Jahren haben niederländische Regierungen Schritt für Schritt das Unrecht der Kolonialzeit eingestanden und um Entschuldigung gebeten.

Geschichte

Frühe Kontakte und Kolonisierung

mini|Niederländische Kolonie Batavia (1740) Die ersten Kontakte zwischen den Niederlanden und dem indonesischen Archipel ergaben sich im späten 16. Jahrhundert. Im Jahr 1596 erreichte eine niederländische Handels-Expedition unter Cornelis de Houtman erstmals die Insel Java und eröffnete den direkten Gewürzhandel mit den einheimischen Königreichen.The first Dutch shipping to the Indonesian archipelago 1595-1605 Dirk Teeuwen 1602 wurde die Niederländische Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie, VOC) gegründet, die in den folgenden Jahrzehnten Handelsstützpunkte auf Java, den Molukken (Gewürzinseln) und weiteren Teilen des Archipels errichtete. Die anfängliche Präsenz der Niederländer war vor allem auf Küstenregionen und den Handel konzentriert; eine umfassende territoriale Eroberung erfolgte zunächst nicht, sondern entwickelte sich schrittweise über mehrere Jahrhunderte.

Im 17. und 18. Jahrhundert gewann die VOC zunehmend Einfluss, insbesondere auf Java, wo sie lokale Machtkämpfe zu ihren Gunsten nutzte. Nach dem Zerfall des javanischen Mataram-Reiches im 18. Jahrhundert etablierte sich die VOC als dominierende politische und wirtschaftliche Kraft auf Java. Zugleich verdrängten die Niederländer andere koloniale Konkurrenten (wie Portugal in den Gewürzinseln) und kontrollierten wichtige Handelsrouten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts geriet die VOC jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten; Korruption und Konkurrenz durch die Britische Ostindien-Kompanie führten zum Niedergang der VOC, die 1796 Bankrott ging. Im Jahr 1800 übernahm der niederländische Staat die Besitzungen der VOC, womit die Phase der direkten staatlichen Kolonialherrschaft in Indonesien begann.

Kolonialzeit

mini|Kapitulation von Prinz Diponegoro im Java-Krieg (1830) Die koloniale Herrschaft der Niederlande über Indonesien (eine Kolonie, die Niederländisch-Indien genannt wurde) erstreckte sich über das 19. und frühe 20. Jahrhundert. Zwischen 1806 und 1815 wurde die Kontrolle kurzfristig durch die britische Besetzung Javas unter Sir Stamford Raffles unterbrochen, doch nach dem Wiener Kongress kehrten die Niederländer zurück. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten die Kolonialherren ein straff organisiertes Verwaltungssystem auf Java, führten eine neue Steuer- und Landordnung ein und nutzten das Inselreich vor allem zur wirtschaftlichen Ausbeutung. So wurde 1830 ein Zwangsanbausystem (Cultuurstelsel) eingeführt, das die einheimische Bevölkerung verpflichtete, einen Teil ihrer landwirtschaftlichen Produktion für den Export an die Kolonialregierung abzuliefern. Dieses System machte die Kolonie zu einem wichtigen Einnahmequelle für den niederländischen Staat – zeitweise stammten bis zu einem Drittel des Staatshaushalts aus Indonesien. Die harte Ausbeutung führte jedoch auch zu Hunger und Unruhen unter der einheimischen Bevölkerung, was schließlich innenpolitischen Druck in den Niederlanden auslöste. Ab etwa 1870 lockerten Reformen das Zwangsanbausystem und öffneten die Kolonie für private Investitionen (die sogenannte „Liberale Periode“).

Die Niederländer weiteten mit der Zeit ihr Herrschaftsgebiet aus. Stand um 1800 zunächst vor allem Java unter direkter Kontrolle, so eroberten oder unterwarfen die Kolonialtruppen im Laufe des 19. Jahrhunderts nach und nach auch Sumatra, Borneo, Sulawesi, die Molukken und Bali. Beispiele für diesen Expansionsdrang sind der Javakrieg 1825–1830 gegen Prinz Diponegoro auf Java, der mit enormen Verlusten (200.000 Tote Einheimische und ca. 8.000 Tote Europäer) endete und die niederländische Kontrolle über Java festigte, sowie der Aceh-Krieg in Nordsumatra (1873–1908), mit dem auch die letzten unabhängigen Regionen Sumatras in die Kolonie eingegliedert wurden. Bis 1910 hatten die Niederlande auf diese Weise faktisch den gesamten heutigen Staatsgebiets Indonesiens unter ihre Hoheit gebracht und ein riesiges einheitliches koloniales Territorium geschaffen, in dem eine Vielzahl von Stämmen und Völkern lebte. In dieser Spätphase des Kolonialismus – Teil der globalen Welle des „New Imperialism“ – wuchs auch die europäische Bevölkerung in Niederländisch-Indien an. Zehntausende Niederländer ließen sich als Beamte, Plantagenverwalter oder Händler dauerhaft in der Kolonie nieder und bildeten in den Städten eine eigene soziale Schicht, die die meisten ökonomischen Ressourcen kontrollierte. mini|Ausbreitung der niederländischen Kolonialmacht 1901 verkündete Königin Wilhelmina eine neue Kolonialpolitik, die als ethische Politik (ethische politiek) bekannt wurde und vorsichtig Reformen zum Wohlergehen der einheimischen Bevölkerung versprach (z. B. Investitionen in Bildung und Infrastruktur). Dennoch blieben die Indonesier politisch rechtlos und die ethische Politik litt unter Unterfinanzierung und fehlender Akzeptanz in der Kolonialverwaltung. In dieser Zeit formierte sich zunehmend eine indonesische Nationalbewegung. 1908 wurde die erste einheimische Organisation Budi Utomo gegründet, 1912 folgte die Massenorganisation Sarekat Islam mit 2,5 Millionen Mitgliedern im Jahre 1919. Ereignisse, die oft als Beginn der organisierten indonesischen Nationalbewegung gelten. In den 1920er-Jahren entstand unter Führung von Sukarno die Partai Nasional Indonesia (PNI), welche die Unabhängigkeit forderte. Die niederländischen Behörden reagierten mit Repression: Führende Nationalisten wie Sukarno wurden verhaftet oder ins Exil geschickt. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs blieben die Niederlande in ihrer Kolonie Herr der Lage, doch der Ruf nach Unabhängigkeit wurde immer lauter.

Zweiter Weltkrieg und Indonesischer Unabhängigkeitskrieg

mini|Niederländische Soldaten während des Unabhängigkeitskriegs (1947) Der Zweite Weltkrieg stellte einen Wendepunkt dar: Im Frühjahr 1942 eroberten japanische Truppen Niederländisch-Indien und beendeten damit abrupt die über 300-jährige niederländische Kolonialherrschaft. Die einheimische Bevölkerung erlebte zwar unter der japanischen Besatzung ebenfalls Repression und Mangel, doch förderten die Japaner auch indonesische Unabhängigkeitsbestrebungen, um die europäischen Kolonialmächte dauerhaft zu schwächen. Unmittelbar nach der Kapitulation Japans riefen die Nationalführer Sukarno und Mohammed Hatta am 17. August 1945 die Unabhängigkeit Indonesiens aus. Diese Proklamation markierte die Geburt der Republik Indonesien, diese wurde jedoch von den Niederlanden nicht anerkannt. Die niederländische Regierung, gerade erst aus der eigenen Besetzung durch Nazi-Deutschland befreit, versuchte, in Indonesien wieder Fuß zu fassen, und entsandte 150.000 Soldaten, um die Kolonialherrschaft wiederherzustellen.

Es folgte der Indonesische Unabhängigkeitskrieg (1945–1949), ein blutiger Konflikt zwischen der indonesischen Republik und den niederländischen Streitkräften. Die Niederländer starteten zwei große Militäroffensiven (euphemistisch „Polizeiaktionen“ genannt) in den Jahren 1947 und 1948, um republikanische Gebiete zurückzuerobern. Zwar gelang es ihnen, zeitweise wichtige Städte wie die provisorische Hauptstadt Yogyakarta zu besetzen, doch der Widerstand der indonesischen Guerillas und die internationale Kritik wuchsen stetig. Besonders die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen erhöhten den Druck auf die Niederlande, den Krieg zu beenden. Schwere Menschenrechtsverletzungen durch niederländische Truppen, darunter Massaker an Zivilisten, belasteten den Ruf der Niederlande. Schätzungen über die Kriegstoten gehen weit auseinander. Indonesische Stellen sprachen später von rund 40.000 getöteten Einheimischen, während niederländische Historiker die Zahl geringer ansetzen. Schließlich willigte die niederländische Regierung in Verhandlungen ein. Am 27. Dezember 1949 erkannte die Niederlande die Unabhängigkeit Indonesiens offiziell an und übertrug der Republik Indonesien (zunächst als Teil der kurzlebigen Niederländisch-Indonesischen Union) die Hoheitsgewalt über das ehemalige Kolonialgebiet.

Postkoloniale Beziehungen mini|Königin Juliana mit Suharto (1971) Die ersten Jahre nach der Unabhängigkeit waren von Spannungen und offenen Fragen geprägt. Ein Hauptstreitpunkt war der Status von Westneuguinea (Westirian): Dieses Gebiet verblieb nach 1949 zunächst unter niederländischer Kontrolle, da die Niederlande eine eigenständige Entwicklung für die dort ansässigen Papua anstrebte. Indonesien betrachtete Westirian jedoch als integralen Teil seines Staatsgebiets und forderte dessen Übergabe. Der Konflikt eskalierte Anfang der 1950er Jahre diplomatisch und militärisch. Im Jahr 1957, nachdem Verhandlungen ergebnislos geblieben waren, reagierte der indonesische Präsident Sukarno mit drastischen Maßnahmen: Er ließ alle noch im Land befindlichen niederländischen Staatsbürger ausweisen, verstaatlichte niederländische Unternehmen (etwa in der Öl- und Plantagenwirtschaft) und erklärte die niederländische Sprache und Einflüsse für unerwünscht. 1960 brach Indonesien die diplomatischen Beziehungen zum ehemaligen Mutterland ab. Erst 1962 konnte die Westirian-Frage beigelegt werden – auf internationalen Druck (vor allem der USA) unterzeichneten die Niederlande und Indonesien das New Yorker Abkommen, das die Übergabe West-Neuguineas an eine UN-Verwaltung und anschließend an Indonesien regelte. 1963 übernahm Indonesien militärisch die Kontrolle über Westirian, womit das letzte koloniale Territorium an die Republik fiel, womit allerdings ein neuer Konflikt, der Papuakonflikt begann.